Zuerst war es die Schießwaffe der Weißen gewesen, deren Vorzug gegen den, tausend Zufällen unterworfenen, Bogenschuß er doch nicht ableugnen konnte; auch den Stahl hatte er zu gleicher Zeit vortrefflicher für Waffe und Werkzeug erkannt, als den schwer zu bearbeitenden Feuerstein, und manches fand solcher Art und ganz allmälig den Weg in seine Wohnung, was er im Anfang, als seinem Stamme feindlich, verschmäht und verachtet hatte.

In diesem Sinne schien er auch seine Hütte erbaut zu haben. Wohl den Vorzug erkennend, den das feste, solide, auf kräftigen Stämmen ruhende Dach gegen den schwanken, leicht beschädigten Wigwam haben mußte, errichtete er endlich für sich selbst ein solches Haus, aber nicht um darin zu wohnen, sondern um seinem eignen Wigwam, den er jetzt ganz nach der Sitte seiner Väter im Innern aufstellte, Schutz gegen Sturm und Wetter zu verleihen. Von außen glich also das Gebäude gänzlich einer der geräumigen westlichen Blockhütten, wie sie in den Ansiedlungen der Weißen von Baumwollen- und Maisfeldern umgeben liegen; kaum aber betrat der Fremde den, durch eine hölzerne Thür verwahrten niederen Eingang, als er sich plötzlich inmitten einer indianischen Fellhütte sah, in deren Mitte an schwankenden Stäben der große eiserne Kessel hing, und von wo aus der Rauch zu einem riesigen, mit wunderlichen Zierrathen behangenen und geschwärzten Büffelkopf emporstieg, diesen umkräuselte und durch die über ihm gelassene Oeffnung seinen Weg in's Freie suchte. Ueber dem Rauchfang aber, an langer, wohl dreißig Fuß hoher Stange, von Adlerfedern und anderem symbolischen Schmuck umweht, hingen und flatterten die Scalpe der von Tcha-to-ga's eigener Hand erschlagenen Krieger – eine fürchterliche Siegstrophäe über der friedlichen Heimat.

Die Sonne neigte sich ihrem Untergang – tief nach Westen sank sie hinab, und die Gipfel der stattlichen Baumwollenholzbäume, die sich dicht um die Lichtung herum dem Ufer wieder zudrängten, glühten und leuchteten in dem rosigen Licht. Aus dem niederen Sumpfland zogen leichte dunstige Schwaden heraus und strichen wie dünne Nebelwolken über die ruhig dahin strömende Fluth hin. Die Krähen und Blackbirds strebten schon gen Westen ihren altgewohnten Lagerplätzen zu und die langen Schatten der Waldriesen fielen, über Feld und Hofraum hinüber, bis weit in den blinkenden Strom.

Tcha-to-ga's Hütte lag ziemlich still und fast wie verlassen, nur weit hinten im Feld arbeiteten die Neger mit einigen indianischen Squaws, und dicht neben dem Haus flogen, in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen, Schaufeln voll Erde aus einem frisch gegrabenen Loche heraus und verriethen den Platz, wo der Häupling, nach Art der Weißen, einen Keller graben ließ, um über diesem später noch einen kleinen Nachbar-Wigwam zu bauen. Dicht vor der Thür des Hauses waren zwei Negermädchen mit der Zubereitung einer großen aufgespannten Büffelhaut beschäftigt, an der sie die Fleischseite mit scharfen Steinen abrieben, um sie dem Gerbestoff leichter zugänglich zu machen, und ein alter Neger zog eben, mit Anstrengung aller seiner Kräfte, ein leichtes Canoe aus dem Strome herauf an die höhere Uferbank, weil ein Dampfboot – dasselbe, was einige Zeit bei Redtown gelegen – gerade auf diese Seite des Ufers zukam und den kleinen Kahn leicht mit seinen Ruderschaufeln zerdrücken, oder wenigstens füllen und sinken machen konnte.

»Große Golly,« sagte der greise Afrikaner, als er von seiner Arbeit ausruhte und sich den Schweiß von der Stirne wischte, »piff – piff – piff – piff – piff – hui – wie geschwind großes Canoe stromab kommt, und – law de Mercy – wie dicht am Ufer hier – kann doch kein Holz haben wollen, hat rechts und links noch ganze Menge. – Buckra schlauer Kopf – kommt Geld zu verdienen zu Guinea und Indian – bis weit hier in Wildniß ein und bringt guten Whiskey und Pfannkuchenmehl – großer Mann Buckra – Gäbe was d'rum, wenn Sip sein Krug aus Küche hätte, ohne daß Missus was 'von merkt –«

Der Neger sah sich mit komischer Verzweiflung nach dem Haus um; denn er ließ nur höchst ungern eine so gute Gelegenheit vorüber gehen, ohne seinen sorgfältig versteckten Krug mit Whiskey zu füllen. Das Verbot seines Meisters lautet nämlich auf das Bestimmteste, auch keinen Tropfen des »giftigen Feuerwassers« im Hause zu dulden; das Boot näherte sich aber zu reißend schnell, und schon winkte ihm, während der Fox im Fluß mit dem Bug herumkam, um gegen die Strömung anzulanden, der vorn an der Larbordseite stehende Matrose zu, das Tau, was er zum Wurf bereit in der Hand trug, sobald es das Ufer berühre, zu erfassen, und dort um Stamm oder Wurzel zu schlagen und fest zu machen.

Vorn auf dem Boot, und zwar auf dem unteren Deck, standen der Capitain, der Mate, der Ingenieur und die vier Deckhands – die letzteren mit der Planke zwischen sich, die sie in dem nämlichen Augenblick an's Ufer hinauswerfen wollten, wo das Boot in erreichbare Nähe kam.

»Capitain,« rief jetzt der Lootse aus seinem kleinen Pilotenhaus herunter – »das ist doch ein Reiter, den wir hinter den Büschen am Ufer sahen.«

»Aus der Stadt schon?« rief dieser rasch zurück – »das ist nicht möglich – der Fluß macht hier den Bogen, da müßte er Flügel gehabt haben.«

»Nein, er reitet ganz langsam,« lautete die Antwort, »es scheint auch kein Indianer und trägt selbst keine Büchse.«

»Desto besser für ihn,« lachte Burkner – »sonst die Küste klar? wie weit sind die Reiter zurück?«

»Hahaha,« lachte der Lootse, sich nach der Stadt zu umdrehend, »wenn sie ihre Pferde todt rennen, können sie vielleicht gerade zur rechten Zeit kommen, uns sicher vor Anker und in der Mitte des Stromes liegen zu sehen – hui – wie der Alte sprudeln wird! – Sonst seh ich weiter Niemanden auf der Straße, wie hier vor'm Haus ein paar Frauen und einen alten Neger – da hinten im Feld scheinen die Arbeiter alle zu sein.«

»Gut denn – – an's Werk – steh bei dem Tau, Alter!« rief Burkner jetzt dem Afrikaner zu, dem, er wußte selbst nicht warum, das ganze Betragen des nahenden Bootes so wunderlich vorkam. Mechanisch aber und an Gehorsam gewöhnt, rief er sein »Ay, ay, Sir!« erfaßte mit dem linken Arm einen schlanken, stattlichen Baumwollenholzbaum, daß er mit dem schweren Tau und auf dem abschüssigen Boden nicht etwa ausglitt, fing dieses, als es ihm zugeworfen wurde, und schlang es im nächsten Moment rasch und geschickt um den Stamm. Zu gleicher Zeit schoß das Boot in dem hier tiefen Wasser dicht an die Uferbank an, die Planke wurde ausgeschoben und hinüber strömten, mit dem Capitain an der Spitze, die Männer, ihren schändlichen nichtswürdigen Raub auszuführen. Der eine Lootse aber blieb indessen oben auf dem Hurricanedeck stehen, um bei nahender Gefahr das Zeichen zu geben und die Dampfbootleute zu warnen.

Die Mannschaft hatte sich auch mit rücksichtsloser Lust dem Unternehmen hingegeben, und würde vielleicht mit eben der Bereitwilligkeit sich erboten haben, die Wohnung des indianischen Farmers zu plündern und in Brand zu stecken, wenn es der Capitain gerade verlangt hätte; es war ja nur ein Indianer, und durften die Weißen es leiden, daß diese heidnischen Rothhäute in keckem Uebermuth sich gegen ihre Obergewalt auflehnten? nein, wahrlich nicht, und der Plan, wie er ihnen von ihrem Capitain auf der raschen Fahrt bis hier herunter mitgetheilt worden, war ihrer Ansicht nach vortrefflich, den kecken unerträglichen Stolz der Rothhäute in etwas zu demüthigen. Es hätte kaum der Dollars bedurft, die jedem der Mannschaft nach glücklichem Gelingen versprochen worden, sie zu solchem Eifer anzuspornen.

Kein wilderes, trotzigeres und roheres Volk giebt es überhaupt in der weiten Welt, wie diese Bootsleute der westlichen Ströme, mögen sie nun zu Dampf-, Kiel-, Flatbooten oder Flößen gehören – die Hefe sämmtlicher Staaten ist in ihnen concentrirt, und ein ruhiges Geschäft verschmähend, treiben sie sich, heute verspielend und vertrinkend, was sie gestern mit saurem Schweiß verdient, Monate lang auf dem Strom herum, und jede Gelegenheit ist ihnen willkommen, die in Kampf oder rauher That irgend eine Abwechselung in das monotone Flußleben bringt. Nicht ein böses, sondern ein total vernachlässigtes Herz trägt dabei öfters die Schuld ihres wüsten Treibens, und an keine gute Macht glaubend, keine böse fürchtend, werfen sie sich mit toller Todesverachtung jeder Gefahr keck und rücksichtslos entgegen.

Ein solcher Menschenschlag war es, der jetzt, von dem gewissenlosen Capitain geführt, ans Land sprang, um sich, wie sie lachend meinten, »ihr Recht zu holen;« rohe Späße ertönten dabei von den durch Tabackssaft vergilbten Lippen, und flüchtigen Laufs flogen sie, mit keinen anderen Waffen als ihren Messern im Gürtel, die Uferbank hinauf, an dem Neger vorbei, dem Hause zu.

»God allmighty!« schrie der alte Afrikaner entsetzt, als er die wilde Schaar in solcher Art, und sicherlich in keiner guten Absicht an den Holzstößen vorbei nach der Thüre zu rennen sah, »was giebt's – wo brennt's?«

Die Negermädchen, die vor dem Hause arbeiteten, warfen erschreckt ihre Steine nieder und flohen der Thüre zu, und aus der frisch begonnenen Erdgrube tauchte ein rother Kopf und ein noch viel rötheres Gesicht darunter auf, das dem fröhlichen irischen Kellergräber Mc. Karthy gehörte.

»Hallo, meine Jungen – macht rasch, daß sie Euch nicht die Thür vor der Nase zuwerfen!« schrie der Capitain, dessen dürre Gliedmaßen ihn nicht so schnell vorwärts trugen, als er es wohl wünschen mochte – »Die Pest über die Wettermädchen!«

Und er hatte Ursache, zu schimpfen – wie Gazellen huschten die leichten Dinger über die Erde hin, und wenn sie auch nicht begriffen, was sie, mitten im Frieden, von weißen Männern zu fürchten brauchten, hatten die Dampfbootleute doch auch wieder einen viel zu bösen Ruf an allen Flußufern, um ihr Nahen ruhig abzuwarten, wenn sie besonders auf solch außergewöhnliche Art das Land betraten. Gerade vor dem Mate fiel auch die ziemlich starke Thür zu, und die inwendig rasch vorgeschobenen Riegel standen dem ersten Anprall des starken Mannes vortrefflich.

Kaum aber dröhnte dies erste Zeichen von Gewalt in den innern Raum, als auch von da aus der gellende Hülferuf geängstigter Frauenstimmen hervorschallte; der Ire sprang in demselben Moment aus seinem begonnenen Keller, und der Reiter der nur noch wenige hundert Schritt vom Hause entfernt, die dicht am Strom hinführende Straße herabkam, zügelte, erstaunt den Tönen horchend, sein Pferd ein.

»Hallo!« rief da der Lootse vom Deck herunter, »macht rasch – da oben kommen, beim Teufel, schon die rothen Hunde angesprengt – Donnerwetter, müssen die geritten sein!«

»Auf mit der Thür – auf, meine Burschen!« schrie ermunternd der Capitain – »Dem noch einen Dollar besonders, der zuerst in der Hütte ist!«

Der zweite Ingenieur – der erste stand an der Maschine auf seinem Posten – war links um das Gebäude gesprungen, und der Capitain selber wandte sich jetzt rechts, um jede mögliche Flucht der im Inneren Befindlichen aus einer, vielleicht hinten angebrachten Thür abzuschneiden. Der Mate warf sich aber mit kräftigem Fluch und noch viel kräftigerem Anprall, so tüchtig von den Seinen dabei unterstützt, gegen die hölzerne Thür, daß er die obere Angel aus ihrem Haspen riß und mit der ersten, polternd über sie weg zu Boden stürzte.

Ein zweiter gellender Hülfeschrei, von den Negressen ausgestoßen, folgte diesem Einbruch; der Mate, der augenblicklich wieder auf die Füße sprang, wußte jedoch viel zu gut, wie werthvoll seine Zeit sei, und kaum hatte ihn ein flüchtig umhergeworfener Blick belehrt, wo er das Mädchen, um das sie gelandet, zu suchen habe, als er sich mit lautem Triumph auf seine Beute warf.

A-na-las-ka, das arme zitternde Kind, war bei dem ersten Lärm der Mägde erschreckt zusammengezuckt, und der Gedanke, der sich ihr unwillkürlich von dem früheren, ja kaum verlassenen Leben der Wildniß aufdrängte, mußte natürlich der sein, daß ihre Wohnung von einem feindlichen Stamm überfallen wäre. Bebend und entsetzt fuhr sie von dem weichen, mit Büffelhaut überdeckten Lager, auf dem sie geruht, empor, und fast unwillkürlich entfloh der Name des Vaters ihren Lippen, als sie erstaunt weiße Männer, mit denen sie in Friede und Eintracht lebten, so wild und feindlich in ihre stille Heimat einbrechen sah.

»Was wollt Ihr?« rief sie und trat bis an das entfernteste Ende des Wigwams zurück, wo die Waffen ihres Vaters an einem dort fest in den Boden gestoßenen Pfosten hingen – »wen sucht Ihr?« und fast unwillkürlich griff die Hand nach der nächsten, mit scharfen Feuersteinen bewehrten Kriegskeule, die tief unter dem weißen mit Scalpen geschmückten Büffelschilde hing.

»Dich mein Täubchen,« rief ihr aber der Mate lachend entgegen – »sträube Dich nicht, mein Kind, Du bist unser.«

»Zurück!« schrie die Jungfrau, und die rasch gehobene Keule fuhr mit gut gemeintem Ziel nach dem Haupte des Räubers nieder. Der Arm aber, der die gewichtige Waffe führen wollte, war zu schwach – der gewandte und kräftige Bootsmann unterlief ihn leicht, und ehe die Waffe ihn treffen konnte, hatte er die sich machtlos in seinen Armen Sträubende erfaßt, emporgehoben und floh raschen Laufs mit seiner leichten Last, und von den übrigen Leuten gefolgt, dem Ausgang wieder zu.

»Bei Jäsus!« rief aber da der in seinen Weg springende Ire, der, rücksichtslos um all die drohenden, ihn umgebenden Gestalten, auf den Mate zusprang und diesen mit der einen Hand ergriff, während er ihm mit der anderen das Mädchen zu entreißen suchte – »Arrah, mein Schatz, was für ein Spalpeen Ihr sein müßt, gleich so mit der Thür ins Haus zu fallen, wenn Ihr mit der Tochter was zu sprechen habt!«

»Zurück da, Pat!« schrie ihn aber der Mate mit wildem Zorne an – »zurück da, oder –«

»Oder? mein Herz,« rief der unerschrockene Ire und stieß mit der Faust, ehe nur einer der Uebrigen es verwehren konnte, dem Mate so kunst- und boxergerecht zwischen die beiden Augen hinein, daß dieser halb betäubt zurücktaumelte und das Mädchen den Händen des Sohnes der »grünen Insel« überlassen mußte; der arme Teufel feierte diesen Triumph aber nur ungemein kurze Zeit. Fünf oder sechs kräftige Fäuste trafen in gleichem Augenblick seinen Schädel, daß er bewußtlos zusammenknickte, und zwei der Männer faßten schon im nächsten Moment die Jungfrau, während die Anderen den Mate unterstützten und zum Ufer schleppten.

»Macht fort – die Pest über das Zögern!« mahnte der Lootse vom Deck aus, und seine Klingel gab dem Ingenieur schon das Zeichen bereit zu sein – »bei Gott, Ihr werdet sonst abgeschnitten!«

»An Bord, an Bord!« trieb auch der Capitain, der jetzt hinter der Hütte vor der nahen Fenz zueilte, die er vorher überklettert hatte; denn hinten vom Felde her sah er die Arbeiter herbeistürmen, und auf der hart getretenen Straße hörte er das rasend schnelle Stampfen der heransprengenden Reiter – »hurrah, meine Jungen, an Bord!«

Er sprang von der obersten Stange herunter, über einen dort quervorliegenden, zum Feuerholz bestimmten Stamm weg, blieb im nächsten Moment mit dem Fuß an dem regungslos da ausgestreckten Körper des Iren hängen und stürzte, sich das Gesicht im Sand blutig scheuernd, zu Boden. Mit Blitzesschnelle aber, und die Gefahr recht wohl begreifend, in der er sich befand, raffte er sich wieder empor und sah eben, wie das arme zum Tod entsetzte Kind des Häuptlings von seinen Helfershelfern, die sich alle so rasch als möglich in ihr Fahrzeug drängten, an Bord geschleppt wurde.

»Halt – halt!« hörte er eine Stimme dicht hinter sich, aber er war der Letzte, nicht einmal umsehen konnte er sich mehr, wer ihn anrufe, und mit einem Triumphschrei flog er die Uferbank hinab, um die Planke zu erreichen, die zwanzig Hände in peinlicher Erwartung hielten, auf daß sie, sobald der Letzte nur an Bord gezogen sei, rasch hineingerissen werden konnte. Schon bewegte sich das Dampfboot langsam vom Ufer ab, und die Räder schlugen langsam und wie ungeduldig auf die unter ihnen vorbeischäumende Fluth.

Fast berührte sein Fuß das rettende Bret, da hörte er dicht hinter sich ein Prasseln und Brechen – scheu und unwillkürlich wandte er den Kopf, und – grad' neben ihm nieder – durch die Weiden und Sycamorenschößlinge, die gerade dort das Ufer umgürteten, mit tollkühnem, wildem Sprung, flog ein braunes prachtvolles Roß mit todesmuthigem Reiter die wohl sechzehn Fuß hohe Bank nieder auf den harten Kies der Landung. Das Roß brach auch zusammen unter dem ungeheuren Gewicht des Sturzes, der Reiter aber ergriff, ehe der entsetzt zurückprallende Amerikaner seinem Arm entgehen konnte, den laut Aufschreienden und riß ihn zu sich hin.

»Hülfe! – Hülfe!« stöhnte Capitain Burkner – und suchte dem rächenden Arm sich zu entwinden– wenige Schritte noch und er war gerettet – und hier – »Hülfe!« kreischte er – »um Gottes Willen, Hülfe!«

»Alle Wetter!« schrie da der Steward, der kaum zwei Secunden vorher die Planke erreicht hatte, und sich nun wieder wandte, seinem Capitain beizuspringen – des Kochs Arm hielt ihn aber zurück, und in dem nämlichen Moment glitt auch das andere Ende der Planke von der Kiesbank ab in's Wasser, das Boot bewegte sich vom Ufer ab, und Hülfe war von diesem aus nicht mehr möglich; denn jetzt donnerten auch schon oben auf der Uferbank die Hufe der verfolgenden indianischen Poneys heran, und die wilden Reiter warfen sich mit ihren Waffen in den Händen aus den Sätteln.

»Teufel!« schrie da der Capitain und riß ein bis dahin verborgen gehaltenes Bowiemesser aus seiner Weste vor – »so nimm denn das!« und mit kräftigem von Verzweiflung gestähltem Arm führte er einen grimmen Streich nach dem wehrlosen, aber nichtsdestoweniger hartnäckigen Gegner; glücklicher Weise hielt die Fellmütze diesen in etwas ab, doch der schwere Stahl glitt nieder, streifte aber nur den Arm.

»Raum hier!« rief da die Stimme des einen Ingenieurs vom Boot aus – »meine Kugel soll den Schuft da drüben bald loslassen machen – springt in's Wasser, Capitain!«

»Euer Körper deckt mich!« zischte der Fremde in des entsetzten Capitains Ohr, während er dessen Arme so fest umschlang, daß er keinen Streich weiter mit dem Messer führen konnte. »Die Kugel findet erst durch Euch zu mir die Bahn!«

»Schießt nicht!« rief der Erschreckte in Todesfurcht.

Ein wilder gellender Schrei, der dem zitternden Verbrecher das Blut in den Adern stocken machte, erdröhnte in diesem Augenblick dicht über ihm von der Uferbank aus, und ehe nur irgend Jemand an Bord des Fox einen festen Entschluß fassen konnte, umgaben zehn oder zwölf wilde kriegerische Gestalten den gefangenen Capitain, während wohl noch zwanzig Andere, die Büchsen auf den Schultern, die Kriegskeulen am Handgelenk, und die schäumenden Ponneys zu immer tollerer Eile anspornend, heranstürmten. An Widerstand war gar nicht mehr zu denken; der todtenbleiche Capitain sah sich in fast wunderbarer Schnelle gebunden und von der geschäftigen Schaar rasch auf die Uferbank gehoben, und hier erst fand er sich Antlitz zu Antlitz mit dem wie rasend aus seinem Wigwam stürzenden Vater der Geraubten.

»Mein Kind – mein Kind – wo ist A-na-las-ka – die schwankende Birke des Arkansas – A-na-las-ka! – Ha – bleichhäutiger Hund – das Dein Werk – Wo ist mein Kind?«

Und in der Rechten die Keule schwingend, fuhr seine Linke dem Elenden mit solcher Kraft nach der Kehle, daß sein Antlitz in wenigen Secunden eine fast dunklere Farbe annahm, als die Hand trug, die ihn umspannt hielt. Nicht ein Wort vermochte er, ob es sein Leben galt, über die Lippen zu bringen, und der nächste Moment hätte vielleicht sein Schicksal entschieden. Da war es der Fremde, der sein Leben rettete, und zwar eben derselbe Mann, der an dem nämlichen Nachmittag den Häuptlingen in Redtown den Rath gegeben hatte, die aufgedrungenen Whiskeyfässer zu zerstören.

»Halt, Tcha-to-ga!« rief der aus und hemmte mit emporgehobenem Arm die drohende Waffe – »Dein Kind ist auf jenem Boot – tödte diesen Mann und es ist für Dich verloren, – nur durch seine Freigabe kannst Du es rasch wieder in Deine Arme ziehen!«

»Führt mich an die Uferbank,« flehte mit zitternder Stimme der Elende, während er neue Hoffnung für das schon fast aufgegebene Leben schöpfte – »laßt mich frei, und in wenigen Minuten ist Eure Tochter hier am Lande.«

»Und geschieht das nicht,« zischte in kaum bezähmbarer Wuth der Indianer, »dann wird Tcha-to-ga des weißen Hundes Fleisch zerhacken, daß sich die Aasgeier mit Ekel von ihm wenden sollen – ugh! Tcha-to-ga ist ein Mann!«

Er ergriff den, nicht den mindesten Widerstand leistenden Weißen im Nacken und schleppte ihn bis dicht an die steile Uferbank; der Fremde aber, dessen kühner Sprung und rasche Entschlossenheit die Geisel gesichert hatte, schwenkte sein Tuch, nach dem, jetzt wohl an dreihundert Schritt von der Strömung hinabgeführten Boote zu.

»Pest, Gift, Tod und Bowiemesser!« rief ingrimmig mit dem Fuß stampfend, der Mate, der sich indeß von dem durch den Iren empfangenen Schlag erholt hatte, und vorn, nach dem Ufer hinüberschauend, auf dem Boot stand – »bei Gott erwischt, und der ganze schöne Spaß verdorben, des weißen Schuftes wegen – ob das nicht zum Verrücktwerden ist.«

»Sie winken mit dem Tuch herüber,« sagte einer der Feuerleute, der auf den seitwegs neben den Kesseln liegenden Holzhaufen geklettert war.

»Der Lump ist's, der mit dem Pferd von der Bank heruntersprang,« rief der eine Ingenieur – »daß er den Hals gebrochen hätte – die Canaille hielt sich auch so dicht hinter Burkner, daß ich keine Handbreit Raum für meine Kugel finden konnte.«

»Hallo da unten!« rief der Lootse vom Deck nieder, »wie wird's nun? – den Capitain haben sie weiß Gott beim Schopf gekriegt – ohne den dürfen wir doch nicht abfahren!«

»Give her a turn a head!«[10] lautete die lakonische Antwort des Mate – und vor sich hin murmelte er, »wenn sie ihm doch gleich eins über den Kopf gegeben hätten, dem hirnlosen Holzkopf – sich auf solche Art übertölpeln zu lassen.«

[10]: Laßt das Boot ein Bischen vorgehen.

Wenige Minuten später kämpfte das Boot wieder gegen die Strömung an und hielt, nur noch langsam die Räder gebrauchend, gerade der Stelle gegenüber, wo die Indianer, mit dem Gefangenen in ihrer Mitte, standen.

»Hallo, das Boot!« rief der Fremde.

»Hallo, das Ufer!« lautete die trotzige Antwort zurück; – hinter den Bäumen am Land, und an der ganzen einen Seite des Fox lagen die Büchsenschützen gedeckt und im Anschlag, um einen irgend versuchten Angriff leicht abwehren zu können.

»Setzt Eure Yolle aus und schickt die Indianerin an's Land,« sagte der Fremde, aber seine Stimme drang nicht bis zum Bord des Fox hinüber.

»Was giebt's?« frug der Mate zurück.

»A-na-las-ka, die schwankende Birke, sendet herüber!« schrie da Tcha-to-ga, mit vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme – »zögert und Euer Häuptling stirbt jede Handbreit den entsetzlichsten Tod.«

»Setzt das Boot aus, guter Tom,« bat in fieberhafter Angst auch jetzt der Gefangene, »macht rasch – macht um aller Heiligen Willen rasch, ich bitte Euch – ich befehle es Euch!«

»Feige Memme,« knurrte der alte Matrose leise vor sich hin, »hallo da, Jim, Ben, Virginny,« setzte er dann leise hinzu, »rasch in die Yolle, und Ihr da, Ned und Dick, holt die Dirne wieder herunter. Aber – es ist doch ein ehrlicher Tausch,« rief er dann noch einmal vorsichtig nach den am Ufer Stehenden hinüber – »die Dirne gegen den Capitain!«

Der Fremde winkte mit dem Tuch, zum Zeichen der Einwilligung.

»Ich hört' es lieber erst von der Rothhaut selber,« brummte der Mate – »wie ist's, Gentlemen, Ihr gebt den Capitain da frei, wenn Ihr die Dirne habt? – bei Gott, betritt er nicht in demselben Augenblick die Yolle, wo die Squaw heraussteigt, so fliegt ihr diese Kugel nach, und Ben Martin verfehlt verdammt selten sein Ziel.«

»Der bleiche Schuft mag gehen!« rief der Häuptling, sich stolz emporrichtend – »und hat er seinen Scalp lieb, so zeigt er sein blasses Antlitz nie wieder in Tcha-to-gas Jagdgrund.«

Es wurden keine Worte weiter gewechselt; denn das kleine Boot stieß in diesem Augenblick vom Dampfer ab, und in seinem Spiegel kauerte die zitternde, regungslose Gestalt der Jungfrau, die dunklen großen Augen fest und thränenleer auf das Ufer gerichtet. Obgleich sie die Ursache des Fürchterlichen gar nicht begriff, was mit ihr vorgegangen, hatte sie doch, als sie sich an Bord unter den rauhen Männern fand, kaum noch mehr auf Rettung gehofft, und jetzt, jetzt, wo sie am Ufer die Gestalt des theueren Vaters erkannte, die befreundeten Männer sah, die ihn umstanden, und den freudigen Zuruf hörte, der sie begrüßte, da hielt sie die Hände fest auf das pochende Herz gepreßt und fürchtete fast, daß diese ihr wie übernatürlich erscheinende Rettung nur ein süßer Traum sei, der ihr beim Erwachen zerrinnen und sie wieder elend, unendlich elend machen müßte.

Kaum berührte das Boot den Kies, als die Jungfrau auch mit einem Freudenschrei an's Ufer und in die Arme ihres Vaters flog – die Indianer, nie dem Feinde das gegebene Wort brechend, lösten die Bande des Weißen, und der Elende glitt in scheuer furchtsamer Hast die steile Bank hinab in den Kahn – wenige Secunden und das Boot schoß, durch die elastischen Ruder reißend schnell vorwärts getrieben, wie ein Pfeil durch die Fluth, dem Dampfer zu – die Männer kletterten dort an Bord – der Bug des Fox wandte sich dem andern Ufer zu, dann stromab, und schnitt nun, unter dem höhnenden Jubelgeschrei der Indianer und ohne weitere Feindseligkeit gegen die dunkelen Gestalten am Ufer, den Arkansas hinunter.

Bilder aus Quito.

Wer hat wohl nicht schon von dem hoch in die Cordilleren hineingebauten Quito, der Haupt- und Residenzstadt Ecuadors gehört, wie dort ein »ewiger Frühling herrsche und eine wahrhaft paradiesische Scenerie das Auge des Beschauers entzücke.«

Derlei Berichte mögen nun wohl oft übertrieben sein, denn Quito liegt weit ab von allen Verkehrswegen, und man hat einen langen, mühseligen Ritt von der Küste aus, um es zu erreichen, so daß es verhältnißmäßig nur selten von Fremden besucht wird. Aber nichtsdestoweniger lohnt es doch alle die Mühe, die man darauf verwendet, denn es bietet allerdings manches wunderbar Schöne, und außerdem haben wir Europäer noch alle Ursache, uns für die Nachbarschaft zu interessiren, denn gerade aus den Seitenthälern Quito's erhielten wir die Kartoffel, die noch jetzt dort im wilden Zustande, aber dann mit viel kleineren Knollen, vorkommt, außerdem aber auch in allen kälter oder höher gelegenen Distrikten Ecuadors auf das Fleißigste cultivirt wird.

Die Stadt liegt etwa 9500 Fuß (nach Anderen 8800 Fuß) über der Meeresfläche und fast unmittelbar unter der Linie oder dem Aequator, nur etwa 2½ deutsche Meilen südlich, aber gerade durch ihre Höhe nicht in einem tropischen, sondern vollkommen gemäßigten Clima. Die dort gezogenen Produkte gehören ganz der gemäßigten Zone an, und in den Gärten kommt jede deutsche Blume fort, ja ganze Beeteinfassungen von unsern lieben Kornblumen und Vergißmeinnicht sah ich dort, freilich aber auch daneben fremdartige Lilienpflanzen mit weißen phantastischen Blüthen, und andere, dieser Gegend eigenthümliche Gewächse. In den benachbarten Thälern gedeiht dabei die Kartoffel, Gerste, Hafer, Waizen, Kohl, Rübe und Hülsenfrucht genau so trefflich, wie bei uns, und ist mit der billigen Arbeitskraft zahlreicher indianischer Stämme noch bedeutend wohlfeiler herzustellen, als in Deutschland.

Steigt man aber dagegen nur einige tausend Fuß hinab, so wachsen dort schon Ananas und Bananen, Zuckerrohr und andere tropische Früchte, und der Markt von Quito bietet die wunderlichste Mischung aller Produkte der Erde, die man sich nur denken kann. Doch davon nachher; zuerst wollen wir uns die Stadt selber einmal ansehen.

Quito liegt trotz seiner Höhe in einem von mächtigen Gebirgen und zwei Cordillerenzügen eingeschlossenen Thale und in der fast unmittelbaren Nähe eines jener mit ewigem Schnee bedeckten Bergriesen, dem aus Porphyr und Basalt-Massen aufgebauten und mit Lava überschütteten Pichincha, dem selbst die Sonne des Aequators nicht die weiße kalte Decke rauben kann.

Wirft man, vom Süden kommend, einen Blick auf Quito, so bietet die Stadt mit ihren niederen, ineinander gedrängten Häusermassen und rothbraunen Ziegeln, aus denen nur eine Unzahl von Kirchen und kurzen Thürmen oder Kuppeln hervorragt, einen ganz eigenthümlichen, aber freundlichen Anblick, und besonders trägt der links im Hintergrunde aufsteigende spitze Kegel des oben erwähnten Vulkans viel dazu bei, das Bild zu heben. Der Pichincha gereicht der Stadt aber nicht allein zur Zierde, sondern auch zum Nutzen, denn erstens wird von ihm auf Maulthieren, Llamas und Eseln Schnee und Eis zum Verbrauch herabgeschafft, und dann hat auch die Stadt eines seiner wilden Bergwasser aufgefangen und durch die verschiedenen Straßen solcher Art geleitet, daß es in gewöhnlicher Zeit nur die Rinnen füllt, wenn aber eine Schleuse geöffnet wird, eine wahre Sturzfluth hindurchsendet und den Ort dann gründlich reinigt. Demnach müßte man also denken, daß Quito jedenfalls die reinlichste und reingehaltenste Stadt der Welt wäre; trotzdem giebt es freilich kein schmutzigeres Nest auf dem ganzen Erdboden, als eben diese Stadt.

Die vornehme Welt von Quito lebt allerdings abgeschlossen für sich selbst und hält sich in dem Inneren ihrer, mit europäischem Luxus ausgestatteten reinlichen Gebäude so viel als irgend möglich von ihrer Umgebung abgeschlossen; das eigentliche Volk aber lebt wirklich schlimmer als das Vieh, und von der Unreinlichkeit desselben – die man nicht einmal wagen darf zu beschreiben – kann man sich keinen Begriff machen, wenn man sie nicht selbst gesehen und darunter gelitten hat.

Die Wohnungen der Arbeiter und Handwerker gleichen Höhlen, in die man sich fürchtet nur den Fuß zu setzen, und Alles, wohin man sieht, wimmelt so von Ungeziefer, daß ich es selbst in frischgewaschenem Leinen zugeschickt bekam. Zu den Alltäglichkeiten, auf die Niemand mehr achtet, – ja nicht einmal nur bei der ärmeren, sondern auch oft der besseren Klasse – gehört es dabei, das Ungeziefer von den Köpfen ihrer Mitmenschen zu verzehren, und dem Europäer dreht sich, wenn er zuerst die Stadt betritt und Zeuge solcher Scheußlichkeiten ist, Herz und Magen um.

Auch die Wasser eines Pichincha selber vermögen nicht diese Stadt rein zu halten. Für den Augenblick ja, aber kaum lassen sie nach zu fließen, so sind die Straßen schon wieder mit Unrath gefüllt. Ja während sie selbst allen nur erdenklichen Schmutz zusammenschwemmen, kommen die Bewohner mit ihren Kochgeschirren aus den Häusern, um sie darin auszuspülen.

Die Stadt selber ist natürlich im altspanischen Styl erbaut, mit niederen, meist einstockigen Häusern, schon der häufigen Erdbeben wegen, und die Pfosten der Gebäude werden auch mit den darüber gelegten Balken noch besonders mit starken Bastseilen (einem Handelsartikel der Indianer) fest zusammengeschnürt, um bei einem etwaigen Schwanken des Gebäudes nicht so leicht nachzugeben. Auf Schönheit – ihre äußere Lage abgerechnet – macht sie aber wohl kaum einen Anspruch, und selbst die Plaza oder der große Markt, an dem die Kathedrale und der Palast des Bischofs liegt, zeichnet sich durch nichts weniger als besondere Architektur aus.

Nichtsdestoweniger ist dieser Platz für den Ausländer der interessanteste Theil der Stadt, denn hier sammeln sich täglich die bunten Nationalitäten des Landes, und der ganze lebendige Verkehr Quito's findet da seinen Mittelpunkt.

Schon mit dem frühesten Morgen treffen die verschiedenen Arrieros oder Maulthiertreiber ein, die Produkte in die Stadt schaffen – ganze Züge langen da an, die nichts als Orangen aus dem tiefergelegenen Lande bringen, andere mit Anis, mit Zucker, mit Branntwein. Da aber kein Fuhrwerk im Stande ist, die stets vom Regen ausgewaschenen entsetzlichen Straßen zu befahren, so wird das Alles nur auf den Rücken von Lastthieren herbeigeschafft.

»Lastthier« scheint aber hier ein außerordentlich elastischer Begriff; denn Lastthier heißt eigentlich Alles, was auf vier Beinen geht und getrieben werden kann – Schweine und Schafe vielleicht ausgenommen.

Vor allen Dingen fällt dem Fremden das Llama auf, das meistens von Indianern oder auch Indianerinnen in kleinen Trupps zu Markt getrieben wird und geringe Lasten (man sagt, daß es sich weigert, über achtzig Pfund zu nehmen) in die Stadt bringt. Es trägt kleine Zeugsäcke mit Anis oder Mais – auch wohl Futter für den Bedarf, und wirft den schönen langen Hals, wenn es in das ungewohnte Getreibe der Menschen kommt, scheu und unwirsch nach allen Seiten hinüber. Folgsam aber gehorcht es dem leisesten Rufe des Treibers, und die ihm zur Seite gehende Indianerin behält deßhalb auch vollständig Zeit, sich mit ihrer Spindel zu befassen.

Die Frauen der Indianer sind überhaupt die geplagtesten Wesen der Erde, die recht gut ebenfalls mit zu den Lastthieren Ecuadors gezählt werden dürfen, denn selten oder nie sieht man sie ohne eine Bürde, und meistens noch immer mit einem Kind als Zugabe. Ja ich bin ihnen draußen in der Straße begegnet, wo sie eine schwere Ladung Feuerholz, das sie zum Verkauf in die Stadt trugen, auf dem Rücken hatten, den Esel mit gleichem Stoff beladen vor sich her trieben, in einem um den Nacken geschlagenen Tuch den Säugling schleppten, und zugleich, da ihnen dadurch die Hände frei blieben, mit Rocken und Spindel arbeiteten. Also vierfach beschäftigt legen sie lange, mühsame Tagereisen zurück, und ihre ganze Nahrung ist indessen eine Handvoll trockener Puff- oder Saubohnen, ein paar Kartoffeln, oder ein Pfund gerösteter Mais, und wenn es hoch kommt, vielleicht einmal ein Schluck Maistschitscha unterwegs – doch gilt selbst dies entsetzliche Getränk, das aus gekautem und gegohrenem Mais besteht, schon als ein Extragenuß für diese armen geknechteten Wesen. Nur wenn sich ihr Herr und Gatte mit dem durch sie verdienten kargen Lohn in solcher Tschitscha um sein Bischen Verstand trinkt, wird auch ihnen manchmal gestattet, an dem Gelage Theil zu nehmen, damit sie später auf den vollständig Betrunkenen Acht geben können.

Das Llama selber ist ein allerliebstes, fast rehartiges Thier mit langem Hals und seidenweicher Wolle. Es wird allerdings vollständig zahm, behält aber trotzdem noch immer etwas Scheues, Wildartiges, und läßt sich besonders nicht gern von einem Fremden berühren oder streicheln. Dabei gehört es keineswegs den Tropen an, sondern weit eher einer kälteren Zone, wie ja auch schon sein warmer Pelz beweist, und deßhalb sind diese Thiere, die sich draußen von dem spärlichsten Futter nähren und fast gar keine Pflege verlangen, ein solcher Segen für die Bewohner der hohen Anden. In Cerro de Pasco z. B., jener höchstgelegenen Stadt der Welt, mit ihren reichen Silberminen, die aber schon so hoch in die peruanische Schneeregion hineingebaut ist, daß dort kein Grashalm über Tag emporschießt, der nicht das ganze Jahr hindurch, Nachts erfriert oder einschneit, tragen sie Futter für die übrigen Lastthiere aus den niederer gelegenen und warmen Thälern hinauf, und man begegnet da oft Trupps von zwei- bis dreihundert Stück.

Das Llama hat dabei, wie die meisten gezähmten Thiere, keine bestimmte Farbe, sondern man findet sie von fast jeder Schattirung, braun erstlich, wie das wilde Guanako im Süden (ein ganz ähnliches, aber noch nicht gezähmtes Thier), schwarz, weiß, gelb, vollständig getigert – nur nicht gestreift, und es giebt nichts Bunteres auf der Welt, als eine Heerde dieser hübschen Thiere. Ganz reizend sehen die kleinen jungen Llamas aus, mit ihrer seideweichen, dichten Wolle und dem prächtigen kleinen, dicken, gutmüthigen Gesicht, das aber doch schon den klugen, scheuen Ausdruck des Wildes trägt.

Allerdings werden diese Thiere, besonders in Peru, oft in die heiße Niederung und an das trockene Küstenland getrieben, um Produkte dorthin zu schaffen und Waaren dafür mit zurückzunehmen. Aber man läßt sie nie lange dort, denn jenes Clima sagt ihnen nicht zu und sie gedeihen nur in den kalten Höhen der Berge. Dort suchen sie sich auch genügsamer Weise das Futter an den feuchtesten, ja sumpfigsten Stellen, wo selbst kein Schaf weiden mag und kann. Das Llama aber mit seinen breiten Schalen sinkt nicht so leicht ein und ist dabei, weil es keine weiten Züge unternimmt, immer wieder leicht aufzufinden, wenn man seiner bedarf.

Der Ecuadorianer benutzt aber, wie schon gesagt, Alles fast zu Lastthieren, was laufen kann, indianische Frauen voran, dann Pferde, Esel, Maulthiere, ja selbst Ochsen, die man oft mit schweren Päcken beladen in die Berge steigen sieht. Das Llama ist aber vorzugsweise der ärmeren Klasse nützlich, da es die wenigste Unterhaltung und Pflege kostet. Ein Llama kann sich fast Jeder anschaffen und der Indianer thut dann keine weitere Arbeit damit, als daß er es vielleicht von der Weide nach Hause treibt, ihm die nöthige Ladung auflegt und seine Frau damit zu Markte schickt. Oft keucht dann die arme Frau – mit dem kleinen Kinde noch auf ihrer Last von Futterkräutern sitzend – hinterdrein und lenkt das Thier nur mit ihrer Stimme, – oft muß sie auch, wenn nicht so viel vorräthig ist, allein mit ihrer Ladung fort, während der Mann vielleicht leer hinter ihr drein schlendert und das von ihr gelöste Geld nachher in der Stadt vertrinkt.

Die Ecuadorianer, Männer wie Frauen, tragen fast Alles mit dem Kopf, und zwar nicht oben darauf, wie bei uns am Rhein, sondern die Last auf dem Rücken hängend und nur mit der Stirn stützend und haltend. So bringen sie Alles zu Markt, was das reiche Land bietet, und ihre Kleidung ist dabei selbstgesponnenes und gewobenes Zeug, das sie vom Uranfang an fertigen.

In den Thälern sind die kleinen Baumwollen-Anpflanzungen, und die Staude erreicht dort oft eine imposante Höhe, wie selbst nicht in den besten Distrikten Nordamerika's. Die Baumwolle, wenn gereift, pflücken sie aus den Kapseln und reinigen sie mit den Fingern von dem Samen, dann wird sie mit Spindel und Rocken gesponnen und nachher auf selbstgefertigten und oft rasch genug zugehauenen Webstühlen, die aber ihren Zweck vollständig erfüllen, gewebt.

Quito selber hat übrigens auch große Fabriken, in welchen diese billigen Stoffe sowohl, wie auch recht gute Zeuge, besonders Tuche, hergestellt werden. Was aber die Indianer brauchen, fertigen sie sich auch selber an, denn so billig es in der Fabrik sein mag, ihr Produkt ist noch billiger und erfüllt dabei denselben Zweck.

Das gewöhnliche Zeug, welches die ärmeren Klassen tragen, besteht dabei aus starkem weißen Stoff, mit braungefärbten Fäden in einfachen Mustern, meistens nur gestreift, durchzogen. Die Männer tragen dazu weiße Hosen, die Frauen einen kurzen Rock und ein Schultertuch, Beide aber auch den sogenannten Poncho – jenes große Tuch mit einem Loch in der Mitte, um entweder den Kopf durch dasselbe zu stecken, daß es, bei kaltem Wetter oder bei Regen, rings um sie niederfällt, oder um es blos um die Schultern zu schlagen.

Fließendes Wasser giebt es allerdings, wie vorher erwähnt, in der Stadt genug, aber so voller Schmutz und Unrath, daß es nur von den ärmeren Klassen, aber von diesen auch ohne die geringste Scheu, zum Waschen und Aufspülen, ja sogar vielleicht zu Küchenzwecken benutzt wird. Die besseren Stände lassen sich dagegen ihr Wasser von oberhalb der Stadt in die Häuser tragen, und zwar durch Menschen, in einem großen irdenen Gefäß, das diese hinten auf die Hüften setzen und es durch ein, um die Brust laufendes Tragband stützen. Erst wenn es zum großen Theil geleert ist, hebt er sich das Band vor die Stirn, weil ihm das jedenfalls bequemer scheint.

Diese Leute tragen solcher Art eine enorme Last, und was verdienen sie den ganzen Tag? – ein paar Medios, mit denen sie sich am Leben erhalten können. Nur wenn es gut geht, bleibt ihnen vielleicht noch genug zu einem Schluck Tschitscha übrig.

In ähnlicher Weise, nur das Tuch um den Kopf, nicht über die Brust geschlagen, bringen die indianischen Frauen Milch und Butter zu Markt. In der einen Hand tragen sie dabei ein irdenes Gefäß als Maß für die zu verkaufende Milch, in der andern einen irdenen Teller mit Butter, mit Maisblättern überdeckt, um sie kühl und frisch zu halten.

So wandern sie mit ihrer mühseligen Last über die Plaza oder klopfen an die Häuser der Vornehmen, in welche sie – als Zeichen, daß Jemand draußen sei, der Einlaß begehrt – ihr schüchternes »Ave Maria« rufen.

Auf dem Markt selber stehen aber fast nur die Getreideverkäufer mit ihren kleinen Karawanen von Eseln oder Llamas, dann die Händler mit Hülsenfrüchten und Kartoffeln. Von Hülsenfrüchten wird besonders die bei uns unter dem Namen Puff- oder Saubohne bekannte große Bohne gezogen, und die Kartoffel ist der unsrigen vollkommen ähnlich. Aber es giebt von dieser Knollenfrucht drei hauptsächliche Arten in Ecuador, welche Melloca, Oca und Ticama genannt werden. In der Nähe von Ibarra, also in etwas tieferem Lande als Quito liegt, hörte ich aber noch von einer ganz besonderen Art, die nur in einem jener Thäler wachsen soll und noch nirgends anders hin verpflanzt ist. Der Beschreibung nach, denn ich bekam leider keine davon zu sehen, soll es eine nicht sehr große, aber vortrefflich mehlige Gattung sein, die dabei, wenn gekocht und auf dem Tisch, wie mit Brillanten übersäet erscheint. Wahrscheinlich ist sie mit kleinen Theilen krystallisirten Stärkemehls überdeckt.

Biegen wir nun in eine der oberen Seitenstraßen ein, so finden wir dort ein freundlicheres Bild als die schmutzigen Indianer, die neben ihren Säcken kauern und sich in Ermangelung einer besseren Beschäftigung gegenseitig das Ungeziefer absuchen. Da sind die Stände der Obstverkäuferinnen, und nur ein Blick auf ihre Waare überzeugt uns, in welchem Lande wir uns eigentlich befinden.

Kaum zehn Schritte davon befindet sich noch ein Stand, wo Kohl, Kartoffeln, Rüben und Kraut feilgeboten werden, – durch die Straßen zieht eben ein Trupp von Eseln, der Eis, rohes, hartes Eis aus dem benachbarten Pichincha heruntergebracht hat, – und hier plötzlich sehen wir uns allen Produkten der heißen Zone unmittelbar gegenüber.

Alle diese Verkäuferinnen sitzen unter selber hergestellten, sehr kunstlosen Sonnenschirmen, die aber vollkommen zu einem Schutzdach gegen die heißen Strahlen des Taggestirnes ausreichen. Eine Stange mit einem quer darüber genagelten Holzkreuz und ein Tuch an den vier Ecken festgebunden, ist der ganze Apparat, und nur gegen plötzlich einsetzende Regen bietet er ungenügende Deckung, da sich das Wasser in den Falten rasch ansammelt und durchläuft.

Die Fruchtverkäuferinnen sind auch meist Señores oder Sennoritas von weißer Abstammung – lassen sich wenigstens gern so nennen – tragen auch nicht das ordinäre Baumwollenzeug der niederen Klassen, sondern weiße, buntgesteppte Oberhemden wie Röcke von den verschiedensten Farben und Stoffen, und Glaskorallen um Arme, Hals und in den Ohren. Schmuck lieben überhaupt alle ecuadorianischen Frauen und sind dabei seiner Aechtheit wegen lange nicht so eigen wie die Peruanerinnen, die nur wirkliches Gold und Diamanten haben wollen.

Betrachten wir uns aber ihren Stand und die wundervollen saftigen Früchte, die er bietet. Da finden wir vor allen Dingen Orangen, die schon wenige Leguas von Quito entfernt in ungeheuren Massen gezogen werden, dann süße Limonen – eigentlich ein etwas fades Essen; aber auch die tropische Banane oder der Pisang (hier Plátano genannt) fehlt nicht mit ihrer goldgelben Schale, und daneben liegt die Königin der amerikanischen Früchte, die riesige Cherimoya (custard apple, buwa nonja) mit ihrem fast zu süßen, crêmeartigen Fleisch.

Das ist aber noch nicht Alles; dicht daneben bietet sich ein Stand, der fast nur Ananas in aus Bambus geflochtenen Körben aufgeschichtet enthält; daneben wieder sitzt ein Verkäufer von Zuckerrohr, das in kleine Streifen gehackt und ausgekaut wird; daneben wieder ein anderer mit Cactusfeigen, Aprikosen, Aepfeln, Birnen, auch die kostbare Aguacalta (alligator pear, buwa avocat) ist vertreten, mit der Papaya aus den Platanaren des niederen Landes – kurz eine Mischung von allen nur erdenklichen Früchten beider Zonen, die sich auch in der That an keinem Orte so vereinigt finden, wie gerade in Quito.

Freilich begünstigt die Lage des Landes dies auch ungemein; denn so rasch fallen die Thäler in das tiefe tropische Land hinein ab, daß man oft nur wenige Leguas zu reiten braucht, um in eine vollkommen tropische Vegetation oder bergauf in die Eisregion zu kommen. So hat man auch im Lande drinnen große Estancias oder Güter, deren Besitzer da, wo ihre Wohnhäuser stehen, alle Früchte unserer Zone ziehen und Weizen und Mais, Kartoffeln und Kohl bauen. Weiter unten dagegen haben sie ihre Baumwollen- und Zuckerrohrfelder, ihre Bananen- und Ananas-Gärten, und hoch über sich sehen sie zu ihrer Meierei hinauf, wo das Vieh auf den fetten Triften der Höhen weidet und ihre dazu angestellten Leute ihnen die Milch zum täglichen Bedarf oder zum Verkauf liefern, und dazu Butter und Käse machen.

Käse ißt der Ecuadorianer nämlich leidenschaftlich gern, und die verschiedenen Arten desselben werden zu allen Speisen und sogar zu manchen Getränken gebraucht. Ja selbst in seine Chokolade benutzt er eine Art davon.

In dieser Fruchtstraße dürfen wir aber nicht zu weit vorgehen, denn eben haben wir noch den aromatischen Duft der Ananas mit Wohlbehagen eingesogen, als schon etwas Anderes unsere Geruchsnerven trifft, und zwar der nichts weniger als süße Brodem einer Anzahl von Eßbuden, die dort aufgestellt sind, um den Marktgängern ein rasches und billiges Mittagsmahl zu bieten. Da werden alle Arten von Fleisch geschmort und Mehlspeisen zubereitet, da wird gesotten und gebraten und ein Qualm erzeugt, der, wenn der Wind hineinfährt, die ganze Straße mit seinem erstickenden, heißen Dunst erfüllt. Um aber dort auch wirklich zu essen, muß man ein geborener Ecuadorianer, ja ein geborener Quitener oder mit einem Wort ein geborener Schweinigel sein, denn von dieser Unsauberkeit der Zubereitung kann sich Niemand einen Begriff machen, ohne sich auf wenigstens acht Tage den Appetit zu verderben. Ich darf nicht einmal wagen es zu beschreiben, und es war ein wirklicher Glückszufall, daß ich erst wenige Tage vor meiner Abreise von Quito einen längeren Besuch bei diesen Ständen machte und das Verfahren ihrer Insassen beobachtete. Von dem Augenblick an war ich nicht mehr im Stande, etwas Anderes in Quito zu genießen, als weichgekochte Eier und Früchte. Ich brachte nichts mehr in den Mund, was eine Ecuadorianerin mit ihren Händen auch nur berührt haben konnte.

Wie stechen dagegen die Napo-Indianer ab, die von den Wassern des Amazonenstroms, aus dem heißen Lande ihrer Niederungen, bis hier heraufsteigen, um weniger ihre Producte als ihre Fabrikate, besonders Hanfzwirn und gedrehten Bast zu verkaufen. Sie treffen immer in kleinen Trupps ein und tragen dann Männer wie Frauen einen aus Bambusstreifen leicht geflochtenen und mit Bananenblättern ausgefütterten und überdeckten Korb, in welchen sie nicht allein, was sie zu Markte bringen, sondern auch ihre Provisionen für unterwegs packen.

Es sind schlanke, edle Gestalten, um eine Schattirung dunkler vielleicht als die Indianer Ecuadors, aber noch lange nicht braun, und dabei reinlich bis zum Aeußersten. Sie gehen in blaues, selbstgefertigtes Zeug gekleidet: kurze Hosen und Jacke die Männer, in der Stadt mit einem Poncho übergeworfen; die Frauen dagegen in einem nicht zu langen, kleidsamen und tunikaähnlichen Gewand, mit einer Unzahl sehr kleiner zierlicher Perlschnüre geschmückt. Das Gesicht bemalen sie allerdings etwas, aber nur wenig, und nicht genug um es zu entstellen, mit feinen rothen Strichen, besonders um Auge und Mundwinkel herum.

Bezahlung für ihre Waaren nehmen sie ausschließlich nur in Silber-Viertel-Dollar-Stücken, die sie genau kennen; auf andere Münzsorten lassen sie sich nicht ein, und ebensowenig vertrinken die Männer das Erhaltene, sondern sie leben außerordentlich mäßig und kehren, wenn ihr Handel abgeschlossen ist, ungesäumt in ihre Thäler zurück, verkehren auch dabei so wenig wie nur irgend möglich mit den weißen Ecuadorianern, mit den Indianern gar nicht.

Die Körbe, die sie tragen, sind genau so in ganz Ecuador zum Lasttragen gebräuchlich, nur daß die Indianer am Stillen Meer auch noch Achselbänder von Bast daran schnüren. Besonders die Neger tragen damit enorme Lasten und mit anscheinender Leichtigkeit.

Wunderlich sieht es aus, wenn ein Trupp dieser »Napos,« eben aus seinen wilden Thälern heraufsteigend, beim Betreten der Stadt einer Schaar geputzter Damen begegnet, die mit ihren Toiletten auch nicht um eines Zolles Breite von der neuest zu erlangenden Pariser Mode abweichen. Mit blumengeschmückten Hüten, riesigen Crinolinen, mit Spitzen und Bändern behangen und von Juwelen funkelnd, rauschen sie daher, und staunend bleiben die Indianer, besonders die jungen Frauen, ob der nie geahnten Herrlichkeit, stehen und schauen ihnen nach, so lange sie ihnen mit den Augen folgen können. Manches junge Indianermädchen wünscht sich dann auch wohl im Herzen thörichterweise einen ebensolchen Staat und ist doch in ihrer einfachen blauen Tunika viel schöner als die aufgetakelte Dame. Aber es geht das so in der Welt, und Aehnliches finden wir ja wohl auch sogar im alten Vaterlande. Wir brauchen deßhalb nicht nach Ecuador zu gehen.

Uebrigens kann ich hier noch gleich erwähnen, daß die Kleidung der vornehmen Ecuadorianer genau der unsrigen entspricht. Selbst den sonst stets getragenen südamerikanischen Poncho haben die Männer abgelegt und benutzen ihn höchstens noch dann und wann beim Reiten, und die Damen behielten beim Kirchgang in ihren schwarzen Gewändern die Mantilla bei. Sonst kommen die europäischen Moden so rasch hinüber, als sie der Dampfer nach Guajaquil und ein Maulthier dann in die Berge tragen kann, und die neueste Façon eines Hutes oder der Schnitt eines Kleides wird dort so eifrig besprochen wie bei uns.

Nur eine Klasse von Leuten ist es, die ihre Moden nicht wechselt, und das sind die Priester, von denen es eine wahre Unzahl in Quito giebt. Man kann versichert sein, daß, wenn man hundert Menschen auf der Straße trifft, dreißig davon Priester der verschiedensten Orden sind, die oft in den wunderlichsten Aufzügen die Straßen durchziehen. Besonders auffallend unter ihnen erscheinen die in weiße Kutten gekleideten padres de la Merced und bei der oberen Geistlichkeit mag die Tracht gehen. Entsetzlich aber sehen die untergeordneten Padres solcher Orden aus, und es gehört wirklich viel – sehr viel Andacht dazu, beim Anblick derselben an etwas Anderes zu denken, als an ihren schmutzigen Rock.

Noch muß ich erwähnen, daß Quito der Sitz der Intelligenz des ganzen nördlichen Theils von Südamerika ist und nur San Jago in Chile, was seine Schulen und Universitäten betrifft, mit ihm wetteifern kann. Außerdem leben in Quito eine wahre Unzahl von Malern und Bildhauern, die aber ihre Kunst zu viel gewerbsmäßig treiben. Die zahllosen Kirchen sind mit Holzschnitzereien, Verzierungen und Bildern überladen und müssen dadurch die Andacht des Betenden vollkommen ablenken, denn dessen Auge findet nirgends einen Ruhepunkt. Besonders ist die Malerei zu einer Art von Handwerk herabgewürdigt, und es giebt eine Menge von Malern, die lange Streifen von Leinwand in ihrem Atelier aufspannen, dieselbe in Gefache abtheilen und nun z. B. einen heiligen Antonius (der besonders dort verehrt wird) oder einen Anderen, genau in der nämlichen Stellung, so viele Male darauf malen, als er eben Raum findet. Solche Streifen werden dann auch nicht etwa zerschnitten und in Rahmen gefaßt, sondern aufgerollt und die Bilder beim Dutzend und nach der Elle verkauft. Herumziehende Händler kaufen die Bilder auf, und man kann mit gutem Gewissen behaupten, daß diese kleine Gebirgsstadt – mit Ausnahme einzelner, von Europa eingeführter Gemälde – die Kirchen von ganz Mittel- und Südamerika mit Heiligenbilder versorgt, die auch nicht nach dem Kunstwerth derselben, sondern nach dem Quadratfuß ihren Preis bestimmt bekommen. Uebrigens ist derselbe so billig, daß ich wirklich nicht begreife, wie nur Oelfarbe und Leinwand damit bezahlt werden.

Das muß man überhaupt den Quitenern lassen, es liegt ein Drang in ihnen, etwas zu thun und zu leisten, den man im niedern heißen Lande nirgends findet, und trotzdem thut die Lage ihrer eigenen, weit in die Berge hineingebauten Stadt dabei Alles, um sie daran zu verhindern oder es ihnen zu erschweren. Der einzige Hafen, durch welchen Quito bis jetzt mit der übrigen Welt in Verbindung stand, war Guajaquil (berühmt seiner Cacao-Ausfuhr und seiner Panamahüte wegen). Um Quito aber von dieser Seite her zu Maulthier zu erreichen, denn ein Maulthierpfad ist der einzige Verbindungsweg, braucht man gut fünf Tage, und Lastthiere gehen gewöhnlich fünfzehn bis siebzehn – ja in der Regenzeit ist der Weg gar nicht zu passiren und die Verbindung mit der See vollständig abgeschnitten.

Welchen Nachtheil das für eine betriebsame Stadt und die dichtgedrängte Bevölkerung des inneren Landes haben muß, läßt sich denken, und ganz wird diese Schwierigkeit nie zu heben sein. Dagegen läßt sich ein großer Theil derselben beseitigen, indem man eine andere und nähere Richtung zur Küste einschlägt und einen Weg dahin baut. Einen ziemlich guten Hafen besitzt Ecuador zu diesem Zweck noch im Pailon.

Der Ort liegt unmittelbar an der neugranadiensischen Grenze, und eine englische Compagnie, »die Ecuador land company,« hat dort bedeutende Landstrecken erworben und beabsichtigt einen Weg dorthin zu bauen. Gelingt das, und es liegt kein Grund vor weßhalb nicht, so wird sich nicht allein der quitenische Handel bedeutend heben, sondern Alles, was jene reichen, im Innern gelegenen Distrikte produciren, kann auch auf den Markt gebracht und verwerthet werden, und Pailon muß dann ein viel bedeutenderer Handelsplatz werden, als es jetzt Guajaquil ist.

Furchtbaren Schaden hat freilich der werthvollste und fruchtbarste Distrikt des ganzen Staates: die Provinz Imbaburru mit der Hauptstadt Ibarra durch das letzte Erdbeben erlitten. Ibarra selbst ist vollständig zerstört. 40,000 Menschen kamen dabei um und große Strecken cultivirten Landes wurden von heißem Wasser und Schlamm sowie Steingeröll überdeckt. Das Land wird Jahre gebrauchen um sich von diesem Unglück zu erholen.

Quito selber wurde nicht so schwer davon betroffen. An den neuesten Kirchen stürzten allerdings die Thürme ein und zahllose Häuser wurden beschädigt, aber trotzdem hat die große Stadt nur den Verlust von 15 Menschenleben dabei zu beklagen und ist reich genug um den Schaden bald wieder vergessen zu machen.

Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.

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mit folgenden Ausnahmen,

Seite 1:
"tüchtig" geändert in "tüchtige"
(tüchtige Leute dafür zu gewinnen)

Seite 2:
"anf" geändert in "auf"
(draußen auf offener See herumkreuzen)

Seite 21:
";" eingefügt
(was sie auf ihrer langen Fahrt verdient hatten;)

Seite 21:
"brummt" geändert in "brummte"
(»Es ist eine ganz verfluchte Geschichte,« brummte Bob)

Seite 21:
"sagt" geändert in "sagte"
(»Eben hab' ich es da drüben noch gesehen,« sagte Dick)

Seite 23:
"Bootssteurer" geändert in "Bootssteuerer"
(der Bootssteuerer kaum noch Zeit)

Seite 35:
"mürrische" geändert in "mürrischen"
(die vier mürrischen Burschen mit seinem Blick überfliegend)

Seite 46:
"," eingefügt
(er fühlte jetzt auch, daß sich der Wind erhoben hatte)

Seite 65:
"«" hinter "fellow," entfernt
Avast Bill, old fellow, glücklicher Familienvater)

Seite 87:
"," eingefügt
(unterbrach ihn aber die Frau, »ob Sie)

Seite 96:
"»" eingefügt
(»Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie)

Seite 104:
"des" geändert in "den"
(er fiel Bill um den Hals)

Seite 108:
"uud" geändert in "und"
(den oberen Theil des Hauses erreichte und die junge Frau)

Seite 111:
"Minnten" geändert in "Minuten"
(war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen)

Seite 122:
"." eingefügt
(arg verwüstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet)

Seite 132:
"aufpaßen" geändert in "aufpassen"
(denn man mußte aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte)

Seite 140:
"tailors ops" geändert in "tailorshops"
(There were so many tailorshops)

Seite 140:
"Unterhalung" geändert in "Unterhaltung"
(mit dem strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen)

Seite 144:
"er" geändert in "der"
(wie ihnen der Kleine zurückübersetzen mußte)

Seite 144:
"keine" geändert in "kein"
(daß das kein Amerikaner, sondern ein Engländer)

Seite 147:
"ni" geändert in "in"
Ship in sight«)

Seite 150:
"seinen" geändert in "seien"
(Schießlucken an Bord seien nur gemalt)

Seite 161:
"ein" geändert in "eine"
(faßten hier eine Muskete, da ein Seitengewehr)

Seite 179:
"sie" geändert in "Sie"
(Verlangen Sie mehr?)

Seite 180:
"?" geändert in ","
(bis jetzt am Leben erhalten habe,« seufzte der Kranke)

Seite 182:
"hehauptete" geändert in "behauptete"
(aber er behauptete immer)

Seite 189:
"baarfnß" geändert in "baarfuß"
(jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfuß im Wald)

Seite 193:
"ein" geändert in "eine"
(ihm gegenüber saß ebenfalls eine Geheime Commerzienräthin)

Seite 203:
"ein" geändert in "eine"
(Besonders zog ihn dabei eine Stelle an)

Seite 205:
"wnrde" geändert in "wurde"
(Trotzdem wurde es Zeit, daß er sich)

Seite 217/218:
"," hinter "oben" entfernt und hinter "aber" eingefügt
(Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat)

Seite 233:
"Wozu" geändert in "wozu"
(Ihr verdient es nicht besser; wozu habt Ihr aber)

Seite 251:
"ein" geändert in "eine"
(ist stets der eine Boden zinnoberroth angestrichen)

Seite 253:
"herleiden" geändert in "herleiten"
(er wollte auch seine Abstammung von jenen herleiten)

Seite 258:
"ubel" geändert in "übel"
(schien nicht übel Lust zu haben)

Seite 259:
"Vater s Whkie– y ist" geändert in "Vater – Whiskey ist"
(seinen Bruder und seinen Vater – Whiskey ist nicht gut)

Seite 260:
"den" geändert in "dem"
(um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden)

Seite 262:
"Tcho-to-ga" geändert in "Tcha-to-ga"
(fast in demselben Augenblick schwärmte von Tcha-to-ga)

Seite 263:
"zn" geändert in "zu"
(blos auf wenige Secunden zu bewahren)

Seite 269:
"erklärt" geändert in "erklärst"
(in der Du erklärst, jedes Stück Gut)

Seite 270:
"kaltem" geändert in "kalten"
(auf dem boshaft kalten Auge des Wilden)

Seite 281:
"." eingefügt
(anlegen lassen. Er selbst aber arbeitete)

Seite 286:
"!" eingefügt
(wie der Alte sprudeln wird! – Sonst seh ich weiter)

Seite 292:
"weißem" geändert in "weißen"
(tief unter dem weißen mit Scalpen geschmückten)

Seite 300:
"?" eingefügt
(»Was giebt's?« frug der Mate zurück.)

Seite 308:
"auszupülen" geändert in "auszuspülen"
(um sie darin auszuspülen)