Padua.

Padua beansprucht den etwas zweifelhaften Ruhm, in seinem sogenannten Dantino das mit der kleinsten Schrift gedruckte Buch hervorgebracht zu haben. Im Jahre 1834 hatte bereits Antonio Farina eine Schrift, die er Occhio di mosca (Fliegenauge) nannte, geschnitten. In demselben Jahre trat Claudio Wilmant mit einer noch kleineren, Milanina, hervor. Nach vielem Herumirren derselben schloss der letzte Besitzer dieser Schrift, Giovanni Gnocchi, 1873 einen Vertrag mit den Gebrüdern Salmin in Padua über den Druck einer Ausgabe von Dantes göttlicher Komödie ab und nach fünf Jahren erschien dieselbe.

Mailand.

Mailand trug durch P. E. Giustis Ausgabe der Famiglie celebri di Italia des Grafen Pompeo Litta zur Ehre der Kunst bei. Dort wirkt die Anstalt von Ed. Sonzogno (gegr. 1861) mit 30 Schnellpressen und 500 Personen für die Herstellung des eigenen Verlags der Firma, darunter 15 Zeitschriften. Civelli (1840) hat Druckereien in Mailand, Turin, Verona, Ancona und Rom, ausserdem zwei Papierfabriken und verlegt fünf Zeitschriften. Er druckt fast alle Arbeiten für die italienischen Eisenbahnen. Ein Riesenwerk ist das Vocabulario universale della lingua italiana, acht Bände in Quart.

Was den lithographischen Bilderdruck betrifft, hat Mailand zwei vortreffliche Repräsentanten aufzuweisen, Ulysses Borzino und seine Frau, die beide selbst tüchtige Künstler sind.

Familie Pomba.

Was Bodoni für die Typographie Italiens gewesen, war die Familie Pomba in Turin für den Verlagshandel. Die von derselben 1818 begonnene Collezione dei classici Latini in 108 Bänden wurde 1835 beendigt. Ihre Biblioteca populare di classici autori, 100 Bände, in 16. (1829) gab den ersten Impuls in Italien zur Verbreitung guter Bücher zu den billigsten Preisen. Nach dem Vorbilde der Penny Cyclopaedia wurde 1842–1849 die Encyclopedia populare, zwölf Bände in Quart, herausgegeben. Glänzenden Erfolg erzielte Cesar Cantus Storia universale, die in sehr kurzer Zeit zwei teuere Auflagen und eine billige erlebte. Die Firma Pomba & Co. unternahm die Biblioteca dell' Economista, 26 Bände, und ein kolossales Werk, Istituzioni di agricoltura.

Luigi Pomba † 1872.

Am 1. Februar 1855 ging das Pombasche Geschäft mit noch einigen anderen, kleineren Geschäften in den Besitz der Unione tipografico-editrice über, die unter der Direktion Luigi Pombas eine grosse Wirksamkeit, namentlich in encyklopädischer Richtung, entwickelte und Filialen in Rom, Neapel und Pisa gründete. Neue grossartige Werke der Firma waren das Wörterbuch von Nic. Tommaseo, acht Bände in Quart; die Encyclopedia di chimica, zehn Bände in Quart, und die Prachtausgabe von A. Palladios Fabbriche etc., fünf Bände in Fol., ferner die italienischen illustrierten Ausgaben der Werke Brehms, Darwins u. a.

Ausser durch die eigene Verlagsthätigkeit zeichnete sich Joh. Pomba durch seine allerdings ohne Erfolg gebliebenen Bestrebungen, den italienischen Buchhandel nach Art des deutschen zu organisieren, aus. Um sich näher mit dem Betrieb des letzteren bekannt zu machen, besuchte Pomba die Leipziger Messe und liess 1869 eine Broschüre Informazione della fiera di Lipsia erscheinen.

Grosse Anstrengungen machte die königliche Druckerei in Turin in den Händen der Firma Paravia (Vigliardi), die auch Filialen in Mailand, Florenz und Rom errichtete. Schöne Arbeiten lieferten in Turin ebenfalls Bona, sowie Chirio & Mina. Unter den Arbeiten der letzteren ragt die Geschichte des Klosters Alta Comba in Folio mit Einfassungen in Golddruck im Geschmack des XV. Jahrhunderts hervor.

Florenz.

In Florenz, das durch Verbindung vieler Eigenschaften (geographische Lage, allgemeine Bildung, Reinheit der Sprache, Tüchtigkeit der Setzer) geeignet wäre, ein Leipzig Italiens zu werden, lieferte 1825 Molini eines der schönsten Druckwerke Italiens, die vom Grossherzog von Toscana veranstaltete Prachtausgabe der Opere di Lorenzo de' Medici, vier Bände in Gross-Quart. Mareingh, erst in Florenz, dann in Triest, zeigte in Tassos Gerusalemme liberata, zwei Bände in Gross-Folio, 1820, und in den Monumens sépulcraux de Toscane, 1821, feinen Geschmack und grosses Geschick. Eines der bedeutendsten Werke der letzten Zeit ist das in der Tipografia Cenniniana auf 1648 zweispaltige Seiten gedruckte Vocabulario Italiano von P. Fanfani, Rigutini und F. Corridi. Als Drucker und Verleger bedeutend ist G. Barbera; er ist durch seine Diamant-Ausgaben italienischer Klassiker bekannt.

Florenz hat einen Cercolo tipografico, in dem Prinzipale und Gehülfen zwanglos verkehren. Hier erscheint auch seit 1869 das in würdiger Weise von Salv. Landi geleitete und typographisch sehr gut ausgestattete Journal L'Arte della stampa. Als Organ der Gehülfen dient Il tipografo (Turin). Senefelder ist der Titel einer in Turin in italienischer und französischer Sprache erscheinenden lithographischen Monatsschrift.

Rom.

Rom hatte zwar nie einen ersten Platz in der typographischen Geschichte eingenommen, sank jedoch in der Periode von 1750 ab tiefer als man hätte erwarten sollen. Das einzige Institut von einiger Bedeutung war die Druckerei der Propaganda (I, S. 186)[142]. Ihren Flor verdankt sie dem gelehrten Prälaten Leo Allacci (Allatius), den Kardinälen Antonelli, Ruggieri, Spinelli, Consalvi und Zurla, sowie den Monsignoren Ricci, Amaducci und Borgia. Eine solche Stellung jedoch, wie dies Institut hätte einnehmen können und sollen, wurde nicht erreicht. Nicht nur andere Staatsanstalten, sondern auch Privatdruckereien anderer Länder überflügelten weit die Propaganda. 1812 ward sie zeitweilig ganz unterdrückt, hob sich jedoch später wieder. Die von Napoleon geraubten Schriften kamen wieder nach Rom zurück. Besonders der Papst Pius IX. nahm sich der Anstalt an und ernannte 1865 den verdienten Ritter Marietti zum Direktor, der 1872 seine Stelle niederlegte und von Federigo Melandri gefolgt wurde. Unter den seit 1865 entstandenen Werken der Offizin sind zu erwähnen der Bibliorum Sacrorum Codex Vaticanus, mit den Typen des Tischendorfschen Codex Sinaiticus gedruckt, und eine Oratio dominica in 250 Sprachen, die trotz der Schriftenmannigfaltigkeit zeigt, dass die Anstalt nicht auf der Höhe der Jetztzeit steht[143].

Eine Hofbuchdruckerei Stamperia camerale wurde 1834 sehr hübsch in dem Palast Cornaro eingerichtet. Im Jahre 1881 gab es in Rom 53 Buchdruckereien mit 172 Schnellpressen und 129 Handpressen. Die Zahl der Gehülfen war 722, der Lehrlinge 268. Die grösste Zahl der Schnellpressen, 31, und ebenso viele Handpressen beschäftigte die „Aktienbuchdruckerei“. Bedeutend sind ferner: Civelli, Bottas Nachfolger, mit 11 Schnellpressen und 81 Setzer; die Druckerei der Nationalbank mit 8 Schnellpressen und 11 Handpressen; Molina mit 16 resp. 8.

Neapel.

Neapel[144] sucht in seinen Leistungen nicht zurückzubleiben. Angeli & Sohn liefern viele Accidenzien. Dort gelangte eines der prachtvollsten Stichwerke der Neuzeit zur Ausführung, das von Piranesi Vater und Sohn herausgegebene: Antike Denkmäler Roms. In der Kunst, die Monumente und Ruinen darzustellen, sind die beiden Meister nicht übertroffen. Der Vater J. P. Piranesi † 1778.Joh. Baptist Piranesi aus Venedig lieferte die ersten 16 Bände und der Sohn Franz Piranesi setzte das Werk fort. Nach verschiedenen Schicksalen liess sich letzterer in Paris nieder. Napoleon begünstigte ihn sehr und es wurde der Beschluss gefasst, von Staatswegen das Werk für 300000 Franken und ein Jahresgehalt an Piranesi von 12000 Franken zu erwerben. Das Unglück in Moskau verhinderte die Vollziehung des betreffenden Dekretes, jedoch erwarben die Didots das grossartige Unternehmen von 29 Bänden mit über 2000 Kupferstichen im grössten Atlanten-Format.

SPANIEN. PORTUGAL. SÜDAMERIKA.

Spanien.

Spanien hat wie Italien in der Periode von 1750 ab einen einzigen hervorragenden Namen aufzuweisen, während seine typographische Geschichte wenig von Bedeutung verzeichnen kann[145].

J. Ibarra.

Der Kammerdrucker des Königs, Joachim Ibarra aus Saragossa, war der Mann, der die Buchdruckerkunst in Spanien zu einer dort noch nicht gekannten Höhe erhob und einen Wetteifer der Buchdrucker hervorrief, der sie weiter trieb, als 20O Jahre es vermocht hatten. Ibarras Prachtwerke zeichnen sich gleich sehr durch die Schönheit des Druckes, der Typen und der Illustrationen, sowie durch die Glätte des Papiers, und durch die Korrektheit aus.

Unter seinen Druckwerken sind besonders zu nennen die spanische Übersetzung des Sallust durch den Infanten Don Gabriel, mit Illustrationen, Folio, 1772; eine Dissertation des Fr. Perez Bayer über die phönizische Sprache, Folio, 1772; die Prachtausgabe des Don Quixote, vier reich illustrierte Bände in Quart, 1780; Marianas Geschichte Spaniens, zwei Bände, Folio, 1780. Ibarras Witwe setzte das Geschäft in rühmlichster Weise fort; eine vorzügliche Leistung von ihr ist das Diccionario de la lengua Castellana, Folio, 1803.

Für die Achtung, welche die Spanier ihrem grossen Dichter Cervantes zollen, spricht der Umstand, dass eine Facsimile-Reproduktion der ersten Ausgabe der Werke desselben (I, S. 190), von Francisco Quijano in 1500 Exemplaren veranstaltet, sofort vergriffen war.

Madrid.

Unter den neueren Druckern Madrids werden mit Ruhm genannt: Gaspar & Roix, Calleja Millado, Man. Rivadaneira (jetzt Abelardo de Carlos und Sohn), Juan Aguado, Ducazal, Joachim Fontanet, Gabriel Albamra u. a. Im Jahre 1881 hatte die Stadt 104 Buchdruckereien, 110 Buchhandlungen, 64 lithographische Anstalten. Die Schriftgiessereien sind schwach vertreten, J. Aguado † 22. März 1878.die bedeutendste darunter ist die von Juan Aguado, der auch die Fachzeitschrift Bulletin tipografico herausgiebt. Ein zweites Fachblatt ist die Cronica de la imprenta. Von Zeitschriften erschienen 206 (darunter 60 politische, von welchen die Correspondencia die grösste Auflage [über 50000] hat). Die spanische illustrierte Zeitung ist eine tüchtige Leistung A. de Carlos' und enthält viele gute Original-Illustrationen, ebenso El museo universal.

Barcelona.

Nächst Madrid ist Barcelona der bedeutendste Druckort. Die dort bestehende Banknotendruckerei unter Direktion von Zaragozano & Jaime ist ganz mit französischem Material ausgerüstet und beschäftigt über 60 Personen. Früher wurde das spanische Papiergeld in England gedruckt. In Barcelona erscheint auch ein Fachblatt El correo tipolitografico von Cepherino Gorchs. Die Stadt besass 1881 42 Buchdruckereien, davon 6 mit Dampf- und 10 mit Gasbetrieb. 919 Personen, 95 Schnellpressen (darunter 81 französische), 60 Handpressen (darunter nur zwei deutsche) waren beschäftigt. Ausserdem zählte man dort 51 lithographische Anstalten, 57 Buchhandlungen und 63 Journale.

Valencia.

Das in Valencia erschienene Bayeri opus de nummis Hebrae-Samarithanis, zwei Bände in Quart, 1781 und 1790, ist ein Werk, welches eine Vorstellung giebt von dem, was die Buchdruckerkunst in Spanien hätte werden können, wenn sie genügende Unterstützung gefunden hätte und nicht zugleich mit der Entwickelung der allgemeinen Bildung unter unglücklichen inneren Verhältnissen so sehr gehemmt worden wäre.

Portugal.
Imprenza Nacional.

Wennauch die Typographie in Portugal[146], gleichwie in Spanien, im allgemeinen keine besonders hohe Stufe erklommen hat, so besitzt das Land doch eine Anstalt, die, vortrefflich geleitet, ganz Vorzügliches leistet: die Imprenza Nacional. Sie ist durch Marquis Pombal, den bekannten Staatsreformator Portugals unter der Regierung Josephs I., ins Leben gerufen, mit der Absicht, eine Anstalt wie die Pariser königliche Druckerei zu schaffen, welche eine Pflanzstätte der Kunst werden, zugleich auch billige Unterrichtsbücher drucken sollte.

Das Dekret, welches die Imprenza Regia anordnete, datiert vom 24. Dezember 1768. Ein Regierungspalast wurde ihr eingeräumt und bereits in den ersten Tagen des Jahres 1769 konnte M. da Costá.sie zu arbeiten beginnen. Die Leitung ward Miguel Manescal da Costá übertragen, einem vorzüglichen Typographen, dessen Buchdruckerei, sowie die Schriftgiesserei des João de Villeneuve als Grundlagen für die Staatsanstalt angekauft waren. Einer damit verbundenen Gravierschule stand der geschickte Joaquim Carneiro da Silva vor. Eine Spielkartenfabrik war die Melkkuh des Instituts.

Von 1769–1801 wurden unter da Costás Direktion 1230 Bände gedruckt, unter welchen viele bedeutende Erscheinungen. Nach dessen Tode wurde eine Junta administrativa ernannt, mit dem gewöhnlichen Erfolg kollegialischer Behandlung technischer Geschäfte. Im Jahre 1810 schritt man zur Ernennung eines General-Administrators in der Person Joaquim da Costás, der mit einer kurzen Unterbrechung die Leitung der Anstalt bis 1833 behielt. Mit dem Sturze der Regierung Dom Miguels wurde die Staatsdruckerei dem Ministerium des Innern direkt untergeordnet.

J. P. Marcécos.

Mit der 1838 erfolgten Wahl des José Frederico Pereira Marcécos zum Administrator begann die Glanzzeit der Anstalt. Marcécos bereiste England, Frankreich und Belgien und brachte die Erzeugnisse der neuesten Erfindungen mit nach Hause. Nach F. A. Marcécos.seinem frühen Tode, 1844, wurde die Stelle seinem Bruder Firmo Augusto Marcécos anvertraut, welcher fortfuhr, alle Verbesserungen der Neuzeit einzuführen, daneben Lehrlingsschulen, Hülfskassen u. dgl. errichtete. Vom Staate erhält die Anstalt keinen Zuschuss, sie hatte im Gegenteil bis zum Jahre 1873 an diesen drei Millionen Franken abgeliefert und beschäftigte in dem genannten Jahre über 300 Personen. Zwei Deutsche haben viel zur Hebung der Anstalt beigetragen: Joseph Leipold, der Direktor der galvanoplastischen Abteilung, und Ignaz Lauer, Leiter der Schriftgiesserei. Seit 1878 ist der Vorsteher Dr. Venancio Deslandes[147].

Die zur Weltausstellung in Wien 1873 gesandten portugiesischen, spanischen und englischen Wörterbücher, die rot und schwarz gedruckten Missale und Breviarum Romanum, die Carta constitutional, die Werke Camoens' in sechs Bänden, vorzugsweise eine in zwölf Sprachen gedruckte Episode daraus, Inez de Castro, waren alle in dem besten Stil und vortrefflich gedruckt.

Auch die Wertpapiere verdienten alles Lob, jedoch ergreift die Anstalt nicht, wie die St. Petersburger, die Initiative, sondern benutzt nur geschickt das Vorhandene, namentlich die Erzeugnisse Derrieys.

Gebr. Lallemant.

Nicht ganz auf derselben Stufe stehen die Gebrüder Lallemant[148], sie liefern aber sehr beachtenswerte Arbeiten, ebenso die Gebrüder José de Castro.

Im Jahre 1878 hatte Portugal 118 Zeitungen, darunter 66 politischen Inhalts; die älteste, Revuluçao de September, existiert 33 Jahre. Die Journale sind nicht von grosser Bedeutung und nicht geeignet, grosse Erwartungen von dem Standpunkte der Typographie dort zu erwecken. Seit 1882 erscheint El Gutenberg.

Lissabon hatte 1881 23 Buchdruckereien, 26 Buchhandlungen, 56 Zeitschriften; Coimbra 10 Buchdruckereien; Oporto 56 Journale.


Südamerika.

Südamerika. Ein grösserer typographischer Kontrast als zwischen Nord- und Südamerika ist kaum denkbar. Fortwährende Revolutionen und Kriege, der Einfluss einer unwissenden Geistlichkeit und die Indolenz der Völker haben ein intellektuelles Leben, infolge davon auch ein Gedeihen der Buchdruckerkunst nicht aufkommen lassen.

Buenos Aires.

Buenos Aires, welches 53 Buchdruckereien, 59 Buchhandlungen, 24 lithographische Anstalten und 27 Zeitschriften aufweist, feierte am 9. Juli 1876 die hundertjährige Betreibung der Buchdruckerkunst. Es wurde beschlossen, Gutenberg und dem Einführer seiner Kunst Don Juan José Vertiz ein Denkmal, in einem Obelisk bestehend, zu errichten und einen Preis für die beste Bearbeitung der Geschichte der Buchdruckerkunst in der Argentinischen Republik auszustellen. 1872 erhielt Buenos Aires eine illustrierte Zeitung: El Plata illustrado[149].

Rio de Janeiro.

In Rio de Janeiro wurde ebenfalls das hundertjährige Jubelfest am 9. Juli 1880 abgehalten. Ausser in Rio sind nicht viele Buchdruckereien in Brasilien in Thätigkeit. Manche der Arbeiter, die im ganzen genommen schlecht bezahlt werden und für Extraarbeit keine Entschädigung erhalten, sind Sklaven. Schlaffheit herrscht von oben bis herab auf den Laufburschen. Die Zahl der Zeitungen war 1878 297. Südamerika hat im ganzen 17 deutsche Zeitungen, von welchen 11 auf Brasilien, 4 auf die argentinische Republik, je eine auf Uruguay und Chile kommen.

Lima besitzt 21 Buchdruckereien, 11 Buchhandlungen, 11 lithographische Anstalten und 13 Zeitschriften. St. Jago di Chile hat 11 Buchdruckereien, Valparaiso 7.

Auf Cuba befanden sich 52 Offizinen, 50 Buchhandlungen, 10 lithographische Anstalten und 47 Zeitschriften erschienen dort. Mexico hat zwischen 50–60 Offizinen, davon 23 in der Stadt Mexico, daneben 11 lithographische Anstalten, 16 Buchhandlungen. Puebla weist 8 Buchdruckereien auf.

NORDAFRIKA. DER ORIENT.

Nordafrika.

Nordafrika hatte bereits während des ägyptischen Feldzugs Bonapartes eine typographische Werkstätte (S. 172) und durch die Besitzergreifung von Algerien ist diese Provinz eine Pflanzstätte der Kultur in Afrika geworden. Es besitzt heute schon 29 Buchdruckereien, 18 lithographische Anstalten und 54 Buchhandlungen, davon sind in der Stadt Algier 9 Buchdruckereien, 8 lithographische Anstalten, 10 Buchhandlungen; in Constantine resp. 3, 2, 5; in Oran resp. 3, 3, 10. Von Zeitschriften erscheinen 35 in 12 Städten, davon in Algier 18, unter welchen das offizielle Journal Mobacher in arabischer und französischer Sprache. Der Buchhändler Bastide hat sehr zur Verbreitung der Litteratur beigetragen.

Ägypten.

In Ägypten wurde von Mehemed Ali eine Buchdruckerei in Boulak errichtet, man hatte aber sehr mit der Abneigung der Muselmänner gegen gedruckte Bücher zu kämpfen. In den letzten 50 Jahren sind etwa 250 Werke aus den dortigen Pressen hervorgegangen. Von Privatpressen entstanden verschiedene, unter welchen die von Mustapha Wahabi nennenswert ist.

Die Lithographie wurde 1834 eingeführt. Da die verschiedenen graphischen Anstalten in den Händen von Franzosen sind und die Arbeiten durch Franzosen ausgeführt werden, so kann die mitunter sehr hübsche Produktion eigentlich nicht von nationaler Bedeutung sein.

Von Zeitungen erscheinen etwa 25 in arabischer, französischer, griechischer, italienischer und englischer Sprache. Sie stehen unter Zensur und nach erfolgter Warnung kann Unterdrückung stattfinden.

Im Jahre 1878 hatte der Bei von Tunis eine Druckerei errichtet und der Kaiser von Marokko beabsichtigte ebenfalls in Fez eine solche anzulegen. Von zwei wöchentlichen Zeitungen erscheint eine in Ceuta, eine in Tanger.

Buchhandel.

Der Buchhandel in Kairo ist ziemlich lebhaft. Die Buchhändler sind meist Gelehrte und nicht so fanatisch, wie z. B. in Damaskus, wo sie nur ungern Bücher an Christen verkaufen. Es ist dies namentlich mit den Koran-Ausgaben der Fall, welche abgesondert oder unter besonderem Verschluss aufbewahrt sind. Die Bücher liegen übereinandergeschichtet. Der Einband ist von Leder oder gewöhnlicher Pappe, der Titel wird auf den Schnitt oder auf ein auf den Umschlag geklebtes Blatt geschrieben. Zwischen alten und neuen Exemplaren wird nicht der strenge Unterschied gemacht, wie in dem europäischen Buchhandel. Einige Buchhändler debitieren nur die von ihnen verlegten Bücher, andere sind Sortimentshändler nach unseren Begriffen. Ein fester Ladenpreis existiert nicht und die Schwankungen sind oft bedeutend.


Europäische Türkei.

Europäische Türkei. Die nach dem Tode des verdienten Förderers der Typographie Ibrahim Effendi (I, S. 281) in der Entwickelung derselben eingetretene Stockung fand erst unter der Regierung Abdul Hamids eine Unterbrechung. Reschid Effendi, der Schatzkanzler, und Achmed Wassif Effendi, der Reichshistoriograph, erhielten Auftrag, nach dem Verbleib der in Stillstand geratenen Buchdruckerei Said Effendis Untersuchungen anstellen zu lassen. Der grösste Teil derselben wurde auch glücklich aufgefunden, restauriert und dann die Pressen in Skutari wieder in Gang gesetzt. Zu Direktoren dieser neu entstandenen Reichsdruckerei ernannte der Sultan Mustafa und Adam Effendi, ersterer Rechtsgelehrter, letzterer Geistlicher. Beide nahmen sich ihres Amtes mit Eifer an und viele Werke, die sich durch gute Ausstattung auszeichneten, gingen aus der Anstalt hervor. Eines der schönsten Erzeugnisse der orientalischen Druckkunst ist Makkisada Mustafa Effendis Kommentar zur Burda, einem Lobgedicht auf den Propheten, in einem Quartband von 621 Seiten. Eine weitere lange Liste fremdartiger Titel hier folgen zu lassen dürfte keinen Zweck haben.

Rückgang und neuer Aufschwung.

Nach einer kurzen Blüte folgte wieder Stillstand unter der Regierung Selims III. und während des Anfangs der Regierung Mahmuds des Grossen. Nachdem jedoch durch Ausrottung der Janitscharen Ruhe im Innern hergestellt war und Mahmud sich den Werken des Friedens widmen konnte, kam die Reihe auch bald an die Staatsdruckerei. Im Jahre 1831 wurde dieselbe von Skutari wieder nach Stambul übergeführt und erhielt dort eine grosse Lokalität. Neue Pressen wurden aus London, neue Typen aus Venedig eingeführt und Arbeiter namentlich aus Deutschland herbeigeschafft.

Ein rascher Aufschwung machte sich bemerkbar. Die überall versteckten Schätze der türkischen Litteratur wurden gesammelt, um in guten und billigen Ausgaben dem Volke zugänglich gemacht zu werden. Man veröffentlichte die Werke der Reichsgeschichtsschreiber und liess viele tüchtige Fachwerke, namentlich militärische und medizinische, aus europäischen Sprachen übersetzen.

Nach einer Glanzperiode von etwa zwanzig Jahren trat unter Abdul Aziz und unter unglücklichen politischen und finanziellen Konjunkturen ein Rückgang ein, der erst unter Abdul Medschid aufhörte.

Jetziger Zustand.

Konstantinopel besitzt vier kaiserliche Druckereien, zwei unter Leitung des Ministeriums des Innern, von welchen die eine sich mit der Herstellung von allen offiziellen Aktenstücken, die andere sich mit Bücherdruck beschäftigt. Die dritte, unter das Kriegsministerium ressortierende Druckerei dient nur militärischen Zwecken; die vierte, mit welcher eine lithographische Anstalt für die Arbeiten des Generalstabes verbunden ist, befindet sich in dem Palast Dolma-Bagdsche und steht unter der unmittelbaren Leitung des Palastmarschalls. Die Ausführung der öffentlichen Arbeiten ist eine durchweg gute.

Von Privatdruckereien waren 1880 etwa 25 vorhanden, unter welchen sich die Offizinen des armenischen und des griechischen Patriarchen, sowie die des Gross-Rabbi befinden. Von lithographischen Anstalten gab es ebensoviele. Die Zahl der Schnellpressen war gegen 70, der Tret- und Handpressen 120, beschäftigt waren gegen 500 Personen. In den nationalen Sprachen erschienen etwa 200 Werke.

Zeitungswesen.

Das Zeitungswesen entstand erst spät. Im Jahre 1852 erschien in Smyrna der Spectateur de l'Orient; 1831 wurde der Moniteur ottoman (Wekaje) gegründet, der später auch türkisch gedruckt wurde. Nach den offiziellen Angaben aus dem Jahre 1878 erschienen in Konstantinopel 72 Zeitungen und Zeitschriften, unter welchen 30 Tagesblätter. Von den Zeitschriften sind 16 in türkischer, 20 in französischer, 12 in griechischer, 13 in armenischer Sprache. Eine Verordnung von 1879 verbot, vor 6 Uhr türkischer Tageseinteilung (ungefähr unsere Mittagsstunde) die Zeitungen auszugeben, was für diese, deren Verteilung sonst um 6 Uhr früh stattfand, ein grosser Schlag war. Eine illustrierte Zeitung Mussaveri Turkestan (Illustrierte Türkei), herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde des Vaterlandes, erscheint wöchentlich.

Asiat. Türkei.

In Smyrna gehörten die ersten Pressen (seit 1658) den Juden; dann folgten die Christen und schliesslich die Türken. Eine erfolgreiche Thätigkeit entwickelte mit sehr geringen Mitteln das Kloster Mar-Hanna auf einem steilen Abhange des Berges Kesroan gelegen. Die dortige Druckerei ist 1732 von dem Priester Abdallah Ben Zacher gegründet, welcher selbst das nötige Handwerkszeug fertigte, Typen schnitt und goss, dann abwechselnd als Setzer und Drucker arbeitete. Noch vor dem Jahre 1794 erschienen dort gegen 40 Werke. In Safad, am westlichen Ufer des Sees Tiberias, war eine hohe Schule für arabische und hebräische Gelehrsamkeit, welche eine Druckerei besass, die jedoch im Jahre 1759 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Berühmt durch ihre vortrefflichen arabischen Drucke ist die Offizin der amerikanischen Missionsgesellschaft in Beirut.

Cypern.

Auf der Insel Cypern erscheinen jetzt drei englische und zwei griechische Zeitschriften.

Persien.

Nach Persien kam die Buchdruckerkunst 1820 und zwar nach Teheran und Tabris. Über die weiteren Fortschritte verlautet so gut wie nichts. Bei seiner Anwesenheit in Wien anlässlich der Ausstellung 1873 beabsichtigte der Schah Nasser-Eddin die erste Schnellpresse zu bestellen. Seit 1872 erscheint in Teheran eine Zeitung für Persien, zu welcher der Schah selbst Beiträge liefert, zumeist Schilderungen seiner Jagdabenteuer.

Eine grosse Schwierigkeit für die Verbreitung der Typographie in Persien bildet das hohe Ansehen, in welchem die Schönschreibekunst steht, und der hohe Grad von Vollkommenheit, welchen sie erreicht hat. Wird einmal zur mechanischen Vervielfältigung gegriffen, so ist die Lithographie viel leichter als die Typographie imstande, die wunderbaren, mit Gold und Farben geschmückten Schriftzüge wiederzugeben. Auf eine schnelle Verbreitung von Gutenbergs Kunst in Persien ist deshalb nicht zu rechnen.

Fußnoten:

[129] J. Hoffmann, Catalogus van chinesische Matrijzen en drukletters 1860, 1864, 1876.

[130] Reglement over de vereenigung ter bevordering etc. Amsterdam 1841. — Bepalingen omtrent den boekhandel.L. D. Petit, Proeve einer Geschiedenis der Vereenigung etc. Amsterdam 1875. — Otto Mühlbrecht, Der holländische Buchhandel seit Coster. Leipzig 1867. — Gunne, Flüchtige Gedanken über den Buchhandel in Holland. — C. L. Brinkmann, Alphab. Naamlijst van boeken 1850–1875. — F. L. Hoffmann, Ouvrages conc. l'histoire de l'imprimerie en Belgique et en Hollande. Brüssel 1859.

[131] Tentoonstelling van hulpmiddelen voor den Boekhandel. Amsterdam 1881.

[132] Otto Harrassowitz, Fr. Müller. Börsenbl. f. d. d. B. 1881, Nr. 5.

[133] Mémoire sur la situation actuelle de la contrefaçon en Belgique. Paris 1841. — C. Muquardt, De la contrefaçon. Brüssel 1844. — Over den Nadruk in Belgien. Aug. Schnee, Trente ans de la littérature belge 1830–1860. Brüssel 1861.

[134] J. S. van Dooselaere, Aperçu. London 1851.

[135] Imprimerie E. Guyot. Brüssel 1880.

[136] Wer nicht Gelegenheit oder Lust hat, die I, S. 225 zitierten Werke einzusehen, findet in Westermanns Monatsheften 1883, Heft 319 eine ausführliche Beschreibung des Plantin-Museums.

[137] J. Mallou, Notice statistique sur les journaux Belges. Brüssel 1843.

[138] Lama, Vita del cavaliere G. Bodoni, 1816, 2 Bde., von welchen der letztere ein analytisches Verzeichnis seiner Druckwerke enthält. — J. Bernardi, Vita di G. Bodoni. Saluzzo 1872.

[139] Diese Angaben sind G. Ottinos, La stampa periodica, il commercio dei libri e la tipografia in Italia, Mailand 1875, entnommen. Das Buch enthält eine sehr sorgfältige Zusammenstellung der periodischen Presse, die zuerst anlässlich der Wiener Ausstellung 1873 ausgearbeitet war, und muss zugleich als eine ganz vorzügliche typographische Leistung gelten. Vergl. auch „Zur Geschichte der Presse in Italien“, Prutz' Museum, Leipzig; Paolo Lioy, „Über die geistige Nahrung des italienischen Volkes“ in C. Hillebrands Italia, Bd. III, S. 90.

[140] Printers Register 1874, Dezbr. — Das Journ. f. B. 1880 enthält in Nr. 2 und 3 die Schilderung eines Besuches Th. Goebels in dieser Druckerei.

[141] A. Bernhardi-Zinghellini et a Valsecchi, Intorno à P. Castaldi. Mailand 1866. — A. del Como, Mem. della citta di Feltre. Venedig 1710. — A. v. d. Linde, Gutenberg. Stuttgart 1878.

[142] Propaganda, Specimen characterum. Rom 1843. — Cat. librorum qui ex typogr. S. Congr. etc. prodierunt. Rom 1773.

[143] A. Mackie's Italy and France bringt in dem Letter XXXVI und dem Appendix A die Schilderung eines Besuchs des bekannten englischen Zeitungsdruckers in der Propaganda. Eine Äusserung von ihm wird in Deutschland interessieren: „Ich bemerkte nicht eine einzige Maschine englischen Ursprungs. Bereits in England war mir gesagt worden, dass die englischen Maschinen überflügelt seien. Deutschland hatte hier alles geliefert, selbst eine kleine Falzmaschine“.

[144] Giustiniani, Saggio sulla tipografia del regno di Napoli. Neapel 1791.

[145] F. Mendez, Tipografia Española. Madrid 1861. — J. E. Equizabal, Hist. de la legislation española 1480–1873. Madrid 1879. — Annuario del comercio. Madrid 1882.

[146] J. Kugelmann, Histoire de l'Imprimerie en Portugal. Paris 1867.

[147] Bericht über die Nationaldruckerei in Lissabon. 1873. Deutsch und Französisch. — A. M. Abranches de Riego, Catalogo des obras impr. de J. A. de Macedo. Lissabon 1849. — Caracteres de la imprenza Real en 1793.

[148] Inigo, Lallemant frères.

[149] J. M. Guitiemez, Bibliogr. de la prim. imprenta de Buenos Aires. 1866.

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DRITTES BUCH.

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DIE GERMANISCHE GRUPPE.


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EINFÜHRUNG IN DAS DRITTE BUCH.

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U der Germanischen Gruppe, mit welcher dieser geschichtliche Überblick schliesst, gehören in erster Reihe die zu einer bibliopolisch-typographischen Einheit verbundenen zwei Kaiserstaaten Deutschland und Österreich-Ungarn, sowie die Schweiz; in zweiter Linie die stammverwandten skandinavischen Reiche: Dänemark, Schweden und Norwegen. An obige schliessen sich in dritter Reihe die, wennauch der Gruppe national fremd, zumteil sogar feindlich gegenüber stehenden SLAWISCHEN und magyarischen Länder, welche nicht nur ihr typographisches Material, sondern auch die arbeitenden Kräfte hauptsächlich Deutschland entnehmen oder wenigstens bis vor kurzem entnahmen.

Eine Eigentümlichkeit dieser Gruppe, soweit ihre Angehörigen germanischen Ursprungs sind, ist die Verwendung der von den zwei anderen Gruppen fast ganz ausgeschlossenen Frakturschrift. Trotzdem ist diese, wie bekannt, nicht die alleinherrschende geblieben. Von der Fraktur „will“, von der Antiqua „kann“ man nicht lassen. So hat sich ein geschäftlicher Usus eingebürgert, demzufolge den beiden Schriften in dem eigentlichen Bücherdruck fast ähnliche Stellungen zugewiesen werden, wie sie im Altertum die hieratischen und demotischen Schriften Ägyptens innehatten, sodass die Antiqua mehr die Schrift der Eingeweihten blieb, während die Fraktur mehr die Volksschrift wurde. Zu den Werken der strengeren Wissenschaften und zu Prachtausgaben verwendet man vorzugsweise die aristokratischere Antiqua, zu den Erscheinungen der schönwissenschaftlichen und populären Litteratur, zu Unterrichts- und Andachtsbüchern dient hauptsächlich die populärere Fraktur[150].

Die Accidenzien fallen in ganz überwiegender Weise der Antiqua zu, dagegen die Zeitungen fast ausnahmslos der Fraktur. Und so wird es wahrscheinlich noch lange Zeit bleiben[151].

Diese Doppelheit in der Schrift trägt allerdings eine grössere Vielseitigkeit zur Schau, hat jedoch für die deutschen Buchdruckereien den Nachteil gehabt, dass diese gleichmässig reich mit Antiqua- und Frakturschriften ausgestattet sein müssen. Somit schliesst jede Offizin eigentlich zwei Druckereien in sich: eine für Arbeiten in Fraktur, eine zweite für die in Antiqua, so dass bei einem gleichen Quantum von Schrift eine französische oder englische Offizin, weil nur nach einer Richtung hin ausgestattet, quantitativ fast eine doppelt so grosse Leistungsfähigkeit als eine deutsche besitzt.

Was den deutschen Arbeiter betrifft, so vereinigt er in sich vielleicht mehr als der irgend eines anderen Landes die mancherlei Eigenschaften, die dem Typographen eigen sein müssen. Er ist selbständiger im Arbeiten und leistet aus eigenem Antrieb in der Regel mehr, als ein anderer, weshalb man auch fast nie „schlechte“ Arbeiten aus Deutschland sieht. Seine Fähigkeiten sind vielseitiger; er bringt es aber selten zur Virtuosität in einem einzelnen Fach und es ist schwer, ihn zur Überschreitung der Grenzen des ihm „Gut genug“ scheinenden zu bringen. Das mag wohl auch darin liegen, dass es in vielen Fällen nicht anders mit den Prinzipalen, den Verlegern, den zeichnenden Künstlern und den sonst Beteiligten steht. So selten das wirklich Schlechte ist, dem man in der französischen Typographie täglich begegnet, so selten trifft man auf vollendete, stilvoll durchgeführte Leistungen in Deutschland. Viel Schuld dabei trägt die Verwendung der Antiqua und der Fraktur nicht nur „neben“, sondern geradezu „unter“ einander. Die richtige Behandlung der beiden Schriftarten beruht jedoch auf abweichenden Grundsätzen; es kommt deshalb trotz sonstiger Vorzüge der Arbeiter selten zu einem fest ausgebildeten Geschmacke.

Was in Bezug auf Deutschland gesagt wurde, gilt auch von Österreich, welches namentlich im Accidenzfache hinter Deutschland nicht zurücksteht, in dem xylographischen Farbendruck es sogar übertroffen hat. Auch Ungarn nimmt an den Bestrebungen teil. Die Schweiz und die Skandinavischen Länder, die, was Material, Schriften u. dgl. betrifft, hauptsächlich von Deutschland abhängig waren, schlossen sich ganz der deutschen Schule an und liefern jetzt, wennauch nicht gerade viel Hervorragendes, so doch sehr viel Beachtenswertes. Die Slawischen Länder machten wesentliche Fortschritte und leisten zumteil Gutes, jedoch stehen im allgemeinen die Erzeugnisse dieser Länder etwas zurück und es wird wohl aus leicht begreiflichen Gründen auch noch einige Zeit darüber vergehen, ehe sie eine, derjenigen der grossen Kulturländer ebenbürtige Stellung einnehmen werden.

Die Pressverhältnisse, die Technik und die Industrie in Deutschland waren zur Zeit des allgemeinen Aufblühens der Typographie zu Beginn des XIX. Jahrhunderts nicht derart, dass die Notwendigkeit des Maschinenbetriebes so wie in England und Amerika sich von selbst aufgedrängt hätte. Es kann deshalb Deutschland nicht so sehr zur Last fallen, dass es die erste Ausbeutung der, die Typographie umgestaltenden deutschen Erfindung der Schnellpresse, sowie die ersten Verbesserungen und die spätere Vervollkommnung derselben dem Auslande überliess, so dass die Erfindung sozusagen erst wieder aus dem Auslande importiert werden musste. Sobald die Verhältnisse sich jedoch einigermassen besser gestalteten, hat es gezeigt, dass es in der Technik und Mechanik nicht allein nicht zurückgeblieben, sondern auf dem besten Wege ist, sich den Weltmarkt zu erobern.

Wie in der Typographie macht sich auch in der Xylographie eine doppelte Strömung geltend. Der echte deutsche Holzschnitt der Gegenwart lehnt sich an die Arbeiten der Meister aus der Renaissancezeit an und seine Technik ist geradezu ein Gegenstück zu dem englischen. Der „tüchtige“ deutsche Xylograph unterordnet sich vollständig dem Zeichner und entsagt dem Ruhm, auf Kosten des Urhebers der Zeichnung ein schaffender Künstler zu sein. Er ist bestrebt, jeden Strich genau so wiederzugeben, wie er in der Zeichnung dasteht. Er lässt nichts weg, setzt nichts hinzu. Der deutsche Holzschnitt steht deshalb öfters gegen den englischen in der glänzenden Technik zurück, aber er hat den Vorzug, die Zeichnung in ihrem eigentümlichen Charakter wiederzugeben und er verdient deshalb die lebhafteste Unterstützung der Künstler.


Während die Geschichte der Buchdruckerkunst in Frankreich und England ziemlich mit der Schilderung der typographischen Wirksamkeit der beiden Metropolen Paris und London zusammenfiel, lagen die Verhältnisse in Deutschland etwas anders.

Zwar besitzt das deutsche bibliopolisch-typographische Reich in Leipzig einen Mittelpunkt des Verkehrs, der in mehrfacher Hinsicht einzig in seiner Art dasteht; zwar haben sich in Leipzig, einer Provinzialstadt mittleren Umfanges, durch die eigene Kraft und Thätigkeit bei kluger Benutzung günstiger Umstände nicht allein der ganze Kommissionsbuchhandel, sondern auch eine grossartige Verlags- und typographische Wirksamkeit entwickelt, und die Stadt gilt noch heute mit Recht als das Zentrum der bibliopolisch-graphischen Thätigkeit Deutschland-Österreichs. Es war jedoch in den Verhältnissen begründet, dass Berlin mit der zunehmenden Wichtigkeit der Machtstellung Preussens mehr und mehr ein Sammelpunkt wissenschaftlicher, künstlerischer und journalistischer Kräfte werden und damit für den Buchhandel und die Typographie eine hohe, sich namentlich über den Norden erstreckende Bedeutung gewinnen musste. Dass dies in einem noch weit höheren Masse von der jetzigen Reichshaupt- und Millionenstadt gilt, bedarf kaum der Erwähnung.

Andererseits entwickelte sich in dem Süden ein in mancher Beziehung schon aus religiösen Gründen von dem nordisch-protestantischen abweichendes Geistesleben, das in seiner Sonderrichtung zumteil von divergierenden politischen Neigungen genährt wurde. München, das durch seine Stellung in Kunst und Wissenschaft und durch seine Bedeutung als Hauptstadt des zweitgrössten Staates Deutschlands zur Führung des Südens berechtigt war, wusste nicht diese Berechtigung geltend zu machen. Wie im Zentrum, so gelang es auch im Süden einer Mittelstadt durch günstige Verhältnisse, Rührigkeit und Intelligenz den ersten Platz einzunehmen und es wurde Stuttgart möglich, wennauch nicht Leipzigs Bedeutung für das Ganze, so doch eine bevorzugte Stellung für den süddeutschen Buchhandel zu erreichen und letzterem eine gewisse Selbständigkeit in dem deutschen bibliopolisch-typographischen Reich zu erwerben.

Eine ausschliessliche Konzentration fand mit alledem nicht in den drei erwähnten Emporien statt. In Nürnberg, Augsburg und Frankfurt a. M. lebten die alten Traditionen noch lange fort; die freien Hansastädte waren nicht Provinzialstädte im englisch-französischen Sinne geworden, und in mancher der kleinen Residenzen spross öfters ein unabhängiges reiches Kulturleben hervor. Während in Frankreich z. B. ein in Nantes oder Bordeaux, in England ein in Liverpool oder Manchester erschienenes Verlagswerk, welches sich Geltung zu verschaffen wusste, ein Phänomen blieb, war es, um in Deutschland mit einem Werke durchzudringen, nicht notwendig, dies in Leipzig, Berlin oder Stuttgart erscheinen zu lassen, wenn dies auch seine geschäftlichen Vorteile hatte. Ein Verleger in Braunschweig, Gotha, Altenburg oder in jeder anderen kleinen Druckstadt konnte, wenn er der rechte Mann und seine Artikel gute waren, diese zur Geltung bringen. Infolge davon verbreiteten sich auch die typographischen Anstalten gleichmässiger über das ganze Reich.

Dies war der Segen der eigentümlichen Organisation des deutschen Buchhandels, der in der Zeit der nationalen Drangsale Deutschlands fast das einzige Band war, welches das politisch zersplitterte Reich zusammenhielt.

Solange der politische Druck auf Österreich und seiner Hauptstadt lastete, war es mit dem Press- und Buchgewerbe dort nur kümmerlich bestellt. Es konnte jedoch nicht fehlen, dass mit dem Fallen der Fesseln dies anders werden musste. Es war nicht denkbar, dass Wien, damals im Range die dritte der Weltstädte, sich einer Provinzialstadt Mitteldeutschlands bibliopolisch und typographisch unterordnen sollte. In rapider Weise entwickelte sich dort der Verlag und die Buchdruckerkunst und um die Kaiserstadt herum gruppierten sich nun wieder die Provinzialstädte des Reiches, die früher vollständig isoliert gestanden hatten.

So sehen wir nunmehr das deutsche Pressgewerbe, unter Beibehaltung seines eigentümlichen Wesens, namentlich in vier Emporien repräsentiert: Leipzig im Zentrum, Berlin im Norden, Stuttgart im Süden, Wien im Osten, während die übrigen Teile und Städte Deutschland-Österreichs sowohl als der von diesem geschäftlich abhängigen Umländer, je nach Lage, Sympathien oder nach der politischen oder geschäftlichen Attraktionskraft der Mittelpunkte, sich um diese gruppieren.

Von einer scharfen Abgrenzung kann dabei selbstverständlich nicht die Rede sein. Da es jedoch die Übersicht sehr erleichtert, den massenhaften Stoff nach den natürlichen Kreisen zu scheiden, so ist diese Vierteilung für die folgenden Kapitel beibehalten, jedoch unter Voranstellung einer Gesamt-Übersicht der Schriftgiesserei, der Xylographie, der Maschinenfabrikation und sonstiger für die Gesamtheit gleichen Verhältnisse.