Protocoll,
gehalten am 3. April.
1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.
2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H. bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben. Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. — Endlicher Beschluß in dieser Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und hieher mitzutheilen.
3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.
4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen wären.
Göthe, welcher damals seinen procès monstre mit dem Großherzog von Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt.
»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect, welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten, Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und ich folgte. — Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »Respekt« nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die probateste Weise.
Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, — ich fühlte das meine schon im voraus verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick. — Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann. Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation, indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge- heimerath« heraus brachte.
Excellenz oder besser: »Ecce Lenz« wäre überhaupt passender gewesen, denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich bin nicht der Geheimerath.« —
Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge Lenz.
Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am Ende des Zimmers am Fenster stehend.
Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. — Bald glaubte ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir etwas gebrochen. — Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein. »Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« —
Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. — Dann brachte ich das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte, ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie geruhten sich zu erkundigen, wie groß Föhr sei.
Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.
Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich, wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, — in dieser geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »Eine Quadratmeile.«
Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen machte. — Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden. Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« — verwandelte aber als ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende mir in uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam, mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen zu wollen. — Ich empfahl mich daher.
Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald wieder zu besuchen.
Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären kann. —
Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.
Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst ergötzliche Anecdote.
Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.
»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.
»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:
Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine Verwechslung mit Schiller gelacht.
Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird, wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »Standrede« folgte.
Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren erinnerte. — Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden der Meklenburger W. — Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ, war in der That ungemein humoristisch.
Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich (vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine hohe Protection versprach.
In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes, Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem er als Hauslehrer sich bei einem Grafen d’Olonne die erforderlichen Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war. Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. — Christian hat das Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.
Ende des ersten Bändchens.
Fußnoten:
[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!«
[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. — Die Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen, welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter entzwei gehen.
[4] »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche Geschäft einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich zuerst nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen, Zwang anthue.«
[5] In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von denen die Eine zu stark, die Andere zu mager war.
[6] Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug mitgemacht hatten, und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, vor die Barriere traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen rehabilitirt wurden. Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. —
[7] Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche Mißhandlungen so erbittert, daß er nur den Namen »furioso« trug. Er sprach immer nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole oder ein Schurke« u. dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann allemal der sanfte Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für die Polinnen, da seine Mutter eine solche sei, welche Furioso allemal wenn auch ungern ertheilte.
[8] Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem Besitz — Um das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu geben, habe ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht auslassen zu dürfen geglaubt.
[9] In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit den älteren Burschen.
[10] Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres lag damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht hätten.
[11] Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?
[12] Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den ich vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.