»Nun,« lächelte die Frau, freundlicher als bisher, »wenn Sie denn so für unsern vorjährigen Aepfelwein schwärmen, dann kann ich Ihnen die Erinnerung daran vielleicht wieder auffrischen. Gästen sollte man doch eigentlich etwas vorsetzen, und das ist gerade das Einzige, was ich im Hause habe. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«

Damit war sie aufgestanden und verließ das Zimmer, während ihr der Major kopfschüttelnd nachsah. »Mein lieber Rath,« sagte er, als sie hinaus war, aber mit etwas unterdrückter Stimme, »ich fürchte, ich fürchte, ich habe heute meine letzte Hoffnung zu Grabe getragen. Aus der Frau bekommen wir auf die Weise heilig nichts heraus.«

»Lieber, bester Freund,« rief Frühbach, der nur einen Augenblick gewartet hatte, bis sie von der Thür weg sein konnte, indem er den Arm des Majors ergriff und heftig drückte, »kriegen wir nichts heraus, meinen Sie? Wir haben sie!«

»Haben – wen?«

»Die Frau! Ist Ihnen denn entgangen, wie sie zusammenfuhr, als wir den Namen der Heßberger nannten? Sie erschrak sichtlich – und jetzt klopfen wir nicht mehr auf den Busch, jetzt schlagen wir drauf!«

»Begehen Sie um Gottes willen keine Unvorsichtigkeit! Ich möchte hier nicht in Unannehmlichkeiten gerathen, die, wenn sie nachher bekannt würden, ohne daß wir etwas erreicht hätten...«

»Sehen Sie das Bild dort?« fragte der Rath, mit dem Arm auf ein nicht ganz schlechtes Oelgemälde deutend, das gegenüber an der Wand hing und ein junges, sehr hübsches Mädchen darstellte. »Wollen Sie noch einen Beweis?« fuhr der Rath ganz in Eifer fort. »Ist das nicht ein entschieden vornehm adeliges Gesicht, und hat es auch nur die Spur von der Frau Müller? Nein – aber dem Baron von Wendelsheim sieht es ähnlich, wie aus den Augen geschnitten!«

»Aber das Bild ist vielleicht aus der Wendelsheim'schen Familie,« sagte der Major, es jetzt ebenfalls aufmerksam betrachtend. »Aehnlichkeit liegt allerdings darin, aber wir wissen ja gar nicht, ob sie das Bild nicht einmal von der seligen Frau geschenkt bekommen oder auf irgend einer Auction erstanden hat.«

»Das wollen wir bald herausbekommen,« sagte Frühbach entschlossen; »jetzt aber lassen Sie mich nur machen. Ich habe Ihnen meine Hülfe zugesagt, und Sie sollen sich mir nicht umsonst anvertraut haben. Die Frau hat kein gutes Gewissen, darauf möchte ich meine Schnupftabaksdose verwetten, und daß sie jetzt den Aepfelwein holt, geschieht nur, um uns mit guter Manier los zu werden. Aber ich will nicht Frühbach heißen, wenn ich sie nicht fasse, und zwar, ehe sie eine Ahnung davon hat, ganz unvorbereitet, und Sie sollen erleben, wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!«

»Aber wir können ihr ein Verbrechen, für das wir noch gar keine directen Beweise haben, doch nicht auf den Kopf zusagen.«

»Auf den Kopf!« erwiederte Rath Frühbach mit der Miene eines Mannes, der zum Aeußersten entschlossen ist. Aber es blieb dem Major keine Zeit zu weiteren Bemerkungen oder irgend einer Widerrede oder Abmahnung, denn in demselben Augenblick wurde die Thürklinke wieder aufgedrückt, und während sie schon das Klirren der Gläser hörten, erschien Frau Müller wieder mit einem irdenen Krug in der Hand und einem kleinen Präsentirteller, auf dem drei Gläser standen.

»So, meine Herren,« sagte sie freundlich, indem sie die Sachen auf den Tisch stellte und dann zu einem kleinen Eckschrank trat, aus dem sie Brot und frische Butter nahm. »Langen Sie zu; es ist Alles, was das Haus bietet, aber ein Gericht Gerngesehen, und daran darf man eben keine großen Ansprüche machen. Und nun kosten Sie einmal den Aepfelwein, Herr Rath, und sagen Sie mir, ob Sie schon irgendwo in Ihrem Leben besseren getrunken haben.«

Während Frau Müller sprach, schenkte sie die Gläser voll; Frühbach, der sie indessen über die Brille betrachtet hatte, schmunzelte unwillkürlich, als ihm der wohlbekannte und geliebte Duft in die Nase stieg. Er konnte es sich auch nicht versagen, das Glas an die Lippen zu heben und zu kosten; aber »famos!« sagte er, »unübertroffen!« und leerte es schon im nächsten Augenblick auf Einen Zug.

Der Major nahm das Glas nur ungern; es war ihm ein eben nicht angenehmes Gefühl, von der Frau, hinter deren Rücken sie eben noch ihren Plan geschmiedet, gastlich behandelt zu werden. Sie durften auch jetzt nicht weiter in sie dringen, und da er die Einladung, doch auch ein Glas zu kosten, nicht gut ablehnen konnte, hob er es an die Lippen und nippte daran. Der Aepfelwein war allerdings süßer als der bei Frühbach getrunkene, immer doch aber nur ein sehr zweifelhaftes Gebräu, dem indeß der Rath mit voller Hingebung zusprach, ja sich sogar, trotzdem daß sie eben vom Mittagessen kamen, noch ein tüchtiges Stück Brot abschnitt und es mit Butter bestrich, um es dazu zu verzehren.

Beim Kauen überlegte er sich seinen Feldzugsplan, dessen Ziel in nichts Geringerem bestand, als die Festung, die nicht durch List bezwungen werden konnte, zu überrumpeln und mit Sturm zu nehmen.

»Werthe Frau Müller,« sagte er deshalb, wie er nur den letzten Bissen verschluckt und ein Glas Aepfelwein hintennach geschickt hatte, indem er sich den Mund mit dem sehr oft gebrauchten Taschentuch wischte, dieses dann immer kleiner zusammendrückte und zuletzt zurück in die Tasche schob (dabei nahm er wieder die Dose heraus), »allen Respect vor Ihrem Aepfelwein, er ist wirklich vortrefflich, und ich habe in meinem Leben keinen besseren getrunken. Unser voriges Gespräch schien Ihnen vorhin nicht angenehm zu sein, was ich bedauere, aber ich muß doch noch einmal darauf zurückkommen. Sie wissen nämlich nicht, daß, wenn die Erbschaft – durch irgend eine gebrauchte List – in falsche Hände geräth... – Vielleicht noch eine Prise gefällig?«

»Ich danke,« sagte die Frau, ärgerlich mit dem Kopf schüttelnd. »Was geht mich die Erbschaft an? Ich kriege doch nichts davon! Ueberhaupt will ich von der ganzen Wendelsheim'schen Geschichte gar nichts wissen!«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte der Rath, »denn als Frau können Sie keine Kenntniß von den in dieser Hinsicht furchtbar strengen Gesetzen haben – daß also dann die, welche mit dazu beigetragen haben, einen Betrug zu unterstützen, den schwersten, jedenfalls Leibes- und vielleicht gar Lebensstrafen ausgesetzt sind.«

»Lieber Rath,« sagte der Major, dem nicht ganz wohl bei der Einleitung wurde, »das Gesetz wird ja...«

»Bitte, lieber Major,« entgegnete Frühbach, »erlauben Sie mir, daß ich der Dame, die uns so freundlich aufgenommen hat, den Standpunkt vollkommen klar mache; wir werden dann mit der größten Leichtigkeit zu einem Verständniß kommen.«

Die Frau Müller hatte ihn staunend angesehen, denn sie schien entweder gar nicht zu begreifen, worauf hinaus der Rath arbeitete, oder wollte es nicht; der Major, welcher sie mißtrauisch von der Seite beobachtete, wurde wenigstens nicht klug daraus. Frühbach aber, die linke Hand, in der er die Dose hielt, auf den Rücken legend, mit der Rechten, zwischen deren Fingern er noch eine Prise hielt, gesticulirend, fuhr, immer über die Brille weg, fort:

»Daß Sie vollkommen gut verstehen, worauf ich hindeute, verehrte Frau, davon bin ich überzeugt. Die Welt hat sich eben nicht täuschen lassen, denn zu Viele wußten um das Geheimniß. Bis jetzt aber, wo es eben nicht darauf ankam, ließ man die Sache gehen; nun jedoch, da der Termin der Erbschaft abgelaufen ist, wird es unmöglich, die damalige Täuschung länger durchzuführen. Seien Sie also vernünftig, und gestehen Sie, was Sie wissen – Sie sind unter Freunden...«

»Ich soll gestehen?« sagte die Frau, die sich von ihrem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte, denn Frühbach brachte das Alles mit solcher Salbung an. »Aber was denn um Gottes willen?«

»Gut,« rief jetzt der Rath, wie erbittert über so viel Störrigkeit, »wessen Bild ist das, was da an jener Wand hängt? Das dort mein' ich!«

»Das dort? das Bild meiner Tochter – und was haben Sie denn?«

»Nein,« rief der Rath mit erhobener Stimme, »das ist nicht wahr! Wissen Sie, wessen Bild das ist? Wissen Sie, was die Frau Heßberger in der Stadt schon gestanden und gebeichtet hat?«

Die Frau war todtenbleich geworden und trat einen Schritt zurück, und der Major selber erschrak über die plötzliche Veränderung in ihren Zügen – die Augen starrten den Redenden stier und entsetzt an, der Mund war halb geöffnet, die eine Hand vorgestreckt. Rath Frühbach aber, dem das ebenfalls nicht entging, fuhr, seinen Sieg verfolgend, triumphirend fort:

»Das ist das Bild der Tochter des Barons von Wendelsheim, dem Sie dafür den Sohn untergeschoben haben, und wenn Sie jetzt, wo Sie noch unter Freunden sind, Alles gestehen, so kann ich Ihnen die Versicherung...«

Weiter kam er nicht. Alles Blut, das zuerst das Antlitz der Frau verlassen hatte, schoß dahin zurück, daß es jetzt eine fast kupferrothe Färbung annahm, und die Arme in die Seite stemmend, rief sie mit vor Wuth fast erstickter Stimme:

»Sie – Sie alter grauhaariger Esel, Sie wollen ein Rath sein?!«

»Frau Müller!« rief Rath Frühbach entsetzt.

»Und deshalb ist das Lumpengesindel in mein Haus gekommen?« schrie die Frau, die jetzt erst ihre Zunge wiederzufinden schien. »Nach meinem Schwiegersohn erkundigen sie sich, weil sie wissen, daß er nicht da ist, und heimlich hinten herum kommen sie und fragen und bohren und thun schön und unschuldig, um eine arme Frau in's Unglück zu stürzen!«

»Aber, beste Frau Müller!« fiel auch jetzt der Major ein, der aus all' seinen Himmeln herausstürzte und nur allein den aufkochenden Zorn der Gereizten zu besänftigen wünschte.

»Pfui Teufel!« rief aber die Frau Müller, die jetzt das Wort hatte und es sich nicht so leicht wieder nehmen ließ. »Indianer und Türken und Heiden, wenn sie mit einem andern Menschen gegessen und getrunken haben, üben weder Hinterlist noch offene Feindschaft gegen ihn aus, sondern behandeln sich als Brüder – aber das nennt sich Christen, und ist ärger als Türken und Heiden!«

»Aber, Frau Müller, ich versichere Ihnen...« sagte der Major.

»Sie brauchen mir nichts zu versichern!« schrie die Frau, immer mehr in Zorn gerathend. »Was haben Sie überhaupt hier zu thun? Glauben Sie, daß ich mich in meinen eigenen vier Wänden ungestraft beleidigen lasse? Und die Frau Heßberger – was geht das mich an, was die gestanden hat, oder möchten Sie mir vielleicht damit drohen? Aber das wollen wir doch einmal sehen, ob noch Recht und Gesetz im Lande ist und hülflose, alleinstehende Frauen in ihrem eigenen Hause überfallen werden dürfen, das wollen wir doch einmal sehen! Den Augenblick gehe ich auf's Gericht, und dann will ich wissen, ob das da das Bild meiner Tochter, meines eigenen Kindes ist oder nicht, und ob jeder hergelaufene Lump, der sich Rath nennt, herkommen und mich beschimpfen darf!«

»Aber, Frau Müller,« sagte Rath Frühbach, allerdings etwas bestürzt über die Wendung, die sein fein angelegter Plan, bei dem er sich schon einen Moment am glücklich erreichten Ziel geglaubt, plötzlich genommen, »Sie werden uns doch erlauben...«

»Gar nichts erlaube ich Ihnen,« rief die Frau, »gar nichts auf der Welt! Je eher Sie sich aus meinem Hause scheren, desto besser, und wenn Sie nicht gleich gutwillig gehen, dann rufe ich die Nachbarn zu Hülfe, daß die Ihnen Beine machen!«

Der Major hatte sich schon, auf's äußerste verlegen, während des letzten Gespräches der Thür zu gedrückt und eigentlich nur auf einen günstigen Moment gewartet, um hinauszufahren, denn die ganze Sache war ihm fürchterlich fatal; er mochte nur auch nicht geradezu fortlaufen. Jetzt aber fand er keine Veranlassung mehr, länger zu zögern; die Thür war ihnen deutlich genug und ohne ein Mißverständniß möglich zu machen, gewiesen worden.

»Kommen Sie, Rath, das geht nicht länger,« sagte er, jetzt selber ärgerlich werdend, denn der Mann war nicht von der Stelle zu bringen. Er stand, aber jetzt ebenfalls mit einem dicken rothen Kopf, immer noch die Prise zwischen den Fingern, vor der Wüthenden und schien nur auf einen Moment zu passen, wo er wieder einfallen konnte. – »Nun gut denn, wenn Sie allein dableiben wollen, meinetwegen – ich gehe aber – guten Morgen, Madame!«

»Einen schönen guten Morgen, das weiß Gott!« rief die Frau. »An den Morgen werde ich denken, aber ich will Sie begutenmorgen mit Ihrer Höflichkeit, oder mein Name ist nicht Barbara Müller! Vor Gericht sehen wir uns wieder, und dort soll sich dann einmal herausstellen, ob ich mich brauche in meinen vier Wänden überfallen und beschimpfen zu lassen, und dort sollen Sie beweisen, was Sie gesagt haben, Sie – Rath Sie, oder wir wollen einmal aufpassen, was geschieht!«

Frühbach hatte einen Blick nach dem Major zurückgeworfen, bemerkte aber kaum, daß dieser wirklich Ernst machte und schon halb aus der Thür war, als er es auch für gerathen fand, seinem Beispiele zu folgen. Etwas mußte er aber noch sagen, denn lautlos konnte er nicht abziehen.

»Schön, verehrte Dame,« nickte er, indem er sich die Brille festschob, wobei er die vergessene Prise fallen ließ und zugleich nach Stock und Hut griff, »wenn Sie es denn nicht anders wollen, mir kann's recht sein – empfehle mich Ihnen!« setzte er aber rasch hinzu, denn der Zorn der gereizten Frau war auf's höchste gestiegen, und sie fing an gegen ihn vorzurücken; er wollte es nicht zum Aeußersten kommen lassen.

»Ihnen kann's recht sein, so? Sie alter Schafskopf Sie!« schrie die Frau.

Frühbach wartete jedoch keine weiteren naturhistorischen Eigennamen ab, er war viel schneller, als er sich sonst gewöhnlich bewegte, aus der Thür hinaus, und gerade noch zur rechten Zeit, denn dieselbe wurde im nächsten Augenblick hinter ihm zugeschleudert, daß die Fenster im ganzen Hause zitterten. Die Stimme der gereizten Frau übertäubte dabei noch den Lärm. Der Major hielt sich auch gar nicht weiter auf, um seinen Freund und Leidensgefährten zu erwarten, sondern humpelte, so rasch es ihm sein obstinates Bein erlaubte, die Straße hinab, so daß der Rath tüchtig ausschreiten mußte, um ihn wieder einzuholen. Aber er that das mit Vergnügen, denn er verlängerte mit jedem Schritt die Entfernung zwischen sich und der schrecklichen Frauensperson, und hatte auch gar nichts dagegen, daß der Major rechts ab in eine Seitenstraße bog und nicht eher einhielt, bis er die dort daranstoßenden Kartoffelfelder erreichte. Da blieb er stehen und sagte, sich zum ersten Mal nach dem Rath umsehend:

»So, mein Herr Rath, da haben Sie uns mit Ihrem« – Maul hätte er am liebsten gesagt, aber das litt seine Höflichkeit nicht, darum ersetzte er es mit – »Hitzkopf in eine schöne Sackgasse hineingefahren.«

»Ich habe Sie hineingefahren, mein bester Major?« sagte der Mann, indem er stehen blieb und sich den Schweiß über der Brille wegtrocknete. »Das nehmen Sie mir nicht übel; was habe ich denn überhaupt von der ganzen Geschichte, ehe Sie mich hieherbrachten, gewußt? Gar nichts – und wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, daß sie auf so schwachen Füßen steht, ich würde den Teufel gethan haben, meine Nase hinein zu stecken!«

»Aber wer um Gottes willen hieß Sie auch so mit der Thür in's Haus fallen und die ganze Sache der Frau auf den Kopf zusagen? Ich bat Sie doch, es nicht zu thun, und da konnten wir uns noch mit guter Manier aus der Schlinge ziehen und einen ehrenvollen Rückzug sichern – jetzt sind wir mit Schimpf und Schande abgezogen und haben uns auf das lächerlichste blamirt.«

»Das weiß Gott,« stöhnte Frühbach, »an die Situation werde ich mein Leben lang denken! Wissen Sie aber, daß es mir früher schon beinah' einmal ähnlich gegangen ist. In Schwerin damals....«

»Und damit ist die Geschichte noch nicht aus,« unterbrach ihn der Major, dem die letzte Drohung der Frau nicht aus dem Kopf ging. »Passen Sie auf, das rabiate Weib geht am Ende noch vor Gericht, und wir können ihr nicht allein öffentlich Abbitte thun, sondern der ganze fatale Handel kommt auch in's Publikum und, das Allerschlimmste, dem alten Wendelsheim zu Ohren, der überhaupt keine Gelegenheit vorbeiläßt, um mir etwas anzuhängen. Heiliges Donnerwetter, wenn ich nicht mit meinem elenden Körper so an die Scholle gebannt wäre, ich setzte mich heute Abend noch auf die Bahn und führe nach Neapel oder Griechenland!«

»Hm,« sagte der Rath, der seinen Stock unter den Arm genommen hatte und an dem seidenen Taschentuche eine reine Stelle suchte, an der er seine Brille hätte abwischen können (er fand aber keine und rieb sie dann auf dem Aermel), »sie wäre es allerdings im Stande, aber sie wird sich hüten, Major; denn die Sache ist doch nicht ganz rein, sie hat einen faulen Fleck. Bemerkten Sie, wie blaß sie wurde, als ich sie nach dem Bilde fragte?«

»Ja gewiß, und ich dachte im ersten Augenblick ebenfalls, wir hätten sie; aber ich glaube jetzt, es war vor Wuth.«

»Mein lieber Major, lehren Sie mich die Menschen kennen, das war mehr als Wuth, das war ein schlechtes Gewissen, und der nachher ausbrechende Grimm nur ein Mantel, um es zu verdecken. Wir hätten uns nicht davon sollen einschüchtern lassen, es war Maske; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, nichts als Maske, und noch dazu plump durchgeführt. Ich wäre auch nicht sogleich abgegangen, das versichere ich Ihnen, aber Sie waren auf einmal zur Thür hinaus, und allein konnte ich da drinnen auch nichts ausrichten.«

»Ich hatte genug,« meinte der Major, »und es fiel mir gar nicht ein, mich länger als unumgänglich nöthig mit jenem alten Weib herum zu zanken.«

»Wenn ich nur meiner ersten Eingebung gefolgt wäre und mich ihr als Polizeirath vorgestellt hätte! Ich sage Ihnen, eines Tages in Schwerin....«

»Weiter hätte nichts gefehlt,« rief der Major, »daß wir dann Beide in Teufels Küche gekommen und am Ende gar noch eingesteckt wären! Hören Sie, Rath, Sie haben gar keine Idee davon, welcher Gefahr Sie dadurch entgangen sind, daß Sie es nicht gethan.«

»Sie haben keine Courage, Major.«

»Allerdings nicht zu so faulem Kram, wo man sich den Rücken nicht gedeckt weiß. Ehrlich drauf, ja.«

»Na, ich dächte, weiß es Gott, ich wäre ehrlich draufgegangen,« sagte Rath Frühbach mit Selbstgefühl. »Und was wird nun? Denn hier auf dem Kartoffelacker können wir doch nicht gut stehen bleiben.«

»Haben Sie noch etwas im Ort zu besorgen?«

»Nichts als einige Flaschen Aepfelwein einzupacken. Hören Sie, Major, der Aepfelwein bei der Alten war wirklich famos! Schade, daß er von einem solchen Cerberus bewacht wird.«

»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,« sagte der Major mürrisch; »darin hatte die Alte recht, es sah häßlich aus, ich nippte auch nur daran. Aber nun thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen. Ich habe genug von Vollmers, und hoffe das Nest in meinem ganzen Leben nicht wieder zu sehen.«

»Für heute muß ich auch sagen,« bestätigte der Rath, »daß ich kein großes Verlangen trage, länger da zu bleiben, und ich möchte besonders der aufgeregten Dame nicht noch einmal begegnen. Aber kommen Sie, Major, wir brauchen ja nicht wieder an dem Haus vorbei zu gehen, sondern können hier geradeaus die Straße halten. Mit einem ganz unbedeutenden Umweg kommen wir dann zum Wirthshaus zurück.«

Der Major ließ sich nicht lange nöthigen, und die beiden Herren kreuzten bald darauf, mit einem scheuen Seitenblick nach links, ohne aber ein Wort weiter darüber zu erwähnen, die Straße, in welcher das Haus der Frau Müller so still und friedlich lag, als ob da nie ein Sturm gewüthet hätte.

Aber sie hatten damit, wie sie vielleicht wähnten, noch nicht Alles überstanden; denn wie sie in die breite Chaussee einbogen, die nach dem Wirthshaus hinaufführte, stand vor demselben und unter dem Schild mit dem hellrothen Engel ein anderer, dunkelrother, in einer weißen Haube – der obere trug Locken – und gesticulirte eifrig mit dem achselzuckend vor ihr stehenden Wirth.

Beide Freunde blieben unwillkürlich mitten in der Straße stehen, als sie gleichzeitig die Dame erkannten. Das hatte keiner von ihnen erwartet, und selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich. Aber ob die Dame sie selber bemerkte und nicht wieder mit ihnen zusammentreffen wollte, oder ob sie beendet hatte, was sie hieher geführt, sie machte noch ein paar entschiedene Bewegungen mit dem rechten Arm – in der Entfernung konnten sie natürlich nicht hören, was sie sagte – und wandte sich dann die Straße hinab, wo sie bald darauf in eine Seitengasse einbog.

»Das Frauenzimmer ist zu Allem fähig,« stöhnte der Major, als sie wieder, Beide zugleich, ihren Weg verfolgten, denn das Hinderniß war beseitigt; »jetzt hat sie sich dort nach unseren Namen erkundigt.«

»Und der Esel von Wirth wird ihr auch die genaue Adresse gegeben haben,« ergänzte der Rath. »Es sieht ihm ähnlich.«

»Nun, versteht sich von selbst, und in den nächsten Tagen steht die Geschichte in der Zeitung. Mein lieber Rath, ich wollte, ich hätte das verdammte Vollmers in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«

»Jetzt kann's nichts mehr helfen,« bemerkte Frühbach ganz richtig; »der Stein rollt, und wir können ihn nicht mehr halten.«

»Ja, und Sie haben ihn in's Rollen gebracht.«

»Bitte,« sagte der Rath, »Sie haben mich darauf gestoßen, oder es wäre mir nicht eingefallen, diese Madame Müller aufzusuchen. Aber da ist der Hausknecht. Hören Sie, lieber Freund, sagen Sie doch dem Kutscher.... Wo ist der Kutscher denn eigentlich?«

»Er sitzt drin in der Stube,« erwiederte der Angeredete. »Es ist ihm nicht recht wohl; er hat Leibschneiden.«

»Der verfluchte Aepfelwein!« bemerkte der Major.

»Sagen Sie ihm, daß er einspannen soll,« befahl der Rath, der sich über das Leibschneiden völlig hinwegsetzte, »wir wollen augenblicklich nach Alburg zurückfahren. Ah, lieber Herr Wirth, unsere Rechnung, wenn ich bitten darf!«

»Zu Befehl, Herr Rath,« erwiederte der höfliche Mann, sein Käppchen ziehend. »Aber sagen Sie mir nur,« setzte er dann mit unterdrückter Stimme hinzu, »was haben Sie denn um Gottes willen mit der Frau Müller gehabt? Die war eben da....«

»Wir? Gar nichts. Was sollen wir mit ihr gehabt haben?« fragte Frühbach mit der unschuldigsten Miene von der Welt.

»Na, dann weiß ich nicht, was die Alte wollte,« sagte der Wirth. »Aber sie fragte mich erst um die Namen der beiden Herren und schrieb sie sich auf einen Zettel (der Major sah den Rath von der Seite an, seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich), und dann hat sie geschimpft und raisonnirt, daß mir die Leute ordentlich zusammenliefen.«

»Aber über was denn?« fragte Frühbach.

»Ja, Gott weiß es! Von ihrer Tochter, und dem Baron Wendelsheim, und den Gerichten, und eine Menge anderes Zeug, ich bin gar nicht daraus klug geworden, und Ihnen gab sie erst Ehrentitel! Ja, die hat ein böses Mundwerk, wenn sie einmal losgelassen wird, und wer nicht muß, soll sich mit der ja nicht im Bösen einlassen. Sonst ist sie gut genug und legt keinem Menschen 'was in den Weg, aber wenn sie erst einmal anfängt und warm wird, dann hört sie auch gar nicht wieder auf.«

»Wir möchten gern bezahlen, lieber Freund,« sagte der Major, dem die Sache peinlich wurde; »dürfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir schuldig sind?«

Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und während ihm der alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwölf Flaschen Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen linken Arm auf den Rücken gelegt, draußen auf und ab), kam der Kutscher mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frühbach fühlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige Minuten später rasselte das kleine Fuhrwerk wieder durch den Ort auf der Straße nach Alburg hinaus.

13.
Vater und Sohn.

Die Bewohner von Schloß Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser, sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwäche trat ein, daß er selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte.

Bruno kam jetzt häufiger heraus als früher, und saß manche Stunde bei seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben – aber über was konnte er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von Kindheit an nicht vertragen, und sonst wußte Bruno eigentlich – Pferde und Dienstsachen ausgenommen – über nichts mit ihm zu sprechen.

Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb auch jenes junge Mädchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichten und Märchen erzählen mußte. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die Haare aus dem Gesicht oder glättete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus, wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Sträuße oder Kränze daraus, die sie am Tage über sein Bett hing, und pflegte ihn mit einer Sorge und Liebe, daß sie selbst das Herz der »steinernen Tante« erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie gestimmt machte.

Am glücklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plänen – und was für Pläne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit er so still und ruhig liegen mußte, und wie sehnte er die Zeit herbei, wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thätig in's Werk zu setzen!

Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden hörte, denn ob auch selber noch jung, fühlte und sah sie doch recht gut, daß sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte; aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzählte, die er bauen wollte, und nächstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen versprach, das ihnen aus dem großen Teiche das Wasser über alle Blumenbeete führen sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab ihm die Plätze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief oft ein Lächeln auf seine bleichen Wangen hervor und machte seine Augen leuchten und blitzen.

Der alte Baron kam jetzt oft herüber, setzte sich still in eine Ecke und hörte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verändert, denn je näher der Termin der Erbschaft rückte, der sich jetzt schon nach Tagen zählen ließ, desto düsterer und in sich gekehrter wurde er, und doch hätte man gerade glauben sollen, daß er die Zeit herbeisehnte, wo er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um den zweiten Sohn? Er hätte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen hoffnungsloser Zustand kein Geheimniß sein – war es ein anderer Kummer, der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darüber, am wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte, und hatte es denn auch geschehen lassen, daß sie jetzt das ganze Hauswesen dermaßen in Händen hielt, um als unumschränkte Herrin darin zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein gewöhnlicher Kostgänger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten, ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an Fräulein von Wendelsheim, die schon das Nöthige darüber bestimmen würde.

Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber selbst das verließ er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche Luftschlösser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die großen hellen Thränen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein – aber er ging hinaus, daß sie der Sohn nicht sehen sollte.

Bruno war nach der Zeit, wo er das Geld von dem Vater erbat und unverrichteter Sache wieder heimreiten mußte, in Wendelsheim gewesen, hatte aber nie mehr, und zwar sehr zum Erstaunen des Vaters, ein Wort von Geld oder neuem Bedarf erwähnt, und der alte Baron hütete sich wohl, selber davon anzufangen.

Heute kam er wieder – er ritt seinen alten Schimmel – und ging, wie immer, zuerst in Benno's Zimmer hinauf, um zu sehen, wie es ihm gehe. Er fand ihn kränker aussehend, als das letzte Mal, aber ein freundliches Lächeln glitt über die Züge des Leidenden, als er dem Bruder die Hand reichte.

»Wie geht es Dir, Benno?« fragte dieser herzlich. »Du siehst recht blaß aus.«

»O, gut heute, recht gut,« sagte der Knabe. »Kathinka hat mir eine so wunderschöne Geschichte von einem kranken Königssohn erzählt, den eine gütige Fee geheilt und vollkommen gesund gemacht hat, und der ist dann nachher so glücklich geworden und hat sein Volk noch viele Jahre regiert – ach, wenn es doch auch bei uns noch solche gute Feen gäbe! Aber, Bruno, Du thust mir ja weh, sieh' einmal, Du hast mir die Hand ganz roth gedrückt.«

»Und kannst Du nicht ein wenig aufstehen und in den Garten oder nur an's offene Fenster treten, Benno? Die Luft ist so wundervoll und mild; es würde Dir gewiß gut thun.«

»Es will doch nicht recht gehen, Bruno,« sagte der Knabe; »wenn ich aufstehe, sticht es mich immer so hier, und der Doctor hat es mir heute Morgen streng verboten. Hast Du nichts von dem jungen Baumann gesehen, Bruno? Er wollte mich heute besuchen – er hat es mir fest versprochen – und mir etwas Neues mitbringen.«

»Nein, Benno, ich bin nicht den Fußweg geritten; er ist vielleicht schon unterwegs. Aber regt Dich das nicht zu sehr auf, wenn Du über solche Sachen nachgrübelst und Dir den Kopf über Räder, Hebel und Schrauben zerbrichst?«

»Ach nein, Bruno,« lächelte der kranke Knabe. »In der Zeit, wo ich mich damit beschäftigen kann, fühle ich gar nicht, daß mir etwas fehlt, und mir wird dann so wohl und leicht zu Muthe. Baumann leidet auch nicht, daß ich selber mit anfasse. Er zeigt mir nur Alles, und wir besprechen dann, wie wir es machen wollen. Er ist so geschickt und so freundlich immer. Ich wollte, er wohnte nicht so weit entfernt von uns.«

»Wo ist der Vater, Kathinka?«

»Ich glaube, unten im Garten, Herr Baron. Er war vorhin hier oben, und ich sah ihn später dort drüben unter den Linden auf und ab gehen.«

»Ich werde ihn aufsuchen; ich komme dann noch einmal zu Dir herauf, Benno, ehe ich wieder fortreite.«

»Ja, Bruno und wenn Du Baumann sehen solltest, sage ihm doch, daß ich so auf ihn warte.«

»Ich schicke ihn Dir gewiß gleich, verlaß Dich drauf.«

Als Bruno mit schwerem Herzen den Bruder verließ und hinunter und durch den Gartensaal ging, fand er dort seine Tante, die, ihre mageren Arme fest zusammengelegt, auf und ab ging.

Fräulein von Wendelsheim war nie, selbst nicht in ihren jungen Jahren, hübsch gewesen; denn eine scharfe Nase, sehr dünne Lippen und schlechte Zähne gaben ihren Zügen etwas Schroffes, Abstoßendes. Im reiferen Alter verschönerte sie sich natürlich nicht, und da sie sich auch nur sonst ausnahmsweise liebenswürdig zeigte und besonders mit ihrem Bruder in stetem Hader lebte, wunderte man sich allgemein, daß sie trotzdem bei einander aushielten. Auch die verstorbene Baronin hatte sich nie mit ihr befreunden können und sogar manchen heftigen Auftritt mit ihr, vorzüglich nach der Geburt des ersten Sohnes gehabt, auch damals ihren Gatten oft gebeten, ein Verhältniß zu lösen, das nach keiner Seite hin genügte. Die Dame besaß außerdem durch die Erbschaft einer Tante ein kleines Privatvermögen, mit dem sie recht gut hätte unabhängig leben können, aber zugleich eine solche Gewalt über ihren darin schwachen Bruder, daß sie ihren Platz hartnäckig behauptete und sogar schon nach dem Tod der Baronin als unumschränkte Herrscherin im Schlosse galt. Sie befahl und ordnete an, und wenn sich Dienstboten ihrem Willen nicht fügen wollten, gleichviel wie zufrieden ihr Bruder selber mit ihnen sein mochte, so mußten sie den Platz räumen – und thaten's auch gewöhnlich gern, denn lange hielt es doch keiner von allen unter ihr aus.

Mit Bruno, dem ältesten Sohn, stand sie, wie schon erwähnt, auf keinem guten Fuß, obgleich der alte Pommer, der Kutscher, der Einzige, der noch aus jener Zeit seine Stellung behalten hatte, behauptete, als kleines Kind habe sie den Knaben sehr gern gehabt und ihn besonders verzogen. Nach der Geburt des zweiten Sohnes änderte sich das aber, und Bruno selber erinnerte sich nicht, so lange er wenigstens denken konnte, ein freundliches Wort von ihr gehört oder eine Liebkosung von ihr empfangen zu haben. Als Kind fühlte er das natürlich nicht so schwer; als er aber nach dem Tode der Mutter heranwuchs und sich vom Vater vernachlässigt, von der Tante zurückgesetzt, ja oft ungerecht mißhandelt sah, da ging er oft still hinunter in den Park, setzte sich dort auf eine Bank in dichtes Gebüsch hinein und weinte sich recht herzlich aus. Aber er gedieh trotzdem und vielleicht gerade dadurch so viel besser, daß sich Niemand viel um ihn bekümmerte, und als er an Jahren reifte und zu begreifen begann, daß er gerade, der Erbe des ganzen Besitzthums, des ganzen Vermögens der Wendelsheim, eigentlich wie ein Ausgestoßener oder doch nur Geduldeter im Hause behandelt würde, fing er an, rauhe Worte mit gleichen zu vergelten. Er und die Tante hatten da manchen Strauß, bis sich zuletzt ein recht gesunder Haß zwischen Beiden entwickelte, den Keiner vor dem Andern zu verbergen sich große Mühe gab.

Sonderbarer Weise hatte dabei der herangewachsene Mann unter all' den unfreundlichen Worten, die er als Kind und Knabe ertragen mußte, eins im Herzen bewahrt und nicht wieder vergessen können – eins, das er als Knabe von etwa elf Jahren gehört, und das ihm wahrscheinlich nur deshalb unter all' den tausend anderen in der Erinnerung blieb, weil er es nicht begriff und damals schon oft und bitter darüber nachgrübelte. Es war gewesen, als er es zum ersten Male wagte, der Tante offen entgegen zu treten. Er hatte irgend eins der zahllosen ihm gestellten Verbote übertreten oder einem Befehl nicht gehorcht – die Ursache war seinem Gedächtniß entschwunden, aber die Folgen blieben um so deutlicher darin, wie es ja oft geschieht, daß uns einzelne, oft unbedeutende Scenen der Kinderzeit, manchmal bis in die ersten Jahre zurück, unvergessen bleiben, während andere, viel wichtigere, gänzlich sich verwischen.

Er sah noch den Blick voll Haß und Zorn vor sich, mit welchem ihn die Tante ansah, als er ihr sagte, daß sie von den Leuten im Hause Beißzahn genannt würde, er sich aber nicht mehr von ihr beißen lassen wolle.

»Und wer bist Du denn?« hatte sie damals zu ihm gesagt. »Was wärest Du denn, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?« – Er erinnerte sich auch, sie damals um die Erklärung der Worte gefragt zu haben, ohne aber eine Antwort darauf zu erhalten; sie schlug nur nach ihm, und als er ein auf dem Tische liegendes Messer ergriff, schrie sie um Hülfe, und der Vater gab ihm nachher drei Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot auf seiner Stube mit so viel lateinischen Strafarbeiten, daß er sie kaum in der Zeit bewältigen konnte.

Von da ab war der Bruch mit der Tante vollständig ausgesprochen, hatte aber doch ein Gutes gehabt, denn sie wagte von dem Tag an nie wieder die Hand gegen ihn zu erheben, und nur in dem Hirn des Knaben arbeitete der Gedanke fort: »Weshalb hat mich die Tante zu dem gemacht, was ich bin? Was soll das heißen?« Er hatte aber Niemanden, gegen den er sich darüber aussprechen konnte – seinen Vater wagte er nicht zu fragen, sein Bruder war noch zu klein, sein Hofmeister ein strenger, finsterer Pedant, der, wie leider nur zu viele Pädagogen, nichts auf der Gotteswelt in seinem ganzen Leben gelernt hatte als Griechisch und Lateinisch, und für welchen deshalb auch weiter nichts existirte. Und die Tante selber? Es lag ihm oft in ihrer Gegenwart auf der Zunge, aber er war viel zu stolz und trotzig, um sie ahnen zu lassen, daß er sich etwas zu Herzen genommen, was über ihre Lippen gekommen. Er haßte sie, wie nur ein mißhandeltes Kind ein Wesen hassen kann, dem es keine Rechte über sich zugesteht und von dem es sich ungerecht und schlecht behandelt weiß. Und was hatte er ihr je gethan, das zu verdienen? Nichts, das er sich denken konnte. So blieb denn die Erinnerung an jenen Morgen fest in seinem jungen Herzen verschlossen, und wie viele Jahre auch mit ihren frischeren Eindrücken darüber hingingen, aus allen hervor wuchsen immer wieder die da gehörten Worte: »Wer bist Du denn? Was wärest Du, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?«

Jetzt war er ein Mann geworden, und man hätte denken sollen, die Tante würde sich, mit der Gewißheit, daß er bald als Herr eines bedeutenden Vermögens dastehen mußte, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es schien auch wirklich, als ob sie sich Mühe dazu gäbe; aber es gelang ihr trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgültigen Worten traf ihn ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Haß und Zorn, daß er sie dann oft staunend ansah. Er wußte sich aber die Sache nicht zu erklären denn lange schon war kein böses Wort mehr zwischen ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie konnten – und weshalb dann noch dieser unauslöschliche Haß?

Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen bemerkte, daß sie nicht in besonderer Laune schien – überdies ein sehr seltener Fall –, wollte er auch mit einem kurzen Gruß vorübergehen.

»Guten Morgen, Tante!« sagte er nur und schritt der Gartenthür zu.

»Und wen suchst Du?« fragte Fräulein von Wendelsheim, ohne selbst den Gruß zu erwiedern.

»Den Vater. Weshalb?«

»Du warst bei Benno oben?«

»Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.«

»Und Du regst ihn nur immer noch mehr auf.«

»Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur »guten Tag« gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem jungen Baumann.«

»Wenn der oben ist, kann er reden und erzählen, und wenn ich zu ihm komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.«

»Er bekommt manchmal plötzliche Schmerzen. Ich fürchte, seine Krankheit ist gefährlicher, als wir ahnen.«

»Du fürchtest das?« sagte die Tante, und wieder traf ihn solch ein böser Blick aus ihren Augen.

»Und weshalb sollte ich es weniger fürchten, weniger fühlen, Tante, als Ihr?« sagte Bruno erstaunt. »Glaubst Du, daß ich Benno weniger lieb habe als Ihr – wenn Ihr ihn auch mehr geliebt habt als mich?«

»Ich sagte das nicht,« erwiederte finster die Tante und wandte sich von ihm ab; »Du drehst Einem die Worte im Munde herum. Ich glaube gar nicht, daß er so krank ist, sondern nur schwach und angegriffen, das meinte ich – aber da kommt der Vater.«

Und damit ließ sie ihn stehen, verließ den Saal und warf die Thür hinter sich in's Schloß.

Bruno war stehen geblieben und sah ihr nach, und wieder tauchten jene geheimnißvollen Worte in ihm auf, die sie damals gesprochen; aber ein anderer Gegenstand beschäftigte seinen Geist – was kümmerte ihn auch die Tante!

Draußen durch die Glasthür sah er seinen Vater kommen, und etwa zwei Schritt hinter ihm folgte der junge Baumann, der eine kleine, wunderlich geformte Maschine in der Hand trug. Der alte Herr hatte sich aber auf keine Unterhaltung mit dem »Handwerker« eingelassen; er wußte allerdings, daß Benno mit großer Liebe an dem jungen Mann hing, und Benno's wegen duldete er den Besuch, aber er sah ihn nicht gern und machte auch nicht viel Umstände mit ihm.

»Gehen Sie hinauf,« sagte er, als sie die Thür des Gartensaales erreichten; »Sie wissen den Weg. Benno ist oben und hat mich schon heute Morgen nach Ihnen gefragt; aber bleiben Sie nicht zu lange. Sein Kopf glüht jedesmal, wenn Sie ihn verlassen haben; der Arzt hat jede Aufregung streng untersagt.«

»Sehr wohl, Herr Baron,« sagte der junge Mann ruhig; »ich wäre auch gar nicht herausgekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte dem Kranken eine Freude zu machen. Er hat mich gestern selber darum bitten lassen, und ich sagte es deshalb zu.«

»Es ist gut,« nickte ihm der Baron vornehm zu, und Baumann wollte mit einem kurzen Gruß an Benno vorüber der Verbindungsthür zuschreiten, als Bruno die Hand gegen ihn ausstreckte.

»Herr Baumann,« sagte er dabei, »ich habe Sie noch um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie neulich mit dem Pferd anritt; aber ich konnte wirklich nichts dafür. Der Weg war so eng und der Fuchs so ungezogen, daß ich nicht einmal im Stand war, ihn nachher einzuzügeln; er ging förmlich mit mir durch.«

»Herr Lieutenant,« sagte Baumann freundlich, »ich sah, daß das Pferd wild war, und habe später erfahren, wie gegründete Ursache Sie hatten, sich unterwegs nicht aufzuhalten. Ich erschrak allerdings im ersten Augenblick; das aber war auch das ganze Unglück, das Sie angerichtet haben. Reden wir nicht weiter davon.« – Und ihn grüßend, schritt er den wohlbekannten Weg durch den Gartensaal dem Gange zu und die Treppe hinauf zu Benno's Zimmer.

»Guten Tag, Vater!« sagte der Officier, als der junge Handwerker das Zimmer verlassen hatte. »Ich wollte Dich eben aufsuchen, um ein paar Worte mit Dir zu reden.«

»Und was steht zu Diensten, wenn ich fragen darf?«

»Hast Du kein freundlicheres Wort für mich, Vater?«

»Du wirst wieder Geld haben wollen,« sagte der Baron mürrisch, »und Du weißt, daß ich nicht mehr im Stande bin, es Dir zu geben. Die Tausende und Tausende, die ich die langen Jahre für Dich ausgelegt, haben meine Mittel erschöpft, und es wird Zeit, daß Du zurückzahlst, was Du mich gekostet, aber nicht mehr verlangst.«

»Ich bin nicht um Geld gekommen, Vater,« sagte der junge Officier ruhig, »ich brauche keins, und hoffe mich bis zu dem Tage, wo die Erbschaft ausgezahlt wird, selber durchzubringen. Nachher magst Du von mir Ersatz für das »Ausgelegte« verlangen.«

»Und wie hast Du Dein Ehrenwort damals eingelöst? Wo hast Du das Geld aufgetrieben? – wahrscheinlich die doppelte Summe dafür gezeichnet?«

»Ich habe es zu fünf Procent bekommen.«

»Zu fünf Procent?« rief der alte Mann, ihn mit einem ungläubigen Kopfschütteln von der Seite ansehend.

Bruno aber, darauf nicht achtend, fuhr langsam fort: »Allerdings bin ich dafür, wenn auch vollkommen freiwillig, eine Verbindlichkeit eingegangen, und um darüber mit Dir zu sprechen, heute hier herausgekommen.«

»Thu' mir den Gefallen und rede nicht in Räthseln und Bildern,« sagte der alte Herr mürrisch; »ich habe den Kopf schon ohnedies zu voll, um ihn mir noch damit zu zerbrechen.«

»Ich werde sehr deutlich sein, Vater,« erwiederte Bruno, indem er sich in einen Stuhl warf und den Kopf auf dessen Lehne in die Hand stützte; »es bedarf auch dabei nicht der Umschweife, denn es betrifft nur eine einfache Mittheilung, keine Frage oder Bitte.«

»Und die wäre?«

»Ich werde heirathen.«

»In der That?« sagte der Vater, doch etwas erstaunt, »so bist Du endlich vernünftig geworden. Aber wen, wenn ich fragen darf, da es, wie Du sagst, doch blos eine Mittheilung sein soll?«

»Und trage ich die Schuld, Vater, daß es so weit zwischen uns gekommen? Was habe ich gethan, was verschuldet, daß ich, so lange ich denken kann, nur wie ein Fremder, Ueberlästiger zwischen Euch herumgehe?«

»Ich verstehe Dich nicht!«

»Du hast mich nie verstanden,« sagte Bruno bitter, »mich nie verstehen wollen!«

Der alte Baron warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn; denn so wenig er daran gedacht haben würde, etwas Aehnliches gegen ihn einzugestehen, im Herzen fühlte er die Wahrheit des Vorwurfs, und war auch deshalb nicht im Stande, ihn gleich und entschieden von sich abzuwälzen.

»Du machst eine lange Vorrede,« sagte er endlich; »ich hoffe doch nicht, daß Du eine Wahl getroffen, deren Du – deren ich mich zu schämen brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt,« setzte er rasch hinzu, »denn Du kannst und mußt wissen, was ich Alles mein langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten.«

»Die Ehre unseres Hauses,« wiederholte Bruno düster – »das heißt den äußeren matten Glanz, den Anstrich – wie aber war es indeß im Innern? Die Ehre des Hauses – und wie stand es indessen mit dem Glück, dem Frieden des Hauses, Vater? Ich höre und lese draußen manchmal von dem Segen der eigenen Familie, dem Glück der Heimath. Was habe ich gethan, daß mir das Alles gestohlen wurde?«

»Was hast Du nur heute?« sagte der Vater, unruhig werdend, indem er den Sohn groß ansah. »Wie bist Du so sonderbar, und was sollen diese vollkommen unbegründeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem Hause fühltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit draußen in wüsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in Schulden stürzte?«

»Das ist recht, Vater,« lachte Bruno bitter, »mach' Du mir noch Vorwürfe, daß ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mußte, weil ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar auf ewigem Kriegsfuß mit der Tante lebte. Doch genug – übergenug davon! Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu gründen – aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht mich hieher zurück.«

»Nicht hier in Wendelsheim?« rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast erschreckt. »Und wohin sonst willst Du ziehen?«

»Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und die Versicherung erhalten, daß er mir bewilligt wird.«

»Und wer ist die Dame, die Du Dir zur künftigen Gattin ausersehen?« sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fühlte er, daß der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift habe und entschlossen sei, seine vollständige Unabhängigkeit zu wahren. »Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, daß ich nicht einmal auf irgend Jemanden rathen kann.«

»Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,« sagte Bruno, während ein eigenes trotziges, aber doch düsteres Lächeln über seine Züge flog. »Ich liebe die Tochter des alten Salomon.«

»Bruno,« schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor Schreck wurde, »bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott mit mir? Die Tochter des alten Juden?«

»Die Tochter des alten Juden,« wiederholte Bruno scharf und langsam; »ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit Dir – habe es nie gethan.«

»Und meinen Namen willst Du beschimpfen?«

»Ist es nicht auch der meine? Ich sehe keinen Schimpf darin, ein braves Mädchen zum Altar zu führen.«

»Bruno,« rief der alte Baron außer sich, »Du weißt nicht, was Du thust! Unser Geschlecht ist bis jetzt rein und unbefleckt erhalten – der alte Stamm wenigstens –, und Du hast keine Ahnung, welche Opfer Einzelnen von uns auferlegt wurden, um das durchzuführen. Willst Du gerade der Erste sein, der einen schwarzen Strich durch unser Wappen zieht. Es kann, es darf nicht sein, und ich werde es nie und nimmer dulden!«

»Du kannst es nicht hindern, Vater,« sagte Bruno ernst und kalt; »Du hast Dir das Recht vergeben, über mein Thun und Handeln zu bestimmen. Du hast keine Liebe in meinem Herzen gesäet, Du kannst nicht erwarten, dort Liebe zu ernten – kannst mir aber auch nicht verdenken, daß ich sie dort suchte, wo sie mir von ganzer Seele entgegengebracht wurde. Du kennst auch Rebekka nicht,« fuhr er etwas weicher fort, als der alte Mann wie gebrochen in einen Stuhl sank und sein Gesicht mit den Händen deckte; »hättest Du nur ein einziges Mal in ihr liebes, engelschönes Antlitz geschaut, hättest Du gesehen, wie lieb und gut sie mit mir ist, Du würdest begreifen, daß ich das vergaß, was mir noch nie ein Segen, nur ein Zwang gewesen.«

»Das kann, das darf nicht sein!« rief der alte Baron, wieder von seinem Stuhl emporspringend; »die Erbschaft war von jenem alten Manne nur deshalb unserem Hause zugewendet, um den Glanz des Namens aufrecht zu erhalten, das Geschlecht nicht aussterben zu lassen.«

»Die Erbschaft lautet auf Deinen ältesten Sohn nach Zurücklegung von dessen vierundzwanzigstem Lebensjahre; die Bedingung ist in wenigen Wochen erfüllt,« erwiederte Bruno ruhig.

»O, daß ich so – daß ich so hart gestraft werden sollte,« rief der Baron die Hände ringend, indem er in dem großen Saal rasch auf und ab schritt – »so hart gestraft!«

»Wofür, Vater?«

Der alte Mann war zur Glasthür getreten, lehnte seine Stirn an eine der Scheiben und starrte in den Garten hinaus; aber er beantwortete die Frage nicht. Bruno fühlte sich beängstigt: er war auf Vorwürfe und Zornesworte gefaßt und entschlossen gewesen, denen kalt und entschieden zu begegnen – so weich, so gebrochen hatte er den Vater nicht zu finden geglaubt – so hatte er ihn nie gesehen. Langsam ging er auf ihn zu, und die Hand auf seine Schulter legend, sagte er, freundlicher, als er bis jetzt gesprochen:

»Und was ist es denn weiter, Vater, daß Du es Dir so arg zu Herzen nehmen solltest? Der alte Salomon ist ein braver, rechtlicher Mann und hat den Ruf in der ganzen Stadt; und was mich betrifft, ich ziehe fort von hier, auf Jahre vielleicht, und wenn ich zurückkehre, ist die Sache längst vergessen und begraben. Hier bei Euch,« fuhr er fort, als der alte Mann ihm nichts darauf erwiederte und regungslos in seiner Stellung blieb, »könnte ich ja auch nicht einmal bleiben, denn ich möchte meine Frau, und wenn sie einem der edelsten Geschlechter angehörte, nicht unter ein Dach mit Tante Aurelia bringen – Du weißt selber recht gut, daß Haß und Unfrieden im Hause die nächsten Folgen davon wären.«

»Gottes Strafe – Gottes Gericht!« flüsterte der Baron.

»Aber von was redest Du, Vater?« rief Bruno ordentlich erschreckt. »Wofür Gottes Strafe, wenn Du das eine Strafe nennst, daß Dein Kind endlich das Glück findet, das es so lange gesucht und – leider nicht im Vaterhause finden konnte?«

»Geh',« sagte der alte Mann, indem er ihn mit der Hand langsam von sich schob, ohne ihm aber sein Auge zuzuwenden, »geh', Du bist mündig und bald Dein eigener Herr. Was kümmert Dich auch der Name unseres Hauses, auf das Du Schmach und Schande häufst? Ich will Dir nicht fluchen – ich darf es nicht; aber – verlange nie meinen Segen zu einer Verbindung mit der Judentochter – er würde Dir auch nichts nützen,« setzte er heiser hinzu – »er würde selber nur zum Fluche werden!«

Die Worte des alten Mannes waren für den Sohn räthselhaft; er begriff nicht, welche mögliche Deutung er ihnen geben konnte. Ehe er aber im Stande war eine weitere Frage an ihn zu richten, öffnete sich die Thür, und Tante Aurelia, deren scharfer Blick, selber staunend, die Gruppe überflog, stand auf der Schwelle.

»Was ist da vorgegangen?« sagte sie finster. »Was hast Du wieder mit dem Vater gehabt, Bruno? Das weiß doch der Himmel, daß Du das Haus nie betrittst, ohne einen Verdruß zu bereiten!«

»In der That, Tante?« sagte Bruno, der ihr gegenüber ganz wieder den alten Groll erwachen fühlte und sich auch wenig deshalb sorgte, die ihm verhaßte Verwandte zu schonen.

»In der That,« lautete ihre Antwort, »ich erwarte es gar nicht anders.«

»Dann möchten heute Ihre Erwartungen vielleicht noch übertroffen werden – guten Morgen, Tante!«

Staunend sah sie ihm nach; aber Bruno kümmerte sich nicht weiter um sie. Ohne selbst noch einmal zu dem Zimmer des Bruders hinauf zu gehen, schritt er nach dem Stall hinüber, sattelte sich selber sein Pferd und ritt dann in die Stadt zurück.

Ende des ersten Bandes.

Druck von G. Pätz in Naumburg a. d. S.

Im Verlage von Hermann Costenoble in Jena erschienen ferner folgende neue Werke:

Höcker, Gustav, Geld und Frauen. Erzählungen. 3 Bde. 8. broch. 3½ Thlr.

Kleinsteuber, Hermann, Schach dem König. Historischer Roman. 2 Bde. 8. broch. circa 3 Thlr.

Möllhausen, Balduin, Der Meerkönig. Eine Erzählung. 6 Bde. 8. broch. circa 6½, Thlr.

Sacher-Masoch, Leopold von, Der letzte König der Magyaren. Historischer Roman. 3 Bde. 8. broch. 4 Thlr.

Wickede, Julius von, Eine Deutsche Bürgerfamilie. Nach einer Familienchronik bearbeitet. 3 Bde. 8. broch. 4½ Thlr.

Bibra, Ernst Freiherr von, Erlebtes und Geträumtes. Novellen und Erzählungen. 3 Bde. 8. broch. 3¾ Thlr.

Ewald, Adolph, Nach fünfzehn Jahren. Ein Strauß Geschichten. 2 Bände. 8. eleg. broch. 3 Thlr.

Robiano, L. Gräfin von, Anna Boleyn. Historischer Roman. 2 starke Bde. 8. eleg. broch. 3½ Thlr.

Baker, Samuel White, Der Albert-Nyanza, das große Becken des Nil und die Erforschung der Nilquellen. Deutsch von J. E. A. Martin. Autorisirte Ausgabe. Nebst 33 Illustrationen in Holzschnitt, 1 Chromolithographie und 2 Karten. Zwei starke Bände. Eleg. broch. 5½ Thlr.

Deutsche Schützen, Turner und Liederbrüder oder: Was will das Volk? Zeitgeschichtlicher Roman

Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung wurde nicht in den Text aufgenommen.

Abschnitte, die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription in kursiver Schrift dargestellt.

Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:

Seite 12:
"das" geändert in "daß"
(und nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf)

Seite 15:
"." eingefügt
(und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.«)

Seite 15:
"," eingefügt
(rief die Mutter, »spotte auch noch)

Seite 40:
"gegründeteten" geändert in "gegründeten"
(zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen)

Seite 93:
"Frühauf" geändert in "Frühbach"
(sagte der unverbesserliche Rath Frühbach)

Seite 94:
"Frühauf" geändert in "Frühbach"
(sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging)

Seite 119:
"Ihnen" geändert in "ihnen"
(bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere)

Seite 120:
"du" vereinheitlicht zu "Du"
(Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch)

Seite 122:
"sagt" geändert in "sagte"
(»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke)

Seite 149:
"," eingefügt
(sagte der Baron halb verlegen, »ich dächte)

Seite 153:
"," eingefügt
(rief der Lieutenant, »und ich konnte es mir nicht)

Seite 160:
"Salamon" geändert in "Salomon"
(»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«)

Seite 171:
"wir" geändert in "mir"
(Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr?)

Seite 184:
"den" geändert in "denn"
(Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur)

Seite 211:
"Staasanwalt" geändert in "Staatsanwalt"
(drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand)

Seite 228:
"," entfernt
(mein gnädiges Fräulein)

Seite 235:
"Sie" geändert in "sie"
(sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete)

Seite 285:
"sie" geändert in "Sie"
(hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können)

Seite 294:
"." eingefügt
(Sie biß eher.)

Seite 302:
"?" geändert in "!"
(wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!)

Seite 311:
"gegestiegen" geändert in "gestiegen"
(der Zorn der gereizten Frau war auf's höchste gestiegen)

Seite 312:
"gegesagt" geändert in "gesagt"
(Maul hätte er am liebsten gesagt)

Seite 316:
"hätte" geändert in "hätten"
(»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,«)

Seite 317:
"fühlt" geändert in "fühlte"
(selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich)

Seite 339:
"Ist" geändert in "Ich"
(»Ich verstehe Dich nicht!«)