The Project Gutenberg eBook of Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

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Title: Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Author: Friedrich Gerstäcker

Release date: October 31, 2006 [eBook #19675]

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERRN MAHLHUBERS REISEABENTEUER ***

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Herrn

Mahlhuber’s Reiseabenteuer.


Erzählung
von
Friedrich Gerstäcker

 


Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1857.

 

Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung
ins Englische und Französische vor.

 


Inhaltsverzeichniß.


Seite
1. Der Commerzienrath 1
2. Die Vorbereitungen zur Reise 7
3. Erstes Abenteuer 12
4. Das Posthaus und die Mamsell 25
5. Das grüne Zimmer 32
6. Die verhängißvollen Schuhe 47
7. Die Nichte 64
8. Der Ueberfall 71
9. Die Gesellschaft im Hirsch 82
10. Der Schlafkamerad 90
11. Die Geschichte von dem Scheusal 103
12. Sind Sie Herr Mahlhuber? 116
13. Die Flucht 124
14. Wieder unterwegs 128
15. Die Heimkehr 137

1.
Der Commerzienrath.


In einem gemüthlichen Städtchen Baierns — und alle Städte und Städtchen Deutschlands sollten eigentlich den Gesetzen nach gemüthlich sein — lebte still und zurückgezogen der Held unserer Geschichte.

Herr Hieronymus Mahlhuber war ein anspruchloser Mann, der sich schon seit länger als funfzehn Jahren mit dem Titel eines Commerzienraths und im Besitze eines Ludwigskreuzes nach Gidelsbach zurückgezogen hatte und hier mit einer alten Haushälterin still und ruhig seine Tage verlebte. Was er einmal früher gethan, den Titel wie den Orden zu bekommen, hat man nie erfahren. Manche, und besonders die äußerste Linke in Gidelsbach (der Müller und der Bader), wollten behaupten, er hätte Beides bekommen, weil er nichts gethan, aber da sich das nicht denken ließ, so fand es auch keinen Eingang bei dem denkenden Theile der Bürgerschaft. Die Einwohner von Gidelsbach sahen den kleinen wohlbeleibten ältlichen Herrn sogar mit einer soviel größern Ehrfurcht und Achtung an, weil eben über seinen Verdiensten ein gewisses geheimnißvolles Dunkel lag, und zu diesen gehörte jedenfalls und unbestritten, daß er nur selten davon sprach.

Von etwas sprach er aber, das übrigens auch ein besonderes Interesse für ihn haben mochte, da es ihm am nächsten stand, und das war seine Leber, die er, ob gegründet oder ungegründet, in den Verdacht gebracht hatte, daß sie drei Zoll zu groß sei und in ihrer Anschwellung darauf hinarbeite ihm den Magen abzustoßen.

Die beiden Aerzte im Städtchen waren darüber, wie sich das auch nicht anders erwarten ließ, durchaus entgegengesetzter Meinung, wodurch der eine, der eine derartige Krankheit vollkommen ableugnete und das Leiden zuerst als eine Indigestion und nachher für alberne Einbildung erklärte, einen sehr guten Kunden verlor, und der andere, der durch Klopfen und Horchen an Brusthöhle, Rippen, Schultern und allen andern Körpertheilen des Commerzienraths allerdings einige jedenfalls zu berücksichtigende und bedenkliche Symptome einer möglichen rothen oder gelben Hypertrophie oder einer speckartigen Entartung der Leber gefunden haben wollte, ihn gewann.

Herr Commerzienrath Mahlhuber war sehr besorgt um sein Leben im Allgemeinen wie um seine Leber im Besondern, und das muß ihn entschuldigen, wenn er mit dieser angeblichen unnatürlichen Vergrößerung derselben auch eine früher gehabte, leicht und glücklich operirte Balggeschwulst oben auf dem Kopfe in Verbindung brachte. Er hatte eine natürliche Scheu vor allen derartigen Dingen, und die sonst ganz unschuldige Geschwulst war ihm als das Entsetzlichste erschienen, was sich an dem menschlichen Körper nur überhaupt bilden konnte, da es, in unmittelbarer Nähe mit dem Gehirn, in seinen Folgen unberechenbar sein mußte.

Bei weiter gar keiner Beschäftigung als eben nur der, sein ihm äußerst kostbares Leben zu erhalten, malte er sich die Entwickelung solcher Leiden mit den lebendigsten Farben aus, und war endlich zu dem Resultat gekommen, daß eine Vereinigung der Balggeschwulst-Nerven mit der Leber keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehöre, ja daß oben sogar auf dem Kopfe, trotz der vollkommen geheilten Narbe, ein ähnlicher Schaden wieder ausbrechen und krebsartige Folgen mit sich führen könne.

Doctor Mittelweile that sein Möglichstes, ihm derartige Ideen auszureden und ihm zu beweisen, daß er ebenso leicht einen Krebs an der äußersten Nasenspitze wie an der vernarbten und vollkommen geheilten und von ihm selbst operirten Geschwulst erwarten dürfe; Doctor Märzhammer aber, sein früherer Arzt, machte sich ein Vergnügen daraus unter der Hand, wo er wußte, daß es dem Commerzienrath zu Ohren kommen mußte, zu verbreiten, „die Naht könnte im Innern noch einmal eitern“.

Doctor Mittelweile, der vergebens gegen solchen Unsinn ankämpfte und täglich die alten Geschichten und Klagen mit dem vollkommen gesunden Manne durchzuarbeiten hatte, wußte endlich keinen andern Rath als ihn auf Reisen zu schicken, weniger in ein bestimmtes Bad zu gehen, als nur einmal einen Monat in der Welt umherzufahren. Sein Patient brauchte Zerstreuung, und die konnte er in dem mit der Welt in fast gar keiner Verbindung stehenden Gidelsbach nimmermehr finden. Er war hier versauert und eingetrocknet und mußte hinaus an die frische Luft. Auch für die Leber prophezeite er ihm dabei die segensreichsten Folgen, da nichts ein unnatürliches Wachsen der Leber, wie man das ja auch an den Gänsen sehe, so befördere, wie Unthätigkeit und gehemmte Bewegung.

Doctor Mittelweile hatte nun aber mit einer andern Schwierigkeit zu kämpfen, mit dem vor allem die Ruhe liebenden Temperament des Patienten. „Nur keine Aufregung! — nur keine Uebereilung!“ wurden seine Wahlsprüche, und wenn er irgendetwas auf der Welt, außer Demokraten, haßte, so waren es Abenteuer, zu denen er selbst die unschuldigsten Fälle rechnete, sobald sie ihn nur aus dem gewöhnlichen Gleise seines stillen behaglichen Lebens hinausbrachten. Mußte er da nicht eine Reise als eine Kette von Abenteuern betrachten, und hätte er sich je selber freiwillig dazu entschließen können? — Nimmermehr.

Es gab nur Einen Gegenstand — wie Doctor Mittelweile recht gut wußte — in der weiten Gotteswelt, der ihn endlich wirklich zu einem solchen verzweifelten Entschlusse treiben konnte, und der war — eben die Leber. Hinter diese steckte sich der Doctor, und die Symptome wurden denn auch bald so bedenklicher Art, daß der Commerzienrath in seinem „baumfesten“ Entschlusse, wie er ihn nannte, wirklich wankend gemacht wurde und die Möglichkeit zuzugeben anfing, daß er doch am Ende reisen könne.

„Es gibt nur zwei Wege für Sie“, hatte der Doctor, dem die Geschichte nachgerade anfing langweilig zu werden, am Ende einer langen Rede einmal zu ihm gesagt. „Sie müssen sich in einen Wagen setzen, oder Sie werden in einen gesetzt, oder vielmehr gelegt nach unsern jetzigen christlichen Begriffen. Außerdem weiß ich noch nicht einmal ob das allein für Sie hinreichend sein wird, denn das dumme Zeug, was Sie sich von der «umwundenen Naht» haben in den Kopf setzen lassen (und ich kann mir recht gut denken woher es kommt), wird auch die Reise nicht ganz mit der Wurzel ausrotten, dazu gehört schon eine Radicalcur.“

„Noch etwas Schlimmeres als eine Reise?“

„Schlimmeres? — ja und nein, wie Sie wollen.“

„Und das wäre?“

„Sie müssen heirathen.“

„Heirathen?“ rief der Commerzienrath, mit einem Satze aus seinem Lehnstuhl hinausspringend und einen scheuen Blick nach der Thür werfend. Wenn Dorothee das Wort gehört hätte!

„Heirathen“, bestätigte aber der Doctor, der selbst zum ersten male an einen solchen Ausweg gedacht und nun that, als ob er sich das Für und Wider schon monatelang mit allen Gründen und Hindernissen überlegt und die Eröffnung nicht länger auf dem Herzen hätte behalten können. „Heirathen“, wiederholte er noch einmal, und nahm eine langsame bedächtige Prise. „Und je eher Sie sich dazu entschließen, desto besser für Sie. Viel Zeit haben sie überhaupt nicht mehr damit.“

„Unsinn!“ sagte der Commerzienrath, der sich von dem ersten Schreck erholt hatte, und wieder in seinen Stuhl sank, „heirathen? Fragen Sie einmal meine Dorothee, was die dazu sagen würde.“

„Dorothee?“ rief der Doctor unwillig und verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd, „Dorothee! — Was geht uns Ihre Dorothee an, wenn es sich um Ihre lebenslängliche Behaglichkeit und Gesundheit handelt?“

„Behaglichkeit? — Ja das kann ich mir denken“, sagte der Commerzienrath. „Daß ich die Hölle im Hause hätte? — Nein, Doctor, meine Leber will ich Ihnen anvertrauen, aber meinen Hausfrieden nicht. Wenn es denn nun einmal nicht anders sein kann, so will ich reisen — meinetwegen; ich gehe so und so zugrunde; aber wie? — wohin? — womit? — wie weit?“

„Sie müssen vor allen Dingen fahren“, sagte der Doctor rasch, und klug genug, sein zweites Mittel für den Augenblick nicht mit Gewalt erpressen zu wollen. „Zeit bricht Rosen, und wenn Sie sich hier morgen früh auf die Post setzen, können Sie übermorgen mit dem Sechs-Uhr-Zuge die Wahl zwischen den Weltgegenden haben, die Sie besuchen wollen.“

„Eisenbahnen!“ seufzte der Commerzienrath. „Ich kenne kein unbehaglicheres Gefühl auf der Welt, eine Operation ausgenommen, als sich auf eine Eisenbahn zu setzen. Die unerwarteten Fälle, die da vorkommen: Zusammenrennen der Locomotiven, Platzen der Kessel, Einschneien der Züge —“

„Wir sind ja mitten im Sommer.“

„Nun ja, aber alle derartigen Aufregungen, die junge leichtsinnige Menschenbilder Abenteuer nennen, sind mir in innerster Seele verhaßt, und wenn Sie sich dadurch eine Heilung meiner Krankheit versprechen, haben Sie vorbeigeschossen. Ich fürchte diese werden meinen Zustand eher, wenn das überhaupt möglich ist, verschlimmern.“

„Lieber Commerzienrath“, beruhigte ihn der Doctor, „Sie haben in unserer Zeit auf einer Eisenbahn nicht mehr Abenteuer zu fürchten wie oben auf dem Kanzleigericht; es geht Alles seine trockene, eingefahrene, pedantische Bahn. Wenn Sie den Zug nicht versäumen, brauchen Sie nicht zu glauben, daß Ihnen irgendetwas Außergewöhnliches passirt.“

„Also morgen!“ stöhnte der Commerzienrath, und

„Gott sei Dank!“ sagte Doctor Mittelweile mit einem tiefen Seufzer, als er die Treppe hinabstieg; „haben wir ihn doch erst einmal so weit.“


2.
Die Vorbereitungen zur Reise.


Der Tag war ein geschäftsreicher im Mahlhuber’schen Hause, denn es galt einen Menschen zur Reise herzurichten, der die Welt, wie diese von ihm nichts wußte, fast ganz vergessen hatte und von seinen Bequemlichkeiten, die er alle hinter sich lassen sollte, so unzertrennlich zu sein schien, daß sie ihm ebenso viele nothwendige und fast unerlaßliche Bedürfnisse geworden waren.

Frau Dorothee, die sechsundfunfzigjährige Haushälterin, wollte sich aber fast noch weniger hineinfinden als ihr Herr; sie schimpfte auf den Doctor, der, wenn er Ferien haben wollte, selber verreisen und nicht ihren armen Herrn „in Wind und Wetter“ hinausschicken sollte, und weigerte sich im Anfange hartnäckig, auch nur einen Finger zu rühren, ihn „in sein Unglück“ selber mit hineinstoßen zu helfen. Erst als sie sah, daß all ihr Protestiren erfolglos blieb, erklärte sie plötzlich: „in dem Falle sei es ihre Pflicht“ selber mitzufahren, den armen Herrn nicht ohne eine zuverlässige Stütze den Weltstürmen preiszugeben, und als auch das nicht angenommen wurde, wollte sie wenigstens einen Bedienten durchsetzen, den sie als unausweichbare Bedingung ihrer Einwilligung zu einem so tollkühnen, ungerechtfertigten Unternehmen stellte.

Dieser Bediente war ein Vetter von ihr, den sie auch ohne weiteres bestellte, um gleich beim Packen hülfreiche Hand zu leisten. Aber selbst der Vetter fand keine Gnade vor des Commerzienraths Augen. Herr Mahlhuber war nun einmal fest entschlossen allein zu reisen, und — hatte dabei auch seine ganz besondern Gründe. Sollte er sich einen Menschen aufhängen, der nachher jede Bewegung, die er da draußen gemacht, jede Ungeschicklichkeit in den fremden Sitten (und er war klug genug solche zu fürchten) genau und ausführlich mit nach Gidelsbach zurückbrachte und den Leuten in der Schenke Stoff zum Lachen und Maulaufreißen gab? Nein, er wollte sich still in einen Postwagen setzen und fahren, wohin? blieb sich gleich, ja, wenn es unbemerkt geschehen konnte, vielleicht eine zeitlang herüber und hinüber, von Station zu Station, um nur nicht zu weit fortzukommen; doch das fand sich Alles später und er konnte darüber schalten und walten wie es ihm gut dünkte — wenn er nur allein war.

Auch incognito wollte er reisen. — Mahlhuber! Der Name ging schon, es gab verschiedene Mahlhuber, in Gidelsbach sowol wie in der Umgegend, aber den Commerzienrath mußte er verheimlichen. Schlechtweg Mahlhuber, mit dem Ludwigskreuz jedoch, denn das durfte er nicht aus dem Knopfloch lassen, es hätte das als eine Misachtung angesehen werden können; aber er trug es am Frack und den Oberrock darüberhin, sodaß es wenigstens nicht unnöthig auffiel.

Eine Schwierigkeit zeigte sich aber doch noch. Der Commerzienrath hatte Dorothee’s wie ihres Vetters Begleitung parirt, wie überhaupt in der ganzen Verhandlung eine sonst nicht so stark an ihm hervortretende Willensfestigkeit gezeigt; Eins aber trug die wackere und um ihren Herrn wirklich besorgte Wirthschafterin noch auf dem Herzen, auf dem sie bestand und gegen das Herr Mahlhuber vergebens ankämpfte. Dieser sollte nämlich, seiner größern Sicherheit wegen, ein paar alte Pistolen, die bisjetzt friedlich, jeden Sonnabend sauber abgescheuert, über seinem Bette gehangen hatten, mit auf die Reise nehmen, etwaigen Gefahren und Abenteuern, die gar nicht ausbleiben könnten, zu begegnen, und all sein Sträuben dagegen und Aergerlichwerden half ihm nichts. Vergebens erklärte er Dorothee, daß er keinen Fuß vor die Thür setzen würde, sobald er die geringste Ahnung von einem in jetziger Art zu reisen ganz unmöglichen Abenteuer habe, und Räuber gäbe es nicht mehr, dank der wohlthuenden Menge von Gendarmen und Polizeidienern überall, wohin ein ruhiger Staatsbürger seine Bahn lenken möge; wozu also sich mit einer höchst unbequemen Waffe schleppen, die, wenn nicht geladen, vollkommen nutzlos und beschwerlich, wenn aber geladen, sogar für den Träger selber gefährlich werden könnte? Dorothee gab nicht nach; sie hatte erst kürzlich eine furchtbare Geschichte gelesen, daß ein Reisender durch einen rechtzeitigen Pistolenschuß sein eigenes Leben wie das seiner Reisegefährtin, eines jungen unschuldigen Mädchens, gerettet habe, und versicherte sich Alles gefallen lassen zu wollen, wenn der Herr Commerzienrath nur eben in der einen Sache nachgeben würde.

Beide kamen zuletzt zu einem Compromiß, wonach sich der Commerzienrath Mahlhuber erbot und verpflichtete, ein Pistol — das andere sollte unangefochten an der Wand hängen bleiben — ungeladen in die Tasche zu stecken und mitzunehmen. Er wollte es erst in den Koffer thun, und Dorothee wollte es geladen haben; zuletzt vereinigten sie sich zu der angegebenen Art, und die Sache schien abgemacht.

Wenn aber der Commerzienrath die Sache solcherart für erledigt hielt, hatte Dorothee doch eine andere Ansicht davon und nicht umsonst ihren Vetter bei der Hand, den geliebten Herrn, selbst gegen seinen Willen, mit jeder nöthigen Vorsicht zu schützen und zu bewahren. Balthasar bekam, mit zwei und einem halben Silbergroschen eine ordentliche Ladung Pulver und Blei zu besorgen, das Pistol überliefert und kehrte nach einer Viertelstunde etwa völlig befriedigt damit zurück.

„Und hast du es wirklich ordentlich geladen, daß es auch losgeht, wenn das schlechte Gesindel den Wagen anhalten sollte?“ sagte Dorothee und besah mistrauisch den Lauf der kleinen blankpolirten Waffe.

„S’ist eine kleine Handvoll Pulver d’rin“, versicherte der Bursche, „und eine kleine Untertasse voll Schroot — wer das auf den Pelz kriegt, kann sich gratuliren.“

„Aber da oben ging immer noch etwas hinein“, sagte die Alte, mistrauisch den kurzen, nicht ganz gefüllten Lauf betrachtend, halb und halb mit dem Verdacht, daß der Vetter die zwei und einen halben Silbergroschen nicht ganz verwandt haben könnte für die Ladung.

„Wenn’s zu weit nach vorn käme, sähe er’s“, sagte der Vetter, und Dorothee begriff daß er Recht hätte. Das Pistol, ein altes Familienstück und noch mit Feuerschloß, wurde dann vorsichtig wieder an seine Stelle neben den Regenschirm, den Stock und das Sitzkissen gelegt, und die würdige Frau fühlte sich jetzt wohl und beruhigt in dem Gedanken, Alles gethan zu haben, was in ihren Kräften stand, sich später keine Vorwürfe und Gewissensbisse machen zu dürfen.

Da übrigens der Herr Commerzienrath nur höchstens 14 Tage auszubleiben gedachte, hielt man auch drei Koffer mit Hutschachtel und Reisesack für völlig genügend, alle die nothwendigsten Gegenstände wenigstens mitzuführen, die nun einmal unbedingt zu Leben und anständiger Kleidung gehörten. Um 10 Uhr Abends, bis zu welcher Zeit er jedesmal zu Bette ging, mochte er sich befinden wo er wollte, war Alles beendet, am nächsten Morgen 11 Uhr mit der königlichen Eilpost für so und soviel Thaler Fahrgebühren und etwa das Dreifache an Ueberfracht nach Burgkundstadt befördert zu werden, von wo er sich entschlossen hatte die Eisenbahn zu benutzen, um nach München zu gelangen.

Nun war die Post dazu bestimmt, sich am nächsten Morgen dem ersten Zuge nach der Hauptstadt des Landes anzuschließen, aber Herr Mahlhuber hätte dann die Nacht durch fahren müssen, etwas was ihm nicht im Traume einfiel; er wollte seine Gesundheit nicht muthwillig zum Fenster hinauswerfen. So sich genau erkundigend, welche Station der Postwagen etwa um 9 Uhr Abends erreichen würde, dort ein gehöriges Abendbrot zu bekommen und zu übernachten, nahm er bis dorthin Passage, und als der Eilwagen von — kommend, zehn Minuten vor elf etwa unter dem schmetternden „Ei du lieber Augustin“ des Postillons durch Gidelsbach rasselte, die Pferde zu wechseln und etwaigen Passagieren Gelegenheit zu geben eine Tasse sehr dünne Bouillon zu trinken, ging Herr Commerzienrath Mahlhuber, von seinem ganzen Gesinde wie der nächsten Nachbarschaft und einigen Neugierigen begleitet, auf die Post, wo er schon seinen Schein gelöst, sein Gepäck abgeliefert hatte, und setzte sich auf seine Nummer, die linke Ecke des Rücksitzes, Nr. 2, neben eine etwas stattliche und wohleingepackte Dame mit grünseidenem Hute und schwarzem Schleier. Gleich darauf nahm noch ein anderer, trotz des warmen Wetters in einen großen wollenen Shawl eingepackter Herr den dritten Platz in der rückwärtsfahrenden Ecke ein, den übrigen Theil mit Nr. 4 und 6 für die diversen Hutschachteln, Kästchen, Bündel und Necessaires der Dame freilassend, die hier Alles aufgehäuft und in Besitz genommen hatte.


3.
Erstes Abenteuer.


Der Abschied war genommen, der Commerzienrath hatte sich aber schon vorher ernstlich von Dorothee sowol wie von seinen ihn begleitenden Bekannten den Titel verbeten, und Herr Mahlhuber, wie er jetzt schlechtweg hieß, war eben noch einmal im Wagen aufgestanden, sein Rücken- oder Sitzkissen anders zu ordnen, als die Peitsche des Postillons mit kräftigem Schwunge die eingespannten Pferde traf und diese so rasch und plötzlich anzogen, daß sich der darauf ganz Unvorbereitete mit einem Schwung und Wurf auf den Schoos des Fremden setzte.

„Bitte tausend mal um Entschuldigung!“ rief er, so rasch ihm das möglich war wiederaufschnellend den eigenen Sitz einzunehmen und eine verbindliche Verbeugung gegen den Fremden machend, die beinahe für die Dame verderblich geworden wäre — „ich dachte gar nicht, daß wir so schnell abfahren würden; es kann kaum 11 Uhr sein.“

Der Fremde erwiderte kein Wort; er hatte erst die Brauen finster zusammengezogen, aber ein Blick auf den Mann selber mochte ihm wol sagen, mit wem er es hier eigentlich zu thun habe. So sein Gesicht nun wieder in die frühern ruhigen Falten legend, sah er still und ernst gerade auf die ihm gegenüberbefindliche Nr. 2, als ob der Herr Commerzienrath gar nicht in der Welt gewesen wäre.

„Setzen Sie sich nur um Gotteswillen erst einmal hin“, sagte die Dame, die indessen die Hand schützend vorgehalten hatte und jeden Augenblick einen ähnlichen Ueberfall wie auf den Fremden erwartet zu haben schien, „meine Nerven sind so schon so aufgeregt und angegriffen.“

Herr Mahlhuber drehte sich rasch nach der schönen Sprecherin um, und diesmal brachte ihn das Straßenpflaster mit einem plötzlichen Ruck gerade und glücklicherweise in seinen eigenen Sitz; das furchtbare Rasseln und Schütteln des Wagens unterbrach oder verhinderte dabei vielmehr auch jede nur mögliche Unterhaltung. Es ließ sich kein Wort verstehen und die Passagiere drückten sich schweigend in ihre verschiedenen Ecken und sahen die niedern Häuser von Gidelsbach, der Commerzienrath mit einem eigenen Gefühle stiller Wehmuth, die andern Beiden vollkommen gleichgültig, an sich vorübergleiten.

„Ach dürfte ich Sie wol bitten, das Fenster dort an Ihrer Seite aufzuziehen“, brach die Dame endlich das Stillschweigen, als sie die letzten Häuser von Gidelsbach hinter sich gelassen und die Luft frei und frisch über die blühenden Saatfelder herüberstrich, „ich leide so sehr an Zähnen und fürchte, daß mir der Luftzug schaden könnte.“

Der Fremde gegenüber rührte und regte sich nicht, und der Commerzienrath sah erst die Dame und dann sein vis-à-vis etwas bestürzt an; er hatte die stille Hoffnung gehegt die Erlaubniß zu bekommen, eine gidelsbacher Cigarre anzuzünden, und wenn das Fenster, die wundervolle warme Luft draußen gar nicht in Betracht gezogen, geschlossen wurde, war daran nicht mehr zu denken.

„Wollen Sie nicht so gut sein und das Fenster da bei sich zumachen“, sagte die Dame wieder, ohne ihm lange Zeit zum Ueberlegen zu gestatten, mit etwas lauterer Stimme, als ob sie fürchte, daß er am Ende schwer höre, „ich kann die Luft nicht vertragen.“

„Aber, Madame, bei diesem wundervollen Wetter“, wagte der Commerzienrath eine oberflächliche Bemerkung, die ihm jedoch nichts half, denn die Dame, von etwas resolutem Charakter und wahrscheinlich schon mehrfach auf Reisen gewesen, stand einfach auf, bog sich über ihren etwas scheu zurückweichenden Nachbar hinweg, stützte sich mit der linken Hand gegen den Fensterrahmen und zog die Scheibe selber in die Höhe. Es war Herrn Mahlhuber dabei fast so als ob sie etwas vor sich hingemurmelt hätte, was gerade nicht wie ein Segen klang, er konnte es aber nicht genau verstehen und war auch wirklich durch die entschiedene Bewegung viel zu sehr überrascht, recht darauf zu achten.

Jede möglich gewesene Unterhaltung schien dadurch wieder ins Stocken zu gerathen, und während der Mann ihm gegenüber — muthmaßlicherweise ein Engländer — stumm zu sein schien, zog die Dame aus einem großen, inwendig mit grünem Wachstaffet gefütterten Kober eine Anzahl Victualien, gestrichene Semmeln, Wurst, Käse und gebratenes Huhn, heraus und begann ihre Mittagsmahlzeit, auf der nächsten Station wahrscheinlich die Table d’Hôte, wozu der Conducteur gewöhnlich zehn Minuten Zeit gestattete, zu ersparen.

Der Commerzienrath fügte sich in sein Schicksal, rückte sich zurecht, lehnte den Kopf hinten an, entschuldigte sich bei seinem vis-à-vis, von dem er wieder keine Antwort bekam, wenn ihn vielleicht seine Füße geniren sollten, faltete die Hände im Schoos, schloß die Augen und versuchte einzuschlafen, was er auch glücklich in demselben Augenblick zustande brachte, als der Postillon blies, der Wagen anhielt, der Conducteur den Schlag aufmachte und hereinrief, daß hier Mittag gemacht würde und die Passagiere „gefälligst aussteigen möchten“.

Der Fremde stand ohne weiteres auf, dem Rufe Folge zu leisten — es konnte doch am Ende kein Engländer sein, denn er schien das Deutsche vollkommen gut verstanden zu haben — trat dem Commerzienrath auf die Hühneraugen ohne sich zu entschuldigen — es war doch am Ende einer, — und verließ den Wagen, sein Mittagsmahl einzunehmen, während sich die Dame, als der Commerzienrath noch unentschlossen stand, was zu thun, den Wagenschlag wieder zumachen ließ, der gefürchteten Zahnschmerzen wegen. Bis er sich besonnen hatte vergingen mehre Minuten, und wie er zuletzt doch noch einmal öffnen ließ und hineinging, behielt er dort eben noch Zeit seine Table d’Hôte mit einem halben Thaler zu bezahlen und zu finden, daß die Suppe zu heiß zum Essen sei, als der Postillon auch schon wieder zum Aufbruch blies und der Conducteur mit einem „Es ist die höchste Zeit, meine Herren“ die Thür aufriß.

„Nach Tisch“, wie es Herr Mahlhuber jetzt nannte, war er gewohnt sein Schläfchen zu halten, und wenn er auch um das Essen selber gekommen, erschien ihm das nicht als genügender Grund sich auch um den Schlaf zu bringen. So alle seine frühern Vorbereitungen wiederholend, gelang es ihm diesmal wirklich seine Wagenecke zu behaupten, und erst die Sonne, die schräg durch das Wagenfenster herein und ihm gerade auf die Augen schien, weckte ihn wieder aus seinem süßen Schlummer, dem er sich wol zwei volle Stunden lang hingegeben.

„Ach dürfte ich Sie wol bitten das Fenster da in die Höhe zu ziehen?“ waren die ersten Laute, die an sein noch traumtönendes Ohr schlugen, als er erwachte, und als er etwas erstaunt um sich schaute — denn er hatte bis dahin steif und fest geglaubt, er liege zu Hause auf dem Sopha, und wunderte sich, welches Fenster Dorothee in die Höhe gezogen haben wollte —, stieß ihn seine schöne Nachbarin leise an und setzte flüsternd hinzu: „Der Herr da drüben muß taub sein oder kein Deutsch verstehen, denn nicht allein, daß er sich weder rührt noch regt, wenn ich ihn um etwas bitte, nein er zieht auch das Fenster jedesmal ebenso schnell wieder herunter, wie ich es in die Höhe bekommen kann — er nimmt nicht die mindeste Rücksicht auf meine Nerven.“

„Der Barbar!“ sagte der Commerzienrath, während er seufzend ihre Bitte erfüllte, er durfte sich doch nicht in eine Kategorie mit einem solchen Menschen stellen lassen. Durch diesen kurzen Wortwechsel waren aber auch die Schranken gefallen, die sich bis dahin einer Conversation hemmend in den Weg gestellt zu haben schienen. Herr Mahlhuber schielte nach seiner Nachbarin hinüber, die den Schleier jetzt in die Höhe gelegt, und wenn auch nicht mehr ganz junge, doch regelmäßige, fast hübsche Züge hatte, und sagte mit einem etwas bedenklichen Kopfschütteln (der andere Passagier schlief gerade oder hielt wenigstens die Augen geschlossen, und er konnte eine solche Bemerkung vielleicht wagen): „Ja, das Reisen ist mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden.“

„Ih nun, das weiß ich gerade nicht“, erwiderte die schöne Nachbarin, ihr Tuch wieder von der Backe nehmend, sobald das Fenster befestigt war, „ich freue mich immer d’rauf, wenn ich einmal wieder hinauskomme; nur der Postwagen kommt Einem so langweilig vor, weil man die Eisenbahn jetzt gewohnt ist.“

„Ja!“ sagte Herr Mahlhuber. Er war noch nie auf einer Eisenbahn gefahren.

„Mir ist Reisen ein Vergnügen“, sagte die Dame.

Herr Mahlhuber stöhnte, denn das erinnerte ihn an den traurigen und ernsten Grund, der ihn aus seiner Heimat vertrieben, und er erwiderte leise und kopfschüttelnd:

„Ach ich wollte ich könnte das auch von mir behaupten, aber eine Sache hört auf ein Vergnügen zu sein, sobald sie uns einmal vom Arzte anbefohlen wird.“

„Sind Sie krank?“ fragte die Dame theilnehmend.

„Krank?“ wiederholte Mahlhuber und athmete leicht auf, denn das Gespräch betrat ein Gebiet, auf dem er sich zu Hause fühlte, „krank? — ja und nein; krank kann man eigentlich nicht sagen, — haben Sie schon von großen Lebern gehört?“

„Großen Lebern? Gewiß — die strasburger sollen die besten sein, aber meine Schwägerin hat eine solche Fertigkeit darin erlangt, daß man sie gar nicht mehr von strasburgern unterscheiden kann.“

„Nein, die meine ich nicht“, sagte der Commerzienrath verlegen und blickte mistrauisch nach dem Fremden hinüber, der zwar die Augen noch immer geschlossen hielt, aber um dessen Mundwinkel er doch glaubte ein leichtes boshaftes Zucken zu bemerken, „ich selber leide daran — meine Leber ist drei Zoll zu groß.“

„Drei Zoll? Segne meine Seele!“ sagte die Frau, „aber woher wissen Sie das so genau?“

„Ah, die Wissenschaft hat darin jetzt bedeutende Fortschritte gemacht“, fuhr der Commerzienrath rasch fort, „eine solche speckige Entartung der Leber soll in unsern Zeiten auch gar nicht selten vorkommen und durch das Anstoßen derselben an Rippen, Zwerchfell und Magen kann man ziemlich genau berechnen, welchen Umfang sie erreicht.“

Die Dame rückte etwas ängstlich auf ihrem Sitz, und der Commerzienrath fuhr fort:

„In Verbindung mit diesem Leiden steht nun, obgleich mein Arzt das immer noch bestreiten will, eine nicht unbedeutende Operation, der ich mich vor einiger Zeit zu unterwerfen hatte.“

„Eine Operation? — aber ich bitte Sie —“

„Nun es war gerade nicht lebensgefährlich“, setzte der Erzählende rasch hinzu, da er zu fürchten glaubte, daß seine schöne Zuhörerin deshalb vielleicht Besorgnisse zeigte, „aber jeder Schnitt in den menschlichen Körper ist gewissermaßen von einer Gefahr begleitet, da man nie wissen kann, welche Folgen daraus entstehen, welche edeln Gefäße verletzt werden.“

„Ach hören Sie — wenn es Ihnen recht wäre —“

„Es war nur eine Balggeschwulst auf dem behaarten Theile des Kopfes“, setzte der kleine Mann hinzu, nahm die Reisemütze ab und bog den Kopf gegen die Dame hinunter, „eine Balggeschwulst etwa von der Größe eines Taubeneis, sehen Sie hier — leicht beweglich unter den Fingern und eigentlich ohne besondere Schmerzen. Das Eigenthümliche war aber, daß sie doch, wenn man lange daran drückte, wehthat; die Geschwulst blieb sich dabei ganz gleich, ob die Zunge belegt war oder nicht, wenn ich aber eine Weile gedrückt hatte, lief mir sonderbarerweise das Wasser im Munde zusammen und ich bekam dann einen höchst pikanten fauligen Geschmack.“

„Aber ich bitte Sie um Gottes Willen, hören Sie auf!“ rief jetzt die Dame entsetzt, „ich werde ohnmächtig, wenn Sie noch zwei Minuten mit solchen furchtbaren Sachen fortfahren. Was gehen mich denn Ihre Geschwülste an?“

„Aber sie ist ja operirt“, rief der Commerzienrath, der zu glauben schien, daß sie ihn noch nicht recht verstanden habe, „und eben das Zunähen da —“

„Ich schreie um Hülfe, wenn Sie nicht aufhören“, unterbrach ihn die Dame und wurde wirklich todtenbleich dabei. „Herr, ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich die ekelhaften Beschreibungen nicht mitanhören kann. Behalten Sie Ihre Lebern und Geschwülste für sich oder ich setze mich hinaus zum Conducteur auf den Bock. — Jesus Maria, meine Nerven!“

„Darf ich Ihnen vielleicht ein wenig Eau de Cologne anbieten?“ sagte der Commerzienrath schüchtern, der solche Einwendungen gegen seine Leiden gar nicht vermuthet hatte, indem er in die Tasche griff nach seinem kleinen Flacon zu suchen, „das thut Ihnen vielleicht gut.“

„Ich danke Ihnen, ja“, sagte die Dame und streckte die Hand aus das Dargebotene in Empfang zu nehmen; Herr Mahlhuber hatte es aber selber noch nicht, und die rechte Rocktasche stak ihm so voll von verschiedenen Gegenständen: eingewickelte Semmeln, Brillenfutteral, Schnupftabacksdose und dann das verwünschte Pistol, das er heute Abend fest beschloß unten in seinen Koffer zu legen, er konnte das kleine Fläschchen gar nicht finden und begann, da die Dame den Arm noch ausgestreckt hielt, die verschiedenen Gegenstände immer ängstlicher auszukramen und neben sich hinzulegen.

„Ich begreife gar nicht“, murmelte er dabei vor sich hin, „wo die — Dorothee — das kleine Fläschchen anders könnte hingesteckt haben als in — als in diese Rocktasche. Da, das hier ist eine eingewickelte Semmel — das hier“, er nahm das Pistol aus der Tasche und legte es neben sich hin, „das hier ist —“

„Um Gotteswillen, was wollen Sie mit dem Schießgewehr?“ schrie die Dame jetzt so laut, daß der Fremde ihnen gegenüber erwachte oder doch die Augen öffnete und einen flüchtigen Blick hinüberwarf, dann aber wieder in seine frühere Stellung zurückfiel, „es ist doch nicht geladen?“

„Bewahre“, lächelte der Commerzienrath, der das Fläschchen endlich gefunden und ihr gereicht hatte, etwas verlegen und suchte, um sie selber zu überzeugen, durch den Lauf des verdächtigen Pistols zu blasen; aber vergebens blies er die Backen auf und wurde ganz roth im Gesicht.

„Es ist verstopft“, sagte er dann, entweder zu seiner oder des Pistols Entschuldigung.

„Halten Sie das schreckliche Ding nur nicht gegen mich“, rief die Dame, nichts weniger als beruhigt durch den verunglückten Versuch;wenn es losginge....“

„Ich will Ihnen beweisen, daß es keine Gefahr hat“, sagte der Commerzienrath entschlossen, dem muthlosen schwachen Wesen gegenüber, und den Hahn aufspannend zielte er auf die ihm gegenüberstehende Hutschachtel seiner schönen Reisegefährtin.

„Um Gotteswillen, was wollen Sie thun?“ rief die Dame, jetzt wirklich erschreckt; aber sie hatte keine Zeit etwas Weiteres zu fragen, denn ein furchtbarer Schlag, der ihnen Allen das Trommelfell zu zersprengen drohte, schmetterte mit einem vor ihnen hinzuckenden Blitze durch den engen Raum des Wagens und im nächsten Augenblick schon füllte dichter undurchdringlicher Pulverdampf das Coupé vollkommen an. Die Dame stieß dabei natürlich einen gellenden Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Die Pferde rissen in ihr Geschirr und wollten durchgehen, und Postillon und Conducteur brauchten wenigstens zehn Minuten Zeit sie zu beruhigen und wieder in ordentlichen Gang zu bringen.

Nur der Fremde, der für den Augenblick in dem entsetzlichen Pulverqualm vollständig verschwunden war, sagte kein Wort und saß um so unheimlicher und drohender in dem undurchdringlichen Qualm. — Heiliger Gott, wenn er ihn getroffen und todtgeschossen hätte! Der Commerzienrath wagte nicht die Hand auszustrecken, den furchtbaren Verdacht bestätigt zu finden oder zu zerstreuen.

Der Wagen hielt endlich. „Ho, brrr, Gott verdamm’ mich, ob ihr stehen wollt, kopfscheue Bestien — ho, brrr, so mein Thierchen, so ooo — gutes Thier, so Schimmel“, tönten die Beruhigungslaute von draußen zu ihnen herein, der Conducteur sprang aus dem Cabriolet und riß den Schlag auf.

„Heiliges Kreuzdonnerwetter, was ist hier vorgegangen?“ schrie er, zurückprallend, als ihm der weiße warme Schwefelqualm entgegenschlug, der die willkommene Bahn ins Freie fand, „was ist geplatzt?“

Die Dame lag in Ohnmacht und der Commerzienrath konnte nicht antworten, denn sein ängstlicher Blick suchte durch den weichenden Nebel die lautlos dasitzende Gestalt des Fremden. Nur erst sicher wollte er sein, daß dort kein Unglück geschehen wäre, wenn er auch natürlich nicht begriff wie eine Ladung und eine so furchtbare Ladung in die für ganz harmlos gehaltene Waffe hineingerathen sein konnte. Wie sich der Nebel verzog, wurde auch das Gesicht des Fremden in der andern Ecke sichtbar, aber so unheimlich verzerrt, roth und drohend, während die Augen unter den halb zusammengekniffenen Brauen wild und lauernd vorblitzten, daß der Commerzienrath ihn schon am Arme fassen und ins Leben zurückschütteln wollte, als der Conducteur die Stille wieder unterbrach.

„Wer ist todt?“ rief er und keineswegs blos im Scherz, denn das unheimliche Schweigen im Wagen kam ihm selber verdächtig vor. „Himmelsacerment, wenn sich Jemand eine Kugel durch den Schädel schießen will, brauchte er sich doch dazu nicht auf der königlich bairischen Eilpost einschreiben zu lassen, daß Einem die Pferde noch am Ende durchgehen und außerdem Unheil anrichten? — Das ist nun der Zweite. Nun?“ setzte er dann erstaunt hinzu, als er die drei Passagiere nach und nach durch den Qualm erkennen konnte und alle noch am Leben fand, wenn er auch des Commerzienraths vis-à-vis noch immer etwas mistrauisch betrachtete — daß die Dame in Ohnmacht lag, verstand sich von selbst. „Was zum Teufel haben Sie denn dahier angerichtet — ach Schwerenoth“, rief er plötzlich, als sein Blick auf das neben ihm stehende Gepäck fiel, „gerade in die Hutschachtel geschossen.“

„In die Hutschachtel?“ rief die Dame entsetzt, jetzt plötzlich und ohne weitere Hülfe aus ihrer Ohnmacht emporfahrend, und der Fremde drüben wurde immer röther im Gesicht. „Heilige Mutter Gottes, mein Hut!“

„Wer hat denn aber hier im Wagen geschossen?“ rief der Conducteur jetzt mit strengerer Amtsmiene, während die Dame entsetzt über ihre Hutschachtel herfiel, den erlittenen Schaden zu besichtigen, „ich werde Sie im nächsten Postamte anzeigen. Sie da, was thun Sie mit einem geladenen Pistol in der königlichen Post?“

„Postamt anzeigen?“ rief der Commerzienrath in tödtlichem Schreck, „und des vermaledeiten Pistols wegen, gegen das ich mich aus Leibeskräften gesträubt?“

„Sie dürfen hier im Wagen gar kein Pistol haben“, sagte der Schaffner streng.

„Ich wollte ich hätte es nie gesehen“, rief der Commerzienrath in ausbrechendem Grauen; „da“, fügte er dann hinzu und schleuderte die Waffe, gar nicht an das aufgezogene Fenster denkend, mitten durch die Scheibe hinaus auf die Straße, daß die Scherben im Wagen herumflogen und auf die harte Chaussée draußen niederklirrten.

„Jesus Maria“, rief die Dame, „mein Hut!“

„Herr, die Scheibe kostet 1 Gulden 25 Kreuzer!“ rief der Schaffner.

Die Frau zog in diesem Augenblick den zu Atomen geschossenen, wunderschön verzierten und früher einmal mit Bändern und Blumen geschmückten Strohhut aus dem durchschossenen Futteral; die ganze gewaltige Ladung war schräg hindurchgegangen und hatte ihn vollständig vernichtet, daß die Stücken darumhingen, und jetzt zum ersten male wurde auch der andere Passagier in der Wagenecke laut, der plötzlich herausplatzte, als ob ihm irgendein inneres Gefäß gesprungen sei, in demselben Moment aber auch fast einhielt und nun so heftig zu nießen und zu husten anfing, daß er ganz blau im Gesicht wurde und der Commerzienrath wirklich für einen Augenblick sein eigenes Elend vergaß, nach dem Manne hinüberzuschauen.

„Und hier das ganze Polster ist zerschossen!“ rief jetzt der Postbeamte, der die Hutschachtel fortgerissen hatte, nach dem zugefügten Schaden zu sehen, „Herr, Sie werden eine Heidenrechnung bekommen.“

„Mein Hut, du lieber Gott, mein Hut!“ jammerte dabei die Dame, „was setz’ ich jetzt auf, was setz’ ich auf?“

„Ich will ja gern Alles bezahlen“, stöhnte der Commerzienrath in völliger Verzweiflung, „wenn Sie mir nur sagen wollen was es kostet.“

„Schockschwerenoth“, rief der Schaffner plötzlich nach seiner Uhr sehend, „jetzt haben wir hier schon sieben und eine halbe Minute getändelt und ich komme zu spät auf die Station — nehmen Sie Ihren Rock dahinein, Madamchen — werfen Sie den Bettel auf die Straße, er ist doch nicht mehr zu brauchen; so“, sagte er dann, die Thür zuschlagend und seinen alten Platz wiedereinnehmend, „fahr zu, Schwager!“

„Da unten liegt das Schießeisen noch“, sagte dieser, mit einem schmunzelnden Seitenblick und dem linken Daumen über die Achsel deutend, „sollen wir’s liegen lassen?“

„Was geht dich der Quark an? fahr zu!“ lautete die barsche Antwort des verantwortlichen Postführers, die Peitsche fuhr aus und auf das Handpferd nieder, und dahinrasselte das Geschirr wieder in scharfem Trab, das Versäumte nachzuholen.

Der Commerzienrath hatte indessen einen schweren Stand im Wagen, die erzürnte und unglückliche Dame zu beruhigen, die wunderbarerweise an dem Hute zu hängen schien, als ob es ein Stück ihrer selbst gewesen wäre. Sie weinte und zankte und betrug sich etwa wie ein unartiges Kind, dem man irgendein Spielzeug zerbrochen, und das sich nun weder will trösten noch beruhigen lassen. Zuletzt und kurz vorher ehe sie die nächste Station erreichten, verstand sie sich endlich dazu, den höchstmöglichen Satz für Hut und Schachtel anzunehmen, was ihr der Commerzienrath, froh, so gut wegzukommen, gleich an Ort und Stelle auszahlte, aber auch dann noch keinen Frieden hatte, denn, damit in Ordnung, fielen ihr plötzlich wieder ihre bis dahin ganz außer Acht gelassenen Zahnschmerzen ein, gegen die das zerbrochene Fenster nicht mehr geschlossen werden konnte, und es zeigte sich jetzt, daß das unglückselige Pistol nach allen Seiten hin Zerstörung und Verwirrung angerichtet hatte.

Der andere Passagier dagegen saß so ruhig und regungslos wie immer in dieser Confusion und sagte kein Wort; er mußte jedenfalls stumm, vielleicht gar taubstumm sein, oder wenigstens keine Silbe von ihrer Sprache verstehen.

Aber dem Commerzienrath gingen andere Dinge im Kopfe herum, als sich um den geheimnißvollen Fremden zu kümmern. Glücklicherweise kannte ihn Niemand, denn mit der Post war er früher nie in Berührung gekommen und eingetragen nur unter dem anspruchlosen Namen Mahlhuber. Die paar Thaler, die es ihm gekostet hatte, betrachtete er als Lehrgeld für spätere Zeit, und pries sich immer noch glücklich so billig davongekommen zu sein. Auf der nächsten Station bezahlte er auch die Scheibe mit 1 Gulden 25 Kreuzer und Polster und sonstige Beschädigung des königlichen Postwagens mit 3 Gulden 30 Kreuzer, dem er natürlich ein nicht unbedeutendes Geschenk für Conducteur und Postillon beifügte, dieser Schweigen zu erkaufen. Er dankte auch seinem Gott, als er endlich Gelegenheit bekam, auf seinem schon früher bestimmten Anhalteplatz einige Minuten vor 9 Uhr Abends aussteigen zu dürfen, der Gesellschaft, in der er sich nicht mehr getraut hatte ein Wort zu sagen, wie der unangenehmen Erinnerung enthoben zu sein. Was für ein Glück, daß er Dorothee’s Vetter nicht mitgenommen hatte.

An Ort und Stelle angelangt und nachdem der Schaffner sein Gepäck aus der Schoßkelle genommen, um das sich vor dem Postgebäude Niemand weiter zu kümmern schien, nahm er Reisesack und Schirm, Stock und Sitzkissen aus dem Wagen, drehte sich dann noch einmal um und sagte, mit einer verbindlichen Verbeugung nach dem Innern des Wagens zu, die von der Dame mit einem leise gemurmelten „Gott sei Dank“ begleitet wurde:

„Angenehme Reise, meine Herrschaften.“

„Gute Nacht, Herr Commerzienrath“, sagte der Fremde, der bis dahin noch keine Silbe gesprochen, und der also Betitelte stand, seine Reiseutensilien in beiden Händen, wirklich mit halbgeöffnetem Munde vor lauter Ueberraschung da; aber der Schaffner warf in dem Augenblick den Schlag wieder zu, die Pferde waren vorgespannt und fortging’s mit schmetterndem Horngetön durch die stillen Straßen des kleinen Fleckens über das rauhe Pflaster hin, was die Thiere laufen konnten.


4.
Das Posthaus und die Mamsell.


Der Commerzienrath Mahlhuber stand noch, wie wir ihn im vorigen Capitel verlassen, viele Minuten lang wirklich sprachlos vor Erstaunen und Ueberraschung da, bis er selbst das Rollen der Räder nicht mehr hören konnte.

„Gute Nacht, Herr Commerzienrath“, hatte der Mensch gesagt, der die ganze Fahrt hindurch keine Silbe gesprochen, und den er einmal für einen Engländer und dann für taubstumm gehalten, bis er zu der Ueberzeugung kam, daß es doch am Ende ein Engländer sein könne. „Gute Nacht, Herr Commerzienrath“; woher, um des Himmels willen, wußte der Mann seinen Namen?

„Nu — was soll denn hier mit den Sachen werden?“ fragte in diesem Augenblick eine Stimme hinter ihm, und als er sich umdrehte, stand eine Art Zwitterding von Postillon und Hausknecht, oben in Uniform und unten in Unterhosen und Pantoffeln, mit einer Nachtmütze auf dem Kopfe und einer Stallaterne in der Hand, neben ihm, und deutete auf die neben ihm aufgeschichteten Koffer und Hutschachtel. „Es kommt heute Abend keine Post mehr.“

„So? — das thut mir leid“, sagte Herr Mahlhuber ganz in Gedanken, „oder es macht eigentlich nichts“, setzte er dann sich besinnend hinzu, „denn ich werde hier übernachten“.

„Hier — in der Post?“ fragte der Mann und leuchtete ihm erstaunt ins Gesicht.

„Nun, wird hier nicht gleich ein Wirthshaus gehalten?“ fragte der Reisende, etwas unangenehm überrascht, „man hat es mir doch gesagt.“

„Wirthshaus? — ne, nich so recht — die Schenke ist da drüben“, lautete die etwas barsche Antwort.

„Hm!“ sagte der Commerzienrath und sah etwas mistrauisch nach dem niedern düstern Gebäude hinüber, in dessen unterer Stube nur Licht brannte, „und kann man da etwas zu essen und ein gutes Bett bekommen?“

„Zu essen, ja“, sagte der Mann und leuchtete über die Koffer hin, nach deren Zustand den Passagier selber zu beurtheilen, „gutes Bett aber ne, wenn Sie nicht auf der Streu mit den Fuhrleuten schlafen wollen.“

„Auf der Streu schlafen?“ wiederholte der an jede häusliche Bequemlichkeit gewöhnte Mann entsetzt, „wie kann ich auf der Streu schlafen?“

„Ja das weiß ich nich, wenn Sie’s nicht wissen“, sagte der halbe Hausknecht gleichgültig, „aber sollen die Koffer hier auf der Straße stehen bleiben?“

„Und in der Post ist keine Möglichkeit unterzukommen?“

„Fragen kann mer noch emal“, sagte der Mann, seine Laterne niedersetzend und seine Hosen etwas in die Höhe ziehend, „manchmal nimmt die Mamsell Gäste ein, manchmal nich — wie’s ’r gerade paßt.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten schlenderte er langsam, den Commerzienrath bei den Koffern und der Laterne zurücklassend, in die Post hinein, die schmale steinerne Treppe hinauf. Die „Mamsell“, wie er die gleich darauf in der Thür erscheinende Dame genannt, schien aber seiner Beredtsamkeit nicht haben widerstehen zu können, denn ihre gastliche Stimme rief gleich darauf von der Treppe aus ein eben nicht ermunterndes, aber doch auf weitere Erklärungen sich einlassendes „Wer ist denn da?“

Die Gefahr, die Nacht, wegen der er die Postfahrt unterbrochen, auf einer Streu zubringen zu müssen, machte den Commerzienrath beredt; er ging näher zur Thür, stellte sich der Dame (unter dem Lichte der Stallaterne, die er zu dem Zwecke hoch in die Höhe hielt) als einen Reisenden vor, der seiner Gesundheit wegen nicht mit der Post weitergefahren wäre und das Aergste befürchten müßte, wenn er nicht die Nacht in einem warmen Bette zubringen könne, und war sogar schon im Begriff auf seine Leber und vielleicht auch auf die mit ihr in Verbindung stehende Balggeschwulst einzugehen, als die Mamsell, die rasch den gesetzten achtbaren Bürger oder vielleicht gar Staatsbeamten in ihm erkannte, ihr tröstliches und schon viel freundlicheres „Treten Sie näher!“ ihm hinüberrief und den theilweisen Postbeamten beorderte, des Herrn Sachen in die „grüne Stube“ hinaufzutragen.

„Grüne Stube!“ Schon das Wort klang behaglich, und mit einem leise gemurmelten „Gott sei Dank“ griff Herr Mahlhuber seine Sachen auf und folgte dem mit einem Koffer und der Stallaterne vorausgehenden dienstbaren Individuum die Treppe hinauf in das Haus.

Die nächste Stunde verging dem Reisenden übrigens in dem unbehaglichen Gefühle, keinen Platz zu haben wo man zu Hause ist. Es war ihm Alles fremd und unwohnlich in der fremden Stube; die hölzernen Stühle, der wunderbare Geruch, die niedere räucherige Decke, die schrecklichen Bilder an den Wänden, Caricaturen von Heiligen und Märtyrern und ein Napoleon dazwischen, der auf der Spitze eines Gletschers galoppirt, während an der gegenüberstehenden Wand schlechte Lithographien von Landesvätern und Landesmüttern hingen. Unheimlich auch sah der alte Wandschrank aus, wo neben einer alten wiener Stutzuhr mit alabasternen Säulen ein grünangestrichener Gypsmops stand, der früher einmal einen beweglichen Kopf gehabt und mit ängstlich verdrehtem Halse jetzt in die Stube unter sich hinunterstarrte, während auf der andern Seite eine weithalsige, oben eingebrochene Glascaraffe einen Büschel Schilfblüte mit einigen roth- und gelbgefärbten Strohblumen hielt.

Die „Mamsell“ lenkte jedoch seine Aufmerksamkeit von den übrigen Gegenständen ab, denn sie erkundigte sich nach den Befehlen des Gastes wegen „Abendbrot“. Die Auswahl war freilich sehr beschränkt, also leicht getroffen: aufgewärmter Kalbsbraten mit getrockneten Birnen und einer halben Flasche Rothwein „vom Besten“, wie er noch vorsichtig hinzusetzte, denn die altmodischen dickgeschliffenen Weingläser mit viereckigem Fuße erweckten eine dunkle Ahnung von sauerm Landwein in ihm, die er nicht gleich wieder von sich abscheuchen konnte.

„Kommen Sie schon weit her?“ fragte jetzt die Mamsell, die sich die Schürze an der einen Seite aufgesteckt und die Aermel, man wußte eigentlich nicht recht weshalb, in die Höhe gekrempelt hatte.

„Von Gidelsbach“, sagte der Commerzienrath in seiner Unschuld, „und — und drüber hinaus“, setzte er dann etwas rascher hinzu, denn er hatte sich ja einmal vorgenommen „incognito“ zu reisen.

Die Mamsell war eine nicht gerade sehr junge Dame, in ihren „besten Jahren“, so zwei- und vierunddreißig vielleicht, aber mit sonst noch sehr jugendlichem Aeußern, langen Locken, zurückgescheitelten Haaren und großen goldemaillirten Ringen in den Ohren. Auch der Schnitt ihres Kleides gehörte jedenfalls einem vergangenen Alter an, während sie die Fragen an den Gast mit einer schüchternen mädchenhaften Verschämtheit, die in eigenthümlichem Widerspruch zu ihren ersten Worten, als sie noch in der Thür stand, richtete.

„Ach, Gidelsbach liegt so schön“, nahm die Mamsell den Anknüpfungspunkt an den einen bekannten Namen, „es ist von jeher mein Lieblingswunsch gewesen dort zu wohnen, das muß ein wahres Paradies sein. Sind Sie dort bekannt?“

„Wenig“, sagte der Commerzienrath, seine Vaterstadt verleugnend; „das Essen ist wol bald fertig?“

„Den Augenblick“, sagte die Mamsell, fast unwillkürlich bei der Frage halb von ihrem Stuhle aufstehend, und dann wieder auf den Sitz zurücksinkend. „Aber was ich gleich fragen wollte, haben Sie Geschäfte in Otzleben?“

„Wo?“ fragte der Commerzienrath erstaunt.

„In Otzleben.“

„Otzleben! — Wo liegt das?“

„Nun hier der Ort, wo wir uns befinden.“

„Der heißt Otzleben? — So — nein — ich wollte nur hier übernachten; nicht wahr, der Kalbsbraten ist gleich fertig?“

„Ja wol — den Augenblick“, sagte die Mamsell, wieder von ihrem Sitze aufschnellend, und der Commerzienrath stand ebenfalls auf und ging indessen mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder. Es fröstelte ihn, und wie der Sand auf den Dielen, ein ganz ungewohntes Gefühl, unter seinen Füßen knirschte, kam ihm bei dem düstern, auf dem Tische brennenden einzelnen Talglichte das Zimmer noch einmal so still und öde vor, als es ihm im Anfange erschienen.

Die Hausmagd öffnete in diesem Augenblick die Thür und kam mit einem zwar groben aber reinlichen Tischtuche herein, das sie ausbreitete, Teller, Messer und Gabel mit dem großen Salzfaß darauf arrangirte und dann wieder hinausging, das Abendbrot hereinzuholen. Die Mamsell hatte indessen eins von den geschliffenen Weingläsern von der Commode genommen und mit dem Schürzenzipfel einigen darin gesammelten Staub und mehre todte Fliegen herausgewischt; dann stellte sie die Flasche auf den Tisch, und wenige Minuten später konnte sich der Commerzienrath zu dem in langer Brühe schwimmenden aufgebratenen Kalbstoß niedersetzen und nach Herzenslust zulangen.

„Heute ist ja wol auf der Post ein Unglück geschehen?“ fragte endlich die Mamsell, die ihm gegenüber Platz genommen, nach einer hinreichenden Pause.

„Ein Unglück?“ sagte der Commerzienrath, überrascht zu ihr aufschauend, indem er einen Augenblick mit Kauen einhielt, „wie so ein Unglück?“

„Es soll einem der Passagiere ein geladenes Pistol losgegangen sein, hat der Postillon erzählt.“

„Der Postillon sollte sich um seine Pferde bekümmern“, brummte Herr Mahlhuber, „da thät’ er gescheiter —“

„Er hat doch Niemanden getroffen?“ fragte die Mamsell mit einiger Entschlossenheit weiter, der Sache auf den Grund zu kommen.

„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „der Postillon?“

„Nein, der Passagier.“

„Nicht daß ich wüßte“, sagte dieser, die indessen eingestellte Beschäftigung wieder mit frischen Kräften aufnehmend. So mittheilend er sonst war, wo er Irgendjemanden fand, mit dem er sich unterhalten und vielleicht die Geschichte seiner Krankheit und Leiden anbringen konnte, so schüchtern und zurückhaltend war er heute geworden, wo eben die Erzählung solche furchtbare Folgen gehabt, und die neugierige Wirthschafterin mußte es bald aufgeben aus dem schweigsamen Gaste Neuigkeiten herauszulocken, von denen er am Ende gar nichts wußte oder die er, im andern Falle, Grund hatte zu verschweigen. Namen und Stand ihres Gastes zu erfahren, besaß sie aber noch ein anderes Mittel, das Fremdenbuch, und als er vom Tische aufstand und sich das letzte Glas Wein aus seiner Flasche, der er gar wacker zugesprochen, einschenkte, schob sie ihm das mit einem freundlichen Knix zur Beachtung hin.

Dem Commerzienrath blieb keine andere Wahl als sich da einzuschreiben, und Hieronymus Mahlhuber stand bald darauf in zierlicher Schrift über Namen- und Wohnortsrubrik zugleich hinweg, die letztere dadurch geschickt umgehend. Stand? — Das „Co“ hatte er schon in aller Unschuld, der alten Gewohnheit folgend, begonnen, als er sich eines Bessern besann und die beiden Buchstaben zu einem P umformte, dem er sein „rivatmann“ dahintersetzte. Die übrigen Colonnen füllte er so gewissenhaft wie möglich aus und bat dann seine freundliche Wirthin ihm seine Schlafstätte anzuweisen, da er entsetzlich müde sei und auszuruhen wünsche. „Und wann kommt die Post morgen früh wieder vorbei?“

„Zurück nach Gidelsbach?“

„Nein, den andern Weg.“ — Was hatte er in Gidelsbach zu thun?

„Die andere? — um 9 Uhr — eher noch ein paar Minuten früher.“

Das paßte ihm und er bestellte, daß er dann morgen früh etwa um ¾8 Uhr geweckt würde, und einen starken heißen Kaffee vorfände. Die Mamsell versprach Alles aufs beste zu besorgen.


5.
Das grüne Zimmer.


„Gott sei Dank, der Tag war überstanden!“ murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, als er mit dem Sitzkissen in der einen und seinem Regenschirm und Rock in der andern Hand, von der Mamsell gefolgt, die den Reisesack und das Licht trug, die Treppe hinaufstieg, zu dem „grünen Zimmer“; „nun die Nacht gut geschlafen, und der Mensch kann seine Reise morgen mit frischen Kräften fortsetzen. — Ach, ist dies das grüne Zimmer?“ unterbrach er sich, als seine Führerin eine Art kleiner Bodenkammer aufstieß und ihn bat näherzutreten, „hm, das ist sehr einfach.“

„Ja, wir sind freilich ein wenig hier mit Raum beschränkt, Herr Mahlhuber“, sagte die Mamsell, und der Commerzienrath drehte sich rasch und fast erschrocken nach ihr um. In dem Augenblick fiel ihm aber das Fremdenbuch ein und er nickte zustimmend mit dem Kopfe, als die Mamsell fortfuhr das Zimmer zu entschuldigen und nun das Bett dagegen zu loben, in dem Herr Mahlhuber schlafen würde wie in Abraham’s Schoos.

Mit einem etwas dunkeln Begriffe, wie das eigentlich sein würde, legte er seine Sachen ab, öffnete das kleine Fenster, das aufs Dach hinaussah, und schloß es gleich wieder, hob die schwere Federbettdecke auf und legte sie mit einem prüfenden, etwas mistrauischen Blicke zurück und sah dann das Licht an, das die Mamsell auf den Tisch gestellt hatte, sich dann nach der Thür zurückziehend, wo sie auf irgendeinen Befehl oder vielleicht auf ein Lob für das vortrefflich eingerichtete Lager zu warten schien. Dem Commerzienrath war es aber nur um Ruhe zu thun, und er fing an sich den Rock aufzuknöpfen, während er über die Schulter weg einen Blick nach der Wirthin warf, ob dieser das Zeichen noch nicht deutlich genug sei.

„Nun, Herr Mahlhuber, ist Alles in Ordnung?“ sagte diese endlich, nicht im Stande den Platz ohne eine beifällige Anerkennung zu verlassen, „ist es zu Ihrer Zufriedenheit?“

„Vollkommen; schlafen Sie recht wohl!“ sagte der Commerzienrath.

„Wünsche angenehme Ruhe!“ sagte die Mamsell, „und wenn Sie mit dem Lichte fertig sind, möchte ich Sie freundlichst gebeten haben, es nur dort an die Thür zu stellen, ich hole es mir später. — So, lassen Sie sich etwas Angenehmes träumen“, setzte sie mit ihrem verbindlichsten Lächeln hinzu und verschwand dann, von einem leise gebrummten Danke des Gastes begleitet, wie sie gekommen.

„Das grüne Zimmer“, brummte dieser weiter, als er sich allein sah und kopfschüttelnd einen Blick in dem kleinen Raum umherwarf, dessen Grenzen an drei Seiten die weiße Kalkwand und an der vierten, wo das Bett stand, ein schräg niederlaufender Verschlag von ungehobelten Brettern bildete, „grüne Zimmer? es ist kein grüner Faden im ganzen Nest. Und ausgekehrt haben sie hier seit voriger Woche nicht — unter dem Bette Stroh, und da in der Ecke ein Paar alte Stiefeln. — Hm, hm, Dorothee hat doch am Ende Recht, und Doctor Mittelweile wäre am besten selber auf Reisen gegangen. Lieber Gott, ich, ein ruhiger friedliebender Mensch, was habe ich heute nicht schon Alles erlebt und gethan und — ertragen — hm, hm. Nun es ist jetzt wenigstens Abend und eine ruhige Nacht gebe uns der liebe Gott.“

Damit sich die Nachtmütze über die Ohren ziehend — denn er hatte sich während des Selbstgespräches vollständig entkleidet —, hob er eben das rechte Bein, in das etwas hohe Bett zu steigen als er an das Licht, und den ihm gewordenen Auftrag dachte, es dicht an die Thür zu stellen. Eine Lichtschere lag überdies nicht auf dem Teller und der Commerzienrath haßte nichts so sehr als den Qualm einer Lichtschnuppe. So das Bein wieder zurückziehend, nahm er das Licht und trug es, sorgsam vorher jedoch noch einmal in seine Pantoffeln schlüpfend, sich nicht zu erkälten, zu dem bezeichneten Platze, setzte es dort nieder und stieg dann, tief und dankbar aufseufzend, in das sehr weiche, aber etwas voluminöse Bett, sich die Decke bis unter das Kinn ziehend, den Augenblick zu erwarten, wo die Mamsell das Licht abholen würde; vorher war er nicht im Stande einzuschlafen.

Eine Minute nach der andern verging aber und die Mamsell kam nicht; durch die Thürspalte zog es auch ein wenig und das Licht flackerte hin und her, daß der Talg in großen Streifen niederfloß. Es konnte doch kein Unglück damit geschehen?

„Hm, das ist ärgerlich“, murmelte er, sich im Bette aufrichtend, den Platz besser übersehen zu können, und dann, als er fand, daß das Licht vollkommen freistand, wieder zurücksinkend, doch am Ende einzuschlafen trotz der brennenden Talgkerze; aber es ging nicht, es war eine positive Unmöglichkeit und darauf zu warten, daß das Endchen Licht von selber niederbrennen sollte? — das hätte wol noch eine volle halbe Stunde und länger dauern können. Eine Viertelstunde wenigstens hatte er jetzt schon in peinlicher, immer wachsender Ungeduld auf das Abholen desselben gewartet.

Der Zustand wurde ihm endlich unerträglich und er beschloß aufzustehen und das schon jetzt qualmende Licht auszulöschen, er konnte es ja umdrehen und ärgerte sich, daß er das nicht schon lange gethan. In Gedanken vollbrachte er diese Operation jetzt auch fünf oder sechs mal hintereinander und drehte dabei selbst unwillkürlich die rechte Hand; aber das Licht blieb freilich stehen und flackerte weiter. Mit einem verzweifelten Entschlusse warf er endlich die Decke von sich, fuhr mit beiden Beinen aus dem Bette und in seine Pantoffeln und machte ein paar Schritte dem Lichte zu, als er plötzlich erschrocken stehen blieb und horchte, denn es war ihm genau so gewesen, als ob er draußen etwas gehört hätte auf dem Gange. — Wenn die Mamsell jetzt gerade hereingekommen wäre und ihn in dem Aufzuge gesehen hätte! Er wollte im ersten Schrecke wirklich wieder ins Bett zurückziehen, aber — es war auch nicht das Mindeste weiter zu hören; er blieb noch ein paar Secunden lauschend stehen — keine Maus; — doch, unter seinem eigenen Bette raschelte etwas im Stroh und er blickte schnell dorthin, das konnte eine Maus gewesen sein; im Hemde durfte er jedoch nicht länger stehenbleiben, und jetzt rasch und entschlossen zu dem Lichte hinschreitend, bog er sich eben nieder und streckte die Hand aus es zu ergreifen, als die Thür geöffnet wurde und die Mamsell in derselben Absicht auf der Schwelle erschien.

„Jesus Maria!“ rief sie, als ob sie einen Geist gesehen, als sie die keineswegs empfangsmäßige Gestalt vor sich erblickte, und der Commerzienrath fuhr mit einem ebenso verblüfften „Bitte tausend mal um Entschuldigung!“ in demselben Moment rückwärts nach seiner Lagerstätte zurück, als die erschreckte Mamsell die Thür wieder ins Schloß warf und also spurlos verschwand.

Als der Commerzienrath den Kopf endlich wieder unter der schützend über sich gezogenen Decke vorstreckte, brannte das Licht, von beiden Theilen im Stiche gelassen, noch immer ruhig fort und an ein zweites Aufstehen war jetzt gar nicht zu denken, denn das schreckliche Frauenzimmer konnte in gleicher Absicht noch immer hinter der Thür stehen, wieder denselben unglücklichen Moment zu wählen sie zu öffnen. Es mußte niederbrennen, und mit einer verzweifelten Art von Ueberwindung schloß er endlich die Augen in der festen Absicht einzuschlafen, ob das grüne Zimmer erleuchtet sei oder nicht. Trotzdem war er es nicht im Stande und mochte etwa eine halbe Stunde so zwischen Wachen und Schlafen gelegen haben, als der leergebrannte Docht endlich umfiel, noch einmal hell aufflackerte und dann verlöschte.

„Gott sei Dank!“ stöhnte der Commerzienrath in einem halben Bewußtsein seiner Lage und drehte sich jetzt entschieden auf die rechte Seite, das Versäumte seiner so leichtsinnig geopferten Nachtruhe nachzuholen, als er das Rascheln wieder unter dem Bette hörte, aber diesmal weit stärker als vorher und zugleich ein leises Winseln, als ob eine junge Katze oder etwas Derartiges darunterläge.

„Na, das hat mir noch gefehlt“, brummte der gepeinigte Gast leise und ingrimmig vor sich hin, „was ist jetzt wieder los?“ — Er horchte eine Weile, aber das Geräusch ließ nach und er fing eben erst an wieder in Schlaf zu kommen, als es von neuem und stärker begann.

„Heiliger Gott im Himmel!“ sagte der geplagte Commerzienrath, gewaltsam einen Fluch zurückhaltend, „ist das nicht um selbst den gesundesten Christenmenschen zur Verzweiflung zu bringen, und dabei soll ich meine gelbe Hypertrophie verlieren?“

Das Rascheln und Winseln wurde jetzt stärker und es blieb dem im Bette Liegenden bald kein Zweifel mehr, daß irgendein junger Hund sich gerade unter der Bettstelle in dem dort befindlichen Stroh sein Lager gemacht und nun durch Flöhe oder böse Träume gepeinigt werde. An Selberschlafen war aber unter solchen Umständen gar nicht zu denken, nach irgendeiner Bedienung zu rufen blieb ebenfalls ganz außer der Frage, und der Commerzienrath entschloß sich endlich, wie das Rascheln und Winseln immer stärker wurde, noch einmal aufzustehen und den kleinen Störenfried zu fassen und aus der Thür zu werfen. Ein Ueberfall des Lichtes wegen war nicht mehr zu fürchten.

Vorsichtig nach den Pantoffeln fühlend, die er rasch wieder anzog, kauerte sich jetzt der würdige Mann, den Kopf etwas nach rückwärts gezwängt, weil er ihn gegen die Bettstelle pressen mußte, vor seinem Lager nieder, mit der Hand in dem Stroh nach dem Gegenstande seines Grimmes zu suchen. Es dauerte gar nicht lange, so griff er einen jungen Hund, der sich winselnd auf den Rücken legte, als er die Berührung fühlte, erwischte ihn beim Felle und trug ihn, sich schwerfällig damit am Bette aufrichtend, der Thür zu. Ueber den Leuchter stolpernd, an den er nicht mehr gedacht, fand er aber doch zuletzt die Klinke, öffnete sie und warf den jungen winselnden Köter mit einem zwar leise gemurmelten, aber desto herzlicher gemeinten Fluche ins Freie.