The Project Gutenberg eBook of Kreuz und Quer, Zweiter Band

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Title: Kreuz und Quer, Zweiter Band

Author: Friedrich Gerstäcker

Release date: June 9, 2017 [eBook #54875]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ZWEITER BAND ***

Kreuz und Quer.

Neue gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.

Zweiter Band.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1869.

Inhaltsverzeichniß.

Seite
1. Das Wallfischboot 1
2. Das Luftbad 174
3. Der Dampfboot-Capitain  224
4. Bilder aus Quito 304

Das Wallfischboot.

Erstes Kapitel.
Der Wallfischfänger.

In der Nähe der Westküste Amerikas, aber noch weit aus Sicht von Land, kreuzte ein Wallfischfänger, um dort nach Fischen auszusehen.

Es war ein Nordamerikaner, die Martha's-vine-yard – ein Schiff, das nach der Insel gleiches Namens getauft worden, und von dort aus auch seine Bemannung hatte. So seetüchtig und gut gebaut die amerikanischen Schiffe aber auch sonst gewöhnlich sind, die Martha's-vine-yard machte davon eine Ausnahme, und der Rheder, der sie in New-York von einem Holländer alt gekauft und wohl frisch angemalt, aber sonst in einem desolaten Zustand gelassen hatte, hoffte das wenige dafür ausgelegte Geld gleich mit der ersten Wallfischfahrt herauszuschlagen, wenn es dann auch keine zweite machte. Die Hauptsache blieb nur, tüchtige Leute dafür zu gewinnen, und deßhalb taufte er auch das alte »Gretje van Rotterdam«, welchen Namen die Bark vielleicht schon dreißig Jahre geführt, nach der Insel Martha's-vine-yard, die ihrer Seeleute wegen berühmt ist, und erreichte dadurch seinen Zweck vollkommen.

Die Zeiten waren in Amerika nicht besonders. Der Krieg hatte gerade begonnen, und er fand Leute genug für die Bemannung, die denn auch mit dem alten Kasten getrost in See gingen und erst draußen, als es zu spät war, merkten, welchem Fahrzeug sie sich eigentlich anvertraut, um darauf eine mehrjährige Reise zu machen. Wallfischfänger müssen sich nämlich stets darauf gefaßt machen, drei Jahre auszubleiben, ehe sie ihr Schiff füllen können, und das ist eigentlich eine lange Zeit, wenn man noch dazu bedenkt, daß derartige Schiffe nur sehr selten einen Hafen anlaufen und meist immer draußen auf offener See herumkreuzen, um nach Fischen auszuschauen.

Anfangs wurde die Mannschaft auch noch eigentlich nicht so recht inne, wie es mit ihrem Fahrzeug stand, denn mit günstigem Wind liefen sie an der Ostküste Amerika's immer nach Süden hinab, und so vor dem Wind segelte es leidlich. Schwer enttäuscht sahen sie sich aber, als nach einer kurzen Windstille eine konträre Brise eintrat. Der Kapitän wollte allerdings laviren, aber du lieber Gott, das alte Schiff brauchte sieben Strich, um gegen den Wind aufzukreuzen, und machte dabei noch anderthalb Strich Abdrift, so daß sie nicht allein nicht von der Stelle kamen, sondern sogar noch zurückgetrieben wurden. Den Harpunieren war das auch gar nicht recht, sie wären am liebsten wieder umgekehrt, um ihren Kontrakt aufzukündigen, der Kapitän wollte jedoch Nichts davon wissen, und redete ihnen so lange zu, bis sie sich endlich zufrieden gaben.

Was lag auch daran, ob ein Wallfischfänger schnell segelt oder nicht – die Reise an Ort und Stelle dauerte etwas länger, ja; aber erst einmal auf ihrem Fischgrund angelangt, und sie durften mit demselben Recht erwarten, daß Fische an sie anlaufen würden, als daß sie dieselben durch rasches Fahren erreicht hätten – ja manchmal machte so ein Schiff an guten Stellen viel bessere Geschäfte, wenn es ruhig beilag, als ziellos auf dem Meer umherkreuzte.

Nur die Reise um Kap Horn war eine entsetzlich lange, jedoch konnten sie auch schon bei den Falklandsinseln auf Wallfische rechnen, und kurz und gut, sie behielten ihren Kurs bei, der sie auch mit jetzt wieder günstigerem Wind rascher gen Süden brachte, als sie selber anfangs geglaubt.

Bei den Falklandsinseln war aber Nichts zu machen. Sie trieben sich wohl vier Wochen in der Nähe herum, ohne einen einzigen Wal anzutreffen, und da gerade ein scharfer Ostwind einsetzte, hielt der Kapitän die Gelegenheit für günstig, das Kap zu doubliren und nach der Westküste Amerikas hinüber zu steuern. Dort lagen auch die besten Jagdgründe für Wallfische: in der heißen Zone für Cajelots und weiter nach Norden hinauf für den richtigen Wal, und da sie der Wind nicht im Stich ließ – denn mit Kreuzen wären sie nie um das Kap gekommen – erreichten sie nach ziemlich kurzer Fahrt das stille Meer.

Aber auch hier zeigte sich der Fang nicht so ergiebig. Sie bekamen allerdings in der Höhe der Maghellansstraße einen tüchtigen Fisch, mußten ihn aber, wie sie nur eben begonnen hatten einzuschneiden, wieder loswerfen, denn ein heftiger Wind setzte ein, dem sie kaum frei und allein die Stirn bieten konnten.

Es war das ein schwerer Schlag für die Mannschaft, die – wie Kapitän und Harpuniere – nur auf einen Antheil am Fange geworben werden, ließ sich aber nicht ändern, und der Kapitän vertröstete die Leute auf die nächste Zeit. Sie hatten ja nun einmal einen Beginn gemacht und die Boote erprobt, die sich als ganz vortrefflich bewährten. Die blieben ja doch immer die Hauptsache, und wenn sie nur Fische fanden, konnten sie auch reiche Beute machen.

Sie fanden aber keine. Langsam, entsetzlich langsam rückten sie weiter und weiter nach Norden hinauf, an Chile vorüber und an der chilenischen Küste hin, bis ziemlich zu vier Grad Süderbreite hin, wo sie die erste »shoal« oder den ersten Trupp Spermacetifische antrafen und augenblicklich Jagd darauf machten. Der erste Harpunier kam auch an einen tüchtigen Fisch fest, der alte Bursche verstand aber die Sache unrecht, drehte sich um, wandte sich gegen das Boot selber und gab ihm mit seinem breiten Kopfe einen solchen Stoß, daß es in Stücken auseinander ging und die Mannschaft desselben nur mit Mühe von den andern herbeieilenden Booten gerettet werden konnten.

Die übrigen Fische gingen gegen den Wind auf, und die Martha's-vine-yard, die zu erbärmlich am Wind lag, um ihnen dahin folgen zu können, mußte sie eben laufen lassen. Uebrigens hielt der Kapitän diesen Platz für gut und beschloß deßhalb, eine Weile dort beizulegen. Es war einestheils möglich, daß die Fische dorthin zurückkehrten, wo sie Nahrung gefunden hatten, und dann konnten sie hier auch eben so gut, als irgendwo anders, weiteren begegnen.

Drei Wochen kreuzten sie deßhalb auf der nämlichen Stelle, das heißt die Strömung setzte dabei allmälig immer weiter nach Norden hinauf, bis sie unmittelbar unter der Linie von Windstille befallen wurden.

Das Meer lag jetzt spiegelblank, wenn auch leise wogend da, und der Ausguck oben im Top konnte selbst den geringsten Gegenstand, der sich auf der blitzenden Fläche zeigte, mit leichter Mühe erkennen. Aber Nichts ließ sich sehen, als dann und wann einmal die spitze Flosse eines Hai, der faul und träge durch die Fluth schnitt, und wenn er zum Schiff kam, von einem der Bootssteuerer mit ausgeworfenem Speck an einem starken Haken gefangen wurde – es war doch wenigstens eine Unterhaltung, welche die entsetzliche Monotonie ihrer Tage unterbrach.

Endlich, am vierten Tage der Windstille, gerade wie sich im Süden die ersten Wolken wieder zeigten und das sich in jener Richtung dunkel färbende Meer die von dort heraufkommende Brise ankündigte, ertönte der so lang ersehnte Ruf des Mannes im Top oben:

»There she blows!« (Dort bläßt Einer) und selbst von Deck aus konnten sie bald darauf den ausgeworfenen einzelnen Wasserstrahl eines Spermfisches oder Cajelot, dem bald ein zweiter folgte, erkennen.

Jetzt kam Leben an Bord, und so faul und schläfrig die Offiziere den ganzen Tag herumgelegen, im Nu sprangen sie nun auf ihre Füße, um Jeder nach seinem Boot zu sehen und so rasch als möglich damit ab und hinaus zu kommen.

Jedes Boot hat seine bestimmte Mannschaft, seinen Harpunier, seinen Bootssteuerer und vier Mann zum Rudern, und hängt, zum augenblicklichen Gebrauch stets bereit, unter seinen Krahnen. Dicht daneben ist der schwere Bottich mit dem aufgekoilten Harpunentau befestigt, um rasch hineingehoben zu werden.

Die verschiedenen Leute haben dabei ihre verschiedenen Pflichten bei der Ausrüstung, damit im Moment des Einschiffens keine Verwirrung oder Zögerung entsteht. Der Bootssteuerer muß die Waffen: Lanzen, Harpunen, Beile und Messer, stets blank und haarscharf halten. Einer der Leute hat für Wasser zu sorgen, daß augenblicklich ein Fäßchen gefüllt und in's Boot geschafft wird – ein Anderer sorgt für Lebensmittel, da man nie wissen kann, wie lange die Boote gezwungen sind, auszubleiben. In einem kleinen verschlossenen Verschlag im Boot selber befinden sich dabei ein Kompaß, wo möglich eine Karte, und ist das Fahrzeug gut ausgestattet, auch einige konservirte Lebensmittel mit einer Flasche Rum, und von dem Moment an, wo der Befehl zum Niederlassen des Bootes gegeben wird, dauert es gewöhnlich nur wenige Minuten, bis es von Bord abschießt und nun, mit Rudern oder Segeln, je nachdem sich die Letzteren führen lassen, seinem Ziel entgegenstrebt.

Dabei wird fast kein Wort gesprochen, denn jede Bootsmannschaft hat natürlich ihren Ehrgeiz darin, die erste zu sein, die zur Verfolgung der auftauchenden Wallfische fertig ist, und vom Mast aus giebt dann der Mann im Top mit einem an der Stange befestigten und schwarzbemalten großen Leinwandball – der weithin leicht erkenntlich ist – die Richtung an, welche die Fische nehmen, damit ihnen die Boote folgen oder den Weg abschneiden können.

Die Martha's-vine-yard führte vier Boote, denn das zerstörte des ersten Harpuniers war schon wieder durch ein Reserveboot ersetzt worden, und noch hatte die aufkommende Brise das Schiff nicht erreicht, als sie schon hinausruderten in das Weite und der Richtung zu, in welcher sich die Spermfische kurz vorher gezeigt.

Es war das genau gen Osten, und die Leute legten sich wahrlich mit gutem Willen in die Ruder, daß sich die elastischen Eschenhölzer oder Riemen, wie man sie nennt, vor der Kraft der Arme bogen. Aber das dauerte nicht lange, denn jetzt kräuselte sich das Meer, ein frischer Südwind setzte ein, und im Nu wurde die kurze Segelstange aufgerichtet, und die Leinwand blähte aus, um den ersten Windzug zu fangen. Der brachte sie nicht allein leichter, nein auch rascher vorwärts, und die Hauptsache, sie konnten sich den Fischen viel geräuschloser nähern, als das mit Rudern möglich ist. Der Wind zeigte sich ihnen auch vollkommen günstig, denn er kam gerade von der Steuerbordseite, und schnell und lautlos schossen sie dahin.

Die Fische waren, wie sie das oft thun, eine ganze Weile nicht nach oben gekommen, und der Mann im Mast konnte den Leuten deßhalb auch kein Zeichen geben, welcher besondern Richtung sie zusteuern sollten; sie behielten deßhalb die bei, die sie bis dahin eingehalten, in der Voraussetzung, daß sich die Cajelots unter Wasser nicht so weit entfernen und vielleicht an der nämlichen Stelle noch einmal nach oben kommen würden – und das geschah denn auch wirklich. Kaum eine Viertelstunde mochten sie gesegelt sein, als der Matrose, der damit beauftragt war, den Mann im Top der Barke im Auge zu behalten, plötzlich des Harpuniers Auge durch seinen Ausruf dorthin lenkte. Jener Ausguck hob seinen schwarzen Ballon, der selbst von hier aus noch deutlich erkennbar war, hoch in die Höhe und ließ ihn dann wieder gerade nach vorn herunterfallen – ein sicheres Zeichen, daß ihr Kurs der richtige sei, und es dauerte denn auch nur wenige Sekunden, bis sie selber die schon lang ersehnten Strahlen gerade voraus erkannten und sich jetzt zum Gefecht fertig machten.

Nun ist die Eintheilung an Bord eines Wallfischbootes auf der Verfolgung die nachstehende: Der Bootssteuerer wird, sobald ein Wal in Sicht kommt, vorn in den Bug des Bootes mit der Harpune postirt, denn sein Amt ist es, an den Fisch fest zu kommen, während nachher der Harpunier oder erste Offizier mit der Lanze, an der sich keine Widerhaken befinden, dem Thier den Todesstoß gibt. Der Harpunier hat indessen hinten im Stern des Bootes den langen Steuerriemen (das Ruder, das zum Steuern benutzt wird und in einem eisernen Ring liegt) in der Hand und führt dasselbe so an den Fisch heran, daß der Bootssteuerer zum Wurf kommen kann. Wo dieser den Fisch dabei trifft, ist ziemlich gleichgültig, irgendwo auf dem Rücken, in der Seite, im Schwanz, es bleibt sich gleich, so daß die Harpune nur tief genug eindringt, um ordentlich festzukommen. Sobald er dies erreicht hat und das im Bottich aufgekoilte Tau abläuft – wobei er jedoch aufpassen muß, nicht in dieses verwickelt zu werden – springt er zurück, um jetzt das Steuer des Bootes zu übernehmen, während der Harpurnier nach vorn steigt und seine lange scharfe Lanze aufgreift, mit der er nun, des tödtlichen Wurfs gewärtig, aufgerichtet vorn im Boot stehen bleibt und nur darauf achtet, daß die rasend schnell ablaufende Leine, an welcher der Fisch hängt, nicht unklar wird.

Der geworfene Fisch schießt indessen mit ungeheurer Schnelle vorwärts, taucht auch wohl einmal unter und kommt wieder nach oben, und hat dabei das Boot fortwährend im Schlepptau. Sobald nämlich die Leine abgelaufen ist, hält sie, mit ihrem unteren Ende um einen festen Krahn befestigt, straff an, und der vorgespannte Fisch macht das Boot nur so durch das Wasser fliegen. Ginge er aber zu tief nach unten, so würde er es auch rettungslos in die Tiefe reißen, und für einen solchen Fall steckt ein scharfgeschliffenes Beil dicht daneben, mit dem die Leine im Nu gekappt oder abgehauen werden kann. Es versteht sich aber von selbst, daß man nur im äußersten Nothfall zu diesem verzweifelten Mittel greift, denn damit ist wohl das Boot befreit, aber zu derselben Zeit Fisch, Harpune und Leine ebenfalls verloren.

Jetzt noch stand der Bootssteuerer vorn im Bug, die Harpune, in welche nur leicht ein kurzer fester Eichenspaken gesteckt ist, in beiden Händen, und in der linken noch ein langes Ende leicht aufgekoilter Leine haltend, um mit dem Wurf gleich nachgeben zu können, damit die Harpune keine falsche Richtung bekommt. – Die Fische sind in Sicht – da und dort steigt der schräge nicht eben hohe Strahl über die Oberfläche der nur leicht gekräuselten See – es müssen zehn oder zwölf verschiedene Cajelots sein, die sich hier spielend in der warmen Fluth herumtreiben – vielleicht sogar noch mehr, und dann und wann kam wohl auch einmal der halbe Kopf einer der mächtigen Burschen zum Vorschein, wie er sich ein Stück aus der Fluth heraushob, das Wasser schnaubend ausblies und dann langsam wieder zurück in sein Element tauchte.

Der erste Harpunier, ein alter Wallfischfänger, der sich seit seiner frühesten Jugend in diesen Meeren herumgetrieben, hatte sein Boot mit dem größten Segel versehen und war den anderen auch wohl um mehrere hundert Schritte voraus. Jetzt flog die Harpune von dessen Bootssteuerer aus, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachteten die anderen Boote den Erfolg. Zog er die Leine wieder ein? – war der Wurf mißlungen? – nein, er sprang in den hinteren Theil des Bootes zurück, er mußte festgekommen sein, und vor Erwartung zitternd standen die übrigen, ob ihnen nicht auch das Glück einen Fang bescheere.

Die Leute im ersten Boot hatten mit Rudern aufgehört und rasch das Segel niedergeworfen, damit es sie nicht, wenn der Fisch in den Wind hineinlief, gefährde – die übrigen Boote näherten sich rasch, denn noch lief die Leine ab, und das kleine Fahrzeug lag verhältnißmäßig still – da kam links ein neuer Fisch auf, dem der zweite und dritte Harpunier folgte, und der vierte, ein noch junger Bursch, wollte sich eben mit zu diesen halten, als plötzlich, unmittelbar vor seinem Boot, ein Wal mit solcher Gewalt an die Oberfläche schoß, daß er mit fast der Hälfte des riesigen Körpers aus dem Wasser herausschnellte, und wieder zurückschlagend die See wogengleich bei Seite drängte.

Aber ein tüchtiger Bootssteuerer stand vorn, mit der Harpune bereit, der sich durch die plötzliche Erscheinung des Ungethüms nicht einschüchtern ließ und auch mit keiner Faser seines Herzens der Gefahr dachte, der sie eben entgangen; denn hätte der Fisch mit dieser Gewalt das kaum verfehlte Boot getroffen, so wäre es in Splittern auseinander gebrochen.

Während die Matrosen erschreckt nach ihren Rudern griffen, um das Boot zurück und aus dem Bereich der Gefahr zu werfen, hob sich seine Harpune, und noch war der Leviathan der Tiefe nicht wieder verschwunden, als auch schon das Eisen ausflog und sich tief in dessen Weichen bohrte.

»Ruder ein! Segel nieder!« – wie eine Schlange glitt er zurück, während der junge Harpunier, der seine erste Reise in dieser Eigenschaft machte, vor Eifer zitternd nach vorn sprang und die schon bereit liegende Lanze aufgriff.

Vor ihnen her flog jetzt der erste Harpunier mit seinem Boot, denn der Fisch hatte die Leine und zog an, und ihr Gefangener schien die nämliche Richtung nehmen zu wollen – die Leine glitt mit Blitzesschnelle aus. Die Leute mußten die Ruder wieder aufnehmen, um ihm ein wenig zu folgen und das Boot in der Richtung zu halten – jetzt plötzlich that es einen Ruck – die Harpune hielt, und fort ging es, daß der Gischt hoch am Bug emporschäumte, hinter dem gefangenen Ungeheuer her – gerade dem andern Boot nach. – Liefen sie aber schneller als dieses? – rasch näherten sie sich ihm, und als sie vorüberflogen, wie von einer Dampfmaschine getrieben, hörten sie nur noch, daß der alte Harpunier darin fluchte und wetterte und seinen Leuten befahl, die Leine einzuholen – die Harpune mußte aus dem Speck gerissen sein, und der Fisch war jedenfalls freigekommen.

Sie aber hatten natürlich keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Im Schlepptau des Wals flogen sie nur so über die wenig bewegte See, immer genau ein und dieselbe Richtung einhaltend, gen Osten zu. Uebrigens sahen sie, daß eines der Boote – es war das des zweiten Harpuniers – sich gewendet hatte und mit vollem Segel hinter ihnen drein kam, um ihnen vielleicht den Fisch sichern zu helfen, denn der erste Harpunier hatte noch eine ganze Weile damit zu thun, um seine Harpune wieder an Bord zu holen.

Und wie der Fisch lief! Ein sogenannter Finnbackwallfisch hat es allerdings in der Gewohnheit, mit der Harpune in solcher Art fortzulaufen, und deßhalb ist sein Fang so schwer und undankbar, und die Wallfischfänger wollen auch Nichts von ihm wissen; giebt er doch auch viel zu wenig Thran für die Mühe, die er kostet, so daß der Gewinn in keinem Verhältniß zu der Gefahr steht. Der Spermwal dagegen läuft gewöhnlich erst eine Strecke gerade aus, und hält dann ein und taucht in nicht zu große Tiefe unter, weil er bald zum Athemholen wieder an die Oberfläche zurückkehrt. Dadurch nun giebt er dem an ihm festgekommenen Boot Gelegenheit, ihm den Todeswurf mit der Lanze hinter eine der beiden Seitenflossen zu versetzen – der einzige Platz, und der nicht einmal sehr große, wo er tödtlich getroffen werden kann.

Die Matrosen des vierten Bootes kümmerten sich aber wenig um das Laufen, denn sie wußten, daß ihr Vorspann damit bald aufhören würde. Sie lachten und jubelten, und besonders war der junge Harpunier ganz außer sich vor Vergnügen, daß er einen Fisch bekommen hatte, während der erste Harpunier, der ihn bis jetzt immer über die Achsel angesehen, mit leerem Boot zum Schiff zurückkehren mußte. Er konnte auch die Zeit nicht erwarten, bis ihnen der Wal in Wurfnähe kommen würde. – Daß er ihn sicher und gut traf, sollte seine Sorge sein.

»Es ist übrigens Zeit,« sagte der eine der Matrosen, »daß wir einmal richtig an einen Fisch festkommen, denn zehn Monate sind wir jetzt aus, mit noch nicht einer einzigen Tonne Thran an Bord – die Butter ausgenommen, die der Holzkopf von Koch für uns eingelegt hat. Das Schiff war bis jetzt wie verbrannt, ordentlich als ob wir verhext gewesen wären. Wenn wir den nur erst wenigstens sicher langseit und eingeschnitten hätten.«

»Keine Noth, mein Bursche,« lachte der Harpunier – »der lockert die Leine schon; er wird müde – holt ein – je eher wir heimkommen, desto besser.«

Zwei der Matrosen sprangen nach vorn und nahmen Hand über Hand die Leine ein; der Fisch schien in der That müde geworden zu sein, denn er lag entweder ganz still, oder schwamm auch vielleicht, wie sie das manchmal thun, in anderer Richtung langsam weiter.

»There she blows,« rief der eine Matrose plötzlich, mit unterdrückter Stimme, als er dicht voraus den Strahl erkannte. Der Fisch war an die Oberfläche gekommen, um Athem zu holen, und sie konnten jetzt deutlich erkennen, daß er noch von ihnen abgewendet lag, also nur einfach im Laufen inne gehalten hatte. Jedenfalls mußten sie so viel wie möglich von der Leine bergen, um ihm das nächste Mal, wenn er wieder einhalten sollte, näher zu sein. Beide Matrosen zogen so rasch ein, als sie konnten, vermochten aber dadurch nicht, das eingenommene Tau auch eben so schnell und ordentlich wieder aufzukoilen.

»Habt Acht da vorn,« sagte der Bootssteuerer, der das bemerkte, »und verwickelt die Leine nicht – wenn er plötzlich wieder anreißt –«

»Da kommt er wieder nach oben!« rief der Harpunier und sprang vorn auf die kleine Bank des Bugs, um besser von da ab ausschauen zu können, aber unvorsichtig genug trat er dabei in ein paar Schlingen des eingeholten Taues, und in dem Moment fast schoß der Fisch nach vorn und in die Tiefe, wobei er die Leine hinter sich herriß.

»Habt Acht da vorn!« rief noch einmal der Bootssteuerer, aber seine Warnung kam für den Harpunier zu spät. Während er mit dem rechten Fuß hinaustreten wollte, schlang sich die auslaufende Leine um diesen, und wie ein Blitz warf es ihn hinaus über Bord. Zu gleicher Zeit hatte sich eine Schlinge um den in der Mitte befestigten Krahn oder Nagelbalken geschlagen, an dem die Leine überhaupt befestigt wird, wenn sie halten soll, und pfeilschnell riß der Wal das Boot hinter sich her.

»Kappt das Tau!« war der erste, unwillkürliche Ruf des Bootssteuerers, der in diesem Augenblick seinen Platz nicht verlassen konnte, wenn er nicht das Boot gefährden wollte, das natürlich umgeschlagen wäre oder sich gefüllt hätte, sobald es die furchtbare Kraft des Wals auf die Seite riß. Ehe aber nur Einer der Leute dem Befehl Folge leisten konnte, schrie er auch schon wieder »Halt! laßt sein!« – denn wie er den Blick zurückwarf, sah er, daß das Boot des zweiten Harpuniers, von der frischen Brise begünstigt, kaum fünfhundert Schritte entfernt hinter ihm drein kam. Außerdem wußte er, daß der Harpunier ein ausgezeichneter Schwimmer war. Jenes Boot mochte ihn deßhalb aufnehmen, und wenn der Wal wieder hielt, konnte es herankommen und den verlorenen Offizier seinem eigenen Boot zurückbringen. Sie durften den gefangenen Fisch nicht so leichtsinnig aufgeben – weshalb hatte auch der Harpunier nicht besser aufgepaßt?

Jetzt ging die Reise wieder fort, rascher als vorher und immer nach Osten zu, und die Matrosen waren dabei eifrig beschäftigt, die fast in Verwirrung gerathene Leine wieder zu ordnen, daß sie das Boot nicht in Gefahr bringe. Das gelang ihnen endlich, und sie sahen zu ihrer Beruhigung, daß das zweite Boot ihren Harpunier gefunden hatte und an Bord nahm. Dadurch wurde jenes freilich in seinem Fortgang sehr aufgehalten, und sie ließen es jetzt weit zurück.

»Die holen uns im Leben nicht wieder ein, Sir,« sagte der eine Matrose, indem er den Kopf zurückwandte.

»Wär' auch kein Unglück, Bob,« lachte dieser trotzig – »weßhalb hält der junge Herr seine Finnen nicht aus der Leine – aber im schlimmsten Fall kannst Du das Boot doch eben so gut an einen Wal hinansteuern als ich, Bob; wie?«

»Sollte denken, Sir,« schmunzelte dieser, »bin wenigstens lange genug dabei und einmal selber eine Jahreszeit Bootssteuerer gewesen, als wir eines unserer Boote mit der Mannschaft verloren.«

»Nun gut,« nickte der Offizier, »sobald der Fisch wieder aufkommt, Bob, nimmst Du das Steuer, und ich denke, ich kann ihm die Lanze eben so gut an der richtigen Stelle beibringen, wie Mister Broom – und vielleicht noch ein verdammt Theil besser,« brummte er leise vor sich hin in den Bart.

Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, und die Bootsmannschaft war dabei so mit ihrem Wal beschäftigt, daß sie gar nicht auf die Tageszeit achtete, und daß die Brise anfing einzuschlafen. Weiter und weiter flogen sie, von dem verwundeten Thier in wilder Hast vorwärts geschleppt, und doch jeden Augenblick erwartend, daß es wieder halten und sie hinanlassen sollte.

»Hol' mich Dieser und Jener,« brummte da einer der Matrosen plötzlich – »da hinten geht die Sonne unter, und wo ist denn eigentlich unsere Martha's-vine-yard?«

Der Bootssteuerer warf den Blick zurück, aber er konnte ebenfalls Nichts mehr von dem Schiff erkennen, da sich noch dazu ein leichter Duft auf den westlichen Horizont gelegt hatte.

»Alle Wetter!« rief er aus – »Kapitän Burker wird doch wahrlich nicht verlangen, daß wir den ganzen Weg mit dem Fisch zurückrudern sollen? Der kann uns gar nicht gefolgt sein.«

»Vielleicht ist noch eins der andern Boote festgekommen, Sir,« sagte Bob, »und er hat sich mit dem aufgehalten.«

»Und was machen wir jetzt?« rief der Bootssteuerer – »wir können doch wahrhaftig jetzt, im letzten entscheidenden Augenblick, den Fisch nicht aufgeben?«

Die Leute schwiegen. Sie wollten den Fisch natürlich auch nicht gern einbüßen, denn es war das Erste, was sie auf ihrer langen Fahrt verdient hatten; dann aber auch kannten sie recht gut selber das Gefährliche ihrer Lage, wenn sie auf offener See ihr Schiff verloren.

»Es ist eine ganz verfluchte Geschichte,« brummte Bob – »und wo steckt denn nur das zweite Boot? vorhin war es doch noch hinter uns!«

»Eben hab' ich es da drüben noch gesehen,« sagte Dick, ein Anderer der Leute – »jetzt müssen sie aber ihr Segel eingenommen haben, ich kann Nichts mehr erkennen.«

»Die Brise ist ganz eingeschlafen,« sagte der Bootssteuerer, indem er sein Gesicht nach Süden wandte – »die See fängt an wieder glatt zu werden.«

»Wenn der verdammte alte Thrankasten nur von der Stelle käme!« knurrte da Bob, »so hätten sie uns gar nicht im Stich lassen können, und jetzt dürfen wir nur ruhig die Leine kappen und uns selbst das Brod vom Munde wegschneiden.«

»Hol's der Teufel, Leute!« rief der Bootssteuerer, »wenn ihr denkt wie ich, so lassen wir unsern Vorspann noch eine Weile ziehen. Lange kann er es nicht mehr aushalten – er hat schon eine etwas andere Richtung genommen und sich ein wenig mehr nach Süden gewandt. Das ist immer ein sicheres Zeichen, daß sie müde werden. Kommen wir dann, bis völlig Nacht, nicht fest – nun denn in Gottes Namen, dann haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit gethan, und sind dann auch nicht viel weiter vom Schiff als jetzt.«

Die Leute erwiederten Nichts, und in unverminderter Schnelle flog indessen der Wal mit ihnen durch die Fluth – aber er hielt nicht an. Die Sonne war im Meer verschwunden, und bleiern lagerte sich die Nacht auf den Ozean.

Der Bootssteuerer hatte Bob das Ruder gegeben und stand vorn an der Leine – plötzlich fühlte er, daß diese schlaffte.

»Beim Himmel, er hält!« rief er vergnügt aus – »so ist's vielleicht doch noch nicht zu spät.«

»There she blows!« rief der eine Matrose.

Der Wal war nach oben gekommen, verschwand aber im nächsten Augenblick wieder, und schon hatten die Leute ein tüchtiges Stück von der Leine eingeholt, als sie ihnen der Wal wieder aus der Hand riß, ohne daß sich ihr Boot aber von der Stelle bewegt hätte.

»Los mit Eurer Leine!« rief Bob, der Erfahrung genug mit diesen Burschen hatte – »nehmen Sie das Beil zur Hand, Mr. Sikes!«

Der Bootssteuerer folgte fast unwillkürlich der Warnung, und der alte Bob hatte nicht unrecht gehabt – der Wal tauchte mit rasender Schnelle. Die letzten Theile des losgeworfenen Taues flogen zischend über Bord, gerade nach unten zu, und mit der letzten Elle hatte der Bootssteuerer kaum noch Zeit, das haarscharfe Beil auf den Bootsrand niederzuhauen. Das Tau schlug ihm ordentlich das Beil fort, als auch im nächsten Moment der Bug ihres Bootes bis auf den Wasserrand niedergestaucht wurde und die salzige Fluth ihre Woge hineinwarf. Glücklicher Weise aber war das Tau schon so weit durchgehauen, um sie nicht ganz hinabzerren zu können – die letzten Fasern rissen, und während das von seiner ungeheuren Last befreite kleine Fahrzeug auf- und niedertanzte, war allerdings die unmittelbare Gefahr beseitigt, aber der Wal auch mit ihrer ganzen Leine verloren.

Zweites Kapitel.
Im Nebel.

»Hell!« sagte Bob lakonisch, indem er sich auf die Bank niedersetzte und einen noch viel wilderen Fluch in seinen Tabak hineinkaute – »ob der alte verbrannte Kasten denn nicht Unglück mit Allem hat, was er anfängt. Da sitzen wir jetzt, den Harpunier nach der einen und den Wal nach der andern Seite, und außerdem noch das ganze Schiff und Leine und Harpune verloren, und keine Tonne Thran für irgend Etwas bekommen. Es ist zum Halsabschneiden.«

»Das nächste Mal mehr Glück, Bob,« sagte der Bootssteuerer, indem er aber selber in nicht viel besserer Laune der Richtung nachsah, in welcher der Spermfisch verschwunden war. »Es ist eine verfluchte Geschichte, ja, läßt sich aber nun doch einmal nicht mehr ändern, und wir haben wenigstens unsere Schuldigkeit gethan. Und nun an eure Ruder, meine Burschen, daß wir wenigstens das Schiff wiederfinden, denn in der Windstille wird es uns wohl nicht weggelaufen sein.«

»Weggelaufen, nein,« brummte Bob, »der alte Kasten läuft schon nicht fort, aber weggetrieben. Und wenn wir's nun nicht finden?«

»Ach was,« sagte der Bootssteuerer, »nicht finden – der Kapitän hat jedenfalls seine bunten Signallaternen aushängen, die man meilenweit leuchten sieht. Vorwärts, ihr Leute, laßt uns keine Zeit mehr versäumen.«

»Und sollten wir nicht erst ein wenig essen, Sir?« frug der alte Matrose – »wir haben eine lange Arbeit vor uns.«

»Ich traue dem Wetter gar nicht,« meinte der Offizier. »Da drüben im Osten lag es schon vor Sonnenuntergang wie eine feste Wolke auf dem Wasser.«

»Das war das Land, Sir,« sagte Bob, – »ich kenne die Küste, da drüben regnet's immer.«

»Na meinetwegen, dann können wir auch eben so gut erst unsere Mahlzeit halten – nachher aber scharf wieder an die Arbeit. Was kann's helfen, es ist ja doch einmal unser Geschäft.«

Die Leute erwiederten nichts. Sie waren ordentlich hungrig geworden, und der Schiffszwieback mit dem Salzfleisch mundete ihnen vortrefflich. Sehr mäßig tranken sie aber dazu von dem mitgenommenen Wasser, denn in einem Boot auf offener See kann man nie wissen, wie lange man gezwungen ist, auszuliegen, und je vorsichtiger man dabei mit dem Wasser umgeht, desto besser.

Der Bootssteuerer versuchte indessen das kleine Spintje zu öffnen, das sich im Boot befand, aber der Schlüssel stak nicht – den hatte der Harpunier in der Tasche. Eine Weile überlegte er es sich – den darin befindlichen Kompaß gebrauchten sie eigentlich noch nicht – aber die Flasche Rum – ein Schluck davon würde ihnen Allen wohlgethan haben. – Es war auch außerdem besser, wenn sie den Kompaß heraus hatten, – und zu der Ueberzeugung gekommen, nahm er ohne Weiteres das kleine Handbeil, schlug mit dem dicken Ende desselben auf das Schloß und sprengte es.

Dadurch brachte er auch die Leute in etwas bessere Laune; denn man glaubt nicht, welche wohlthätige Wirkung, mäßig genossen natürlich, ein Schluck Grog oder auch reiner Rum auf See und in der feuchten Luft ausübt. Wie aber Jeder sein Glas ausgetrunken hatte, mahnte der Bootssteuerer wieder zur Heimkehr an Bord, und die Leute griffen jetzt ihre Ruder auf.

»Merkwürdig, Mr. Sikes,« sagte da Bob, indem er seinen Riemen in die Dolle warf, »was für ein sonderbarer Schein auf dem Wasser liegt. Es sieht ordentlich aus, als ob es rauchte – wenn wir nur keinen Nebel bekommen – das wäre ein schöner Spaß.«

»Hm,« sagte der Angeredete, indem er den Blick nach rechts und links hinüberwarf, »'s ist mir auch schon so vorgekommen – wär' bös, Bob, aber wollen's nicht hoffen. Vorwärts, ihr Leute, wir dürfen keinesfalls mehr Zeit versäumen.«

Die Leute hatten die Ruder eingelegt und fingen an zu arbeiten – aber nicht willig. Die Vordersten flüsterten leise mit einander und ruderten dann wieder schweigend weiter. Was der alte Matrose gefürchtet, sollte sich aber nur zu rasch bewahrheiten, denn trotz der Dunkelheit wurde der über dem Meer lagernde Duft immer bemerkbarer und hob sich dabei höher und höher, so daß sie jetzt schon gar nicht mehr voraus, sondern nur noch einzelne Sterne sehen konnten.

»Mr. Sikes,« sagte Bob, »die Geschichte wird faul. Die Lichter an Bord sind wir nicht mehr im Stande zu erkennen, und wenn wir vorbeifahren, haben wir das blaue Weltmeer vor uns.«

»Aber Bob, wir sind noch lange nicht weit genug gefahren, um das zu ermöglichen,« sagte der Bootssteuerer. »Ein paar Stunden dürfen wir noch immer so fortrudern.«

Bob warf – während die Leute sämmtlich mit Rudern aufgehört hatten – den Blick nach oben. Der Nebel war indessen so hoch gestiegen, daß er schon wie ein Schleier über ihnen lag und nicht einmal die Sterne mehr deutlich erkennen ließ.

»Das thut's nicht, Sir,« sagte er – »wenn wir jetzt irre fahren, reiben wir unsere Kräfte auf und wissen nachher nicht einmal, nach welcher Richtung wir das Schiff suchen sollen.«

»Wenn man nur den Kompaß erkennen könnte,« sagte der Bootssteuerer, selber jetzt unsicher gemacht – »aber es ist ja stockdunkel und nicht einmal eine Laterne in der Spintje – die gehörte eigentlich hinein.«

Die Leute hatten, ohne einen weiteren Befehl abzuwarten, ihre Ruder aufgenommen und in das Boot gelegt. Der Bootssteuerer schaute eine Weile schweigend und unschlüssig vor sich nieder, aber er sah in der That selber keine Möglichkeit, mitten in Nacht und Nebel einen bestimmten Kurs zu halten. Ja wenn sie noch Wind gehabt hätten, so konnten sie eher auf- und absegeln, ohne die Leute zu erschöpfen, und wer wußte denn, ob sie nicht am nächsten Morgen ihre Kräfte nothwendig brauchen würden.

»Es wird nicht anders,« seufzte er endlich leise – »wir müssen jedenfalls den Nebel abwarten. So legt Euch denn schlafen, Leute, und ruht Euch aus – aber eine Wacht müssen wir halten – wir können ja einander ablösen, denn es wäre doch möglich, daß das Schiff in unsere Nähe käme oder einen Schuß feuerte, nach dem wir im Stande sind, die Richtung zu bestimmen.«

»Gut, Sir, dann will ich die erste Wacht nehmen,« sagte Bob, »ich bin doch noch nicht müde, und wenn wir alle zwei Stunden abwechseln, wird ja der Morgen auch da sein.«

»Aber sowie der Nebel sinkt und die Sterne wieder sichtbar werden,« sagte Mr. Sikes, »weckt Ihr augenblicklich.«

»Gewiß, Sir,« nickte der Alte, und zog die neben ihm liegende dicke Jacke an, die er sich in Vorsorge mitgenommen hatte, und um die ihn die Uebrigen jetzt nicht wenig beneideten. Der Nebel fiel recht kalt und naß, und es war eben kein angenehmer Aufenthalt in dem offenen Boot.

Mr. Sikes suchte sich jetzt ebenfalls so gut als möglich wegzustauen, um der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzuringen; es war das aber nicht so leicht, und bequem konnte er es sich auch nicht machen. Von der Anstrengung und Aufregung der letzten Stunden erschöpft, schlief er aber doch endlich wirklich ein, und Grabesstille herrschte in dem kleinen Fahrzeug.

Und weshalb schliefen die Leute nicht? – müde hätten sie wohl auch sein können, aber andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, und als sie erst sicher wußten, daß der Bootssteuerer sie nicht mehr hörte, saßen sie vorn im Bug des Bootes gedrängt zusammen und flüsterten leise miteinander.

Bob schien anfangs nicht ganz ihrer Meinung zu sein, denn er schüttelte ein paarmal entschieden mit dem Kopf; endlich hörte er still und schweigend zu, und als sich die Anderen zuletzt zum Schlafen niederlegten, saß er noch lange regungslos auf seinem Bret und starrte in tiefen Gedanken in den Nebel hinaus.

Wie er zwei Stunden gesessen hatte – er konnte auf seiner alten silbernen Uhr den Zeiger fühlen – weckte er die nächste Wacht. Im Wetter hatte sich indessen noch nichts geändert, als daß der Nebel dichter zu werden schien. – Nicht der Schimmer eines Sternes ließ sich mehr erkennen, und ebensowenig regte sich ein Luftzug –

»Phh! – Phh!« hörte die Wacht da dicht neben dem Boot das Schnaufen von zwei Wallfischen, die langsam und behaglich ihre Bahn verfolgten, und so willkommen ihnen Allen gewiß der Ton an Bord ihres Schiffes oder mit ihren Waffen in Ordnung gewesen wäre, so ängstlich horchte der Mann jetzt dem zischenden Laut. Sie hatten nicht einmal mehr eine Leine an Bord, wenn sie wirklich daran denken konnten, einen der Fische zu harpuniren, und rannten die riesigen Thiere jetzt zufällig gegen ihr Boot an, so war es verloren.

»Hallo! hallo!« rief auch der Matrose, als das Schnaufen sich wiederholte, und jetzt zwar in kaum zwanzig Schritten vom Boot selber – »Wallfische! habt Acht! Bootssteuerer, Bob, Bill – auf mit Euch!«

Die Leute sprangen erschreckt empor, und in demselben Moment fast gingen die beiden schwerfälligen Geschöpfe, ohne das Boot zu sehen oder zu beachten, unmittelbar daran vorüber, und zwar das eine rechts, das andere links, daß man sie hätte mit einem Bootshaken erreichen können. Die Mannschaft griff auch in der That erschreckt nach ihren Rudern, obgleich ihnen die Nichts mehr hätten nützen können – aber die Gefahr war schon vorüber und das Boot schaukelte nur etwas stärker in dem aufgeregten Element.

»Das hätte noch gefehlt,« brummte der Bootssteuerer, als er bestürzt und noch halb im Schlaf hinter ihnen drein sah – »und den Nebel dazu – Wie viel Uhr ist's, Bob?«

»Geht auf Elf, Sir,« erwiederte dieser, nachdem er seine Uhr wieder befühlt.

»Elf erst – das wird eine lange Nacht,« seufzte der Seemann und rückte sich wieder auf seiner Bank zurecht.

Die Wachen wechselten, aber in der Witterung änderte sich Nichts. Der Nebel lag zäh und milchweiß auf dem spiegelglatten Meer, und als der Tag anbrach, war die Sonne nicht einmal im Stande durchzudringen. Der Bootssteuerer aber, mit der Verantwortlichkeit, die er für das Boot trug, schien auch nicht gesonnen, längere Zeit zu versäumen, und kaum war es hell genug genug geworden, um den Kompaß zu erkennen, als er sich in der See Gesicht und Hände badete, und dann von den Lebensmitteln unter die Leute vertheilte.

»So, meine Burschen,« sagte er dabei, »jetzt eßt, und dann an die Arbeit. Ihr habt nun ordentlich ausgeschlafen und wir müssen sehen, daß wir die Martha's-vine-yard wiederfinden, Nebel oder keiner. Jedenfalls läuten sie doch die Glocke an Bord und blasen oder schießen wohl auch ein paarmal, und wenn wir nur halbwegs in die Nähe kommen, müssen wir es ja hören.«

Die Leute verzehrten schweigend ihr frugales Frühstück, ohne ein Wort auf die Anrede zu erwiedern. Sie beeilten sich aber auch nicht damit und nahmen dann, als sie fertig waren und keine Entschuldigung mehr hatten, ihre Ruder langsam auf und legten sie in die Dollen. Der Bootssteuerer hatte indessen mit dem Steuerriemen, den kleinen Kompaß neben sich stehend, den Bug nach Westen herumgeworfen.

»Ein mit Euren Riemen, Ihr Leute,« rief er dabei. »Zögern hilft uns Nichts. Je länger wir hier warten, desto später kommen wir an Bord.«

Keiner der Matrosen rührte sich, um dem Befehl zu gehorchen; sie starrten schweigend und finster vor sich nieder, und augenscheinlich mochte Keiner von ihnen zuerst das Wort ergreifen.

»Nun? wird's bald?« sagte der Bootssteuerer, die Stirn runzelnd.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Sikes,« übernahm der alte Bob die erste Eröffnung – »die Leute denken, daß wir in dem Nebel das Schiff verfehlen werden und nachher ohne Wasser und Lebensmittel da draußen verschmachten müssen!«

»Und wollt Ihr hier liegen bleiben?«

»Nein – aber das feste Land ist nicht so schrecklich weit. Wir haben gestern Abend schon die Wolken gesehen, die darüber liegen, wenn man auch die Berge noch nicht erkennen konnte, und je weiter wir wieder nach Westen fahren, desto weiter kommen wir vom Lande ab, und sind vielleicht nie mehr im Stande es zu erreichen.«

»Das feste Land?« rief der Bootssteuerer erstaunt aus, »und wißt Ihr nicht, daß Ihr zur Martha's-vine-yard gehört?«

»Das Schlimmste, was uns passiren konnte,« brummte der Eine der anderen Leute, Bill, der Segelmacher; »verdamm' den alten blutigen Kasten; ich wollte, ich hätte ihn mein Lebtag nicht gesehen, denn Alles, was er ergreift, hat Unglück.«

»Auf dem Schiff liegt ein Fluch,« sagte jetzt auch Tom. »An vier, fünf Fischen sind wir schon fest gewesen, aber den ersten Tropfen Thran sollen wir noch zu sehen kriegen. Zehn Monate sind wir jetzt aus und haben nicht einmal genug eingebracht, um uns die Stiefel damit zu schmieren.«

»Ja, und sitzen dabei in Schulden bis über die Ohren,« fiel Dick, der Vierte, ein. »Keinen Cent verdient und dann auch noch vierzig oder fünfzig Dollars der Mann für warme Kleider zu bezahlen, daß uns am Kap die Seele nicht aus dem Leib fror. Ich will von Heuschrecken zu Tode getreten werden, wenn ich wieder einen Fuß auf den verdammten Blubberkasten setze.«

»Also Meuterei?« rief der Bootssteuerer, sich emporrichtend und die vier mürrischen Burschen mit seinem Blick überfliegend – »und wißt Ihr, welche Strafe darauf steht?«

»Ach was, Sir,« sagte aber auch Bob jetzt, »das ist keine Meuterei, wo wir mit dem Boot, im Nebel verloren und Gott nur weiß wie weit vom Schiff entfernt, auf offener See sind. Nur unser Leben wollen wir retten, daß es uns nicht am Ende geht wie den Booten vom Essex, auf denen die Mannschaft zuletzt darum loosen mußte, welchen von ihnen sie fressen wollten, um nur nicht zu verhungern. Jetzt können wir noch an Land kommen, die See ist ruhig und die Küste nicht so weit – morgen vielleicht schon nicht mehr.«

»Aber heute auch nicht, meine Burschen,« schrie da der Bootssteuerer, den der Zorn übermannte, indem er das neben ihm liegende Beil aufgriff; »verdamm' meine Seele, wenn ich nicht dem Ersten, der jetzt noch zu murren wagt, den Schädel einschlage wie einer faulen Robbe! Ein mit Euren Rudern, sag' ich – Ihr wißt –«

»Damn your eyes,« fuhr der Bill empor, »werft oder schlagt und seid verdammt, aber Einen könnt Ihr nur treffen, und daß die Anderen dann die Haifische mit Euch füttern, darauf dürft Ihr Euch verlassen.«

»Wenn's darauf ausgeht,« rief da Tom, der Dritte, indem er sein Ruder einzog und eine der vornliegenden Lanzen aufgriff und wandte, »so spielen wir auch noch mit. Legen Sie Ihr Beil hin, Mr. Sikes, Sie sehen, daß Sie gegen vier Mann Nichts machen können. Wir wollen Ihnen auch kein Leides thun und haben nie daran gedacht, aber verdammt will ich werden, wenn ich Ihnen nicht das alte Eisen mitten in den Leib hineinwerfe, sowie Sie nur den Arm heben.«

Der Bootssteuerer hatte das scharfe Beil krampfhaft festgepackt, und es zuckte ihm im Arm, seine Drohung wahr zu machen – aber er sah die Unmöglichkeit ein, die vier kräftigen Seeleute zu ihrer Pflicht zu zwingen, wenn er sich nicht selber sicherem Verderben aussetzen wollte.

»Meuterei! bei Gott! helle, blanke Meuterei,« knirschte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch; »und wißt Ihr denn, was Ihr an der fremden Küste findet, und ob Ihr da nicht erst recht von wilden Menschenfressern angefallen und todtgeschlagen werdet?«

»Hat keine Noth, Sir,« lachte aber der alte Bob; »an der Küste fressen sie Keinen, und verwünscht wenig Indianer, die wir da antreffen werden. Bill hat aber recht. Ich bin selber schon auf manchem Whaler mein Lebstag gewesen, so erbärmlich ist's mir aber noch auf keinem gegangen, und wenn wir Nichts fangen, wird uns nicht einmal für unsere ganze Arbeit etwas zu Gute gethan, und wir müssen die paar Lumpen etwa zu dem vierfachen Preis von dem, was sie in Edgarton gekostet hätten, aus unserer eigenen Tasche bezahlen.«

»Und habt Ihr das nicht etwa vorher gewußt, Sirrah?«

»Allerdings, Mr. Sikes,« erwiederte Bob ruhig, »aber was wir vorher nicht wußten, war, daß wir in einem solchen alten nichtsnutzigen Wrack auf eine solche Reise geschickt werden sollten. Angemalt hatten sie das alte Ding wieder hübsch genug, aber die Farbe hielt das Seewasser nur nicht heraus, und jeden Tag, ein paar Jahre lang zwei oder drei Stunden an den verdammten Pumpen hängen, ist auch eben kein Vergnügen.«

»Und trägt Euer Kapitän daran die Schuld?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Bob vorsichtig; »wir haben es hier aber gar nicht mit dem Kapitän zu thun, wir wissen nicht einmal, wo er mit dem Schiffe steckt, und können ihn nicht suchen, ohne uns der größten Lebensgefahr auszusetzen. Den Nebel hat der liebe Gott geschickt – es ist ein Naturereigniß, gegen das wir nicht im Stande sind anzukämpfen, und wenn wir uns jetzt weigern, auf's Gerathewohl mitten in den Ozean hinauszufahren, um dort vielleicht elend zu Grunde zu gehen, so ist das keine Meuterei, sondern nur einfache Selbsterhaltung. Wüßten wir gewiß, nach welcher Richtung wir die Martha's-vine-yard suchen sollten, und läge der Nebel nicht so dick, es würde Keinem von uns einfallen, seiner Pflicht zuwider zu handeln.«

»Dann macht, was Ihr wollt,« rief der Bootssteuerer, das Beil, das er noch immer in den Händen hielt, ingrimmig auf den Boden des Bootes schleudernd; »ich habe dann aber mit der Führung des Fahrzeugs Nichts mehr zu thun, und betrachte mich als Gefangenen.«

»Das können Sie nun machen, wie Sie wollen,« lachte Bill. Bob aber schüttelte den Kopf und rief: »Nein, Mr. Sikes, Sie sind so wenig ein Gefangener als ich oder Einer der Anderen, aber daß Sie nicht mehr steuern wollen, kann ich Ihnen nicht verdenken. Als Offizier des Boots ist es vielleicht Ihre Pflicht, bis zum letzten Moment auszuhalten, und wenn es später einmal nöthig werden sollte, wollen wir Ihnen gern bezeugen, daß Sie Ihre Schuldigkeit gethan und sich nur gezwungen der Mehrzahl fügten. Wollen Sie mir das Steuer erlauben – wir wechseln nachher ab, Jungens, damit sich Jeder ein wenig ausruhen kann – und drei Riemen bringen uns ziemlich eben so rasch von der Stelle als vier – also vorwärts, meine Burschen. Bis nicht die Sonne so hoch kommt, daß wir sie sehen können, müssen wir uns nach dem Kompaß richten, und wo wir jetzt die Küste zuerst treffen, bleibt sich gleich. Wir rudern nachher so lange daran hinauf, bis wir am Ufer irgendwo eine Landung, oder einen bewohnten Platz finden können.«

Das Boot hatte sich indessen, und während der Verhandlung, langsam wieder gedreht und lag jetzt mit seinem Bug Südosten an. Bob brachte es mit einer einzigen Bewegung seines langen Ruders in den richtigen Kurs und die Matrosen legten sich jetzt aus Leibeskräften in die Riemen, um die Entfernung zwischen sich und dem Schiff nur so viel als möglich zu vergrößern, ehe der Nebel wich, und jeder Gefahr enthoben zu sein, wieder an Bord zurückkehren zu müssen. – An Land! es liegt für den Matrosen, wenn er sich lange Monate auf See herumgetrieben hat, ein eigener Zauber in dem Wort, und daß Keiner von ihnen auch nur einen Cent Geld bei sich trug, was kümmerte es sie, leichtsinniges Volk, das ja doch nur immer in den Tag hinein lebt, und jeden Einzelnen für sich selber sorgen läßt.

Jeder Seemann – überhaupt jeder Mensch, der viel in der freien Natur lebt, wie am Lande der Jäger, der Schäfer, der Hirt, ist abergläubisch. Er verkehrt zu unmittelbar mit den Elementen und ihren gewaltigen Wirkungen und Erscheinungen, und während er die Größe Gottes anstaunt, schleicht sich auch noch ein anderes Gefühl in sein Herz, – das Gefühl seiner eigenen Machtlosigkeit und Kleinheit, die ihn verhindert, gegen die ihn übervoll umgebenden geheimen Kräfte anzukämpfen. Er glaubt dabei an Vorbedeutungen und alle nur erdenkbaren Einflüsse feindlicher Mächte, und das ist schon so weit gegangen, daß in früheren Zeiten Matrosen ein unglückliches und vollkommen unschuldiges Menschenkind von ihrem Schiffe ausgestoßen und einem offenen Boot übergeben haben, weil sie den wahnsinnigen Gedanken gefaßt, daß dessen Anwesenheit an Bord allein verschiedene Unglücksfälle über sie heraufbeschworen habe und dem Schiff zuletzt verderblich werden müßte.

So hatte sich auch, schon vor Wochen, auf der Martha's-vine-yard der Glaube unter den Matrosen festgesetzt, daß ihr Schiff dem Unglück verfallen wäre, und keinen einzigen Fisch langseit bekommen würde – geschähe das aber wirklich, dann käme auch – wie schon damals – augenblicklich ein Sturm und zwänge sie, die schwer erkämpfte Beute wieder loszuwerfen und preiszugeben. Der gestrige Tag mit seinen Widerwärtigkeiten mußte sie denn noch mehr und fester in diesem Aberglauben bestärken, und tausendmal lieber wollten sie sich allen Gefahren aussetzen, die ihnen ein vollständig unbekanntes Land oder eine fremde Küste boten, als daß sie versucht hätten, ihr eigenes Schiff wieder zu finden.

Uebrigens rechtfertigte der nicht weichende Nebel wenigstens zum Theil ihre Flucht, denn so lange dieser anhielt, hatte sie in der That nur ein Zufall ihr Schiff treffen lassen, während sie, in der Irre umherfahrend, ohne Provisionen und Wasser, einer weit größeren Gefahr ausgesetzt waren, als ihnen das fremde Ufer bieten konnte.

Jetzt ruderten sie dem entgegen, und mürrisch, im Bug des Bootes, die Arme ineinander geschlagen und finster in den Nebel hinausstarrend saß der Bootssteuerer, ärgerlich mit sich und der ganzen Welt, und doch auch wieder vielleicht halb und halb zufrieden, daß er eben gezwungen wurde wegzulaufen, da er selber gut genug wußte, was sie erwartete, wenn sie ihr Fahrzeug wirklich in dem Nebel verfehlt hätten. Er konnte aber auch Nichts an der Sache ändern, denn gegen die vier kräftigen Seeleute vermochte er, als Einzelner, nichts auszurichten. Er mußte sie eben gewähren lassen, und Alles kam jetzt darauf an, welchen Punkt der Küste sie gerade erreichten.

Daß sie sich jetzt unter der Linie, oder wohl auch ein paar Grad nördlich davon befanden, wußte Mr. Sikes, weiter aber hatte er sich auch um die Beobachtung, die ihn an Bord des Wallfischfängers gar Nichts anging, nicht bekümmert, das war Sache des Kapitains und des für diesen Zweck angestellten Steuermanns gewesen, und wäre die Sonne wirklich herausgekommen, so führten sie nicht einmal einen Sextanten bei sich, um ihre Berechnung danach zu machen. Was kam auch darauf an! Die Küste lag jedenfalls im Osten, weit gestreckt von Süd nach Norden, und irgendwo mußten sie dieselbe treffen, wenn sie die eingeschlagene Richtung beibehielten. Uebrigens war auch noch eine Möglichkeit, daß sie unterwegs irgend ein anderes Schiff trafen, denn sie kreuzten ja hier eine der belebtesten Fahrstraßen des Ozeans, und das nahm sie entweder auf, oder sie erfuhren doch genau, wo sie sich befanden, und konnten wieder frisches Wasser und Provisionen von ihm bekommen – der Nebel blieb dann auch nicht ewig liegen.

Die Matrosen ruderten indessen ruhig und unverdrossen fort und wechselten nur dann und wann mit Steuern ab. Keiner von ihnen aber sprach ein Wort mit ihrem bisherigen Offizier, und nur, als sie die letzten Provisionen und die letzten Becher Wasser mit ihm theilten, thaten sie, als ob er noch bei ihnen an Bord wäre.

Aber der Nebel wich und wankte nicht, und während sie unausgesetzt fort an den Riemen lagen, hatten sie nicht einmal das Gefühl des Fortbewegens, denn es sah genau so aus, als ob sie in einem engbegrenzten Raum ruhig auf ein und derselben Stelle liegen blieben und keinen Fuß breit weiter rückten. Die Sonne stand, Bob's Uhr nach, im Mittag und über Kopf, aber selbst dann konnten sie keinen Schimmer derselben erkennen, und eben so wenig erhob sich ein Luftzug von irgend einer Seite. Die See sah aus wie geschmolzenes Blei, und schwül und drückend lag die Luft auf ihnen.

Und wie trocken ihnen die Zungen wurden!

»Ist kein Tropfen Wasser mehr im Faß, Bill?« frug Tom den Segelmacher, der gerade am Steuer saß. Bill schüttelte mit dem Kopf.

»Kein Tropfen mehr, Mate, – aber das Land kann ja auch nicht mehr so weit sein und dort giebt's Wasser genug.«

»Ich glaube wahrhaftig, wir sitzen irgendwo fest,« brummte Tom leise vor sich hin; »unser Boot muß rein verhext sein, denn es regt sich nicht vom Platz.«

Der Bootssteuerer, der sich fest vorgenommen hatte, mit der Führung des Bootes selber Nichts mehr zu thun zu haben, stand von seinem Sitz am Bug auf, stieg über die erste Ruderbank hin und ergriff den vierten Riemen, den er in die Dolle brachte und im Takt mit den übrigen einfiel.

Die Seeleute hatten es Alle bemerkt, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort, nur schärfer legten sie sich in die Ruder, denn jede Bootslänge, die sie hinter sich ließen, mußte doch auch die Strecke vermindern, die sie noch vom Ufer trennte.

Und die Sonne sank – zu sehen war sie nicht, aber der Nebel nahm eine immer grauere und dunklere Färbung an, bis der am Steuer sitzende Bob nicht einmal mehr den Kompaß erkennen konnte. Was nun? – es blieb ihnen Nichts weiter übrig, als ihr Boot ruhig treiben zu lassen. Die Strömung setzte sie hier, wie sie recht gut wußten, keinenfalls vom Lande ab, sondern viel eher nach Norden zu, und das war weiter kein Schade oder Verlust. Und dabei befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Boot – keine Krume Schiffszwieback – aber die präservirten Töpfe – von den Matrosen hatte noch Keiner daran gedacht, ja vielleicht gewußt, daß sie sich dort befanden. Der Bootssteuerer legte sein Ruder ein, ging zurück zum Spintje, holte die zwei ziemlich großen Blechbüchsen heraus, stellte sie neben das Steuerruder und nahm dann, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Sitz wieder ein.

»God bless you Mate,« sagte der alte Bob, als er die neue unerwartete Hülfe sah, »das kam zur rechten Zeit, um unser Volk bei Kräften zu erhalten. So ein Spintje ist Geld werth – wenn wir nur auch eine Flasche Wasser darin gefunden hätten.«

»Es steht noch eine halbe Flasche Rum drinnen,« sagte der Bootssteuerer.

»Beim Himmel, an den Rum hatte ich gar nicht mehr gedacht,« rief Bob, »und nun kommt, Jungens – morgen früh speisen wir vielleicht Bananen und Kokosnüsse. – Wetter noch einmal, das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich an so eine frischgepflückte Kokosnuß denke.«

Die eine Blechbüchse war bald geöffnet; sie enthielt eingekochten, frischen Hammelsbraten, der sich noch ausgezeichnet gehalten hatte, und wenn er auch für die fünf Männer keine volle Mahlzeit gab, so genügte der Inhalt doch wenigstens, ihren Hunger zu stillen. Ein Schluck Rum, dessen sparsame Vertheilung der alte Bob übernehmen mußte, half den Durst etwas löschen, und die vom langen Rudern ermatteten Seeleute streckten sich dann wieder, so gut es gehen wollte, im Boot aus, um ihre müden Glieder auszuruhen. Wache wurde indessen nicht gehalten, denn bei todter Windstille konnte auch kein größeres Schiff segeln, und es war deshalb unmöglich, daß sie mit einem solchen zusammentrafen. Sie brauchten keine Störung zu fürchten.

Es mochte etwas nach Mitternacht sein, als der Bootssteuerer erwachte. Der Durst peinigte ihn, und er bog sich über den Rand des Bootes und goß sich Wasser mit der Hand über den Kopf, um sich dadurch zu erfrischen und abzukühlen. Wie er noch so da lag und es wieder abtropfen ließ, kam es ihm vor, als ob er in der Ferne ein dumpfes Brausen höre. Was konnte das sein? Er hob den Kopf und horchte – ein Dampfboot vielleicht, das seine Fahrt die Küste entlang hatte? – Doch blieb das Geräusch an der nämlichen Stelle. – Aber er fühlte jetzt auch, daß sich der Wind erhoben hatte – leise zwar noch und kaum bemerkbar, aber es wehte doch ein schwacher Luftzug, dem jetzt auch sicher der Nebel weichen mußte.

»Bob!« rief er leise und schüttelte den neben ihm liegenden alten Mann.

»Ja wohl, Sir,« sagte dieser, noch voll im Schlaf; »halben Strich an Leebug.«

»Bob,« flüsterte der Bootssteuerer aber wieder, denn er wollte nicht gleich die ganze Mannschaft stören. »Der Wind erhebt sich – wir kriegen Brise ...«

»Das wär' recht!« rief der Seemann jetzt völlig munter und vergnügt aus. »Bei George, da ist schon eine Mütze voll, aber die Luft kann noch nicht durch den Nebel durch; sie streift nur darüber hin und drückt ihn immer fester auf die See nieder. Sehen Sie da oben, Mr. Sikes? – Da zuckt richtig schon ein Stern heraus.«

»Hört Ihr das Brausen, Bob?«

»Wo, Sir?«

»Gleich dort drüben hinter unserem Boot, aber ich weiß nicht in welcher Richtung, denn wir haben uns wer kann sagen wie oft herumgedreht.«

Bob horchte eine Weile, ohne ein Wort zu erwiedern, dann griff er in die Tasche und nahm eine alte Blechbüchse heraus, in der er sein Feuerzeug verwahrte. Den Kompaß trug er ebenfalls bei sich, und nachdem er diesen auf die Bank gestellt, schlug er mit Stahl und Schwamm Feuer und brannte dann eines der mitgenommenen Schwefelhölzer an. Im nächsten Moment aber auch, wie nur die Flamme so weit aufflackerte, daß er die Stellung der Nadel erkennen konnte, rief er jubelnd aus: »Die Brandung! Hurrah, Jungens! Auf mit euch, das Wetter klärt auf und Brandung voraus! Hurrah!«

Die Leute taumelten in die Höh' und hörten auch wohl, wie sie nur erst munter geworden, das dumpfe rollende Geräusch, aber es war doch noch zu unbestimmt, um es deutlich unterscheiden zu können; es klang wie aus weiter Ferne und doch wußten sie auch recht gut, wie leicht gerade dieser Laut, besonders bei schwerer, nebliger Luft täuschen kann und wie manches Schiff schon dadurch verloren gegangen ist, daß es die Warnung nicht früh genug beobachtete. Mit einem leichten Wallfischboot aber, das ja danach gebaut ist, um eben so rasch zurück wie vorwärts getrieben zu werden, hatten sie Nichts zu befürchten, und es wurde jetzt beschlossen, ohne Weiteres jener Richtung zuzufahren, damit man sich, wenn der Nebel endlich wich, doch auch sicher in unmittelbarer Nähe des Landes wußte. Im Nebel durften sie natürlich nicht anlaufen.

Die Leute griffen nach den Rudern, und Bob bat den Bootssteuerer, seinen alten Platz wieder einzunehmen – aber er weigerte sich. Er wollte nicht selber die Richtung von ihrem Schiff ab angeben, wenn es die Matrosen thaten, konnte er es nicht ändern – aber er half rudern.

Und die Brise wuchs – je weiter es gegen Morgen vorrückte, desto lebendiger wurde es auf dem Wasser. Deutlich schon kam ein großes Stück blauen Himmels zum Vorschein, und sie konnten sehen, wie die Nebelmassen anfingen nach links hinauf zu rücken. Jetzt endlich tauchte die Sonne aus dem Meer empor – die leichten Wolken, die sich hoch über ihnen erkennen ließen, waren von dem rosigen Licht übergossen, und nun plötzlich fingen die Wellen an sich zu kräuseln, und im Nu warfen die Matrosen mit einem Jubelruf ihre Ruder in's Boot und setzten die Segelstange ein. – Wer hätte noch einen Arm rühren mögen, wo ihnen der Wind jetzt selber vorwärts half!

Aber die Brandung? – Deutlicher und deutlicher unterschieden sie den dumpfen Laut – und wie das um sie her wogte und drängte. Manchmal war es, als ob die Bahn vor ihnen frei würde, und offene Gänge und Wölbungen bildeten sich in den dichten weißen Schwaden – dann plötzlich hüllte es sie wieder in dunkle Nacht, daß der am Steuer Sitzende nicht einmal den vorderen Theil des Bootes erkennen konnte. Die erwachende Brise hatte den Nebel zerrissen und schob ihn in aufgerollten Massen vor sich her, und jetzt plötzlich brach die Sonne hindurch – wie ein Schleier riß es von einander – und vor ihnen, dicht und unmittelbar vor ihnen, daß es aussah, als ob man mit einer Büchsenkugel hinüber schießen könnte, lag das grüne, bewaldete Land, während darunter die Brandung aber nur über niedere Sandbänke schäumte und zischte.

Unwillkürlich lenkte der am Steuer sitzende Bob den Bug des Bootes etwas vom Lande ab, wobei der Wind das Segel besser fassen konnte, und aller Blicke hafteten in gespannter Erwartung an dem Ufer – aber ein Landungsplatz ließ sich dort nicht erkennen, denn so weit das Auge reichte, schäumten die Brandungswellen über den Sand.

»Ja, Boys,« sagte da Bob, »in Amerika wären wir – oder wenigstens dicht bei, aber hier läßt sich auch nichts machen, so viel ist sicher, und da bleibt uns denn keine andere Wahl, als nach Norden aufzulaufen, bis wir die Möglichkeit sehen, irgendwo einzufahren. Nach Süden müßten wir dem Wind gerade in die Zähne laufen.«

»Wenn wir nur Wasser hätten,« stöhnte Bill.

»Da drüben ist genug,« brummte der alte Matrose, »wir können nur noch nicht dazu – aber da – theilt Euch unter den letzten Schluck Rum, ich brauche Nichts – ich halt's schon noch aus, und weit werden wir auch nicht mehr zu fahren haben.«

Die Leute fielen gierig über den Rum her, und das Boot verfolgte indessen, während auch die letzte Blechbüchse zum Frühstück geöffnet wurde, seine Bahn an der Küste hinauf. – Aber das Ufer blieb sich gleich – Wald, undurchdringlicher, unnahbarer Wald, so weit sie voraus schauen konnten; doch sie brauchten wenigstens nicht mehr zu rudern. Der Wind wehte scharf und frisch vom Süden herüber, und mit geblähtem Segel konnten sie rasch und ohne Arbeit ihre Bahn an der Küste hinauf verfolgen.

Ein paar von den Matrosen machten allerdings den Vorschlag, an einer Stelle, wo sich wenigstens keine Brandungswellen erkennen ließen, zu landen und in dem Wald nach Wasser zu suchen – nachher hielten sie es schon wieder eine Weile aus; Bob aber, der das Ufer besser kannte, schüttelte dazu den Kopf, denn er wußte, daß es aus Nichts als Manglaren- oder Mangrovesümpfen bestand, in deren Schlammboden sie nie einen Tropfen trinkbaren Wassers gefunden hätten. Es half Nichts; sie mußten eben aushalten, aber irgendwo im Lauf des Tages mußten sie ja doch eine Stelle höher gelegenen Landes, oder wenigstens eine kleine Flußmündung entdecken, in die sie dann einlaufen konnten. So lange das nicht geschah, waren sie genöthigt, die offene See zu halten.

Und in der Zeit litten sie Tantalusqualen, denn zu verlockend lag das grüne, schattige Ufer an ihrer Seite und es schien ihnen kaum denkbar, daß dort, wo Bäume wuchsen, nicht auch Quellen sprudeln müßten und der Fuß einen festen, trockenen Boden fände. Die Meisten von ihnen kannten freilich noch nicht die trügerischen Ufer tropischer Küsten, und erst als ihnen der Bootssteuerer Bob's Versicherung bestätigte, fügten sie sich seufzend in das Unvermeidliche.

Immer mehr senkte sich die Sonne dabei dem Horizont wieder zu, und noch nicht einmal ein Flußbett hatten sie in der weiten Baumöde entdeckt, das ihnen doch wenigstens verstattet hätte, die offene See zu verlassen, während es stromauf die Gewißheit menschlicher Wohnungen oder doch wenigstens hohen Landes bot. Da fuhr Bob plötzlich von seinem Sitz empor: »Was ist das da vorn?« rief er aus, mit dem Arm der Richtung zudeutend; »dort ist höherer Boden und dort läuft auch eine Bucht in das Land hinein.«

Die Blicke Aller hafteten an der bezeichneten Stelle, aber es ließ sich noch Nichts darüber entscheiden, bis sie näher kamen, und das dauerte noch eine gute Weile. Jetzt endlich öffneten sich die dicht mit Waldung bedeckten Arme der Bucht, und ließen eine Einfahrt wie eine Flußmündung erkennen, und lauter Jubel brach von den Lippen der Leute, als sie plötzlich in gelblich gefärbtes Wasser kamen.

Jetzt durften sie nicht mehr daran zweifeln daß sie sich nahe der Mündung eines Flusses befanden und mit der günstigen Brise hielten sie rasch rechts hinein.

Ueber eine Stunde fuhren sie aber noch, und wurden schon wieder zweifelhaft ob es nicht doch nur blos ein Seearm sei, der dort hinein führte.

»Was ist das da? jener helle Punkt?« rief plötzlich der Bootssteuerer aus, von seinem Sitz emporspringend und mit dem Arm nach vorn deutend.

»Ein Haus – ein Haus!« jubelten da die Leute, die jetzt ihre Leiden geendet sahen und sich wenig darum kümmerten, wer jenen Platz bewohnte, Wasser mußte er ihnen geben. Fast unwillkürlich griffen sie auch nach ihren Rudern, als ob sie mit diesen rascher ihr Ziel erreichen könnten, aber der Wind trieb sie schon schnell genug vorwärts, das Wasser kräuselte unter ihrem Bug und: »da ist noch ein Haus, da noch eines – das ist eine Stadt!« tönte es von Aller Lippen, als sie weiter nach Norden glitten und dadurch den Platz, den die am Ufer südwärts daran stehenden Manglaren bis jetzt verdeckt hatten, mehr in Sicht bekamen.

Jetzt war ihre Noth allerdings mit ihrer Seefahrt beendet, und als »schiffbrüchige Matrosen«, als welche sie sich betrachteten, da sie doch ihr Schiff im Nebel verloren, durften sie auch auf eine freundliche Aufnahme bei der Bevölkerung rechnen.

Indessen hatten sie den Hafen, oder vielmehr die offene Rhede des kleinen Ortes erreicht, und sahen, daß die Häuser, welche sie zuerst bemerkt, auf einer Art Landzunge standen, die sich weiter gegen die See hinaus erstreckte, während die Stadt selber mehr zurück lag und dicht gedrängt eine lange Reihe dunkelgrauer Schilfdächer zeigte. Aber nicht eine der stillen Tropenstädte schien es zu sein, in denen die Bewohner der heißen Zone den Tag verträumen und nur mit untergehender Sonne einen Spaziergang in der kühlen Abendluft suchen. Das wimmelte am Ufer ordentlich von geschäftigen Menschen, die herüber und hinüber liefen, und sonderbarer Weise bemerkten sie auch eine Menge Bewaffneter, deren Musketen in der Sonne blitzten, ja, als sie sich dem ersten Landungsplatz näherten, sahen sie, daß dieselbe fast ausschließlich von Soldaten besetzt sei, als ob ihnen diese die Landung streitig machen wollten.

»Was zum Teufel mag da los sein?« brummte Bob in den Bart, während er aber nichtsdestoweniger den Bug ihres Bootes in der nämlichen Richtung hielt; »ist die Bürgerwehr ausgerückt, oder sind die Indianer losgebrochen? Seh' ein Mensch die Soldaten an.«

»O, hol' sie der Henker,« brummte Bill, »zu trinken wollen wir haben, und wenn wir das Nest mit Sturm nehmen müßten – steht einmal ein Bischen bei den Lanzen vorn, Mates, daß sie uns auf die nicht springen, wenn sie entern wollten – Mitten hinein zwischen die Lumpe, Bob!«

»'S kann nichts helfen,« nickte Bob, »da sind wir einmal! Wenn nur Einer der blutigen Halunken Englisch spricht, daß man ihnen erklären kann, was man will. Hol' mich Dieser und Jener, da hinten kommt noch ein ganzes Bataillon angesetzt. Steht bei den Halyards, Mates, ich glaube wahrhaftig, die Kerls wollen uns zu Leibe,« und von seinem Sitz aufspringend ergriff er selber eine der Lanzen und stellte sich damit keck und unerschrocken vorn in's Boot neben Bill.