Wir waren die einzigen Weißen, und wurden von den Nebentischen aus scheel angesehen. Die Zuvorkommenheit des Wirtes, der uns selbst bediente, mag die Unzufriedenen im Zaum gehalten haben. Wenn man die Neger en masse beisammen sieht, kann man den animalischen Vorzügen ihrer Rasse seine Bewunderung nicht versagen. Es ist ein Vergnügen, diese tadellos gebauten Gestalten anzusehen, deren Muskelkraft legendarisch ist. Auch die Gesichter der nordamerikanischen Neger sind nicht häßlich. Die Nasen freilich sind nicht gerade von römischem Schnitt, doch fehlen die abstoßenden Lippenwülste der afrikanischen Schwarzen.

Weiße siedeln sich im Neger-Viertel von New York nur ausnahmsweise an. Es gibt nur wenige Weiße, die die Neger gerne unter sich dulden. Dazu gehören alle Personen, die irgend etwas mit der Boxerwelt zu tun haben. Der Box ist das Gebiet, auf dem sich Weiße und Schwarze am besten verstehen, vielleicht weil sie sich dabei von Zeit zu Zeit gegenseitig halb oder ganz totschlagen können. Der »berühmte« Ex-Boxer Tom Charkey, in gewissen Kreisen New Yorks eine der populärsten Persönlichkeiten, der in seinen besten Zeiten sogar »den« Joe Jeffries umgelegt hat, besitzt ein Café im Neger-Viertel New Yorks. Ihm galt unsere zweite Visite.

Im kleinen Lokal wimmelte es von Gestalten, denen man sonst wahrscheinlich mit großem Bogen aus dem Wege gegangen wäre. Der berühmte Mann empfing uns mit huldvoller Herablassung, spie einen langen braunen Strahl – das Resultat eifrigen Tabakkauens – hinter den Ladentisch, unbekümmert darum, wohin er traf und setzte uns dann, ohne sich nach unseren Wünschen erkundigt zu haben, eine Flasche Sekt auf den Tisch. Die trank er dann nachher mit großem Wohlbehagen selbst aus. Der Mann war überhaupt klassisch. Er war so durchdrungen von der Unwiderstehlichkeit seiner Erscheinung, daß er es nicht für nötig befand, irgend etwas zu äußern. Er saß da, stumm und großartig, spuckte von Zeit zu Zeit aus und ließ sich bewundern. Doch bewunderten wir mehr die Tragfähigkeit seines Stuhles, der unter dieser unglaublichen Last nicht zusammenbrach. Unnachahmlich war die Geste, mit der er in gemessenen Zeitabständen stumm und ernst seinen Arm über den Tisch herüberreichte, um uns seinen Bizeps befühlen zu lassen, wobei er wahrscheinlich erwartete, daß wir in Krämpfe des Entzückens und der Bewunderung verfallen würden. Wer beschreibt unser Erstaunen, als zu der leisen Musik eines unsichtbaren Orchesters dieser Mann plötzlich zu singen anfing, und zwar mit einem zittrigen dünnen Fistelstimmchen, das aus dem Mund eines schwachen Kindes zu kommen schien. Ihn selbst rührte sein Gesang so, daß ihm eine Träne über das Gebirge seiner Backe lief. Es war augenscheinlich der letzte Trumpf, den er wohlüberlegt ausspielte, um uns endgiltig aus der Fassung zu bringen. Das gelang ihm auch, aber in einem Sinne, der ihm schwerlich lieb war. Zwei Kouplets konnte ich mit dem nötigen Ernst anhören, doch als ich beim dritten die verzweifelten Muskelspannungen in meines Gefährten Gesicht bemerkte, war meine Fassung tatsächlich dahin. Ich mußte aufspringen und mich auf die Straße retten, sonst wäre ich zweifelsohne in nähere Berührung mit dem soeben befühlten Bizeps geraten.

Nun brachte uns das Auto quer durch New York in noch entlegenere Gegenden. An einer Straßenecke hielt es. Den Rest des Weges mußten wir, um nicht aufzufallen, zu Fuß zurücklegen. Auf den Rat des Detektivs hatten wir uns schon beim Antritt dieser Fahrt bemüht, unserm Aussehen einen etwas rowdyhaften Anstrich zu geben. Nun zogen wir die Mützen noch tiefer herab, schlugen die Rockkragen hoch und schlichen an den Wänden entlang durch die dunklen Gassen. Hin und wieder begegneten uns ähnliche Gestalten, die jedoch den Vorzug der Echtheit hatten.

Vor einem Hoftor blieb unser Führer stehen. Nach langem vorsichtigen Klopfen wurde uns geöffnet. Der sehr wenig einladend aussehende Zerberus ließ uns herein, nachdem sich unser Führer ausgewiesen hatte. Durch eine kleine Hintertür betraten wir ein geräumiges Schenkzimmer. Am liebsten wären wir freilich sofort wieder umgekehrt. Ein lebendig gewordenes Verbrecher-Album aus dem Kriminalamt schien den Raum zu bevölkern. So in Freiheit vorgeführt sind die Verbrecherfratzen doch sehr viel weniger anziehend, als auf dem schönen Glanzpapier der Photographie. Wir drückten uns scheu in eine Ecke mit dem schlechten Gewissen unbefugter Eindringlinge. Man sollte das Hausrecht jeder Gesellschaftsklasse respektieren. Übrigens wurden wir überhaupt nicht beachtet. In dem ganzen Lokal herrschte Totenstille. Die Leute saßen einzeln und in Gruppen um die schmutzigen viereckigen Tische und stierten teilnahmslos vor sich hin. Wir befanden uns dort, wofür Gorki den wunderbar treffenden unübersetzbaren Ausdruck »na dnje« (auf der Neige) gefunden hat. Gewesene Menschen umgaben uns. Ihr erloschener Blick verriet keine Möglichkeit von Initiative mehr, nicht einmal zu einem neuen Verbrechen. Die meisten saßen im Halbschlaf da, nur wenige hatten ein Riesenglas Bier vor sich stehen, das dort wohlfeil und schlecht zu 5 Cents verschenkt wird. Unser Führer bedeutete uns, daß die Besucher dieses Lokals ungefährlich, obgleich der Polizei wohlbekannt seien. Es waren »gewesene« Verbrecher, deren Energie durch lange Zuchthausstrafe endgiltig gelähmt war, oder die einfach zu alt waren, um neue Schandtaten auszuhecken. Der Detektiv holte einige an unseren Tisch heran und für ein Glas Bier erzählten die Leute bereitwillig aus ihrem vielbewegten Leben. Ich müßte ein Buch schreiben, wollte ich ihre zum Teil hochinteressanten Erzählungen wiederholen.

An einem der Nebentische war mir von Anfang an die Gestalt eines älteren Mannes aufgefallen, der mit einem trotzig-verächtlichen Ausdruck vor sich hinstarrte und unserem Erscheinen nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Wäre er nicht so unrasiert gewesen und hätte er einen weniger zerrissenen Rock und einen weniger schäbigen Hut gehabt, so hätte man in ihm ebenfalls einen neugierigen Besucher vermuten können. Ja, mehr als das. Der Mann sah richtig vornehm aus und hatte ein ganz außerordentliches intelligentes Gesicht. Ich fragte unsern Detektiv, ob er ihn nicht kenne. Freilich kannte er ihn. Vor zehn oder fünfzehn Jahren war dieser Bettler eine der geachtetsten Persönlichkeiten der New Yorker haute volée, Bankdirektor und ein schwer reicher Mann. Infolge einiger mißlungener grandioser Spekulationen wurde er Wechselfälscher, kam ins Zuchthaus und jetzt saß er hier. Nur widerwillig folgte er der Einladung an unseren Tisch. Er sprach kaum ein Wort, nahm aber dankend ein Glas Bier an, da er sich selbst keines bezahlen konnte. Es machte einen niederdrückenden, trostlosen Eindruck, in dieser Umgebung einen Menschen zu finden, der in jeder Geste den Gentleman verriet und der sich mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung den schmutzigen Kragen zurechtschob, als er an unseren Tisch trat. Zu helfen war diesem Manne nicht, der jetzt nichts mehr sein konnte, als ein wandelndes Beispiel der Unerbittlichkeit und Grausamkeit amerikanischer Lebensverhältnisse. Dennoch verstand ich nur zu gut die Gefühlsregung meines Gefährten, der gerade diesem Manne, als wir weggingen, seine ganze Barschaft heimlich in die Rocktasche steckte.

Im nächsten Lokal, das wir aufsuchten, ging es vergnügter zu. Von den »gewesenen« kamen wir zu den gegenwärtigen Verbrechern. Auch hier galt es, verschiedene Präliminarien zu erledigen, bevor wir – wieder durch eine Hintertür – in eine Restaurationsstube hineingelassen wurden, in der eine ausgelassene Fröhlichkeit herrschte. Im dichten Tabaksqualm war anfangs nichts zu unterscheiden. Eine wenig liebenswürdige Gestalt – vielleicht ein Meuchelmörder oder Leichenschänder – klimperte auf einer Mandoline, einige junge Burschen stampften dazu einen wilden Niggertanz. Unser Erscheinen wurde mit Halloh begrüßt. Natürlich waren wir sofort als »outsider« erkannt, trotz der aufgeklappten Rockkragen und der Apachenmützen. Vor dem Detektiv, der natürlich auch allen bekannt war, hatte man nicht die geringste Scheu. Hier waren die Verbrecher bei sich zu Hause. Um einen von ihnen herauszuholen, dazu hätte es schon eines beträchtlichen Polizeiaufgebots bedurft, ein einzelner Geheimpolizist flößte ihnen keinen Respekt ein. Da wir in der Minderzahl waren, beschlossen wir, uns mit den Herrschaften gut zu stellen, und ließen eine Runde Bier für die ganze Gesellschaft auffahren. Wir wurden reichlich belohnt. Es wurden uns zu Ehren Tänze aufgeführt und Lieder gesungen, die wir sonst sicherlich nie in unserem Leben zu sehen und zu hören bekommen hätten. Überhaupt kann ich nicht verhehlen, daß die New Yorker Apachen, wenigstens die jüngeren Jahrgänge, unter sich ein höchst unterhaltendes und gar nicht unsympathisches Völkchen sind, d. h. solange sie einem nicht an die Gurgel fahren und die Hände in den eigenen Taschen lassen. Daß sie die gesellschaftliche Ordnung nicht respektieren, ist schließlich ihre Privatangelegenheit.

Nicht ohne Freundschaftsbeteuerungen nahmen wir von den Galgenvögeln, deren Gesellschaft wir bald genugsam genossen hatten, Abschied. Ihre abgefeimten Gaunerphysiognomien bemühten sich dabei, ehrbar und anständig zu blicken, was jedoch nur mangelhaft gelang. Auf den Straßen dieser Gegend war uns entschieden ungemütlicher zumute, als in der verräucherten Kneipe. Das lichtscheue Gesindel, das unseren Weg auf Schritt und Tritt kreuzte, sah sehr wenig vertrauenerweckend aus. Als wir wieder im Auto saßen, fühlten wir uns in Sicherheit.

Die nächste Station war an der Peripherie der Chinesenstadt. Wieder hieß es aussteigen und ein Gewirr von Gassen und Gäßchen zu Fuß durchwandern. Vor einem finsteren alten Hause blieb unser Führer stehen. Wir traten durch das offene Hoftor ein. Durch dunkle Korridore, über schmale Stiegen ging es immer tiefer ins alte Haus hinein. Wir mußten leise auftreten. Endlich wurde Halt gemacht. Wir befanden uns in einem schmutzigen Flur, der durch eine Petroleumlampe – welch ein Anachronismus anno 1913 in New York! – nur spärlich erleuchtet wurde. Der Detektiv klopfte an eine kleine Tür. Nach geraumer Zeit wurden dahinter schlürfende Schritte laut. Ein schmaler Spalt öffnete sich. Als der Detektiv irgend ein geheimnisvolles »Sesam, Sesam, tue dich auf« hineingeflüstert hatte, wurde er breiter. Eine alte Schlampe, auf deren Gesicht alle sieben Totsünden verzeichnet standen, ließ uns eintreten.

Ein merkwürdig penetranter süßlicher Geruch schlug uns entgegen. Die Bestimmung des Raumes, der uns aufnahm, ließ sich nicht feststellen. Es war ein Mittelding zwischen Küche, Vorzimmer und Rumpelkammer. Auf dem Fußboden lagen zerschlagene Flaschen und zerbrochenes Geschirr, an den Wänden hingen allerhand phantastische Kleidungsstücke. Was sich sonst noch darin befand, ließ sich im mystischen Halbdunkel nicht unterscheiden. Das alte Scheusal von Türhüterin führte uns stumm in den nebenanliegenden Raum. Dort bot sich uns ein höchst eigenartiges Bild, wie man es sonst nur in bösen Träumen sieht. Die eine Hälfte des winzig kleinen Zimmers nahm eine mit weichen Kissen belegte Ruhebank ein. Darauf lagen zwei Chinesen und eine Frau mittleren Alters. Zwischen ihnen standen zwei Tabletts mit allerhand geheimnisvollen Gerätschaften, auch zwei trübe brennende Öllampen, die als einzige Beleuchtungskörper dienten. Die Luft war von demselben süßlichen aber nicht unangenehmen Geruch geschwängert.

Opium! Der eine Chinese regte sich nicht mehr. Vielleicht schlief er. Aber auch der andere verriet nicht die geringste Anteilnahme an dem, was um ihn herum vorging. Mit einer ganz mechanischen Bewegung griff er von Zeit zu Zeit nach einem Glasstäbchen, tauchte das in ein Flakon mit der braunen Opium-Salbe, hielt es ohne hinzusehen über die Flamme der Lampe, wo sich das Opium aufblähte, drehte dann ebenso mechanisch und teilnahmslos eine Pille, steckte sie in seine Pfeife, die den Kopf merkwürdigerweise in der Mitte hatte, und sog in fünf bis sechs langen Zügen mit einem ekelhaft schnarchenden Geräusch den giftigen Rauch ein. Dann sank er wieder erschlafft in die Kissen zurück, um nach fünf Minuten dieselbe Prozedur zu wiederholen. Genau dasselbe tat seine Nachbarin, die übrigens ihrer Kleidung nach entschieden den besseren, wenn nicht gar den sehr guten Ständen New Yorks angehören mußte.

Der Chinese reagierte auf keinerlei Fragen. Dagegen zog mich die Dame, die neben ihm lag, selbst in ein Gespräch. Sie pries das Opium als das einzige Ding, das das Leben lebenswert mache. Sie selbst rauchte seit einigen Monaten und behauptete, seither der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Jetzt lag sie seit einigen Tagen auf dieser Ruhebank, nahm fast gar keine Nahrung zu sich, schlief wenig, befand sich aber immer in einem Dämmerzustande, der ihr die höchsten Glücksempfindungen vortäuschte. Einen Rausch stellte sie in Abrede. Das sei durchaus nicht die Wirkung des Opiums. Man verliere nicht für einen Augenblick die Besinnung, genieße aber unausgesetzt das höchste körperliche und seelische Wohlbehagen. Man liebt alle Menschen, fühlt sich von allen geliebt, glaubt edel, gut und tugendhaft zu sein und verlangt vom Leben nichts weiter, als – eine Pfeife und ein Flakon von dem süßen braunen Gift.

Je länger man die Opiumdünste einatmet, desto verführerischer erscheint einem der Geruch. Nur mit Mühe konnte ich der Versuchung widerstehen, einige Züge aus der mir angebotenen Pfeife zu entnehmen.

In New York wird das Opiumrauchen bekanntlich mit drakonischer Strenge bestraft. Auf den Vertrieb von Opium stehen als Strafe sieben Jahre Zuchthaus. Dennoch gelingt es nicht, des Lasters Herr zu werden. Wer ihm einmal ergeben ist, kann nicht davon lassen, auch wenn man ihn mit der Todesstrafe bedroht. Woher übrigens unser Detektiv Zutritt zu dieser Opiumwirtschaft hatte, blieb unaufgeklärt.

Als wir uns durch das Gewirr der Stiegen und Korridore wieder auf die Straße gefunden hatten, atmeten wir die frische Morgenluft wie ein langentbehrtes Labsal ein. Das Auto mußte uns mit einem weiten Umwege nach Hause fahren. Aber das Opium ist zudringlich. Als wir uns die erste Papiros ansteckten, hatten wir wieder den süßlichen Geruch in der Nase, und noch zwei volle Tage lang verfolgte uns das penetrante Parfüm als lebendiges Zeichen des Cauchemars, den wir erlebt hatten.

4. AMERIKANISCHER SPORT UND AMERIKANISCHE VERGNÜGUNGEN.

Nirgends tritt der Gegensatz zwischen den beiden Ländern, die dieselbe Sprache reden, England und Nord-Amerika, schärfer hervor, als auf dem Gebiete des Sports. Aus dem Verhalten beider Nationen zum Sport kann man die weitgehendsten Schlußfolgerungen ableiten.

In England wird der Sport um seiner selbst willen getrieben. In Amerika ist er nur und in allen seinen Formen Mittel zum Zweck. Dieser Zweck ist die Wette. Ohne »betting« ist jeglicher Sport in Amerika undenkbar. Seit in den Vereinigten Staaten, laut Parlamentsbeschluß, allenthalben der Totalisator abgeschafft worden ist, ist der Rennsport dort bekanntlich total in Verfall geraten.

Aber bei allen anderen Gattungen des Sports wird das »betting«, wenn auch nicht mit Hilfe des Totalisators, so doch unverfroren genug betrieben.

In England gehört der Sport zu den Betätigungen, und zwar zu den wichtigsten Betätigungen des »gentleman«. In Amerika wird er fast ausschließlich von »professionals« betrieben. Die »gentlemen« beschränken sich aufs Zusehen und aufs – Wetten.

In England steht bekanntlich unter allen Sport-Spielen das Cricket weitaus an erster Stelle. Dem Lawn-Tennis und dem Fußball-Spiel kommt daneben nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Es gibt keinen Engländer, der nicht Cricket spielt, oder in seinen jungen Jahren wenigstens gespielt hat. Der Cricket-Match zwischen den Universitäten Cambridge und Oxford gehört zu den wichtigsten nationalen Ereignissen. Das ganze Land nimmt mit dem Herzen daran Teil. Professionelle Cricket-Spieler gibt es aber in England, soviel mir bekannt ist, nur zum Zweck des Trainings.

Amerika hat auch sein nationales Spiel – das »base-ball« –, doch wird dieses höchst interessante und aufregende Spiel fast ausschließlich von professionellen Spielern betrieben. Alle öffentlichen Wettspiele wenigstens vollziehen sich zwischen professionellen Kommandos. Dennoch ist die Rolle, die dieses Spiel im öffentlichen Leben Amerikas inne hat, mindestens der des Cricket in England zu vergleichen.

Ich machte die erste Bekanntschaft mit dem base-ball-Spiel, von dem ich bis dato nichts gehört hatte, ganz zufälliger Weise.

Als ich während eines der ersten Tage meines Aufenthalts in New York den Broadway passierte, kam ich in der Nähe des Brooklyn-Squares buchstäblich nicht vorwärts und nicht rückwärts mehr. Der ganze riesengroße Platz war von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge dicht bestanden. Auch in allen Querstraßen stauten sich die Passanten. Alle hatten die Köpfe erhoben und starrten in derselben Richtung auf die Fassade eines Wolkenkratzers. Von Zeit zu Zeit ging ein Gemurmel des Unwillens durch die Menge, oder sie wurde von Ausbrüchen des Entzückens bewegt. Nachdem ich das alles eine Zeitlang verständnislos mitangesehen hatte, entdeckte ich endlich die Zielscheibe aller Blicke. An besagtem Wolkenkratzer, ungefähr in der Höhe der sechsten Etage war eine viereckige grüne Tafel angebracht, die man auf den ersten Blick für einen aufrecht gestellten Billardtisch halten konnte. Auf dieser Tafel bewegten sich mit großer Geschwindigkeit einige weiße und blaue Pflöcke sowie eine kleine weiße Kugel hin und her.

Ein freundlicher Straßenjunge lieferte mir die Erklärung zu diesem Schauspiel, an dem ich vorderhand nichts Bemerkenswertes oder gar Interessantes entdecken konnte. Er erklärte mir, daß die weißen Pflöcke die »Geants« seien und die blauen die »Yankees« und daß die weiße Kugel einen Ball vorstelle, und das Ganze – einen base-ball-Match, der soeben 60 Kilometer außerhalb New Yorks ausgespielt werde. Der Gang des Spieles, jeder Ballwurf und jeder Schlag wird telephonisch übermittelt und auf elektrischem Wege auf der grünen Tafel reproduziert. Echt amerikanisch. Auf diese Weise kann man sich das Wettspiel ansehen und doch die Fahrkarte zum Spielplatz sparen.

Da jeder der Zuschauer natürlich seinen Favoriten hatte, dessen Schicksal mit gewetteten 10 Cents bis 10 und mehr Dollars eng verknüpft war, so wurden auch die das Spiel begleitenden Ausrufe psychologisch verständlich.

In New York und Umgegend sind eine ganze Anzahl wundervoller base-ball-Spielplätze gelegen. Enorme Tribünen in amphitheatralischer Anordnung, auf denen 10-15 000 Zuschauer Platz haben, schließen die Rasenfläche, auf der gespielt wird, ein. Jeden Tag wird irgend ein Match ausgefochten, und die Tribünen sind fast immer spickevoll besetzt. Wo in New York die vielen Tagediebe herkommen, die von 3 bis 6 nichts zu tun haben, als base-ball-Spiele anzusehen, bleibt rätselhaft.

Das Spiel, für das die Amerikaner sich so begeistern, ist eigentlich nichts anderes, als ein qualifiziertes »Ballschlagen«. Nur ist es gefährlicher. Denn der steinharte Ball fliegt aus der Hand der Spieler mit der Geschwindigkeit und Kraft einer Büchsenkugel. Die Zuschauer sind durch ein feinmaschiges Netz, das vor den Tribünen aufgespannt ist, vor ihm geschützt. Es gehört eine unfaßliche Geschicklichkeit dazu, den Ball in seinem rapiden Fluge mit einer kurzen flachen Keule abzuschlagen, und ihn dabei so gut zu treffen, daß man Zeit zu einem »run« in eine der vier Ecken des Grenzgebietes findet, bevor der Ball, mit kolossaler Geschwindigkeit von Hand zu Hand geschleudert, dort eintrifft.

Die Begeisterung, die das amerikanische Publikum dem base-ball-Spiel entgegenbringt, hat es zu einem höchst lukrativen Geschäft gemacht. Der Kapitän des berühmten Kommandos »Yankees« bezieht ein Ministergehalt, nämlich 30 000 Dollar im Jahr. Die Bedeutung, die dieses Spiel in Amerika hat, erkennt man schon daraus, daß alle amerikanischen Zeitungen an erster Stelle d. h. dort wo in vernünftigen Blättern die Leitartikel stehen, die Resultate sämtlicher base-ball-Spiele buchen, die am vorhergehenden Tage in den Vereinigten Staaten abgehalten worden sind.

Die Sport-Spiele, mit denen sich der amerikanische »gentleman« selbst befaßt, sind Polo und Golf. Sie sind schon deswegen in Amerika beliebt, weil es die teuersten aller Arten von Rasensport sind. Am Tage nach meiner Ankunft in New York wurde dort das Match zwischen dem besten amerikanischen und dem besten englischen Polo-Kommando ausgetragen. Das Interesse dafür war, natürlich nur auf Grund der abgeschlossenen Wetten, ein ganz außerordentliches. Die Billett-Aufkäufer, die ihr Unwesen in New York genau ebenso dreist und unverfroren treiben, wie anderswo, verlangten 50 Dollars und mehr für einen annehmbaren Sitzplatz. Am Tage des Matches war auch für diesen Preis keine Eintrittskarte mehr aufzutreiben. Doch konnte man die Aufregungen dieses Wettspiels in der Stadt genießen, ohne nach dem Polo-Ground hinauszufahren, denn der Gang des Spieles wurde alle fünf Minuten auf Riesenplakaten an den Wolkenkratzern der New Yorker »Times« und des »Herald« bekannt gegeben. Von der dichtgedrängten Menschenmenge, die diese Gebäude umstand, wurde jedes »Goal« der Amerikaner mit frenetischem Beifall, jeder Erfolg der Engländer mit ohrenbetäubendem Pfeifen und Johlen begrüßt.

Dem Golf huldigen die New Yorker Millionäre in reiferen Jahren ausnahmslos. Die nähere Umgebung von New York macht den Eindruck, als bestehe sie nur aus »Golf-Greens«. Mehr als hundert Golf-Klubs haben hier ihre ideal gepflegten Spielplätze. Überall sieht man die samtweichen, kurz geschorenen Rasenflächen, sauber beschnittene Hecken, künstliche Hügel, durch Wiesen geleitete Wasserläufe mit künstlich hergerichteten Ufern aus feinem, weißen Seesand. Dort erholen sich die »business«leute von des Tages Last und Mühe. Die wundervolle Besitzung Rockefellers am Ufer des Hudson-River scheint auch ein einziger großer Golfplatz zu sein. Dieses Spiel ist bekanntlich die einzige Leidenschaft des »reichsten Mannes der Welt«, der von seinem Boy begleitet stundenlang den kleinen, weißen Ball aus einem Loch ins andere treibt.

Eine eigentümliche Stellung nimmt in Amerika der Box ein. In dem Staate New York ist er seit einigen Jahren verboten, weil bei den durch Rassenhaß geschürten Boxer-Kämpfen zwischen Negern und Weißen alle Augenblicke ein Totschlag zu registrieren war. Dieses Verbot stört jedoch die findigen Amerikaner keineswegs, mindestens zweimal in der Woche auch in New York die aufregendsten Boxer-Kämpfe zu inszenieren. Man nennt sie offiziell »exhibitions«, und angeblich werden auf diesen »Ausstellungen« nur die Griffe, Stöße und Schläge des regelrechten Box theoretisch und praktisch demonstriert. In Wahrheit jedoch vollziehen sich genau dieselben Kämpfe wie andernorts, es werden genau ebensoviele Physiognomien zerschlagen und kommen die gefährlichsten »knock-out's« vor. Nachher heißt es dann, das sei »aus Versehen« passiert, Staat und Polizei fallen auf diesen Bluff mit der gleichen Grazie hinein.

Die sportlichen Veranstaltungen stehen unter den Vergnügungen, die New York im Sommer bietet, an erster Stelle. Die übrigen Amüsements sind noch minderwertigerer Art. Die Kunst schweigt vollständig. Aber schließlich ist es ja anderswo während der Sommerzeit auch nicht besser. In keinem einzigen ernsthaften Theater wird gespielt. Es gibt im Sommer weder Oper noch Schauspiel in New York.

In den Varieté-Theatern werden »Revuen« aufgeführt, die zum Teil mit fabelhaftem Luxus inszeniert sind und bei denen der mit Recht so beliebte »amerikanische Humor« oft zu unwiderstehlicher Wirkung gelangt. Man verläßt diese Theater meist mit Muskelschmerzen im Gesicht. Übrigens zeigt es sich, daß die Amerikaner bei dem leichten Genre von Musik, die diese Vorstellungen begleitet, höchst Anziehendes zu erfinden und zu gestalten verstehen. »Pikant« ist die Bezeichnung, die auf die Melodik, Rhythmik und Harmonik dieser amerikanischen Musik in gleicher Weise anwendbar ist. Ich habe einige der amerikanischen Revuen aus diesem Grunde zwei und mehr Male mit Vergnügen angehört, zumal die Orchester in allen amerikanischen Varietés nicht wie bei uns aus drei Violinen und einigen mehr oder weniger belanglosen Anhängseln bestehen, sondern den vollen Bestand eines symphonischen Orchesters mit 50-60 gutgeschulten Mitwirkenden darstellen.

Im allgemeinen tut man jedoch besser daran, die sommerlichen Vergnügungen in New York im Freien aufzusuchen. Schon um der Abendkühle wegen, die nach der barbarischen Hitze, die tagsüber in New York herrscht, höchst erquickend wirkt. Wer es irgend ermöglichen kann, flieht abends aus New York an die Küste des Ozeans, der sich z. B. bei »Long-Beach« oder bei »Long-Island« in seiner ganzen majestätischen Pracht vor einem ausbreitet. Wundervolle Automobilstraßen, 50-100 Kilometer außerhalb der Stadt immer noch unter Asphalt, führen dorthin. Exquisite Restaurants sorgen für des Leibes Wohl. Die Eisenbahnzüge, die alle zwei Minuten aus New York in jene Gegenden abgehen, sind allerdings derart überfüllt, daß ihre Benutzung mit Lebensgefahr verbunden ist. Am tollsten geht es natürlich auf den Verkehrswegen zu, die nach »Coney-Island« führen. Dieses Eldorado der New Yorker Kleinbürgerschaft ist mit der Bahn oder per Dampfer in zirka einer halben Stunde zu erreichen.

Auf Coney-lsland befindet sich das Urbild aller »Luna-Parks« der Welt, das von keiner Nachahmung erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. Der Anblick, den diese Amüsier-Insel nachts gewährt, ist tatsächlich überwältigend. Eine Orgie von Elektrizität, gegen die sogar die Straßen-Illumination von New-York verblaßt, wird dort allabendlich gefeiert. Die Konturen sämtlicher Vergnügungspaläste, Aussichtstürme, Restaurations- und Theaterbauten, die Wege der kilometerlangen Berg- und Talbahnen, Fesselballons- und Aeroplan-Karussels, Wasserrutschbahnen und Riesenschaukeln – alles ist mit elektrischen Glühbirnen nachgezeichnet. Der ganze Nachthimmel scheint in Flammen zu stehen, wenn man sich über die Hudson-Brücke Coney-lsland nähert. Der Ort hat die Dimensionen einer mittelgroßen Provinzstadt und besteht ausschließlich aus Vergnügungslokalen. Man würde Wochen brauchen, um sie alle kennen zu lernen. Ein Dutzend Leipziger Messen, ebensoviele Münchener Oktoberwiesen und russische Jahrmärkte würden nur einen kleinen Teil von Coney-lsland bedecken. Ein betäubender Radau herrscht in allen Straßen. Für alle Nationen ist gesorgt.

Der Deutsche findet einige enorme Biergärten mit echtem und unechtem »Münchener« und »Pilsener«, echten und unechten Tiroler Sängern, Käsestullen, Radis, deutschen »Humoristen« und ähnlichen für sein Amüsierbedürfnis unerläßlichen Dingen.

Der Italiener hat seine Osterias mit Mandolinen-Chören und Straßensängern, der Spanier kann sich an spaßhaften Stiergefechten ergötzen, für den Chinesen sind seine heimischen Ball- und Kugelspiele da, den Russen locken Balalaika-Klänge, Chorlieder und übertemperamentvolle Kosakentänze. Daß der Franzose an Chansonetten nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst.

Und der Amerikaner? Der nimmt, wie das ja überhaupt so seine Art ist, von allem ein wenig und zwar das Beste. Besondere Vorliebe bekundet er außerdem für die sogenannten »Wutstillungsbuden«, in denen er für 10 Cents soviel Fayence-Geschirr zerschmettern darf, als er mit fünf Holzbällen zu treffen vermag. Wenn er seinen Rassenhaß auszutoben beabsichtigt, findet er sogar einen lebendigen Neger, nach dessen grinsender Fratze er für 5 Cents mit einem steinharten Kautschukball werfen darf. Nur ist der Neger viel zu geschickt, um sich treffen zu lassen. Das gelang in meinem Beisein nur einem augenscheinlich virtuosen base-ball-Spieler. Der Neger verschwand darauf mit verbundener Nase von der Bildfläche, wurde jedoch sofort durch einen ebenso grinsenden und herausfordernd plattnasigen Stammesgenossen ersetzt.

Eine weitere »nationale« Eigenschaft des Amerikaners ist die Vorliebe für seine Schiebetänze. Denen kann er auf Coney-Island nach Herzenslust fröhnen. Es gibt dort Tanzsäle, in denen sich mehr als 2000 Paare gleichzeitig drehen können, ohne die gegenseitigen Hühneraugen als Tanzboden zu benutzen. Die Pausen werden dort durch Varieté-Darbietungen ausgefüllt, wobei die Bühne auf einer Art elektrischen Bahn um den Riesensaal herumfährt, damit niemand vom Galerie-Publikum zu kurz komme.

Bewundernswert und nicht genug zu loben ist der Anstand, der wie überall in Amerika, so auch auf Coney-Island herrscht. Der New Yorker Proletarier, der in seinem Privatleben vielleicht Stiefelputzer oder Schornsteinfeger ist, beträgt sich auf dem Tanzboden und bei den zum Teil sehr gewagten Vergnügungen des Luna-Parks genau so wie jeder Gentleman in den Salons der sogenannten »guten Gesellschaft«. Wenn man dagegen daran denkt, was man unter Umständen in den Luna-Parks von Paris und Berlin zu sehen bekommt, so kann man dem Anstandsgefühl des amerikanischen Bürgers seine Hochachtung nicht versagen. Ob die innere Moral und Sittlichkeit der Amerikaner diesem äußeren Bilde entspricht, ist natürlich eine andere Frage, deren Beantwortung jedoch ferner Stehende im Grunde genommen ganz und gar nichts angeht.

5. DAS JUGENDGERICHT.

Zu meinen liebsten Erinnerungen an New York gehören die Stunden, die ich, dank der Vermittlung eines einflußreichen Mannes, in einer der nützlichsten und besten Institutionen der Vereinigten Staaten, dem Jugendgericht, zubringen durfte. Ich wohnte einer Sitzung bei, die von 10 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags dauerte, doch ist mir die Zeit keinen Augenblick lang geworden, und das Einzige, was ich bedauerte, war, daß ich am nächsten Tage abreisen mußte, wodurch dieser erste Besuch im Jugendgericht leider auch zum einzigen wurde.

Das niederdrückende Gefühl, eine Verantwortung zu übernehmen, die man eigentlich nicht verantworten kann, muß den Jugendrichter in viel stärkerem Maße überkommen, als jeden anderen Rächer der gesellschaftlichen Ordnung. Denn er hat es ausschließlich mit Kindern zu tun, mit werdenden Menschen, die in den wenigsten Fällen selbst für ihre Handlungen einstehen können. Und davon, wie er diesen oder jenen Fall »angreift«, hängt vielleicht das Schicksal eines oder vieler Menschenleben ab.

Wenn man abends in den Straßen von New York umherwandert, fällt es einem sofort auf, daß man nach 10 Uhr keinem Kinde mehr begegnet. Das Gesetz verbietet es Kindern unter 16 Jahren, sich abends in den Straßen herumzutreiben. Und dieses Gesetz wird mit großer Strenge gehandhabt, wie ich mich während der erwähnten Gerichtssitzung überzeugen konnte.

Natürlich wäre das Gesetz allein wahrscheinlich machtlos, wenn ihm nicht die in ganz Amerika weitverzweigte »Kinderschutzgesellschaft« zur Seite stände. Diese Gesellschaft beschäftigt in New York allein Tausende von Agenten und Agentinnen, die zum größten Teil aus reiner Liebe zur Sache ihrem schweren aber lohnenden Beruf nachgehen.

Diese Agenten haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht jedes Kind, das ihnen abends in den Straßen von New York begegnet, aufzugreifen und an die Kinderasyle abzuliefern. Und das schuldige Kind hat sich jedesmal vor dem Jugendgericht zu verantworten.

Man gewinnt manch trostlosen Einblick in die amerikanischen Familienverhältnisse, wenn man den Verhandlungen solch einer Jugendgerichtssitzung folgt. In den allermeisten Fällen sind es die Eltern, die die Kinder dazu anhalten, das Gesetz zu übertreten und sich abends in den Straßen umherzutreiben, sei es zu dem verhältnismäßig unschuldigen Zweck, Zeitungen und Streichhölzer zu verkaufen, oder um sich vorzeitig einem liederlichen Lebenswandel und leichten Gelderwerb zu ergeben.

Man hat dem amerikanischen Kindergericht zum Vorwurf gemacht, daß es die elterliche Autorität untergrabe. Das tut es jedoch in den seltensten Fällen und nur, wenn es absolut notwendig ist. Der Richter wird jeden Augenblick in äußerst schwierige Lagen versetzt. Es gehört ein seltenes Feingefühl, große Menschenkenntnis und ein unfehlbarer Takt dazu, um dieses Amt in wünschenswerter Weise zu versehen.

Ein kleiner sechsjähriger Spatz wird vorgeführt. Als er ins freundliche aber ernste Gesicht des Richters blickt, quellen ihm schon die hellen Tränen aus den Augen.

»Du hast gestern abend um 11 am Herold-Square Zeitungen verkauft?«

Ein kaum hörbares »Ja«.

»Warum tatst du das? Du weißt aus der Schule, daß du abends nicht auf die Straße, sondern früh zu Bett gehen sollst.«

»Die Mutter hat mich doch geschickt.«

Nun wird die Mutter aufgerufen. O diese Mütter! Meistens sind es polnische oder italienische Judenweiber. Die Ausländer und Einwanderer bestreiten, nebenbei gesagt, mehr als 80% aller Fälle, die vor den Jugendgerichten in New York verhandelt werden. In irgend einem fremdsprachigen Idiom ergießt sich ein kaum einzudämmender Redeschwall über den Richter. Ein Dolmetscher, der stets zur Hand ist, übersetzt das Notwendigste. Die Familiengeschichte mehrerer Generationen, die die redelustige Dame zum besten gibt, läßt er natürlich fort. Solchen Müttern gegenüber kann der Richter sehr unangenehm werden. Zum ersten Male bekommt sie eine äußerst scharfe Verwarnung, zum zweiten Male schon nimmt man ihr das Kind fort und bringt es »probeweise« in einem der zahlreichen, großartig organisierten Kinderheime unter. Erfolgt später noch ein Rezidiv, so bekommt sie ihr Kind überhaupt nicht mehr nach Hause, bis es erwachsen ist. Auf diese Weise schützt sich der amerikanische Staat vor heranwachsenden Verbrechern. Freilich sind dazu drei Institutionen nötig, die aufs engste zusammengehören, obgleich sie völlig unabhängig voneinander arbeiten: die Kinderschutzgesellschaft, das Jugendgericht und die Gesellschaft für Kinderheime und Besserungsanstalten für jugendliche Verbrecher.

Selbstverständlich sind nicht alle Fälle, die vors Jugendgericht kommen, so harmloser Art, wie der eben angeführte. Viele der kleinen Delinquenten müssen sich für Diebstahl, Betrug, Tätlichkeiten verantworten. Oder auch für Straßenraub und Mord. Aber Schuleschwänzen gehört ebenfalls zu den Vergehen, die von diesem vielseitigen Gerichtshofe geahndet werden. Die Verhandlungen werden sehr leise geführt, um das Schamgefühl der Kinder zu schonen. Keiner von den jungen Galgenvögeln, die auf der Anklagebank sitzen, braucht zu wissen, was dem anderen zur Last gelegt wird. Auch das Publikum von Tanten und Verwandten kann schwerlich vernehmen, was vor dem Richtertisch verhandelt wird, es mag noch so sehr die Ohren spitzen. Ich hatte meinen Platz neben dem Richter erhalten. Daher entging mir kein Wort der Verhandlungen. Dieser Richter, ein verhältnismäßig junger Mann, hat einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. Fast mit einem Seherblick verstand er es, in die feinsten Geheimnisse der Kinderseele einzudringen. Sein Resumee entbehrte oft nicht eines gewissen Humors.

Ein trotz seiner nicht gerade herkulischen Figur immerhin ganz stämmig aussehender jüdischer Kleinkramhändler behauptete, von einem dreizehnjährigen Jungen »verprügelt« worden zu sein. Als sachlichen Beweis zeigte er eine Beule an der Stirn. Darauf wurde der Angeklagte abgerufen. Es erschien ein schmächtiges, buchstäblich braun und blau geschlagenes Bürschlein. Der Angeklagte behauptete, der Angegriffene gewesen zu sein, stellte im übrigen den Hieb, der die Beule an seines Widersachers Stirn verursacht hatte, nicht in Abrede, und sah so aus, als ob er neben diese erste Beule nicht ungern eine zweite setzen würde. Die Zeugenaussagen neigten zu seinen Gunsten. Der Richter resümierte, daß die Schuld der beiden Widersacher wahrscheinlich im umgekehrten Verhältnis stehe, wie die Größe ihrer Beulen, diktierte dem Jungen eine geringe Freiheitsstrafe zu, und der Jude mußte zahlen, was ihm augenscheinlich sehr viel bitterere Schmerzen verursachte, als seine Beule.

Der ernsteste Fall an diesem Verhandlungstage betraf einen vierzehnjährigen Knaben, der tags zuvor seinen Spielkameraden erschossen hatte. Der Fall lag ziemlich kompliziert. Die beiden Jungen hatten eine alte rostige Pistole gefunden und sich um ihren Besitz heftig gestritten. Der Streit war in Tätlichkeiten ausgeartet und dabei war der unselige Schuß gefallen. Der Angeklagte war sofort ausgerissen, für zwei Tage verschwunden und erfuhr erst, als er sich am dritten Tage zu Hause einstellte, daß er seinen Freund erschossen hatte. Die Mutter des Erschossenen bestand auf der Absichtlichkeit des Verbrechens, auch die Zeugenaussagen einiger Spielgefährten und ihrer respektiven Mütter und Tanten ergaben wenig Günstiges. Demgegenüber stand nur die Aussage des Erschossenen selbst, der im Hospital kurz vor seinem Tode geäußert hatte, »sein Freund« habe »es« ganz sicherlich im Versehen getan.

Der Junge wurde vorgeführt. Trotzig und wild sah er aus, und manchen dummen Streich mochte er auf dem Gewissen haben. Aber seine Augen, die jetzt voller Tränen standen, blickten so offen und ehrlich, daß für mich seine Schuldfrage sofort außer jedem Zweifel stand. Aber der Richter war weniger voreilig.

Mit vorsichtigem Fragen, die mehr den Charakter einer freundschaftlichen Unterredung, als den eines Verhörs hatten, versuchte er dieser Knabenseele auf den Grund zu kommen. Ja, der Junge hatte auf den Freund gezielt, aber nur um ihn zu erschrecken, die Pistole sei losgegangen, er wisse selbst nicht wie. Viel mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Aber die Art und Weise, wie er seine Antworten gab, schnell, unüberlegt, jungenhaft, genügte dem Richter. Er neigte sich zu mir: »He is not a murderer.«

Aber der Fall war damit nicht erledigt. Es wurde noch eine Verhandlung angesetzt, da die Mutter des Erschossenen noch einige Zeugen für die verbrecherischen Instinkte des Angeklagten vorbringen wollte. Und wenn sie ganz New York mobilisiert, – »he is not a murderer« – das war mir ebenso klar, wie dem Richter. Der Junge wurde bis zur zweiten Verhandlung der Obhut eines Kinderheims anvertraut, mehr damit sich seine Nerven etwas beruhigen sollten, als um ihn zu strafen und »unschädlich« zu machen.

Die Agenten und Agentinnen der Kinderschutz-Gesellschaft spielen in den meisten Fällen, wenn es sich um einfache Verwahrlosung der Kinder handelt, die Rolle des Staatsanwaltes. Gegen ihre Anschuldigungen haben sich die Kinder, respektive ihre Eltern zu verteidigen. Sie auch führen die Kinder, wenn sie aus den Besserungsanstalten entlassen werden, wieder dem Richter vor. Oft tun sie das nicht ohne Stolz. Der Richter behauptete, daß die Kinder schon nach einer kurzen Besserungsfrist meist nicht wiederzuerkennen seien. Sie werden in den Anstalten fast ausschließlich durch Freundlichkeit und liebevolle Behandlung »gebessert«. Oft ist es nicht leicht, die Kinder den Eltern zu entreißen. Eine alte triefäugige Italienerin wehrte sich sozusagen mit Händen und Füßen dagegen, schrie und tobte, als man ihre beiden zwölf- und vierzehnjährigen Töchter, die sie zu unsittlichen Lebenswandel anhielt, fortnahm.

Die »gebesserten« Kinder versprechen dem Richter mit Wort und Handschlag, von nun an ein anständiges Leben zu führen. Der pädagogische Wert dieses feierlichen Augenblicks ist ohne Zweifel ein sehr großer. Und die Kinder scheinen sich dessen voll bewußt zu sein. Ich habe nie ernsthaftere Kindergesichter gesehen, als bei diesen kleinen amerikanischen Vagabunden, wenn sie dem Richter ihre Hand entgegenstreckten.

Ich glaube, man kann ohne Sentimentalität behaupten, daß diese Kindergerichte mit den dazu gehörigen Institutionen, der Kinderschutz-Gesellschaft und den Besserungsanstalten für jugendliche Verbrecher, mehr Gutes schaffen und der menschlichen Gesellschaft nützlicher sind, als die raffiniertesten und klügsten Zuchthaussysteme und die strengsten Strafen, die man erwachsenen Verbrechern gegenüber anwendet.

Denn hier, und nur hier, wird das Übel an der Wurzel getroffen.

20. BRIEF.
DER »IMPERATOR«.

Und nun soll ich von der letzten Etappe unserer Reise erzählen. Trotz der ersehnten Europanähe ist mir dabei fast trübselig zumute. Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen und ...... und muß sogar noch froh sein, wenn man nichts Schlimmeres davonträgt, als einen überlebensgroß proportionierten Katzenjammer.

In der ersten Minute auf nordamerikanischem Boden sollten wir einen Begriff von der dort herrschenden Anti-Gemütlichkeit bekommen. Als wir bei unserer Ankunft den Anlegeplatz der Hamburg-Amerika-Linie betraten, empfing uns ein Kommissionär des Hotels, in dem wir uns angemeldet hatten. Seine erste Frage lautete:

»Wann gedenken Sie abzureisen?«

»In ungefähr zwei Wochen.«

»Dann müssen Sie sich sofort Europa-Tickets besorgen.«

»Kann das nicht vom Hotel aus geschehen?«

»Sie mißverstehen mich. Es muß sofort geschehen. Wir fahren zuerst in die Office der Hamburg-Amerika-Linie, dann ins Hotel.«

Jetzt hatte ich verstanden. Time is money. Und einen eigenen Willen darf man in dieser amerikanischsten aller Fragen in Amerika nicht haben. Also fuhren wir direkt vom Pier zu dem prächtigen Gebäude der Hamburg-Amerika-Linie am Broadway.

»Zwei Kabinen erster Klasse bis Hamburg.«

»Zu wann soll es sein?«

»In ungefähr zwei Wochen.«

»Bedaure. Alles besetzt.«

Doch man hat zuweilen Dusel. Auch wir hatten welchen. Hinter seinem Pult stürzte unvermutet ein übereifriger Clerk hervor.

»Heute morgen ist eine Staatskabine auf dem »Imperator« abgesagt worden. Er geht in drei Wochen. Es ist seine erste Reise.«

Natürlich nahmen wir die Kabine unbesehen. Zumal sich herausstellte, daß sie erheblich billiger war, als die mit entsprechendem Komfort ausgestatteten Luxuskabinen andrer Dampfer. Das kommt daher, weil auf dem »Imperator« 150 Staatskabinen mit eigenem Bad sind, auf den anderen Dampfern aber höchstens 5-10.

Wir waren dem Kommissionär dankbar dafür, daß er uns zur Eile angetrieben hatte. Denn erstens interessierte uns der »Imperator« genau ebenso, wie alle übrigen Bewohner der alten und der neuen Welt, ist er doch »das größte Schiff der Welt«, »der Stolz der deutschen Handelsflotte«, »das größte Wunder der Schiffsbautechnik« und weiß der Himmel, was sonst noch alles. Zweitens aber war der Fall besonders vielverheißend, denn es galt die erste Überfahrt des Kolosses von Amerika nach Europa mitzumachen, jene erste Reise, für die ein erfinderischer deutscher Journalist den entsetzlich geschmacklosen Namen »Jungfernfahrt« geprägt hat, von der man doch mit Fug und Recht ein außergewöhnliches Vergnügen erwarten darf.

Die Ankunft des »Imperator« in New York war die Sensation des Tages und bildete für mindestens eine Woche den alleinigen Gesprächsstoff in allen Salons und in allen Bars. Das war etwas für den »Größen-Fetischismus« der Amerikaner, an dem sie ja alle mehr oder weniger leiden. Zu Hunderttausenden hatten sich Schaulustige in Hoboken versammelt, um die Majestät des Ozeans bei der Ankunft zu begrüßen.

Es ist eine undankbare Aufgabe, den »Imperator« zu beschreiben. Wem sagt es was, daß er 919 Fuß lang ist? Oder macht man sich einen klareren Begriff von seinen Dimensionen, wenn man erfährt, daß er, auf der Steuerschraube aufgestellt, erheblich höher wäre, als der Eifelturm und das 67 Stockwerk hohe »Wolworth-Building« in New York?

Wer hat überhaupt jemals in Gedanken ein Schiff auf der Steuerschraube aufgerichtet, oder ein Haus ins Meer gekippt?

Wenn man anderthalb Mal ums Schiff herumgeht, hat man einen Spaziergang von einem Kilometer gemacht. Vielleicht gibt das eine richtige Vorstellung von der Größe des Ozeanriesen?

Seine Maschine entwickelt 68 000 Pferdekräfte. Wer hat eine Vorstellung davon, was 68 000 Pferdekräfte leisten können?

Nein, mit Größenverhältnissen und Zahlen will ich mich nicht aufhalten. Die kann man außerdem in jedem Prospekt nachlesen.

Der Komfort, mit dem die Reisenden auf dem »Imperator« umgeben sind, grenzt ans Märchenhafte. Die Kabinen sind keine Kabinen, sondern mollig eingerichtete Wohnzimmer. Breite, bequeme Betten, Etablissements weicher Sessel und Divans, Schreibtisch, Kleiderschränke, Wäscheschränke bilden das Ameublement. Nebenan ein mit Kacheln ausgelegtes, geräumiges Badezimmer mit idealen Douche-Vorrichtungen. In den Waschtischen hat man Tag und Nacht fließendes heißes und kaltes Süßwasser. Ein Leben »aus dem Koffer« kennt man auf dem »Imperator« nicht. Zwei Stunden nachdem man den Dampfer betreten und dem Steward seine Schlüssel eingehändigt hat, findet man Kleider, Wäsche und sonstige Bedarfsartikel in den Spinden und Schränken der Kabine sauber aufgeräumt vor. Die Koffer sind im Gepäckraum verschwunden. Ein Bataillon Schneider an Bord sorgt dafür, daß die Garderobe immer in Ordnung ist. Die Herrenwelt feiert zum »dinner« eine wahre Orgie in Bügelfalten.

Wundervoll sind die Gesellschaftsräume des Dampfers: der enorme Tanzsaal mit 14 Fuß hohen Fenstern, die zierlich ausstaffierten Damensalons, das gemütliche, mit viel Geschmack eingerichtete Rauchzimmer, nicht zuletzt der enorme, durch zwei Etagen gebaute, von einer Galerie umgebene Speisesaal, in dem zweimal täglich für 650 Personen gedeckt wird. Das Table d'hôte-Prinzip ist abgeschafft. Es wird ausschließlich an kleinen Tischen à la carte gespeist. Die Verpflegung muß dem verwöhntesten Gaumen genügen. Ein Beispiel zum Beweis: als hors d'oeuvre wird von Zeit zu Zeit für alle 650 Personen Astrachan-Kaviar von ganz exquisiter Qualität serviert.

Für Gourmets und – Snobs existiert außerdem noch ein Ritz-Carlton-Restaurant an Bord, in dem man für Fabelpreise mit dem maître d'hôtel französisch sprechen und von Pariser Köchen zubereitete filets de sol essen kann. Ist man zu faul, seinen Frack zu Tisch anzuziehen, so kann man dasselbe Vergnügen, noch teurer, im Grill-room haben.

Hoch zu preisen ist der Palmengarten des Ritz-Carlton-Restaurants. Dort finden sich nach den Mahlzeiten auch die sparsamen Banausen aus dem allgemeinen Speisesaale ein, um bei einer Tasse Kaffee, einem »fine champagne frappé« und einer guten Import den Klängen eines rotbefrackten Pariser Streichorchesters zu lauschen.

Man schlenkere sich dabei möglichst ungeniert in die breiten Klubsessel, lorgnettiere dreist die unerhörte Toilettenpracht der amerikanischen Schönen und streue die Zigarrenasche auf den knöcheltiefen Smyrnateppich. Wenn man für ganz was Feines gehalten werden will, bemühe man sich überhaupt, die amerikanischen Millionär- oder Milliardär-Jünglinge nachzuahmen, für die die Begriffe »impertinent« und »vornehm« identisch sind.

Der Clou des »Imperator« ist und bleibt doch das Römische Schwimmbad. Ein mit feinstem Kunstsinn ausgestatteter Raum. Italienische Mosaiken schmücken die Wände. Achtzehn pompejanische Säulen tragen eine gewölbte Galerie für Zuschauer. Das Bassin – groß genug, um darin Wasser-Polo zu spielen – ist mit hellgrauem Marmor ausgelegt. Aus Marmor sind auch die Ruhebänke, die das Bassin umgeben. Mit Rauschen und Schäumen stürzt das Ozeanwasser, gleich einem Wasserfall, ins Bassin. Die Temperatur des Wassers wird künstlich auf 22-23 Grad Celsius gehoben. Dieses tägliche Schwimmbad ist ein unvergleichlicher Genuß. In der heißen Jahreszeit muß es geradezu ein Labsal sein.

Daß einem auf dem Promenadendeck behaglich zumute ist, dafür sorgt die »See-Komfort-Gesellschaft« mit Liegestühlen, Decken, Plaids und wundersam geformten Kissen, die sich den tiefsten und flachsten Körperbuchten gleich gut anpassen. Bei ungünstigem Wetter sieht man ganze Regimenter von Kopf bis zu Fuß festeingewickelter Mumien in Reih und Glied auf den endlosen Promenadendecks des Dampfers aufgereiht daliegen.

Kurz, wo immer man sich auf dem »Imperator« befindet, kann man sich in einem Winkel von Abrahams Schoße wähnen.

Und dennoch habe ich mich während der ganzen Amerika-Reise und während der 42 Tage, die ich auf See zugebracht habe, nicht so ungemütlich gefühlt wie auf dem »Imperator«.

In erster Linie war daran natürlich die Ideen-Assoziation schuld, die die Gedanken immer wieder zur »Titanic« hinleitete.

Aber ganz abgesehen davon: dieser unter allen Umständen eigentlich unerlaubte und zum größten Teil sinnlose Luxus kommt einem wie eine Herausforderung der Elemente vor. Man wartet nur darauf, daß sie aufbrausen und diesen ganzen nichtigen menschlichen Tand in Trümmer zerschellen lassen.

Betritt man den von tausend elektrischen Kerzen strahlend hell erleuchteten Speisesaal, in dem die Tische unter der Last der raffinierten Speisen und kostbaren Weine ächzen und ein Meer von Blumen betäubenden Wohlgeruch verbreitet, sieht man das Feuerwerk der blitzenden Juwelen, hört man das Scherzen, Lachen und Knallen der Champagnerpfropfen, so beschleicht einen doch ein ungemütliches Gefühl, wenn man daran denkt, daß nur eine dünne Wand diese ganze Pracht und Herrlichkeit von den grundlosen Tiefen des Ozeans trennt.

Denkt man aber nicht daran, so kann man vollständig vergessen, daß man sich auf einem Dampfer befindet. Von der Bewegung des Schiffes ist nicht das Allergeringste zu spüren. Man merkt nicht einmal, daß es vorwärts geht, von irgend einer Schaukelbewegung des Schiffes ganz zu schweigen. Auch wenn man auf dem Promenadendeck steht, merkt man, besonders abends, nichts vom »Schiff«. Die Gesellschaftsräume des »Imperator« liegen ungefähr elf Etagen über dem Meeresspiegel. Da es auf dem Atlantischen Ozean abends meistens neblig ist, so kann man vom Wasser nichts sehen, weder unter, noch vor, noch hinter sich.

Was nun das Leben an Bord anbetrifft, so spielt es sich im allergewöhnlichsten »vornehmen« Hotelstil ab. Infolgedessen läßt sich wenig mehr davon sagen, als daß es öde, steif, ungesellig, zum Sterben langweilig ist. Von irgend einer »Bordfreiheit« kann hier ebensowenig die Rede sein, wie etwa in der »hall« des Hotels Adlon.

Infolgedessen tat es einem keinen Augenblick leid, Abschied vom Imperator zu nehmen. Luxus kann man auf dem Festlande ebensogut und besser haben, und jenes spezifische etwas abenteuerliche »caché« des Bordlebens auf langen Seereisen war er uns schuldig geblieben. Dieser Umstand bewirkte, daß man am Schluß der Seereise anfing, sich immer mehr auf Europa zu freuen.

Der gute alte Kontinent empfing uns zwar mit einem mürrischen Regenwetter-Gesicht, doch wird er mich so bald nicht wieder in die Flucht schlagen.

Wenn man sich die Sache recht überlegt, scheint was Wahres dran zu sein: das Beste am Reisen ist – die Heimkehr.

Druck von J. J. Augustin in Glückstadt und Hamburg.

 

 


Hinweise zur Transkription

Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert. Die Bildtafeln wurde jeweils an das Ende des Kapitels oder Unterkapitels verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Axe" – "Achse", "danach" – "darnach", "Titicaca-See" – "Titicacasee", "unserer" – "unsrer"

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 9:
"109" geändert in "104"
(Indianer in Poncho vor einem Bananen-Haine 104)

Seite 11:
"–" eingefügt
(DER STEAMER »ARLANZA«. – VIGO.)

Seite 16:
"Außenrede" geändert in "Außenreede"
(auf der Außenreede von Funchal)

Seite 16:
"Ruderbote" geändert in "Ruderboote"
(einer Unmenge schmaler Ruderboote)

Seite 25:
"Peterburg" geändert in "Petersburg"
(von der Breite des Newski-Prospekt in Petersburg)

Seite 30:
"gans" geändert in "ganz"
(alles ganz europäisch)

Seite 33:
"–" eingefügt
(DIE ARGENTINISCHEN PAMPAS. – DAS WEINLAND VON MENDOZA.)

Seite 49:
"–" eingefügt
(TEMUCO. – EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER.)

Seite 55:
"aurakanisch" geändert in "araukanisch"
(Unterredungen, die auf araukanisch geführt wurden)

Seite 61:
"su" geändert in "zu"
(das Land urbar zu machen)

Seite 66:
"." vor "«" entfernt
(das Mißverstehen europäischer »Kulturerrungenschaften«.)

Seite 67:
"tötlich" geändert in "tödlich"
(Grund ihres absurden, tödlich langweiligen Badelebens)

Seite 70:
"–" eingefügt
(VON VALPARAISO NACH ANTOFOGASTA. – DIE CHILENISCHE SALPETER-INDUSTRIE.)

Seite 72:
"Antafogasta" geändert in "Antofogasta"
(Es bedarf von Antofogasta aus einer sechsstündigen Eisenbahnfahrt)

Seite 72:
"hies" geändert in "hieß"
(Auf einer der nächsten Stationen hieß es »aussteigen!«)

Seite 74:
"ganses" geändert in "ganzes"
(ein ganzes Arsenal voluminöser Reservoirs)

Seite 93:
"Unternehungen" geändert in "Unternehmungen"
(Ausflüge und Unternehmungen zu machen)

Seite 94:
"mitteldeutchen" geändert in "mitteldeutschen"
(von der Größe eines mitteldeutschen Herzogtums)

Seite 94:
"was" geändert in "war"
(Das war ein lustiges Einkaufen!)

Seite 96:
"Halblutindianer" geändert in "Halbblutindianer"
(der Ariero, ein Cholo, d. h. Halbblutindianer)

Seite 104:
"durchschnittenen" geändert in "durchschnittener"
(von breiten Felsspalten durchschnittener Weg)

Seite 109:
"cocktail" geändert in "Cocktail"
(prächtigen rosenroten Cocktail aus Zuckerrohrschnaps)

Seite 110:
"Daz" geändert in "Das"
(Das ist eigentlich ein Frevel)

Seite 110:
"," hinter "aussehen" entfernt und hinter "»grenadillos«" eingefügt
(die »grenadillos«, Früchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige)

Seite 114:
"entfernen" geändert in "entfernten"
(die Körner aus den Halmen entfernten)

Seite 115:
"führen" geändert in "fahren"
(von dort aus flußabwärts bis Guanay zu fahren)

Seite 118:
am Ende der Seite wurde ein Gedankenwechsel eingefügt

Seite 126:
"nnd" geändert in "und"
(Mit viel List und Tücke)

Seite 133:
"G.schen" geändert in "G.'schen"
(das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente)

Seite 135:
"–" eingefügt
(IM SCHNELLZUG DURCH PERU. – DER TITICACA-SEE.)

Seite 135:
"Phateon" geändert in "Phaeton"
(bequemer wäre, als der geräumige Phaeton)

Seite 136:
"herin" geändert in "herein"
(in den Waggon herein)

Seite 138:
"Antofagasta" geändert in "Antofogasta"
(Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta)

Seite 143:
"auszufühen" geändert in "auszuführen"
(einen gefaßten Plan auch wirklich auszuführen)

Seite 145:
"," entfernt hinter "schläfrig"
(ein schläfrig blinzelndes Auge von der Größe einer Backpflaume)

Seite 145:
"gegenüberliegengen" geändert in "gegenüberliegenden"
(nach einer Stelle des gegenüberliegenden Ufers hin)

Seite 149:
"–" eingefügt
(VON PANAMA NACH NEW YORK. – JAMAIKA.)

Seite 150:
"Zie" geändert in "Ziel"
(Das Ziel unserer Fahrt war eine hügelige)

Seite 154:
"verversteht" geändert in "versteht"
(Man versteht sich gegenseitig nicht)

Seite 154:
"st" geändert in "ist"
(Es ist ein wundervolles Land)

Seite 158:
"belegen" geändert in "gelegen"
(in einer ihrer Querstraßen gelegen)

Seite 160:
"recht" geändert in "Recht"
(während der mit Recht berüchtigten amerikanischen Hitzwellen)

Seite 168:
"belegenen" geändert in "gelegenen"
(zu ihrer im achten Stockwerk gelegenen Wohnung)

Seite 169:
"wahr" geändert in "war"
(Es war augenscheinlich der letzte Trumpf)

Seite 184:
"angefürte" geändert in "angeführte"
(so harmloser Art, wie der eben angeführte)

Seite 187:
"sie" geändert in "Sie"
(»Wann gedenken Sie abzureisen?«)

Seite 191:
"läß" geändert in "läßt"
(Infolgedessen läßt sich wenig mehr davon sagen)