IV.
Die Städte.

Die Städte des Elbtales.

Da erst die Deutschen als Städtegründer auftraten, so wird es ganz erklärlich, daß die drei Städte des Elbtalkessels: Meißen, Dresden und Pirna sämtlich auf dem linken Elbufer angelegt sind, die wir seit Otto dem Großen als die deutsche Seite bezeichnen können. Alle drei Städte liegen außerdem in der Nähe der Mündung größerer Zuflüsse der Elbe, nämlich der Triebisch, Weißeritz und Gottleuba, aber diese Zuflüsse mündeten ursprünglich nicht in, sondern neben den Städten. Ferner liegen die Städte auffällig symmetrisch: Dresden in der Mitte des Elbtales, Pirna am Eintritt der Elbe in dies Tal, Meißen am Austritt des Stromes; Pirna und Meißen als die Wächter des Stromes mit festen Burgen auf felsiger Höhe, Dresden dagegen ganz im Tal, in der Elbaue. Als wichtige Übergangsstellen über die Elbe liegt jeder der Städte auf dem rechten Stromufer ein Vorort oder eine Vorstadt gegenüber. Vor Meißen Cölln, vor Altstadt Dresden die Neustadt, vor Pirna Kopitz. Aber die Bedeutung der drei Städte ist im Laufe der Jahrhunderte bedeutend verschoben. Die älteste Stadt, nach der das ganze Land lange benannt worden ist, nimmt gegenwärtig, der Volkszahl nach, nur den zweiten Rang ein, und die Stadt Dresden, die ursprünglich neben unbedeutenden Fischerhütten gegründet wurde, hat sich, durch ihre natürliche Lage und durch Fürstengunst gehoben, zur Großstadt und Residenz des Königreichs aufgeschwungen und zählt zu den volkreichsten Städten des Deutschen Reiches.

Da die Deutschen von Nordwesten her an der Elbe aufwärts gedrungen sind, so würde es der geographischen Lage entsprechen, wenn Meißen zuerst und Pirna zuletzt als Stadt gegründet wäre. Leider ist das Gründungsjahr, abgesehen von der Burganlage in Meißen, nicht bekannt; aber urkundlich werden die Städte ihrer Reihenfolge nach so genannt, wie sie liegen und zwar Dresden zuerst als Stadt 1206 und Pirna 1233. Wir folgen bei unserer Betrachtung dieser Anordnung und beginnen mit Meißen (Abb. 20).

Daß König Heinrich I. auf einer, von Bäumen bestandenen Höhe an der Elbe den Grund zu einer Burg 928 gelegt habe, wird von dem Bischof Thietmar von Merseburg bezeugt. Wenn daneben in den frühesten Nachrichten eine Wasserburg erwähnt wird, die unterhalb des Rundturmes an der Ostecke des Burgkomplexes gelegen haben soll, so muß diese Angabe so lange zweifelhaft erscheinen, als sich von einer solchen Burg nicht die geringsten Spuren haben nachweisen lassen. Jedenfalls ist diese Mitteilung für die weitere Geschichte und Entwickelung der Stadt völlig bedeutungslos. Wie dann unter der Regierung Ottos des Großen von deutscher Seite die ernstesten Anstrengungen gemacht wurden, alles Land zwischen Saale und Elbe dem Deutschen Reiche einzuverleiben und zu behaupten, trotz der wechselnden Schicksale langdauernder Kriege und Unruhen, das ist bereits oben (S. 26 u. 27) mit Zeitangaben kurz belegt.

Abb. 26. Porzellanbrennofen der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu Seite 34.)

Für die Stadtentwickelung war es wohl von größerer Bedeutung, daß sie Bischofssitz wurde, als daß die Markgrafen zeitweilig bis zum Ende des elften Jahrhunderts hier ihren Sitz hatten, denn in dieser frühen Zeit war der Ort noch nicht im vollkommen sicheren Besitz der Deutschen. Doch soll schon in dieser Zeit, um 1025, die Elbbrücke angelegt sein, zunächst als Holzbrücke auf Steinpfeilern, denn es handelte sich darum, von der wichtigsten Burg an der Elbe auch einen dauernden Einfluß auf das überelbische Land im Osten zu gewinnen. Wenn gegenwärtig Dom und Burg das Stadtbild vor allem bestimmen, so wird nach oben erwähntem bischöflichem Einfluß auch der Dombau zuerst in Angriff genommen sein (Abb. 21).

Meißen.

Als ältester Bau gilt die Kapelle des heiligen Andreas, die 1269 vollendet wurde. Sie war eine Stiftung des Domherrn Konrad von Boritz, der sich auch um die Kolonisation namhafte Verdienste erworben hat. Die Kapelle gehört der Frühgotik an. Um dieselbe Zeit begann man mit dem Dombau und führte ihn bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fort. Der Meißener Dom ist das früheste Beispiel eines Hallenbaues in den Elbgegenden. Der Chor entstand nach 1270, das Langhaus wurde in der Zeit von 1312 bis 1342 aufgeführt. In ihm befinden sich die Grabdenkmäler sächsischer Fürsten des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Damals entstanden auch (nach Gurlitt) die Statuen, die sich jetzt im Chor des Domes und in der Johanniskapelle befinden und Kaiser Otto und seine Gemahlin Adelheid, den heiligen Donatus, Johannes den Täufer u. a. darstellen. Gurlitt spricht dabei die Vermutung aus, daß unter dem Namen des deutschen Kaisers und seiner Gemahlin der prachtliebende Markgraf von Meißen, Heinrich der Erlauchte, selbst dargestellt sei nebst seiner dritten Gemahlin Elisabeth von Maltitz; denn Heinrich residierte in Meißen und war auch als Minnesänger bekannt und geachtet. Der Tannhäuser nennt ihn „Heinrich den Mizenäre“ und Walther von der Vogelweide kurzweg den „Mizenäre“ (Meißener).

Abb. 27. Meißener Gefäße in Scharffeuerfarben. (Zu Seite 34.)

Abb. 28. Das Mädchen aus der Fremde.
Erzeugnis der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu Seite 34.)

Die Fürstenburg neben dem Dom, die erst 1676 offiziell den Namen Albrechtsburg erhielt, und jedenfalls eines der bedeutendsten Fürstenschlösser jener Zeit war, wurde unter der gemeinschaftlichen Regierung der beiden Brüder Ernst und Albrecht 1471 begonnen. Der Schöpfer des Baues, der denselben auch noch zehn Jahre bis zu seinem Tode leiten konnte, war der Baumeister Arnold aus Westfalen. Bei der Trennung der Hofhaltung beider Brüder 1482 wählte Albrecht Stadt und Schloß Torgau. Leider wurde die stolze Burg später, als die sächsischen Fürsten längst ihren dauernden Sitz in Dresden aufgeschlagen hatten, vernachlässigt und mußte über anderthalb Jahrhunderte die berühmte Meißener Porzellanfabrik in sich aufnehmen, bis erst nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besondere Fabrikgebäude im Triebischtal errichtet wurden und die Albrechtsburg in würdiger Weise wieder hergestellt und mit Wandgemälden, die sich auf die Geschichte des Fürstenhauses und die sächsischen Lande beziehen, geschmückt werden konnte (Abb. 22). Diese Wiederherstellung der Albrechtsburg, die man den frühesten deutschen Palastbau genannt hat, war 1881 vollendet, nachdem die Porzellanfabrik schon 1864 daraus entfernt war.

Ein drittes Gebäude, das auf dem Höhenrande des Stadtgebietes errichtet, neben Dom und Burg die Silhouette des Stadtbildes mit bestimmt, ist die Fürstenschule, ein nüchterner, moderner Bau, der nur praktischen Zwecken dient und auf künstlerische Wirkung verzichtet hat. Ihre Gründung fällt in die Zeit Luthers, 1543. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie seit mehr als 300 Jahren eine vorzügliche Pflanzstätte humanistischer Bildung gewesen ist, aus der die bekanntesten sächsischen Dichter des achtzehnten Jahrhunderts: Gellert, Rabener und Lessing hervorgegangen sind. Dasjenige Erzeugnis aber, das den Namen Meißen in alle Weltteile getragen hat, ist das Porzellan der königlichen Fabrik (Abb. 23). Nachdem Johann Friedrich Böttger (gest. 1719) im Jahre 1707 das rote Steinzeug und 1709 das weiße Porzellan erfunden hatte, wurde die Fabrik schon im nächsten Jahre, 1710, in Meißen gegründet. Nach Berling (Das Meißener Porzellan, S. 27) wurde erst seit 1710 die auf dem Grundstücke des Hammerschmiedes Schnorr zu Aue im Vogtlande gegrabene Erde, die sogenannte Schnorrsche Erde, in der Meißener Porzellanfabrik verwandt, doch bildete daneben der weiße Ton von Colditz von Anfang an einen wesentlichen Bestandteil der weißen Masse. Unter der glänzenden Regierung Augusts des Starken wurde der damals herrschende Barockstil ganz besonders auch in den künstlerischen Gebilden des Porzellans angewendet und neben dem Rokoko, das sich ebenfalls für die zierlich koketten und bemalten Figürchen aus Porzellan eignet, bis auf die Gegenwart mit Erfolg beibehalten (Abb. 24–28). „Meißen hat dem Porzellan des achtzehnten Jahrhunderts das künstlerische Gepräge gegeben. Leicht, anmutig, gefällig in der Form, frisch, lebhaft, fröhlich in den Farben, so steht es vor uns. Nicht die Mutter des Rokoko ist es, wie man oft sagt, sondern eines seiner Kinder, allerdings das am reichsten entwickelte. — Es hat sich ein ganz besonderer Porzellanstil herausgebildet, der überwiegend von Meißen getragen erscheint und dessen Geschichte in großen Zügen die gesamte Entwickelung des Kunstgewerbes im achtzehnten Jahrhundert wiederspiegelt.“ (Lehnert, Das Porzellan, Bd. V der Ill. Monographien, S. 47.)

Abb. 29. Der Große Markt in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 34.)

Die Stadt Meißen, die sich zu Füßen des Burgfelsens und der anschließenden Höhen auf beschränktem Raume entwickelt hat (Abb. 29), zeigt in den krummen und ansteigenden Gassen und alten Häusern noch viel Altertümliches (Abb. 30) und bietet dem Maler zahlreiche Vorwürfe; namentlich aber ist die Gesamtansicht der Stadt von hoher malerischer Wirkung und unzählige Male gezeichnet, radiert, gemalt und photographiert. Daher denn auch die Stadt mit ihrer reizenden landschaftlichen Umgebung für den Fremden eine besondere Anziehungskraft besitzt und wohl unter allen kleineren Städten Sachsens am meisten besucht wird (vgl. Abb. 10 u. 20).

Abb. 30. Rote Stufen in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 34.)

Dresden.

Gründung der Stadt Dresden.

Dresden, eine Großstadt von nahezu einer halben Million Einwohner, erscheint historisch an zweiter Stelle unter den Städten des Talkessels, hat aber im Laufe des letztvergangenen Jahrhunderts dermaßen die anderen überflügelt, daß gegenwärtig mehr als drei Viertel aller Bewohner des Talkessels von Pirna bis Meißen hier vereinigt leben. Und aus wie bescheidenen Verhältnissen ist sie erwachsen! Ein kleiner slavischer Rundling auf dem rechten Ufer, Fischerhäuschen auf der linken Seite des Stromes: das waren die Anfänge. Obwohl die Lage auf dem rechten Ufer günstiger scheint, wurde doch die deutsche Stadt Dresden auf dem linken Ufer errichtet (Abb. 31), das wir bereits als das deutsche Ufer bezeichnet haben, und zwar neben der slavischen Ansiedelung. Die Niederung der Elbaue war zum Teil mit Sümpfen und Teichen erfüllt, zwischen denen eigentlich kaum genügender Raum für eine Stadtanlage vorhanden war. Diese Sümpfe oder Seen, wie der Städter sie nannte, gewährten aber andererseits wieder dem Orte gegen unerwartete Überfälle und Angriffe Schutz. Jetzt sind diese Lachen verschwunden, aber Lokalnamen in der Stadt, wie Seestraße, Am See, Seevorstadt erinnern noch an die alten Zustände. Daß hier ursprünglich nur Sumpfwald und Gebüsch bestanden haben kann und daß danach die Slaven ihre Ansiedelung benannt haben, muß als die natürlichste Erklärung des Stadtnamens gelten, der in der Form dresga Sumpfland und Gebüsch bedeutet, wonach dann die Bewohner dresjan, d. h. Bewohner des Sumpfwaldes waren. Mit dieser Erklärung ist die früher beliebte Deutung des Namens Dresden als Fähre, Übergang über den Fluß (slavisch Trasi) gefallen. Aus der Entwickelung der Stadt ergibt sich auch, daß der Begriff einer Fähre historisch später zutreffend war, aber nicht von Anfang an paßte; abgesehen davon, daß sprachliche Bedenken gegen die Ableitung von Trasi erhoben sind. Aber die kleinen slavischen Siedelungen, die zum Burgwarde Brießnitz gehörten, traten lange Jahre noch hinter diesem benachbarten Dorfe derart zurück, daß auch in kirchlicher Beziehung Dresden von Brießnitz abhängig war. Brießnitz war nicht bloß die zweitälteste Kirche an der Elbe, sondern auch die Mutterkirche für Dresden. Die Frauenkirche, die älteste Kirche im Dorf Dresden, war eine Filiale von Brießnitz, und Dresden gehörte auch noch im ganzen Mittelalter zum Kirchensprengel von Brießnitz. Da die Frauenkirche nun vermutlich schon im elften Jahrhundert gegründet ist, so konnte sie nicht wohl in dem wahrscheinlich größeren Dorfe Dresden am rechten Elbufer errichtet werden, weil die Elbe noch bis ins zwölfte Jahrhundert die christliche und die heidnische Uferseite des Stromes trennte. Dresden selbst wird urkundlich zuerst 1206 genannt und zehn Jahre später, 1216, als Stadt bezeichnet. So wird also die Gründung der Stadt in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts fallen. Die markgräfliche Burg (Abb. 32) und die Stadt lagen aber neben der slavischen Siedelung, die sich wohl um die Frauenkirche scharte; denn auch die Frauenkirche lag außerhalb der Stadt. Und wie nun sehr bald die Burg in Dresden sich in ihrer Bedeutung rasch über die Burg Brießnitz erhob, gewann auch die neue Stadt, die ihren Namen vom slavischen Nachbarorte entlehnt, bald das Übergewicht über das Dorf und nahm schließlich die alten Ansiedelungen auf beiden Seiten der Elbe in sich auf.

Abb. 31. Dresden von der Bärbastei. 1820. Nach dem Stich von L. Richter.
Aus: „Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten Umgebung“. (Zu Seite 35.)

Die Elbbrücke.

Wie bei vielen neuen Städten im slavischen Koloniallande, wurde auch die Stadt Neudresden, wie sie im Gegensatze zum Dorfe Altdresden genannt wurde, nach einfachem Grundplane angelegt. In der Mitte lag der Marktplatz (Abb. 33), gleichsam das Herz der Stadt, der Mittelpunkt des städtischen Lebens und Verkehrs, und eine Reihe Gassen, die sich rechtwinkelig schnitten, berührten die Seiten des Marktes oder liefen ihnen parallel. Die wichtigsten Gassen — denn diesen besseren Namen hatten die Straßen bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wo von Norddeutschland her sich der auch sprachlich unschöne Name Straße eindrängte — waren die Elbgasse, die vom Markte nach und über die Elbe führte und die seit dem sechzehnten Jahrhundert Schloßgasse hieß, und die wilische Gasse, jetzt Wilsdruffer Straße. Wie auch heute, war schon damals der Punkt am Markte, wo diese beiden Gassen sich trafen, am meisten vom Verkehr belebt. Denn die wilische Gasse führte über Wilsdruff nach Freiberg. Freiberg war älter als die Stadt Dresden; und je mehr sich der Bergbau entwickelte, um so mehr hob sich auch der Verkehr nach und von Dresden. Freiberg war aber im ganzen Mittelalter bedeutender und volkreicher als Dresden. Dresden lag nicht an der ältesten Verkehrsstraße, die von Merseburg und Leipzig her durch das Flachland ostwärts führte und im Burgwart Boritz, südlich von Riesa, den bequemsten Elbübergang fand, um weiter nach Polen zu ziehen. Aber in dem ganzen Elbtalkessel hatte Dresden eine einzig günstige Lage, um einen bequemen Übergang über den Strom zu gestatten. Sonst traten, sei es am rechten oder linken Ufer, die steilen Bergabhänge hemmend in den Weg, und nur allein bei Dresden senkte sich sowohl vom Erzgebirge, als von dem Lausitzer Hochlande her das Gelände so allmählich, daß auch Warenzüge die Schwierigkeiten der Talsenkung leicht überwinden konnten. Als nun mit der Entwickelung des Bergbaues das höhere Bergland rasch besiedelt wurde, mußte die Straße von Freiberg den Elbübergang in Dresden suchen. Ihm diente in der Stadt die wilische Gasse, aus der dann aber am Markte die Elbgasse rechtwinkelig zum Strome abbog. Darin liegt die Erklärung, daß die Ecke am Altmarkt, bei der heutigen Löwenapotheke, von jeher die verkehrsreichste Stelle in der ganzen Stadt war.

Abb. 32. Hof im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 36.)

Nach dem erst in neuerer Zeit geschehenen Durchbruche der König-Johannstraße vom Altmarkte nach dem Pirnaischen Platze (Abb. 34), ist auch dieser Platz durch den immermehr wachsenden Verkehr, namentlich da sich die Vorstädte nach Südosten am meisten ausdehnen, außerordentlich stark belebt und bietet eins der interessantesten Verkehrsbilder der Stadt.

Die Elbbrücke bestand seit 1222, und zwar zunächst nur aus Steinpfeilern mit Holzverbindung, ähnlich wie in Meißen. Ganz in der Nähe lag die markgräfliche Burg in dem Stadtteil, der heute noch der Taschenberg heißt. Mit dem Worte Tasche bezeichnete man den Abhang zur Elbe. Die Burg beherrschte die Hauptverkehrslinie und den Zugang zur Brücke. Entfernter lag, aber auch in der Nähe des Marktes, die erste, dem heiligen Nikolaus, dem Patron der Schiffer und Fischer, geweihte Nikolaikirche. Als der jugendliche Markgraf Heinrich der Erlauchte (1221–1288) 1234 sich mit Constantia, der Tochter des Herzogs Leopold von Österreich vermählte, brachte diese als besonders wertvoll geachtete Reliquie ein Stück vom Kreuze Christi mit. Zur würdigen Aufstellung wurde an die Kirche eine Kapelle angebaut, die man die Kreuzkapelle nannte. Dieser Name verdrängte bald den Namen des heiligen Nikolaus und dann hieß die Hauptkirche allgemein „Kreuzkirche“. Zur Verehrung der Reliquie entstanden Wallfahrten. Die dadurch der Stadt zufließenden Einnahmen sollten zur Erhaltung der Brücke verwandt werden. Da nun der Wunsch, diese Brücke ganz aus Stein zu errichten, bedeutende Mittel erforderte, so wurde, um diese zu beschaffen, 1319 von seiten der Kirche gestattet, allen Wallfahrern einen vierzigtägigen Ablaß zu verheißen. Die dadurch erzielten Einnahmen flossen zunächst dem Vermögen der Kirche zu, aber diese hatte die Verpflichtung, für den Ausbau der Brückenbogen zu sorgen. So flossen Kirchen- und Brückeneinnahmen zusammen und werden bis heute unter dem Namen „Brückenamt“ verwaltet.

Abb. 33. Der Altmarkt mit dem Rathause zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 36.)

Die Häuser der Stadt waren anfänglich noch recht ärmlich und bestanden aus Holz und Lehm mit Strohdach, später aus Fachwerk mit Schindeln. Steinhäuser gab es noch wenig. Auf dem sumpfigen Boden waren die ursprünglichen Fahrwege nur Knüppelwege mit Kiesaufschüttung, von denen man deutliche Spuren noch 1898 beim Schleusenbau auf der Schloßstraße aufgedeckt hat. Erst in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts (1558) wurden die Straßen nivelliert und gepflastert.

Die Bürger waren ausschließlich Deutsche, doch durften auch Slaven in einer besonderen, ihnen angewiesenen Gasse wohnen. Sie hieß daher die windische Gasse, jetzt Galeriestraße. Da in der Stadt das Magdeburger Recht galt, so hat man mit Recht daraus geschlossen, daß die Kolonisten aus Niedersachsen stammten.

Dresden wird Residenz.

Es war für die junge Stadt von Bedeutung, daß Heinrich der Erlauchte die letzten Jahre, von 1277–1288, beständig in Dresden residierte. Bei seinem Tode, 1288, überwies seine Witwe die Güter Leubnitz und Goppeln bei Dresden dem Kloster Altzelle, wo Heinrich auch seine Grabstätte fand. Das Kloster erhielt damit auch das Recht, sich einen Verbindungsweg zwischen Altzelle und Leubnitz zu schaffen, der, wenn er auch gelegentlich durch ein Bauerngehöfte führte, Tag und Nacht dem Verkehr offen gehalten werden mußte. Dieser Weg führte als Zellescher Weg nahe an der Stadt vorbei und ist gegenwärtig, da sich Dresden über diesen Weg hinaus ausgebreitet hat, noch in einem Straßennamen erhalten. Nach Aufhebung des Klosters 1550 kam das Gut an Dresden.

Schicksale der Stadt Dresden im Mittelalter.

Nach Heinrichs Tode folgten lange unruhige Zeiten, bis Markgraf Wilhelm I. seit 1387 seinen Sitz in Dresden nahm. Aber auch das fünfzehnte Jahrhundert begann wieder durch die hussitische Bewegung mit neuen Drangsalen für die Stadt, bis 1459 endgültig Friede geschlossen wurde. Zwar hatte schon am Ende des dreizehnten Jahrhunderts die Stadt Dresden Mauern besessen, 1299 werden sie zum erstenmal erwähnt; aber als man nach der Niederlage der Sachsen bei Aussig 1426 einen neuen Einfall der Böhmen fürchtete, schritt man eiligst zu einer Verstärkung der Befestigung durch vorgeschobene Mauern an den gefährdetsten Stellen und so entstand 1427 am Taschenberge der „Zwinger“, ein Name, der heute noch die schönsten und eigenartigsten Bauwerke mit ihren weltberühmten Kunstschätzen umfaßt.

Als dann 1429 Prokop mit den Hussiten vor Dresden erschien, fiel ihm zwar der Ort rechts der Elbe, der als „Neustadt Dresden“ (Abb. 35.) 1403 Stadtrechte erhalten hatte, in die Hände, aber die Residenz der Markgrafen, die feste Stadt an der linken Elbseite, nicht.

Abb. 34. Pirnaischer Platz in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 37.)

Im Jahre 1465 schlugen die Söhne des Kurfürsten Friedrich II., Ernst und Albert, ihren Sitz in Dresden auf; für die erweiterte Hofhaltung mußte daher auch das Schloß vergrößert werden. Diesen Bau leitete von 1471–1474 Meister Arnold, der um dieselbe Zeit die Albrechtsburg in Meißen baute. Bei dem 1485 abgeschlossenen Teilungsvertrag zwischen den beiden fürstlichen Brüdern fiel Dresden dem jüngeren Bruder Albrecht zu und verblieb seit jener Zeit ununterbrochen im Besitz der Albertinischen Linie.

Albrecht selbst residierte zu selten in Dresden, um Einfluß auf die Entwickelung der Stadt zu üben; aber die Stadt selbst gewann während seiner Zeit — leider durch ein großes Brandunglück, dem 1491 die Hälfte aller Häuser zum Opfer fiel — ein durchaus anderes Ansehen, da beim Wiederaufbau alle Eckhäuser von Stein und Ziegeln gebaut werden mußten und auch sonst den Bürgern, die sich verpflichteten, feuersichere Wohnungen zu bauen, mancherlei Vergünstigungen zu teil wurden. Noch in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wird die Bevölkerung auf nicht mehr als 6000 Seelen geschätzt. Einen neuen Aufschwung gewann sie erst nach Albrechts Tode 1500, unter der Regierung des Herzogs Georg (1500–1539).

Abb. 35. Neustädter Markt in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 39.)

Abb. 36. Großer Ballsaal im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 40.)

Das Königliche Schloß.

Die Monumentalbauten des achtzehnten Jahrhunderts.

Der Zwinger.

Es kamen auch in diesem Jahrhundert „geschwinde Zeiten, weil man sich nicht wenig von den Türken und Wiedertäufern, je länger je mehr eines Ein- und Ueberfalls und anderes Schadens befahren mußte“. Darum war die nächste Sorge des Herzogs, neue festere Mauern um die Stadt mit Wall- und Wassergräben zu bauen. Die fürstliche Wohnung wurde durch den Bau des Georgenschlosses (Abb. 36, 37, 38) erweitert und 1534 das neue Torhaus nach der Elbe durch Hans Dehne Rothfelser begonnen, ein auch wegen seiner Skulpturen vielbewunderter Prachtbau. Leider wurde das Georgenschloß mit seinem herrlichen Giebel 1701 zum Teil durch Feuer zerstört. Kurfürst Moritz ließ dann 1547 das ältere enge und winkelige Schloß abbrechen und erneuern. Die Stadt wurde dadurch erweitert, daß die Frauenkirche samt ihrer Umgebung, die bis dahin außerhalb der Mauern gelegen hatte, in die Stadt einbezogen und in den Mauerring aufgenommen wurde. Damit wurde zugleich ein neuer Marktplatz gewonnen, der im Gegensatz des früheren, nun Altmarkt genannten, der Neumarkt hieß. Auch wurden die beiden bisher in der Verwaltung getrennten Städte Altstadt und Neustadt um 1550 zu einer Stadtgemeinde vereinigt. Die beiden wichtigsten Stadttore, das Brückentor und das wilische Tor wurden verstärkt, das Brückentor noch weiter hinausgerückt und zählte dann zu den sieben Wunderwerken. Daß alle übrigen Tore nach außen hin keineswegs die Bedeutung für den Verkehr hatten, als die beiden genannten, wird recht ersichtlich daraus, daß man im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts, zuerst 1548 das nach Süden geöffnete Seetor zumauerte, dafür mehr nach Südosten das Kreuz- oder Salomonistor öffnete, aber auch dieses 1592 wieder vermauerte und im Osten der Stadt das pirnische Tor dafür erbaute. Gegen das Gebirge zu war das Bedürfnis für eine Verkehrsstraße, wie es scheint, nicht vorhanden, eher in der Richtung flußaufwärts nach Pirna; aber als am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, 1678, der Große Garten (Abb. 39) angelegt wurde, mußte auch der Weg nach Pirna sich einen unbequemen Umweg, zur Ausbiegung vor dem Großen Garten gefallen lassen, gewiß ein Zeichen, daß das öffentliche Interesse an der Erhaltung eines natürlichen Straßenverlaufes nicht so mächtig war, als das private Interesse des Fürsten: oder mit anderen Worten, der Verkehr Dresdens ging vielmehr quer über die Elbe und die Elbbrücke, als im Elbtal entlang. Erst das achtzehnte Jahrhundert wurde für den architektonischen Charakter der Stadt und ihre kunstgeschichtliche Bedeutung maßgebend; und hier waren es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die beiden Fürsten August der Starke (1696–1733) und Friedrich August II. (1733–1763), denen die Stadt die hervorragendsten Bauwerke und die Pflege und Bereicherung der unvergleichlichen Kunstschätze verdankt. Nach dem Schloßbrande von 1701 beschloß August der Starke den Bau eines großen Königlichen Schlosses, das in Größe des Entwurfes und Pracht der Ausführung mit den Bauten in Versailles wetteifern sollte. Die Ausführung wurde Daniel Pöppelmann (1662–1736) übertragen. Als geeignetster Bauplatz erschien der Raum zwischen den Mauern des Zwingers, der bereits in einen Garten umgewandelt worden war; aber die Schloßanlage sollte bis an die Elbe reichen. Denn es handelte sich nicht bloß um einen Schloßbau, sondern um eine Vereinigung von großen Speise-, Spiel- und Tanzsälen mit Bädern, Grotten, Bogenstellungen, Lust- oder Spaziergängen, Baum- und Säulenreihen, Gras- und Blumenbeeten, Wasserfällen und Lustplätzen, auf denen alle Arten öffentlicher Ritterspiele, Gepränge und andere Lustbarkeiten des Hofes abgehalten werden konnten. So begann man mit dem ersten großen Vorhof und den ihn umgebenden Galerien und Pavillons, ohne bei den ungeheuren Kosten bis zur Grundsteinlegung des Schlosses selbst zu kommen. Aber auch so, in seiner unvollendeten Gestalt, erregen die Gebäude des Zwingers (Abb. 40 u. 41), wie jetzt die Schöpfung Pöppelmanns genannt wird, in der Leichtigkeit und Kühnheit, mit der der Baumeister die phantastischen Formen des Barocks beherrschte, die allgemeinste Bewunderung. Der Zwinger ist, nach Steche, mit keinem Bauwerk der Welt vergleichbar, er überragt bei weitem die französischen Bauten gleicher Zeit und gleicher Zwecke, er ist das ganz individuelle Werk zweier sich ergänzender geistvoller Männer, Friedrich Augusts I. und Pöppelmanns, und das Charakteristikum einer ganz originalen sächsischen Kunst. Ganz besonders ragt das nach der Ostra-Allee (Abb. 42 u. 43) führende Südtor empor, das sich im Sinne eines römischen Triumphbogens aufbaut, aber in ein Gemisch von Willkür und Haltung, von Ungezogenheit und Grazie sich verliert. Jede ruhige Masse ist fast vermieden bei diesem aus Säulen, Pilastern und Anten zusammengefügten luftigen Gloriettenbau mit seinen vielen Figuren, Blumenkörben, Blumenvasen und seinem kioskartigen Kronenabschluß.

Abb. 37. Gobelinzimmer im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 40.)

Einen neuen Abschluß erhielt erst der nach der Elbe offengebliebene Zwingerbau durch die Einfügung des in edlem Renaissancestil von Gottfried Semper errichteten Prachtgebäudes für die Gemäldegalerie (1846–1855). Alle Teile des Zwingerbaues dienen gegenwärtig der Aufstellung naturwissenschaftlicher Sammlungen und inmitten des inneren Zwingergartens erhebt sich das von Rietschel 1843 geschaffene, würdige Denkmal Friedrich Augusts des Gerechten (1768–1827).

Die Frauenkirche.

Ein zweiter für die Stadt ebenso charakteristischer, aber ganz anderem Kunstgeschmack huldigender Bau war die Frauenkirche (1726–1748, Abb. 44) von George Bähr (1666–1738). Bähr war nach H. Hettners Urteil der einzige deutsche Baumeister des achtzehnten Jahrhunderts, der mit Ehren neben dem großen Andreas Schlüter genannt werden kann. Als rings um ihn, auch im Kirchenstil, entweder der verwildertste Barockstil oder die kahlste Nüchternheit herrschte, war er es allein, der in die gute italienische Renaissance zurückgriff und nach dem Muster der Peterskirche einen Bau errichtete, der in seiner Haltung und Gliederung so durchaus organisch aus sich herausgewachsen und in seinen Massen und Maßen so kraftvoll und würdevoll ist, daß kein zweiter deutscher Kirchenbau des gesamten Jahrhunderts an Mächtigkeit des Eindrucks auch nur entfernt ihm gleichkommt.

Ihre mächtige Kuppel widerstand bei der Belagerung 1760 selbst den preußischen Kanonenkugeln, durch die der Kreuzturm in einen Schutthaufen verwandelt wurde. Und sehr bezeichnend sagt nach der Beschießung der Prediger am Ende in seiner ersten Predigt, in der er dankerfüllten Herzens der Erhaltung des herrlichen Bauwerkes gedachte, daß die ganze Kirche von Grund auf bis oben hinaus gleichsam nur ein Stein sei.

Abb. 38. Arbeitszimmer des Königs von Sachsen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 40.)

Die Augustusbrücke.

Als drittes Bauwerk, das, wenn auch nicht unter August dem Starken neu geschaffen wurde, aber doch seine jetzige Gestalt erhielt, ist die Elbbrücke zu nennen, die danach den Namen Augustusbrücke erhielt und noch jetzt so oder die Alte Brücke heißt. Ihr Neubau wurde von 1727–1730 ausgeführt. Zwar war die steinerne Elbbrücke schon seit Jahrhunderten die Bewunderung aller Reisenden gewesen und wurde in den Reisewerken und Reiseführern als ein einzig dastehendes Wunderwerk gerühmt. Von nun aber war dieser Ruhm noch erhöht und hat bis auf den heutigen Tag unzählige Male den Künstlern zum Vorwurf gedient, um verbunden mit An- und Aussichten von dieser Brücke aus originelle Stadtansichten zu schaffen. Aber leider sind ihre Tage gezählt, denn sie bildet mit ihren engen Bogen ein wesentliches Hemmnis für den wachsenden Elbverkehr und schon mancher schwerbeladene Kahn ist an ihren Pfeilern gescheitert und samt der Ladung verloren gegangen. Noch kürzlich wurde dieser Brücke folgender, ich möchte sagen, ehrenvolle Nachruf gewidmet: Ein altbewährtes Wahrzeichen Dresdens und zugleich ein eigenartiges künstlerisch wertvolles Bauwerk erlebt, den Hamburger Nachrichten zufolge, heuer seinen letzten Sommer. Die Augustusbrücke, die jahrhundertelang als die „Dresdener Brücke“ schlechthin bekannt war und noch jetzt die schönste (?) unter den fünf großen Brücken zwischen Altstadt und Neustadt ist. Was diese altehrwürdige Brücke, die sozusagen zum Dresdener Stadtbild gehört, zum erklärten Liebling der Maler der verschiedensten Perioden gemacht hat, ist die stämmige, wuchtige Kraft ihrer stolzen Pfeiler, der schöne Schwung ihrer Bogen, die stolze Wölbung ihres Niveaus und ihre landschaftlich überaus günstige Lage über einer Biegung des Elbstroms, der zufolge man beim Durchblick durch jeden ihrer Bogen ein neues reizvolles Bild genießt. Tausendmal ist der altersgeschwärzte Bau gemalt worden; Canalettos Brückenbild (Abb. 45) ist weit bekannt und noch in der neuesten Zeit ist ihr in Gotthard Kühl ein verständnisvoller Meister entstanden, der mit seinen Bildern der Augustusbrücke selbst ihre bei regentrübem Wetter und winterlicher Abendbeleuchtung noch vorhandenen intimen Reize offenbar gemacht hat. Zudem kommt noch, daß das zwischen den breitgegründeten engen Bogen durchschießende Wasser mit seinen mannigfachen Strudeln und Lichteffekten den Künstler ganz besonders reizen mußte. (Allg. Zeitung 1902, No. 152.)

Abb. 39. Palais und Deich im Großen Garten zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 41.)

Der Rat zu Dresden hat sich neuerdings für einen völligen Neubau entschieden, der an der Stelle, wie jetzt, den Strom überbrücken soll. Die Brücke soll aus Stein aufgeführt und von 11 m auf 18 m verbreitert werden, auch sollen die Pfeiler, soweit möglich, in den alten Formen gehalten werden, daß die Bögen in gleichmäßig gerundeten Linien verlaufen. Doch wird die Zahl der Pfeiler von dreizehn auf neun verringert und dadurch die Möglichkeit gegeben, den jetzt schwierigen und gefürchteten Schiffahrtsweg durch die mittleren Bögen durch weitere Spannung der Bögen wesentlich zu erleichtern. Während die Spannweite dieser Bögen jetzt nur 21 m und 17,2 m beträgt, ist für den Neubau eine Spannung von 40 und 36 m in Aussicht genommen. Alsdann nimmt nach beiden Ufern die Spannweite der Bögen ab. Architektonisch bilden die fünf größeren mittleren Bögen der geplanten neuen Brücke eine harmonisch abgeschlossene Gruppe für sich, deren Grenzpfeiler mit gekröntem Wappenschild und einem kleinen Aufbau geschmückt sind. Nach der Altstadt zu schließen sich zwei, nach der Neustadt zu drei Seitenbögen an. Gegen den jetzigen gedrungenen Bau der Augustusbrücke ergibt sich dadurch ein schlankeres Brückenbild.

Abb. 40. Der Zwinger in Dresden. Gesamtansicht.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 42.)

Die Brühlsche Terrasse.

Die katholische Hofkirche.

Zum Bilde der Brücke gehört aber auch die anliegende Brühlsche Terrasse (Abb. 46). Es ist das erste Werk, das während der Regierung Friedrich August II. (1730–1763), wenn auch nicht durch ihn selbst angeregt, entstand und zu den für das Stadtbild charakteristischen Anlagen gehört. Die Terrasse wurde 1738 auf Befehl des allmächtigen Ministers Brühl als vornehmer Privatgarten auf den Festungswerken über der Elbe errichtet, wurde aber erst im neunzehnten Jahrhundert, 1814, durch den damaligen russischen Militärgouverneur Repnin allgemein zugänglich und somit zu öffentlichen Anlagen umgestaltet, indem er vom Schloßplatze die große Freitreppe (Abb. 47) anlegen ließ, die später, 1872, durch die prächtigen Gruppen der vier Tageszeiten von Schilling geschmückt wurden. Von der Höhe der Terrasse bieten sich sowohl nach Nordwesten bis zu den Lößnitzer Weinbergen, als nach Osten gegen die Waldhöhen der Dresdener Heide so fesselnde Landschaftsbilder, deren Reiz durch den zu Füßen des Beschauers dahinfließenden belebten Strom noch wesentlich erhöht wird, daß man ähnliches schwerlich inmitten einer Großstadt finden wird. Darum bewahrt auch die Terrasse zu allen Tages- und Jahreszeiten ihre mächtige Anziehungskraft nicht nur für den Fremden, der den Besuch dieser hochgelegenen, aussichtsreichen Anlagen oft der Besichtigung der Museen vorzieht. Für Dresden war es ein großes Glück, daß der kunstliebende König und Kurfürst Friedrich August II. mehr in Dresden als in Warschau lebte und daß er zur Verschönerung Dresdens noch größeren Glanz entfaltete. Vor allem galt es, da mit August dem Starken die königliche Familie zum katholischen Glauben übergetreten war, um die polnische Krone zu gewinnen, eine prächtige, dem Zeitgeschmack huldigende katholische Kirche (Abb. 48) zu erbauen. Sie wurde neben dem Zwinger und der Frauenkirche das dritte charakteristische Bauwerk der Stadt, das schon von ferne den Blick auf sich zog, und wurde in der Zeit von 1739–1751 durch den italienischen Baumeister Gaëtano Chiaveri (1689–1770) nur mit italienischen Bauleuten ausgeführt. Dabei entstand auf dem heutigen Theaterplatz das italienische Dörfchen, eine Reihe kleiner Wohnungen für die Arbeiter und daneben Steinmetzhütten, Kalkhütten, Tischler-, Schlosser- und Schmiedewerkstätten etc., die erst im neunzehnten Jahrhundert bis auf die Gebäude unmittelbar an der Elbe beseitigt wurden. Nur diese sind als vielbesuchte Restaurants erhalten und heißen noch das „Italienische Dörfchen“.

Abb. 41. Der Zwinger in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 42.)

Die Kreuzkirche.

Mit großem künstlerischen Geschick hat Chiaveri nicht bloß den Platz, sondern auch die Lage der Kirche und des Turmes gewählt. Er wich dabei von der üblichen Orientierung der Kirchen ab und legte den Chor südwestlich an, wodurch der Bau auf dem freien Platze neben dem Schlosse und der Brücke zur vollen Geltung kam. Ganz besonders merkwürdig ist die Stellung des Turmes, der nicht nur die ganze Elbseite beherrscht, sondern auch aus dem Inneren der Stadt über der ganzen Länge der Schloß- und Seestraße, und von der Moritzstraße her in voller Höhe gesehen wird. Die Kirche ist in dem für Italien maßgebenden Barockstil des siebzehnten Jahrhunderts errichtet; alles ist dabei auf malerische Wirkung berechnet und der Gesamteindruck durch die geschickte Verwendung von achtundsiebzig Statuen hoch oben auf dem Rande des Kirchendaches erst vollendet. Diese Statuen, Werke Mattiellis, sind perspektivische Kunstwerke und optische Kunststücke, denn auf die Verkürzungen, die bei der hohen Stellung der Figuren für den Beschauer unten entstehen, ist die größte Rücksicht genommen. Dadurch ist erreicht, daß die Statuen von nah und fern stets in klarer Silhouette erschienen. H. Hettner mag in strengerer Beurteilung der Statuen recht haben, wenn er behauptet, sie seien zum Teil von den allermanieriertesten Motiven, unnatürlich in der Form, gewaltsam in Stellung und Bewegung, völlig stillos in dem unruhigen Flattern der Gewänder, aber er kann sich dem Gesamteindruck auch nicht entziehen und gesteht, daß sie wesentlich dazu beitragen, das barocke aber geniale Werk in seiner überraschenden Wirkung zu steigern. „Man kann sogar ketzerisch genug sein, im Ernst zu behaupten, daß eine strengere Formengebung zu der architektonischen Umgebung, zu der heiteren Brücke und den lachenden Elbufern weit weniger malerisch stimmen würde. Weder der Außenbau noch der Innenbau ist kräftig. Es ist die kokette Grazie des Zopfstils.“

So bildete also diese Kirche einen strengen Gegensatz zu der protestantischen Frauenkirche und von diesem Gesichtspunkte aus konnte das 1883 errichtete Lutherstandbild (nach Rietschels Lutherdenkmal in Worms) keinen geeigneteren Platz finden als vor der Frauenkirche.