Inhaltsverzeichnis.

Seite
 
1.
Begriff des Stiles
2.
Begriff der Stilistik
3.
Einteilung der Stilistik
4.
Schriftsprache und gesprochene Rede
 
5.
Der oberste Grundsatz des guten Stiles
6.
Deutlichkeit
7.
Sprachrichtigkeit
8.
Sprachreinheit
9.
Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks
10.
Angemessenheit
11.
Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks
12.
Anschaulichkeit und Lebendigkeit
13.
Natürlichkeit
14.
Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke
15.
Die Bilder oder Tropen
16.
Die Figuren
17.
Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil
18.
Wortbildung
19.
Das Substantivum
20.
Das Verbum
21.
Die Partizipien
22.
Das Adjektivum
23.
Das Pronomen
24.
Das Adverbium
25.
Präpositionale Ausdrücke
26.
Als und wie
27.
Wortstellung
28.
Der Bau der Sätze im allgemeinen
29.
Form der Sätze
30.
Art der Verknüpfung
31.
Stellung der Sätze
32.
Rhythmus des Satzes
 
33.
Prosaischer und poetischer Stil
34.
Der Stil des Verstandes
35.
Der Stil des Gemütes
36.
Das Studium guter Muster
37.
Der Aufsatz
38.
Das Thema und die Arten der Aufsätze
39.
Das Sammeln des Stoffes
40.
Die Disposition
41.
Dispositionsregeln
42.
Die Chrie
43.
Die Ausarbeitung
65
44.
Über die Kunst, seine Gedanken gut auszusprechen
I.
Übungsbeispiele zur Wiederholung der Syntax.
69
II.
Rektionslehre.
 
1.
Verben, die den Akkusativ regieren
2.
Verben, die den Dativ regieren
3.
Verben, die den Genitiv regieren
4.
Verben mit schwankender Rektion
B. Rektion der Verbalsubstantive.
1.
Adjektive, die den Dativ regieren
2.
Adjektive, die den Genitiv regieren
D. Rektion der Präpositionen.

Erste Abteilung.
Deutsche Stilistik.

I. Einleitung.

1. Begriff des Stiles.

Das Wort Stil wird in seiner weiteren Bedeutung auf alle Künste angewendet und bezeichnet überhaupt die Art und Weise der Darstellung. Man spricht daher z. B. von einem gotischen Stile in der Baukunst, von dem Stile der Niederländer in der Malerei, von dem Stile Mozarts in der Musik, von dem Stile Goethes in der Kunst der Sprache. Im engeren Sinne versteht man jedoch unter Stil nur die Art und Weise der sprachlichen Darstellung. Diese wird durch zweierlei bestimmt: 1. durch den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes; 2. durch die Persönlichkeit und geistige Eigenart des Darstellenden. Sofern der Stil auf den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes Rücksicht nimmt, nennt man ihn objektiv, sofern in ihm die Eigenart des Darstellenden zum Ausdrucke kommt, subjektiv. So wird z. B. der Stil in Schillers akademischer Antrittsrede: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ objektiv bestimmt zunächst durch das Thema, dann durch die Reihe von Gedanken, die sich unter dieses Thema ordnen lassen, ferner durch den Zweck, die Zuhörer, und zwar solche, die akademischen Kreisen angehören, für diese Gedanken zu gewinnen. Objektiv wird also für die ganze Darstellung der Stil einer akademischen Rede über Begriff und Zweck des Studiums der Universalgeschichte erfordert. Das Subjektive an dieser Rede aber ist das, was diese Rede von allen anderen ähnlicher Art unterscheidet und sie zu einer Rede macht, wie sie nur gerade Schiller seiner geistigen Eigenart und Bildung, sowie der Bildung seiner Zeit gemäß halten konnte. Zahlreiche Lieblingsideen und Lieblingswendungen Schillers, die wir darin finden, der stolze Schwung der Rede, der noch heute jeden Leser unwiderstehlich mit sich fortreißt, die Anlehnung an die Gedanken Kants u. ähnl. geben der Darstellung ihr subjektives Gepräge.

Die objektive und subjektive Seite des Stiles sind selbstverständlich in der Wirklichkeit immer innig verbunden; es wird aber je nach dem Inhalte des darzustellenden Gegenstandes bald die eine, bald die andere Seite in den Vordergrund treten. Eine wissenschaftliche Darstellung z. B. ist streng objektiv zu halten, eine Rede, welche die Hörer anregen und begeistern soll, erfordert reiche subjektive Färbung; ein episches Gedicht verlangt große Objektivität, bei einem lyrischen Gedichte ist starke Subjektivität unbedingtes Erfordernis. Im allgemeinen muß namentlich der poetische Stil sein eigenartiges Gepräge durch die Persönlichkeit des Dichters erhalten, während dem prosaischen Stile mehr objektive Ruhe günstig ist.

Das rechte Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität zu treffen, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Stiles. Schließt sich der Stil nur objektiv an fremde Muster an, so mangelt ihm das eigenartige Gepräge, und dieser Mangel kann uns oft ganze Werke ungenießbar machen; überwiegt aber die Subjektivität in der Weise, daß Dinge in die Darstellung hineingetragen werden, die in dem darzustellenden Gegenstande nicht begründet sind oder gar mit demselben in Widerspruch stehen, so wird der Stil zur Manier. Gegenüber dem wahrhaften Stile Goethes und Schillers zeigt z. B. der Stil Jean Pauls und unter den neueren Erzählern der Wilhelm Raabes stellenweise Manier.

Anmerkung 1. Das Wort Stil ist aus dem Lateinischen (aus lat. stilus, d. i. Griffel) zu uns gekommen. Das lateinische stilus geht wieder auf griech. στῦλος zurück, was gleichfalls den metallenen Griffel bezeichnete, mit dem der Grieche durch Einritzen in eine Wachstafel schrieb. Einige Sprachforscher leiten auch unser Wort „Stiel“ von lat. stilus ab, was den Lautgesetzen nicht widerspricht. Doch ist hier wohl eher Urverwandtschaft anzunehmen.

Anmerkung 2. Über den Einfluß der Persönlichkeit und Gesinnung des Dichters auf seine Werke sagt Goethe: „Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die Gedanken.“ Sprüche in Prosa 542. Hempelsche Ausgabe. — Von Werken, die nur objektiven Stil haben, sagt derselbe Dichter: „Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.“ Spr. i. Pr. 119.

2. Begriff der Stilistik.

Stilistik ist die Wissenschaft des Stiles. Sie sucht die Gesetze und Regeln der sprachlichen Darstellung auf und stellt sie im Zusammenhange dar. Man darf die Stilistik nicht verwechseln mit der Poetik und Rhetorik. Die Poetik erörtert die Gesetze und Formen der Dichtung, die Rhetorik behandelt die Kunst der Beredsamkeit und der prosaischen Darstellung des Redners. Die Stilistik aber hat es mit der äußeren sprachlichen Form der Darstellung überhaupt zu tun, sie umfaßt die Gesetze über Deutlichkeit, Richtigkeit und Schönheit des Ausdruckes, über Belebung durch bildliche Wendungen, über die Wahl der Worte, den Bau der Sätze usw. Da die Sprache das Ausdrucksmittel sowohl des Redners, als auch des Dichters ist, so gelten die allgemeinen Sprachregeln der Stilistik für die Prosa wie für die Poesie. Der Umstand, daß die Alten in ihre Darstellungen der Rhetorik auch gewöhnlich die Regeln der Stilistik mit einschlossen (weil der Redner auch die stilistischen Regeln kennen und anwenden muß), hat dazu geführt, daß bis in die neueste Zeit Rhetorik und Stilistik vielfach vermengt und in verworrener Weise durcheinandergemischt werden.[1]

Mit den Stoffen und Ideen, die dargestellt werden, hat es die Stilistik nur insoweit zu tun, als diese Einfluß auf die innere oder äußere sprachliche Form üben. Die Stilistik stellt ferner nur die Regeln des objektiven Stiles dar; denn es ist nicht ihre Aufgabe, von dem Stil eines bestimmten Schriftstellers oder eines Zeitalters oder eines Volkes zu reden, sondern sie behandelt die allgemeinen Gesetze des Stiles, die für die Schriftsteller aller Zeiten und Völker Geltung haben. Die deutsche Stilistik berücksichtigt dabei zugleich die Eigenart der deutschen Sprache und des deutschen Volkes.

Anmerkung. Eine klare Bestimmung der Begriffe Rhetorik und Stilistik gab zuerst Wilhelm Wackernagel in seinen Vorlesungen über Poetik, Rhetorik und Stilistik, herausgeg. v. Ludw. Sieber, Halle 1873; eine selbständige, streng wissenschaftliche Behandlung der deutschen Stilistik, losgelöst von der Rhetorik der Alten, hat zuerst Karl Ferdinand Becker in seinem Buche: Der deutsche Stil (neu bearb. v. O. Lyon, Prag und Leipzig 1883) angebahnt. Sehr anregend ist die „Deutsche Stilistik“ von Richard M. Meyer, München 1906.

3. Einteilung der Stilistik.

Die Stilistik zerfällt in die allgemeine und in die besondere. Die allgemeine Stilistik handelt von den Eigenschaften des guten Stiles überhaupt, von den Mitteln zur lebendigeren Gestaltung der Rede, von dem stilgerechten Bau und der wohllautenden Gliederung des einfachen und zusammengesetzten Satzes. In der besonderen Stilistik dagegen kommen die Arten des Stiles und die Mittel zur Ausbildung desselben zur Darstellung.

4. Schriftsprache und gesprochene Rede.

Man bezieht das Wort Stil gewöhnlich nur auf die Darstellung der Gedanken in der Schriftsprache. Diese Auffassung ist aber einseitig und irrtümlich. Dieselben Gesetze vielmehr, die für die Schriftsprache gelten, liegen auch der mündlichen Rede zugrunde. Zwar fordert die Schriftsprache, weil sie die Gedanken nicht bloß für den Augenblick und für einzelne Personen darstellt, und weil sie nicht durch die Betonung und das lebendige Gebärdenspiel des Sprechenden unterstützt wird, in der Regel eine größere Sorgfalt, namentlich in bezug auf die Wahl der Worte und die Wortstellung, aber es kann nicht dringend genug darauf hingewiesen werden, daß der mündlichen Rede dieselbe Sorgfalt zuzuwenden ist wie der geschriebenen. Vor allem aber darf die Schriftsprache nicht in der Schärfe von der mündlichen Rede getrennt werden, wie es jetzt leider gewöhnlich geschieht. Gerade die Zeiten der höchsten Blüte unserer Sprache und gerade unsere größten Dichter sahen in der Sprache in erster Linie etwas, das gesprochen wird, und gaben der mündlichen Rede den Vorrang vor der Schriftsprache. Das Zeitalter der Minnesinger, das Zeitalter Luthers, das Zeitalter Schillers und Goethes bieten dafür ausreichende Beweise. Nur immer diejenigen Zeiten, in denen sich unser Sprachleben im Rückgange befand, erhoben die Schriftsprache zur stolzen Herrin und drückten die mündliche Rede zur dienenden Magd herab. Hätten Klopstock, Goethe und Schiller nicht unserer Sprache durch Worte und Wendungen, die sie der lebendigen Sprache ihrer Heimat entnahmen, eine großartige Erweiterung gegeben, so wären vielleicht heute noch die beschränkten Sprach- und Stilregeln Gottscheds und Adelungs geltend.

Anmerkung. Klopstock kämpfte sein ganzes Leben hindurch gegen das bloße stille Lesen mit den Augen. Goethe sagt unter anderem in Dichtung und Wahrheit (II, 10): „Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“ An der Adrastea (6, 187) sagt Herder: „Welche Nation hat ihre Sprache wesentlich so verunstalten lassen, als die deutsche? Gehen Sie in die Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen Klang der verschiedenen, zumal west- und südlichen Dialekte Deutschlands, und blicken in unsere Büchersprache. Jene sanften oder raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Übergänge, die den Sprechenden am stärksten charakterisieren — da wir Deutsche so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache verwischt!“ Ganz besonders beherzigenswert ist Herders Schulrede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“

[1] Ein Beispiel einer solchen völligen Vermischung ist Schießls System der Stilistik. Straubing 1884. Vergleiche meine Besprechung in Zarnckes Literarischem Zentralblatt 1885.

II. Allgemeine Stilistik.

A. Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.

5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles.

Der oberste Grundsatz des guten Stiles, aus dem sich alle übrigen Eigenschaften ergeben, ist die vollkommene Übereinstimmung des Ausdruckes mit der Sache. Sofern eine solche Übereinstimmung in dem Hörer oder Leser volles Wohlgefallen und das Gefühl des Befriedigtseins erweckt, kann man sie auch kurz als die wahre Schönheit der Darstellung bezeichnen. Um diese zu erreichen, muß der Stil folgende Eigenschaften haben: 1. Deutlichkeit, 2. Sprachrichtigkeit, 3. Sprachreinheit, 4. Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes, 5. Angemessenheit, 6. Wohllaut und Neuheit des Ausdruckes, 7. Anschaulichkeit und Lebendigkeit, 8. Natürlichkeit. Je nach der Stilgattung wird natürlich bald die eine, bald die andere Eigenschaft überwiegen; eine belehrende Abhandlung z. B. wird vor allem nach Deutlichkeit und Klarheit, eine fesselnde Schilderung nach Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu streben haben usw., aber wenn auch eine Eigenschaft in den Vordergrund tritt, so dürfen deshalb die anderen nicht fehlen.

Anmerkung. Die älteren Stilistiker stellten die Zweckmäßigkeit als das oberste Gesetz des guten Stiles auf. Diesen Irrtum gründlich widerlegt und hoffentlich für immer aus der Wissenschaft des Stiles entfernt zu haben ist das Verdienst Beckers (Der deutsche Stil, 3. Aufl. S. 5 flg. 12 flg. 60 flg.).

6. Deutlichkeit.

Die erste Forderung, die an eine sprachliche Darstellung gestellt werden muß, ist die der Deutlichkeit. Wenn jemand über einen Gegenstand spricht oder schreibt, so muß in der ganzen Darstellung überall zutage treten, daß der Sprechende oder Schreibende den Gegenstand bis ins kleinste mit seinem Verstande beherrscht, und ferner muß die Darstellung so beschaffen sein, daß durch sie auch der Hörende oder Lesende den dargestellten Gegenstand mit seinem Verstande vollkommen zu erfassen vermag. Eine solche Darstellung nennt man deutlich. Die Deutlichkeit verlangt daher, daß der Darstellende den Gegenstand, ehe er über ihn spricht oder schreibt, rein und scharf aufgefaßt, nach allen Seiten hin durchdacht und eine der Wahrheit und Wirklichkeit völlig entsprechende Anschauung über ihn gewonnen habe. „Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit“, sagt Lessing. Der Deutlichkeit dienen außerdem hauptsächlich die drei folgenden Eigenschaften des guten Stiles: die Sprachrichtigkeit, die Sprachreinheit, die Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes.

7. Sprachrichtigkeit.

Die Sprachrichtigkeit oder Korrektheit besteht darin, daß die Darstellung nicht gegen die Gesetze der Wortbildung und Wortbiegung, sowie der Satzbildung und Satzfügung verstößt. Diese Gesetze stellt die Grammatik dar, und man kann daher kurz sagen: die Sprachrichtigkeit beruht auf der sorgfältigen Befolgung der grammatischen Regeln.

Anmerkung. Einen Verstoß gegen die Sprachrichtigkeit nannten die Alten Solözismus (von Soli, einer Stadt in Cilicien, deren Bewohner ein sehr fehlerhaftes Griechisch sprachen), einen Verstoß gegen die Sprachreinheit dagegen Barbarismus.

8. Sprachreinheit.

Die Sprachreinheit bezieht sich auf die Wahl der Worte. Sie fordert, daß der Schreibende nur solche Worte und Redewendungen gebrauche, die der deutschen Sprache eigentümlich, seinem Zeitalter nicht unverständlich und in den gebildeten Kreisen unseres Volkes üblich sind. Gegen die Reinheit des Ausdruckes verstößt daher derjenige, der in seine Darstellung a) Fremdwörter und fremde Redewendungen, b) veraltete Wörter (den Gebrauch solcher Wörter nennt man Archaismus), c) landschaftliche Ausdrücke (die Verwendung derselben in der Schriftsprache heißt Provinzialismus), d) willkürliche und dem Geiste unserer Sprache widerstrebende Neubildungen (Neologismen) einmischt.

a) Fremdwörter und fremde Redewendungen. Die Forderung, die Fremdwörter zu meiden, ist nicht so zu verstehen, als ob alle Fremdwörter ohne Ausnahme aus Rede und Schrift verbannt werden müßten, vielmehr ist hier mit großer Sorgfalt zu scheiden zwischen entbehrlichen und unentbehrlichen Fremdwörtern. Im allgemeinen läßt sich als Regel feststellen, daß Fremdwörter niemals da gebraucht werden dürfen, wo uns ein gleichbedeutendes und schön gebildetes deutsches Wort als Ersatz zu Gebote steht. Vor allem muß man zunächst scheiden zwischen Fremdwörtern und Lehnwörtern. Unter Lehnwörtern versteht man solche Wörter, die bereits in einer früheren Periode in unsere deutsche Sprache aufgenommen worden sind und völlig deutsche Form angenommen haben, z. B. Anker (lat. ancora), Brief (lat. breve), predigen (lat. praedicare), Pforte (lat. porta), Regel (lat. regula), Schule (lat. schola), Spiegel (lat. speculum), Tafel (lat. tabula), Ziegel (lat. tegula) u. a. Diese Wörter werden von uns gar nicht mehr als Fremdwörter empfunden, und es wäre lächerlich, auch diese durch rein deutsche Ausdrücke wiedergeben zu wollen, wie es Philipp von Zesen u. a. getan haben, die Person durch Selbstand, Fenster durch Tageleuchter, ja sogar das Wort Nase, das gar kein Lehnwort, sondern wie andere Benennungen von Teilen des Körpers, z. B. Herz, Fuß, Ohr, Zahn, urverwandt mit der griech.-lat. Bezeichnung ist, durch Löschhorn usw. übersetzten. Aber auch von den eigentlichen Fremdwörtern, d. h. von denjenigen, die wir wirklich als solche empfinden, erweisen sich viele als unentbehrlich, und wer diese durch selbstgemachte Verdeutschungen ersetzen wollte, der würde in Gefahr kommen, seinen Hörern und Lesern unverständlich zu werden. Die meisten dieser Wörter sind technische Ausdrücke der Wissenschaften und Künste. Neben diesen unentbehrlichen Fremdwörtern ist aber leider in unsere deutsche Sprache eine ganz außerordentlich große Zahl völlig entbehrlicher Fremdwörter eingedrungen, und diese sind es, welche die Reinheit und Schönheit unserer Sprache so schwer schädigen. Mit größter Strenge fordert die Reinheit des Ausdruckes, daß diese Fremdwörter, für die genau zutreffende, oft weit bessere einheimische Ausdrücke sich darbieten, in allen Stilgattungen vermieden werden, und der Gebrauch eines solchen Fremdwortes sollte billig als ein ebenso arger Verstoß gegen den guten Stil gelten wie der Gebrauch eines falschen Kasus oder einer falschen Verbalform. Denn die lexikalische Seite unserer Sprache verlangt dieselbe Berücksichtigung wie die grammatische Seite. Meist leidet durch die Fremdwörter auch der Wohlklang der Rede, die vielen Wörter auf -tät und -ieren z. B. sind fast ausnahmslos unschön, und ihr Klang beleidigt das Ohr (z. B. Authentizität, Reziprozität, Kredulität, Probabilität, Monstrosität, Intelligibilität, Idealität, Souveränität, Spezialität, identifizieren, rehabilitieren, inventarisieren, rekonstruieren, spezifizieren, spezialisieren, stigmatisieren, sympathisieren, usw.). Das deutsche Wort hat gewöhnlich edleren und höheren Klang als das Fremdwort, man vergleiche z. B. Mut und Courage, Unglück und Malheur, Gnade und Pardon, Vergnügen und Pläsier, edle Leidenschaften und noble Passionen, dunkel und obskur, Geschenk und Präsent, unsicher und prekär, gewinnen und profitieren usw. Durch die Einmischung von Fremdwörtern wird daher der Ausdruck leicht unedel und niedrig.

Gute Verdeutschungen sind: Beförderung (Avancement), Widerstreit (Antagonismus), Dienstalter (Anciennität), Ruhegehalt (Pension), Verwaltung (Administration), Anzeige (Annonce), Zerrbild (Karikatur), Versteigerung (Auktion), Einleitung (Exordium), Feldzug (Kampagne), Mehrheit (Majorität), Minderheit (Minorität), Antrieb (Impuls), Naturtrieb (Instinkt), Eilbote (Kurier), Zeitungsschriftsteller (Journalist), Streitschrift (Pamphlet), Duldsamkeit (Toleranz), Spaziergang (Promenade), Reifeprüfung (Maturitätsexamen), folgetreu (konsequent), zuständig (kompetent), rechtmäßig (legitim), amtlich (offiziell), lautlich (phonetisch), geeignet (qualifiziert), reißend schnell (rapid), festsetzen (stipulieren), Vertauschung (quid pro quo) u. v. a.[2]

Ebenso wie die Fremdwörter sind fremde, aus anderen Sprachen herübergenommene Wendungen und undeutsche Übertragungen fremder Ausdrücke zu meiden. Durch solche undeutsche Wendungen wird die Reinheit des Stiles in hohem Grade verletzt. Die meisten derselben entstammen der französischen (Gallizismen) und der lateinischen Sprache (Latinismen). Ein Gallizismus ist z. B. die Wendung: „gegenüber von dieser Meinung“ (vis-à-vis de...) statt: „dieser Meinung gegenüber“; ferner der Gebrauch des hinweisenden Fürworts jener statt des dem Französischen fehlenden der in Sätzen wie: „Die kühne Tat des Horatius Cocles und jene (celle, statt: die) des Mucius Scävola“ usw. Man sagt deutsch: „Ich bin mit etwas zufrieden, mit etwas beschäftigt“ u. ähnl. Falsch ist es daher, mit Anlehnung an das Französische zu sagen: „Ich bin von etwas zufrieden (content de), von etwas beschäftigt (occupé de)“ usw., was sich bei einigen Schriftstellern findet. Man kann im Deutschen fühlen nicht mit dem bloßen Dativ verbinden, sondern bedient sich zur Anknüpfung der Präposition in, z. B.: Ich fühle Kraft in mir (nicht: Ich fühle mir Kraft, wie Schiller und Goethe einigemal geschrieben haben). Die Wendungen: sich durchdringen (statt: durchdrungen sein), sich verkaufen (statt: verkauft werden) u. ähnl. sind Gallizismen, z. B. Das Volk durchdringt sich (se pénètre, statt: ist durchdrungen) von Begeisterung für seine große, weltgeschichtliche Aufgabe; die Ware verkaufte sich zu sehr billigen Preisen (deutsch: wurde verkauft). Ausdrücke wie: „Er geht, seine Arbeit zu beginnen“; „jemand auf dem laufenden halten (tenir au courant des affaires), auf dem laufenden bleiben“; „die Freunde, es ist wahr, haben mich betrogen“; „in diesem Lande ist es, wo die Freiheit wohnt“; „es brauchte diesen tränenvollen Krieg“ (Schiller, statt: es bedurfte dieses Krieges); „unter die Nase lachen“ (Schiller, statt: jemand ins Gesicht lachen) u. a. verraten sofort ihren französischen Ursprung.[3]Lateinisch sind Wendungen wie: Cäsar, als er usw., Hannibal, nachdem er usw. (deutsch: Als Cäsar usw. Nachdem Hannibal usw.); ich scheine mir (deutsch: ich glaube). Das lateinische qualis nach talis, quantus nach tantus ist im Deutschen durch „wie“ wiederzugeben. Wendungen wie: „Die Schlacht, als welche es keine berühmtere gibt“ sind im Deutschen durchaus zu meiden; wir sagen: „Das ist die berühmteste Schlacht, die jemals geliefert worden ist.“ Ganz besonders stammt aus dem Lateinischen die Unsitte der Häufung von partizipialen Wendungen und der Einschachtelung von Nebensätzen (s. hierüber die Stilistik des zusammengesetzten Satzes).

b) Veraltete Wörter. Altertümliche Ausdrücke wie: kreucht, zeucht, zween, zwo, sintemal, alldieweil, dieweil, maßen, jetzo, itzt, gelahrt, dermaleins, dahero, hinfüro, von wegen, derselbige, männiglich, spützen, Stümmel (statt: Stummel), das Trumm (statt: Stück, Trümmer), Gelück, gelücken, bestahn, empfahen, ein Gebot übergehen (statt: übertreten), der Übergeher, beiten (für verweilen) u. a. geben dem Stil etwas Gespreiztes und Unnatürliches und sind zu meiden. Doch sind auch hier Ausnahmen zulässig. Die Erforschung des Alt- und Mittelhochdeutschen hat gezeigt, daß mancher schöne Ausdruck, den die ältere Sprache kannte, verloren gegangen ist. Solche Ausdrücke wieder zu beleben und in unsere Schriftsprache einzuführen, ist nicht nur zulässig, sondern sogar wünschenswert, ja Ludwig Uhland hat das sogar als eine notwendige Forderung für die weitere Entwickelung unserer Sprache hingestellt. Dieser Dichter hat auch mit großem Glück zahlreiche alte Ausdrücke und Wendungen unserer Sprache zurückerobert, ebenso wie das Jakob Grimm, Gustav Freytag und Viktor Scheffel getan haben.

c) Landschaftliche Ausdrücke. Unter landschaftlichen Ausdrücken versteht man solche, die nur gewissen Mundarten angehören und dem allgemeinen Sprachgebrauche fremd sind. Sie stören nicht nur die Verständlichkeit einer sprachlichen Darstellung, sondern klingen oft auch unedel und niedrig; zuweilen verstoßen sie auch gegen die Sprachrichtigkeit. Solche tadelnswerte landschaftliche Wörter und Wendungen sind z. B. zuverläßlich (statt: zuverlässig), so ein (statt: ein solcher), gemeinnützlich (statt: gemeinnützig), verzählen (statt: erzählen), zu Hause gehen (statt: nach Hause), Verkältung (statt: Erkältung), ich habe daran oder darauf vergessen (statt: ich habe es vergessen), sich mit einem etwas erzählen (statt: unterhalten), Hanke (statt: Hüfte), losgehen (statt: anfangen), ferten (statt: voriges Jahr; fränkisch), mitmachen, mittun (statt: teilnehmen), irritieren in der falschen Anwendung als: irre machen (z. B. er ließ sich durch die falsche Meldung nicht irritieren; irritieren heißt vielmehr: erregen, reizen), nach Berlin machen oder werden (statt: reisen) usw. — Große Dichter und Schriftsteller haben jedoch oft mit großem Glück landschaftliche Ausdrücke verwendet und dadurch unsere Schriftsprache dauernd bereichert. Wir gebrauchen jetzt z. B. die Wörter: düster, dröhnen, dreist, staunen, entsprechen (für: gemäß sein, z. B. der Titel des Buches entspricht dem Inhalte) u. a. im edelsten Stile, und doch sind diese Wörter erst aus verschiedenen Mundarten in die Schriftsprache vorgedrungen und wurden früher als unzulässige Provinzialismen getadelt.[4] So wurden durch Goethe und Schiller namentlich unserer Schriftsprache zahlreiche oberdeutsche Ausdrücke zugeführt, während andere Schriftsteller wieder niederdeutsche Wendungen zur Geltung brachten. Doch nur vollendete Meister der Sprache vermögen auf solche Art unsere Schriftsprache zu bereichern. Das Gesagte soll nur zeigen, wie fortwährend unsere Schriftsprache aus der lebendigen Sprache der Mundarten sich erneuert und so vor Erstarrung bewahrt. Man blicke deshalb nicht mit Verachtung auf die Mundarten herab und beherzige die Worte Schleichers: „Die Mundarten sind die natürlichen, nach den Gesetzen der sprachgeschichtlichen Veränderungen gewordenen Formen im Gegensatze zu der mehr oder minder gemachten und zugestutzten Sprache der Schrift.“ (Die deutsche Sprache, S. 111.)

d) Fehlerhafte Neubildungen. Ebenso wie man den Gebrauch veralteter Wörter zu meiden hat, muß man sich auch hüten, neue Wörter zu bilden und zu verwenden, die entweder mit den Gesetzen der Sprache in Widerspruch stehen oder gegen den Wohlklang verstoßen. Selbstverständlich bedarf eine Sprache, die nicht der Erstarrung anheimfallen will, immer eines frischen Nachwuchses neuer Ausdrücke; aber diese neuen Wörter, durch welche die Sprache wirklich bereichert wird, können nicht willkürlich gemacht werden, sondern sie wachsen mit Naturnotwendigkeit aus den gesunden Keimen der Sprache heraus. In glücklichen Stunden finden schöpferische Geister solche Ausdrücke, und diese Neubildungen erweisen sich schon dadurch als gesund, daß sie dauernd in den Wortschatz der Sprache übergehen. Solche Neubildungen sind natürlich keine Neologismen. Klopstock, Lessing, Wieland, Goethe, Schiller und Rückert haben unserer Sprache viele neue Wörter zugeführt. Im Simplicissimus findet sich zum erstenmal das Wort „unaussprechlich“, das aber erst durch Klopstock eine dauernde Stellung in unserer Sprache erhalten hat. Urbild für Original tadelt schon Gottsched (Beyträge II, 244) im Jahre 1733, doch wird das Wort später von Lessing für Ideal verwendet. Das Wort „empfindsam“ findet sich zum erstenmal im Jahre 1768 bei Bode, dem Übersetzer von Yorick’s sentimental journey (empfindsamer Reise) von Lorenz Sterne, der es auf Lessings Rat hin anwendet. Lessing gebraucht zuerst Zartgefühl für Delikatesse, Goethe Zweigesang für Duett, ausgesprochen für prononciert, Haller Sternwarte für Observatorium usw. Simon Dach führte das Wort furchtlos in unsere Sprache ein, das noch Gottsched hart tadelte. Das Wort Sommerfrische stammt erst von Ludwig Steub; früher schrieb man dafür Villeggiatur. Adelung verwarf die Worte Sterblichkeit (für Mortalität)[5], Gemeinplatz (für locus communis)[6], die Entwickelung der Sprache hat ihm unrecht gegeben. Im 16. Jahrhundert haben namentlich Luther und Fischart die Sprache mit neuen Worten bereichert.

Fehlerhaft sind dagegen viele Neubildungen der Puristen, z. B. Zeitblick für Minute, Obstinne für Pomona, Kluginne für Pallas, Reimband für Vers, Geschichtdichtung für Roman u. v. a., und die Sprache hat diese rasch wieder ausgeschieden oder gar nicht aufgenommen. Tadelnswert sind namentlich auch zahlreiche Zusammensetzungen, die ohne Rücksicht auf Wohlklang und ohne Beachtung der Sprachgesetze gebildet werden, z. B. Vorwärtsmarsch (statt: Vormarsch), Rückwärtsmarsch, Beeinflußbarkeit, Außerachtlassung, Ansichreißung, Nichtbeleidiger, Helligkeitszunahme, Geltendmachung, das Nichtzustandekommen des Planes, Anbringung, Offenlassung, das Vonsichwerfen, Verächtlichmachung, Graunjammerüberwältigung (Voß), Vorzeitsfamilienmordgemälde (Platen), Feindesburgenkampferstürmer (Rückert) u. v. a. Solche und ähnliche Bildungen sind zu meiden. Schlechte Neubildungen sind auch die von Adverbien gebildeten Adjektive: hinterherig, dasig, immerfortig, schlechthinnig (Schleiermacher), jederzeitig, allerortig, solchergestaltig, letzthinnig u. a.

9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks.

a) Die Bestimmtheit des Ausdrucks besteht darin, daß durch das Wort oder den Satz scharf und genau der Begriff oder Gedanke wiedergegeben wird, der dargestellt werden soll. Die Unbestimmtheit in der Rede entspringt gewöhnlich aus dem Mangel an Klarheit und Schärfe des Denkens. Das Wort muß den Begriff genau nach Inhalt und Umfang zum Ausdrucke bringen; so darf man da, wo es auf genauen Wortsinn ankommt, nicht sagen: Gegner statt Feind, Obst statt Äpfel, Totschlag statt Mord, ganz statt alle, manche statt viele, Laub statt Blatt, Tugend statt Nächstenliebe, mäßigen statt bändigen, matt statt müde, Kälte statt Frost usw. Auch hüte man sich vor überflüssigen Zusätzen, wie gleichsam, gewissermaßen, mögen, können, dürfen, sollen u. ähnl., durch welche die Rede oft unerträglich breit wird. Namentlich fordert die Bestimmtheit, daß man alle Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit in der Rede meide, und daß man die sinnverwandten Wörter sorgfältig in Bedeutung und Gebrauch voneinander unterscheide.

Die Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit des Ausdrucks (griech. Amphibolie, lat. ambiguitas genannt) besteht darin, daß Wörter, die verschiedene Bedeutungen oder Beziehungen haben können, angewendet werden, ohne daß der Zusammenhang klar ergibt, welche Bedeutung oder Beziehung in dem betreffenden Falle gemeint sei. Die Präposition von kann z. B. bald den Urheber oder die Ursache (lat. a), bald die Person oder Sache, über welche gesprochen oder geschrieben wird (lat. de), bald ein partitives Verhältnis bezeichnen (z. B. einer von uns). Zweideutig sind daher Wendungen wie: „Wir ließen uns seltsame Dinge von ihm erzählen“ (a oder de?), „Ich habe mancherlei von ihm erfahren“; „von den Soldaten wurde einer getötet“ (a oder ex?). Verfolgen heißt entweder: eifrig nachstreben oder feindlich nachstellen; man sagt daher zweideutig: „Er verfolgt die Politik seines Vorgängers.“ Übersehen kann bedeuten: beherrschen oder vernachlässigen; daher ist folgender Satz zweideutig: „Der Geschäftsführer übersah mehr, als man glaubte.“ — Mehrdeutigkeiten in der Beziehung stellen sich namentlich leicht beim Gebrauch der Pronomina ein, z. B. „Der Wirt ist mit dem Nachbar und seinem Sohne fortgegangen“ (mit dem Sohne des Wirtes oder des Nachbars?). Die Zweideutigkeit in diesem Satze kann entweder durch Veränderung der Wortstellung oder durch Einführung von „dessen“ statt „seinem“ gehoben werden. Oft läßt sich eine Zweideutigkeit durch Anwendung des Pronomens derselbe (oder dieser) vermeiden. Wenn ich sage: „Der Fremde wohnte lange bei diesem Seelsorger; er hat ihm das Leben gerettet“, so bleibt unklar, wer der Retter und wer der Gerettete ist. Der Satz ist jedoch sofort völlig klar, wenn ich sage: „derselbe (oder dieser) hat ihm das Leben gerettet“ oder: „er hat demselben (oder diesem) das Leben gerettet.“ Im ersten Falle ist der Lebensretter der Seelsorger, im zweiten Falle der Fremde. Man merke über den Gebrauch des Pronomens derselbe hier die Regel: Wenn das Pronomen derselbe auf verschiedene Substantive bezogen werden kann, so ist es niemals auf das Subjekt, sondern immer auf ein anderes Satzglied zu beziehen. Demnach unterscheide man: „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen; derselbe soll mit ihm in die Stadt gehen“ und „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen, er soll mit demselben in die Stadt gehen.“ Undeutlich sind auch die Beziehungen in Sätzen wie: „Als Politiker zolle ich ihm volle Anerkennung“, „Der Verlust des Freundes schmerzt uns“, „Die Unterstützung der Mutter kam zu spät“ usw.

Sinnverwandte Wörter richtig zu gebrauchen, erfordert große Aufmerksamkeit, da die Unterschiede oft sehr fein sind. Wörter wie klug und weise, Freude, Vergnügen, Wonne und Lust, entdecken, enthüllen und entlarven, anstellig, geschickt und fähig, klettern und klimmen, verachten und verschmähen u. v. a. dürfen nicht miteinander verwechselt oder vertauscht werden. Ein feines Sprachgefühl wird durch solche Verwechselungen sehr verletzt. Durch gründliches Studium der Synonymik der Wörter und Wortformen wird diesem Stilfehler am besten vorgebeugt.[7]

b) Die Kürze des Ausdrucks besteht darin, daß zur sprachlichen Darstellung eines Gedankens nicht mehr Worte verwendet werden, als nötig sind, um diesen deutlich und wohlgefällig wiederzugeben. Jedes überflüssige Wort verletzt den gebildeten Geschmack. Als überflüssig ist alles anzusehen, was weder den darzustellenden Gedanken verständlicher macht, noch den besonderen Zweck der Darstellung fördert. Weitschweifigkeit und Breite des Stiles ist ein Fehler, in den namentlich die Jugend leicht verfällt. Man vermeide besonders die Tautologie und den Pleonasmus.

Die Tautologie (d. i. die Wortnämlichkeit) besteht darin, daß derselbe Begriff durch zwei gleichbedeutende Ausdrücke bezeichnet wird. Solche überflüssige Wiederholungen des Gesagten sind z. B. Er mußte notwendig verreisen; sie haben einander gegenseitig beleidigt; mein Buch, das ich mir gekauft habe; er stammelte lallend; ich bin nicht imstande, kommen zu können; er erlaubte, daß ich teilnehmen dürfte; er befahl, daß ich gehen sollte; daß du natürlich willkommen bist, versteht sich von selbst; er bezieht ein Jahrgehalt von jährlich 3000 Mark; er ist bereits schon abgereist; er ist nicht nur allein eitel, sondern auch anmaßend; er konnte nur bloß raten, aber nicht helfen; die Todesnachricht von dem Hinscheiden meines Freundes; die Lage in der Nähe des Kanals und der unfernen Eisenbahn; er wünscht, daß du heute nicht kommen mögest; das kann nicht möglich sein; die Veröffentlichung eines Gesetzes publizieren; Unantastbarkeit der Integrität der Türkei; etwas ostentativ zur Schau tragen usw. Hierher gehören auch Zusammensetzungen und Zusammenstellungen wie: Schiffsflotte, Hieranwesenheit, Examenprüfungen, Stadtpfarrprediger, Grundprinzip, Guerillakrieg (spanisch guerra = Krieg, guerilla = kleiner Krieg), vokaler Gesang, größere Majorität, mögliche Eventualität, falsche Illusion u. v. ähnl. Auch die Anhäufung von Synonymen verstößt gegen die Kürze des Ausdrucks, z. B. Er ist ein wahrer, echter und aufrichtiger Freund, der mir lieb, wert und teuer ist.

Der Pleonasmus (d. i. Wortüberfluß) ist der Tautologie eng verwandt. Er besteht darin, daß die Rede mit überflüssigen Beiwörtern überfüllt wird, oder daß Begriffe, die schon bezeichnet sind oder aus dem Zusammenhange der Rede sich ergeben, noch einmal ausgedrückt werden, z. B. ein armer Bettler, ein alter Greis, nasser Regen; er fuhr weiter fort zu reden; er hat das noch einmal wiederholt. Das Glück wollte, daß das Feuer wegen eines anhaltenden Regens, der vom Himmel fiel, nicht um sich griff (H. v. Kleist). Keine Spur verriet, daß hier jemals ein menschliches Wesen gehaust, daß dieser Boden jemals von einem menschlichen Wesen betreten worden war. Infolge eines stattgefundenen Zwistes verließ er seinen Freund usw.

Die Tautologie und der Pleonasmus sind namentlich störend in dem verstandesmäßigen Stile der Prosa, in Abhandlungen und wissenschaftlichen Darstellungen. Der rednerische und poetische Stil dagegen lassen recht wohl eine gewisse Wortfülle zu, doch sind auch hier alle müßigen Beiwörter und unnötigen Umschreibungen aufs strengste zu meiden; nur dann ist die Wortfülle berechtigt, wenn durch sie ein Begriff in lebendiger Weise veranschaulicht oder dem Gemüte näher gebracht und so die Schönheit der Darstellung gefördert wird. Namentlich gebraucht unsere ältere Sprache zahlreiche tautologische Formeln, die noch heute üblich und wohlberechtigt sind, z. B. Grund und Boden, Schimpf und Schande, Art und Weise, Rast und Ruh, Schutz und Schirm, Saus und Braus, Fug und Recht, Sang und Klang, hinter Schloß und Riegel, in Ketten und Banden, hoffen und harren, schalten und walten, weit und breit, still und stumm u. v. a.

Es sind jedoch nicht nur die Tautologien und Pleonasmen zu vermeiden, auch sonst ist mit Sorgfalt jedes unnötige Wort auszuscheiden. In dem Satze: „Er teilt mir mit, daß er gestern abgereist ist und heute in Berlin angekommen ist“ muß das Wort ist das erstemal weggelassen werden. Statt: „ohne Lust und ohne Ausdauer“ ist zu sagen: „ohne Lust und Ausdauer“; statt: „die Griechen, die Römer und die Phönizier“ heißt es besser: „die Griechen, Römer und Phönizier“ usw. Unerträglich weitschweifig sind Wendungen wie: „Wenn wir die letzten Dichtungen Goethes einer Betrachtung unterwerfen, so werden wir finden, daß sie vielfach den Jugendgedanken Schillers sich nähern.“ „Gehen wir nun zum zweiten Teile unserer Betrachtung über, so sehen wir usw.“ „Es dauerte nicht lange, so usw.“ „Die Germanen kämpften natürlich sehr tapfer und hätten jedenfalls gesiegt, wenn ihnen nicht das Heer des Germanicus an Zahl so sehr überlegen gewesen wäre.“ Man beherzige immer Grimms Worte: „Die Sprache ist ihrem innersten Wesen nach haushältig und zieht, was sie mit geringen Mitteln erreichen kann, jederzeit größerem Aufwande vor.“ Namentlich sage man nicht alles, was man über einen Gegenstand sagen könnte; man sei nicht schwach gegen Lieblingsgedanken und Lieblingswendungen, sondern man scheide sie unbarmherzig aus, wenn die Einheit und Schönheit der Darstellung es fordert. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ sagt Goethe, und ähnlich Schiller: „Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.“

10. Angemessenheit.

Die Angemessenheit fordert, daß die Stilart, der sprachliche Ausdruck, die ganze Haltung der Darstellung der Art der Gedanken und dem Zwecke der Darstellung genau entspreche. Erhabene und edle Gedanken dürfen nicht durch unedle und niedrige Worte entweiht werden, für eine Abhandlung oder einen einfachen Bericht darf nicht der leidenschaftliche Stil des Gefühls gewählt werden; während im rednerischen und poetischen Stile Bilder und Redefiguren von guter Wirkung sind, stören sie im Geschäftsstil und sind auch im didaktischen Stile möglichst zu meiden. Der Angemessenheit widerspricht es namentlich, wenn unbedeutende Gedanken mit einem großen Aufwande von Worten dargestellt werden; der Sprechende oder Schreibende gerät dadurch in leeres Phrasengeklingel, das einen widerlichen Eindruck macht, oder seine Darstellung wird schwülstig. Ein Schwall von prächtigen Wörtern, ein übertriebener Aufwand von Bildern und Figuren hat noch nie einen unbedeutenden Gedanken zu einem bedeutenden gemacht. Der Meister in der Wahl des genau entsprechenden Ausdruckes ist Goethe, und das Studium seiner Werke kann jedem, der im Ausdrucke das Rechte treffen will, nicht dringend genug empfohlen werden.

Die Forderung, unedle und niedrige Ausdrücke zu meiden, schließt man gewöhnlich in die Bezeichnung: Würde des Stiles ein. Unedel und niedrig nennt man namentlich solche Ausdrücke, die nur in den untersten Schichten des Volkes üblich sind, z. B. beschnüffeln, verrecken, herunterschmeißen, in ein Hundeloch kriechen u. a. Solche Wörter sind im guten Stile nicht anzuwenden. So sehr man sich aber auch vor plebejischer Derbheit hüten soll, so ist doch umgekehrt die allzu große Scheu vor Ausdrücken der Volkssprache nicht minder tadelnswert; denn diese führt leicht zu einem affektierten oder gezierten Stile. Mit großer Meisterschaft hat Goethe Ausdrücke der Volkssprache in seinen Dichtungen verwendet und gerade dadurch seiner Sprache volkstümliche Kraft und lebendige Anschaulichkeit gegeben, z. B. „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag..., in jeden Quark begräbt er seine Nase“ (Faust). „Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert, der Ameishauf durcheinander kollert“ (Hans Sachsens poetische Sendung) usw.

11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks.

a) Der Wohllaut[8] beruht auf der rechten Mischung der Vokale und Konsonanten, sowie auf dem Tonverhältnisse, der Wahl und Anordnung der Worte und Sätze. Helle und dunkle, volle und weniger volle Vokale und ebenso harte und weiche Konsonanten, Lippen-, Zungen- und Gaumenlaute müssen einander ablösen, und derselbe Laut darf nicht zu oft in unmittelbarer Folge auftreten. Unangenehm klingt z. B. die Wiederholung des ie in folgendem Satze: „Das Lied gebiert ein neues Lied, das lieblich durch die Lüfte zieht“, oder die des ei und n in dem Satze: „eine einer seiner Kreaturen zugefügte Beleidigung.“ Hinsichtlich der Anordnung der Worte fordert der Wohllaut, daß Form- und Begriffswörter, betonte und unbetonte, ein- und mehrsilbige, einfache und zusammengesetzte Wörter wechseln. Gegen den Wohllaut verstoßen Sätze wie die folgenden: „Manche Menschen möchten ihren Freunden täglich lange Briefe schreiben“ (lauter zweisilbige Wörter). „Denn wo das Unglück wählt, wählt’s nicht den schlechtsten Mann.“ (Rückert.) „Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm wie du?“ (Gellert.) Die unmittelbare oder zu häufige Wiederholung desselben Wortes ist zu meiden; unschön klingt z. B. der Satz: „Hinter mir stehen Tausende, bereit mir zu folgen, die auf meinen Wink selbst in den Tod zu gehen bereit sind.“ Wenn mehrere Sätze zusammentreten, verlangt der Wohllaut gleichfalls, daß in Bau, Tonverhältnis und Stellung eintönige Gleichmäßigkeit vermieden werde (s. hierüber: Rhythmus des Satzes). — Besondere Mittel zur Hebung des Wohllautes, von denen aber nur ein mäßiger Gebrauch gemacht werden darf, wenn nicht das Gegenteil erzielt werden soll, sind die Alliteration und der Reim. Die Alliteration besteht darin, daß mehrere bedeutsame Wörter gleichen Anlaut haben, z. B.: „Roland der Ries, am Rathaus zu Bremen steht er ein Steinbild standhaft und wacht.“ In der Prosa erscheint die Alliteration namentlich in alten zweigliedrigen Redeformeln, z. B. Glück und Glas, Licht und Luft, Schirm und Schutz, Wort und Weise, Roß und Reiter, still und stumm, gäng und gäbe, ganz und gar, kurz und klein, hoffen und harren, zittern und zagen usw. Beim Reime dagegen sind die Anfangslaute verschieden, aber Mitte und Ende der Worte sind gleich, z. B. Pracht: Macht. Der Reim kann in der Prosa auch nur in bestimmten Redeformeln Verwendung finden, z. B. Gut und Blut, Weg und Steg, Schritt und Tritt, Stein und Bein (d. i. Totes und Lebendes), weit und breit, schalten und walten usw.

b) Die Neuheit des Ausdrucks besteht, abgesehen von der Neubildung der Wörter (s. hierüber 8, d), hauptsächlich darin, daß verbrauchte Redewendungen, Bilder und Modewörter gemieden werden. Solche Wendungen sind z. B. Anklang finden, aufs Tapet bringen, mit der Zeit fortschreiten, ins Leben treten, von etwas Umgang nehmen (statt: etwas umgehen), voll und ganz u. a. Bilder wie: der Zahn der Zeit, die Milch der frommen Denkungsart, die Rosen der Wangen, die Rosen und Dornen des Lebens, nach eines anderen Pfeife tanzen, der Winter des Lebens u. a. sind völlig verbraucht und wirken daher im edleren Stile nur störend. Unsere Zeit braucht ein Bild oft sehr rasch ab; man prüfe daher jede Wendung und jedes Bild genau, ob sie für eine geschmackvolle Darstellung sich noch eignen, und man suche selbst neue Wendungen und Bilder, die man am besten aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung nimmt, und die sich oft ganz von selbst darbieten. Zuweilen kann man auch abgebrauchten Worten und Wendungen dadurch neues Leben einhauchen, daß man sie auf ihre sinnliche Grundbedeutung zurückführt. Dadurch erscheinen sie oft in einem überraschend neuen Lichte, wie z. B. das Wort Nimbus bei Goethe, wenn er sagt: „Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, weil bei einer näheren Bekanntschaft mit dem Herrn der Nimbus von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte Ferne um sie herum lügt, und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt.“ Er verdeutlicht hier den Begriff Nimbus (d. i. eigentlich: Lichthof um den Kopf eines Heiligen) dadurch, daß er ihn dem Lichthof einer Laterne vergleicht.

In dem Streben nach Neuheit gehe man aber nicht zu weit; viele unserer neueren Schriftsteller überschreiten hier das rechte Maß, und ihr Stil wird dadurch unnatürlich und ungesund.

12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit.

Die Anschaulichkeit besteht darin, daß die Begriffe und Gedanken in sinnlicher Faßlichkeit dargestellt werden. Um diese Sinnlichkeit des Ausdrucks zu erreichen, bedient man sich folgender Mittel:

a) Man wählt Worte, die noch nicht allzu abgeschliffen und verbraucht sind, sondern deren sinnliche Grundbedeutung noch von allen gefühlt wird (vgl. 11, b). Die Konkreta haben mehr sinnliche Anschaulichkeit als die Abstrakta, namentlich der poetische Stil gibt daher den ersteren den Vorzug. So ist das Wort Zügel anschaulicher als Zug und Zucht; Band anschaulicher als Bündnis usw. Ebenso ist der einfache Ausdruck sinnlich kräftiger als Ableitungen und Zusammensetzungen. Wörter wie ziehen, Zucht, Zug, Band, binden, Lust, Feind, Freund, Flucht, Schlaf usw. sind anschaulicher als: erziehen, züchtig, vorzüglich, unverzüglich, bändigen, ungebändigt, verbindlich, belustigen, feindlich, anfeinden, freundlich, befreunden, Flüchtigkeit, Schläfrigkeit usw. In den folgenden Versen von Haller ist daher die Wahl der Worte wegen des Mangels an sinnlicher Anschaulichkeit zu tadeln: „Der langen Einsamkeit gibt alles Überdruß.“ „Ihr allzustarker Trieb nach der Vollkommenheit ward endlich zum Gefühl der eignen Würdigkeit.“ — Besonders wird aber die Darstellung dadurch anschaulich, daß man statt ganz allgemeiner Bezeichnungen, wie: sein, sich befinden, werden, geschehen u. a., bestimmtere Ausdrücke wählt, welche die Art des Seins, Sichbefindens, Werdens, Geschehens usw. genauer angeben. Statt: „Der Vogel ist auf dem Baume“ sage ich anschaulicher: „Er sitzt auf dem Baume“; statt: „Das Pferd befindet sich in dem Stalle“ heißt es besser: „Das Pferd steht im Stalle“ usw. Solche Beispiele anschaulicher Darstellung sind: „Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.“ Goethe. — „Dort wo der Gießbach vom Gebirg heruntertanzt mit hellem Ton, durch grüner Dämmerung Bezirk schweift wandelnd just des Waldes Sohn.“ Otto Roquette. — „Durch der Surennen furchtbares Gebirg, auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, wo nur der heisre Lämmergeier krächzt, gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich aus Uri und vom Engelberg die Hirten anrufend grüßen und gemeinsam weiden, den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen schäumend niederquillt.“ Schiller. — Selbst sinnlich niedrige Ausdrücke sind durch die Anschaulichkeit, die sie gewähren, im poetischen Stile zuweilen von guter Wirkung. So gebraucht Platen in einem Gedichte, das mit einer Übertragung der Worte Vergils: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor schließt, das Wort Knochen statt des Ausdruckes Gebeine: „Aber einst aus meinen Knochen wird ein Rächer auferstehn.“ Vgl. S. 15.

b) Man wendet Wörter an, welche die Naturlaute nachahmen (Onomatopöie oder Schallnachahmung), z. B. sausen, platzen, prasseln, rasseln, rollen, rauschen, heulen, murmeln, plätschern, rieseln, stampfen usw. Bekannt ist der Vers Ovids, in dem er das Quaken der Frösche nachahmt: „Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant.“ Prächtige Lautmalereien enthalten die folgenden Stellen:

Näher und näher
Kam das Gekling und das Klatschen der Peitsch’ und der Pferde Getrampel.
Voß, Siebzigster Geburtstag.
Und hohler und hohler hört man’s heulen.
Schiller, Taucher.
Höre, wie’s durch die Wälder kracht!
Aufgescheucht fliegen die Eulen.
Hör, es splittern die Säulen
Ewig grüner Paläste.
Girren und Brechen der Äste!
Der Stämme mächtiges Dröhnen!
Der Wurzeln Knarren und Gähnen!
Im fürchterlich verworrenen Falle
Übereinander krachen sie alle,
Und durch die übertrümmerten Klüfte
Zischen und heulen die Lüfte.
Goethe, Faust.
Wenn die Räder rasselten
Rad an Rad rasch ums Ziel weg,
Hoch flog
Siegdurchglühter
Jünglinge Peitschenknall.
Goethe, Sturmlied.

c) Man gebraucht statt der abstrakten Ausdrücke bildliche Wendungen (s. hierüber: Bilder und Figuren).

Die Lebendigkeit der Darstellung zeigt sich in der Anordnung und Verbindung der Worte. Zu gleichmäßige Bildung der Sätze und zu lange Perioden machen den Stil eintönig und schleppend; mannigfacher Wechsel im Bau der Sätze ist daher ein unbedingtes Erfordernis des guten Stiles. Besondere Mittel zur Erhöhung der Lebendigkeit sind: die Inversion, das Asyndeton, das Polysyndeton und die Ellipse.

Unter Inversion versteht man die Abweichung von der regelmäßigen Wortfolge (vgl. I, S. 193 flg.). An Inversionen reich ist namentlich der Stil Schillers.

Das Asyndeton (vgl. I, 197) oder die Unverbundenheit besteht darin, daß die Konjunktionen zwischen einzelnen Wörtern oder Sätzen ausgelassen werden, z. B.: „Alles rennet, rettet, flüchtet, taghell ist die Nacht gelichtet.“ Schiller.

Das Polysyndeton (von πολυσύνδετος, d. i. vielfach verbunden) oder die Vielverbundenheit besteht in der mehrmaligen Wiederholung desselben Bindewortes, z. B. „Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ Goethe.

Die Ellipse (von gr. ἔλλειψις, d. i. Auslassung) besteht darin, daß nur der Hauptbegriff ausgedrückt, die übrigen Satzglieder aber weggelassen werden, z. B.: „Aus meinem Angesicht, Nichtswürdiger.“ Schiller. — „Verworrene Labyrinthe — kein Ausgang — kein leitendes Gestirn.“ Schiller.

Schon aus der Wahl der Beispiele ergibt sich, daß Anschaulichkeit und Lebendigkeit vor allem Erfordernisse des poetischen Stiles sind, doch auch der einfache Stil des Verstandes kann dieser Eigenschaften nicht entbehren, obwohl bei ihm die Deutlichkeit in den Vordergrund tritt.

13. Natürlichkeit.

Natürlichkeit des Ausdruckes ist eine Hauptforderung des guten Stiles. Man erreicht sie dadurch, daß man sich bemüht, die Gedanken immer so einfach und klar wie möglich darzustellen. Man vermeide gesuchte und gezwungene Ausdrücke, geschraubte und gezierte Wendungen, wie sie sich häufig in dem Stile unserer modernen Romandichter und Unterhaltungsschriftsteller finden. Einen einfachen Begriff gebe man durch einen einzigen Ausdruck, nicht durch wortreiche Umschreibungen wieder. Bloßes rhetorisches Wortgepränge ist geschmacklos; man wende Bilder und Redefiguren nur da an, wo sie sich von selbst darbieten und wo ein gewisser Schwung der Rede es verlangt. Durch gesunde Natürlichkeit des Ausdruckes ragen namentlich Luther, Lessing und Goethe hervor.

Gegen die Natürlichkeit des Ausdruckes verstoßen z. B. Sätze wie die folgenden: „Zwei Jahre ungetrübten Glückes waren seit der Jünglinge Bekanntschaft von der flüchtigen Gegenwart der unermeßlichen Vergangenheit überantwortet worden.“ „Der Frühling des Jahres 1763 brachte bei seiner monatlichen himmlischen Gesandtschaft in dem grünen Kabinette der Erde nicht nur die himmlischen Geschenke mit, als da sind die chinesische Blumenmalerei der Natur, die echten Gobelins der lebendigen Hecken, die Jaspisteppiche der Fluren, die breiten Gnaden- und Ordensbänder der lauteren Ströme, die Flötenuhren der Waldkehlen usw., sondern er brachte zugleich in der kleinen Wiege Jean Pauls den Dragoman aller dieser himmlischen Geschenke mit, und durch seine Zunge wurde uns die Sendung aller Frühlinge heiliger, himmlischer.“

[2] Eine große Zahl guter Verdeutschungen enthält das treffliche „Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter“ von Herm. Dunger (Leipzig 1882), das nicht dringend genug empfohlen werden kann, sowie das Verdeutschungswörterbuch von Otto Sarrazin (3. Aufl. Berlin 1906). Erklärung und Verdeutschung der Fremdwörter zugleich bietet Heyses Fremdwörterbuch, neu bearbeitet von O. Lyon (18. Aufl. Hannover, Hahn, 1903).

[3] Wer sich weiter über diesen Gegenstand unterrichten will, sei hier namentlich auf Brandstäters Buch über die Gallizismen in der deutschen Sprache verwiesen, das jedoch häufig über das Ziel hinausschießt.

[4] So sagt Adelung: „Düster wird nur in den gemeinen Mundarten, besonders Ober- und Niedersachsens, für dunkel, finster gebraucht. Es ist der edlern und höhern Schreibart unwürdig.“ Adelungs Wb. I, 1622. Von dröhnen urteilt er ähnlich; dreist läßt er nur mit gewissen Einschränkungen zu. Über staunen sagt er: „Nach dem Beispiele Hallers und einiger anderer neuerer schweizerischer Schriftsteller ist es auch von den Hochdeutschen in der höheren Schreibart wieder eingeführt worden“, a. a. O. IV, 313. Von den beiden Wörtern Schrank und Schrein läßt er nur Schrank für die Schriftsprache gelten und bezeichnet Schrein als ein im Hochdeutschen ungewöhnliches, nur noch in einigen Provinzen übliches Wort. a. a. O. III, 1641 u. 1654 usw.

[5] Wörterbuch IV, 355.

[6] a. a. O. II, 552 unter Gemeinort.

[7] Namentlich auch die stilistische Seite der Synonymik ist berücksichtigt in „Eberhards synonymischem Handwörterbuche der deutschen Sprache“, neu bearbeitet von O. Lyon. 16. Aufl. Leipzig 1904.

[8] Einige Stilistiker, z. B. Wackernagel, Becker, scheiden Wohllaut und Wohlklang; wir fassen beides unter der Bezeichnung Wohllaut zusammen.