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XIII. KAPITEL.

DER NORDEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.

Berlin: wachsende Bedeutung. Die Familie Decker, Unger Vater und Sohn, Gebr. Unger, Familie Spener, Reimer, Mittler u. a. Ed. Hänel-Gronau. Die Zeitungsdruckereien. Die Accidenzdruckereien. Die lithographischen und sonstigen Kunstanstalten. Breslau. Frankfurt a. O. Posen. Königsberg. Danzig. Stettin. Lübeck. Hamburg. Bremen. Hannover. Köln: Die Offizin der „Kölnischen Zeitung“.

Allmähliche Fortschritte.
B

ERLIN hatte, als die neue Periode der Buchdruckerkunst anfing, noch keine Bedeutung als Druckstadt; dieselbe zeigte sich erst nach und nach unter der Regierung des grossen Königs, hielt jedoch immer noch nicht Schritt mit der zunehmenden Bedeutung der Residenz eines mächtig emporblühenden Landes.

Die Hofbuchdrucker.

Im Jahre 1757 wurde Christ. Friedr. Henning zum zweiten deutschen Hofbuchdrucker ernannt mit der Aussicht, die Stelle des ersten, Chr. Alb. Gäberts, nach dessen Tode zu erhalten. Neben den „deutschen Hofbuchdruckern“ gab es auch „französische“. Den Titel eines solchen hatte bereits 1696 Robert Roger aus Amsterdam. In dem Jahre 1718 ging Rogers Offizin in die Hände J. G. Michaelis über. Er sowohl als Henning waren sehr tüchtige Buchdrucker, die einen wesentlichen Anteil an der Hebung des typographischen Geschmacks in Berlin hatten.

Die Familie Decker.

Die berühmtesten Hofbuchdrucker gehörten jedoch der Familie Decker an, der eine so glänzende Rolle zufiel, wie wenigen in Deutschland[223].

Die Familie stammt aus Eisfeld im Thüringschen. Der am 23. April 1596 geborne Georg Decker siedelte nach Basel über und Joh. Jac. I Decker * 1635.erwarb 1635 durch Heirat mit der Witwe des Buchdruckers Johann Schröter dessen Offizin, die er so rasch zur Blüte brachte, dass er bereits 1636 zum Universitätsbuchdrucker ernannt wurde. Sein Sohn und Nachfolger Johann Jacob i zog 1680 mit einem Teile der Druckerei nach Neu-Breisach, um Drucker des dortigen französischen Gerichtshofes zu werden.

Joh. Jac. II Decker * 1666, † 1726.
J. Heinr. I Decker * 18. März 1679, † 29. Dez. 1741.

Von dessen beiden Söhnen Johann Jacob ii und Heinrich i führte der erste, als der Vater nach Breisach übersiedelte, das Geschäft in Basel fort und behielt nach dessen Tode im Interesse der Familie die Leitung, erwarb jedoch ausserdem die dortige Ludinsche, früher Henric Petrische Offizin. Der Bruder Joh. Heinrich I gründete in Colmar, welches durch den Ryswicker Frieden 1697 französisch geworden war, eine Offizin, um Regierungsarbeiten zu drucken.

Joh. Heinr. II Decker.

Der kinderlose Joh. Jacob ii vermachte sein Geschäft dem Joh. Heinrich ii, Sohn des Heinrich I, welcher ausserdem mit Erfolg das Colmarer Geschäft fortsetzte. Leider wurde er durch einen Verwandten zur Gründung einer Papierfabrik veranlasst, welche ihn in Verlegenheiten und Verdriesslichkeiten verwickelte, die ihn so erschütterten, dass er in einen Zustand von Geistesschwäche verfiel, unter welchem das Geschäft fast zugrundeging.

G. Jac. I Decker * 12. Febr. 1732, † 17. Nov. 1799.

Johann Heinrich II hatte zwölf Kinder, unter diesen Georg Jacob i. Derselbe lernte die Buchdruckerei, studierte dann in Strassburg, wo er im Hause seines Oheims, des bekannten Geschichtschreibers der Typographie, Joh. Schöpflin, gute Aufnahme und Nahrung für seine Liebe zur Typographie fand. Im Jahre 1750 ging Georg Jacob auf Reisen und kam, nachdem er vergeblich Aufnahme in der Breitkopfschen Offizin in Leipzig gesucht hatte, nach Berlin, wo er sechs Monate in der Henningschen Druckerei arbeitete.

Joh. Grynäus.

Ein französischer Emigrant Arnold Dussarrat hatte 1713 Konzession für eine französische Buchdruckerei erhalten, welche sich 1721 in den Händen des Johann Grynäus aus Basel befand. Letzterer kam, obwohl ein tüchtiger Mann, nicht vorwärts, und die Druckerei befand sich bei seinem Tode 1740 in misslicher Lage. Als Helfer trat nun Georg Jacob heran, der mit der Tochter des Grynäus, Louise Dorothea, einen Bund des Herzens geschlossen hatte. Nachdem er erst Ordnung in die verwickelten Angelegenheiten des väterlichen Geschäfts in Basel gebracht hatte, infolge welcher das Colmarer Haus auf den Bruder Johann Heinrich III überging, dessen Nachkommen noch in Besitz des dortigen angesehenen Geschäfts sind, übernahm Georg Jacob die alleinige Leitung der Grynäusschen Offizin und wurde 1756 Mitbesitzer, wodurch sich die Firma in Grynäus & Decker änderte.

Grynäus & Decker.

Der nun folgende rasche Aufschwung konnte nicht einmal durch den siebenjährigen Krieg gehemmt werden, da die grosse Zahl von Flugschriften und Neuigkeitsblättern eine lebendige geschäftliche Bewegung veranlasste. Nach dem Einzug der Russen in Berlin hielt der verschiedentlich kompromittierte Decker es jedoch für geraten, zeitweilig die Stadt zu verlassen.

Im Jahre 1763 wurde er alleiniger Inhaber des Geschäfts und von nun war sein Glück in stetem Wachsen. Er erhielt das Direktoriat der für das Lotto errichteten königlichen Druckerei mit einem Gehalt von 300 Thalern und nach erfolgtem günstigen Urteil der Akademie der Wissenschaften den Titel eines Hofbuchdruckers mit der Anwartschaft auf die klingenden Vorteile eines solchen. Die Versuche Deckers, diese Stellung sich erblich zu sichern, strandeten damals, ohne dass er deshalb den Gedanken daran aufgab.

Schriftgiesserei in Berlin.

Mit der Schriftgiesserei in Preussen war es noch schlecht bestellt. Seit Thurneyssers Anlauf (I, S. 152) war Berlin bis 1743 ohne Schriftgiesserei, und spätere Versuche waren nicht günstig abgelaufen. Das war für Decker ein günstiger Moment. Er kaufte die besten Baskervilleschen und Fournierschen Matern und liess einen gut geschulten Faktor kommen, versprach auf seine Kosten eine tüchtige Schriftgiesserei einzurichten und „alle französischen Bücher von Wert nachzudrucken, wodurch viel Geld dem Lande erhalten werden würde“. Dies schlug bei dem König, dem der Decker erblicher Hofbuchdrucker.nervus rerum stets wichtig war, durch, und am 4. Januar 1769 erhielt Decker die erbliche Würde eines Hofbuchdruckers, ausserdem ein Privilegium für die nachzudruckenden Bücher. Der König blieb Decker stets gewogen und gehörte als Schriftsteller zu dessen Kunden; eine solche war auch die Königin Elisabeth Christine, die sich mit der Herausgabe frommer Bücher beschäftigte.

Aufblühen des Verlagsgeschäfts.

Das frischere geistige Leben, welches seit dem Hubertusburger Frieden 1763 in Berlin pulsierte, unterliess nicht, seinen Einfluss auf das Deckersche Geschäft zu üben. Georg Jacob trat in Verbindung mit den vielen schriftstellerischen Berühmtheiten und fing nun 1769 selbst an zu verlegen, und zwar mit einem solchen Eifer, dass die Zahl seiner Verlagsartikel bald an 400 betrug. Damals begann auch allgemein eine bessere Ausstattung der Bücher; selten erschien ein solches ohne Zuthat bildlichen Schmuckes namentlich unter der Mitwirkung Chodowieckis. Die Druckerei war hierdurch und durch fremde Arbeiten so stark beschäftigt, dass Decker viele Aufträge auswärts ausführen lassen musste. Als Verleger ging er jährlich zweimal zur Messe nach Leipzig, wo er in freundschaftlichem, zugleich geschäftlichem Verkehr mit Bernhard Breitkopf, später mit dessen Sohn Immanuel, stand. Das Baseler Geschäft wurde von ihm und dem Bruder in Colmar der Direktion eines Geschäftsführers überlassen.

Gunst Friedrich Wilhelms II.

Nach dem Tode Friedrichs II. 1786 bestätigte der König Friedrich Wilhelm II. nicht allein die Privilegien Deckers, sondern er hatte ausserdem Decker und der Vossschen Buchhandlung das Recht gewährt, französische und ins Deutsche übersetzte Werke Friedrich des Grossen zu drucken unter der Bedingung, dass sie in einer besonderen, im königlichen Schlosse zu Potsdam dazu angewiesenen Lokalität hergestellt wurden. Decker stellte schleunigst zehn und dann noch weitere zehn Pressen auf und schon im Frühjahr 1789 waren die 25 Bände der Werke gedruckt. Der König war mit der raschen Ausführung so zufrieden, dass er Decker, als besonderen Beweis seiner Gnade, für sich und seine Erben für alle Zeiten zum Geheimen Ober-Hofbuchdrucker ernannte. Die Ausgabe genügte jedoch nicht in derselben Weise den Anforderungen der Kritik. Die Redaktion war eine des grossen Autors ganz unwürdige. Hierdurch und auf Grund von Nachdrucken wurde das Unternehmen für die Verleger ein verfehltes.

Letzte Jahre G. Jacobs I.

Das Ziel von Deckers Ehrgeiz war erreicht. Das Glück hatte ihn im Geschäft und in der Familie begünstigt. Vier Töchter verheirateten sich mit Männern von Fach, den Brüdern Christ. Spener und Joh. Carl Spener, dem Buchhändler H. A. Rottmann und dem berühmten Schriftgiesser Wilh. Haas d. ä. in Basel. Der Mann der fünften Tochter, Ph. Rosenstiel, war zwar Oberfinanzrat, spielte jedoch auch in der geschäftlichen Geschichte der Familie eine Rolle.

Beim Eintritt in sein 60. Jahr am 25. Juni 1792 überliess Georg Jacob I seinem Sohne Georg Jacob ii sein Geschäft käuflich und führte im Kreise der Seinigen sowie von Künstlern und Männern der Wissenschaft ein, wennauch mit körperlichen Leiden verbundenes so doch heiteres Leben, bis der Tod den Achtundsechzigjährigen am 17. November 1799 abrief.

Georg Jacob II * 9. Novbr. 1765, † 26. Aug. 1819.

Der Sohn Georg Jacob II hatte die Buchdruckerei im väterlichen Hause und bei H. G. Effenbart in Stettin, den Buchhandel bei Treuttel & Würtz in Strassburg gelernt und sich auf längeren Reisen weiter ausgebildet. Teilhaber des Geschäfts war er bereits 1788 geworden.

Zensurschwierigkeiten.

Ihm sollte das Leben nicht ohne schwere Sorgen und harte Prüfungen verlaufen. Ein Hemmnis für die Verlagsthätigkeit Deckers wie für den ganzen Buchhandel wurden die schon im Jahre seines Eintritts in das Geschäft 1788 erfolgenden Edikte des Ministers Wöllner, die besonders empfindlich die Zeitungen trafen, von welchen eine nach der andern einging. Die Verlagshandlung wurde von der Druckerei getrennt und in die Hände Rottmanns, unter dessen Firma, gelegt, dafür wurde aller Fleiss und jede Mühe auf die Verbesserung der Buchdruckerei und der Schriftgiesserei seitens Georg Jacob d. j. verwendet. Er schaffte Matern von Bodoni, W. Haas und Didot an, sowie das beste Material für die Typen und die Farbe.

Das Posener Geschäft.

Die Regierung wünschte in dem durch die zweite Teilung Polens ihm zugefallenen Posen die Anlage einer Druckerei. Decker kam den vertraulichen Aufforderungen nach. Das Unternehmen machte ihm jedoch viele Sorgen und ging 1819 in die Hände des Schwagers Deckers, Rosenstiel, für dessen Sohn über.

Kalamitäten des Baseler Geschäfts.

Noch grössere Sorgen sollte ihm das Baseler Geschäft bereiten. In dieses hatte er einen sehr talentvollen, jedoch extravaganten Mann, Maximilian Schoell, erst als Disponent, dann als Teilhaber aufgenommen, der, nicht zufrieden mit der buchhändlerischen Wirksamkeit, Decker in Banquierunternehmungen verwickelte und ihn in ein seine Existenz bedrohendes Meer von Sorgen stürzte, so dass dieser noch froh sein musste, das Baseler Geschäft mit einem Verlust von 180000 Livres an den dortigen Buchdrucker und Verleger Thurneisen übergeben zu können.

Die Notjahre Preussens.

Auch in Berlin sollten schwere Schläge nicht ausbleiben. Die fortwährende Ausdehnung des dortigen Geschäfts hatte den Erwerb eines schönen Grundstückes in der Wilhelmstrasse veranlasst. Die Notjahre Preussens konnten jedoch nicht spurlos an Decker vorübergehen. Keine Schwierigkeiten vermochten indessen seine Energie und Anstrengungen für die technischen Fortschritte in der Druckerei zu schwächen. So war er der erste in Berlin, der die grossen Erfindungen der Neuzeit, die Lithographie, die eiserne Presse, die Stereotypie einführte, mit seinem Schwager Spener der erste in Deutschland, der eine Schnellpresse erwarb. Die Freude, letztere in Gang zu sehen, als Lohn für seine dabei bewiesene Opferwilligkeit, war ihm nicht beschieden.

Tod G. Jacob II Deckers.

So überstand Decker rüstig und mutvoll kämpfend die schweren Jahre, obwohl er während der französischen Okkupation an 80000 Thaler Lasten und Verluste zu tragen hatte. Vom Jahre 1813 aber trat wieder eine so starke Beschäftigung ein, dass er sich für die gehabte Not reichlich entschädigt sah. Nach langen Leiden entschlief er am 26. August 1819.

Über acht Jahre lang wurde das Geschäft unter Vormundschaft vortrefflich weiter geleitet, bis am 31. Januar 1828 der jüngste Sohn Rudolf Ludwig nach erreichter Volljährigkeit mit dem älteren Bruder Carl Gustav (der älteste der Brüder war bereits gestorben) das Geschäft übernahm, welches nach dem bereits 1829 erfolgenden Tode Carl Gustavs dem Rudolf allein zufiel.

Rudolf Decker * 8. Jan. 1804, † 12. Jan. 1877.

Rudolf Decker war durch eine vorzügliche technische und wissenschaftliche Ausbildung auf das beste für seinen Beruf vorbereitet und widmete sich mit vollem Eifer demselben. Durch ihn erreichte der Ruf des Hauses seinen Höhepunkt.

Seine Aufmerksamkeit war namentlich der Schriftgiesserei gewidmet, in welcher er sich sowohl im väterlichen Hause, wie in der Schriftgiesserei Molé in Paris tüchtige Kenntnisse erworben hatte. Mit besonderer Vorliebe pflegte er die Fraktur (S. 285). Die Bestrebungen der Schriftgiesserei fanden Ausdruck in der grossen für die erste Londoner Ausstellung 1851 angefertigten und später vervollständigten Schriftprobe. Die Akademie der Wissenschaften in Berlin übertrug Decker den Schnitt ihrer koptischen, arabischen, Sanskrit- und anderen orientalischen Schriften, die in fast allen Universitätsbuchdruckereien eingeführt wurden. Für diese Arbeiten wirkten die Schriftschneider Beyerhauss, J. Schilling, Wotze, Schultz, Krumwiede u. a.

Prachtwerke.
Œuvres de Frédéric le Grand.

Die Druckerei blieb nicht zurück, und lieferte Werke, die für alle Zeiten ihren Rang behaupten werden. Anlässlich der Gutenbergfeier 1840 wurde das Prachtwerk „Zwanzig alte Lieder von den Nibelungen“ herausgegeben von Prof. Carl Lachmann mit eigens dazu in Annäherung an die gothische Schrift geschnittenen Typen gedruckt. Eine wahre Zierde der deutschen Druckkunst und Xylographie ist die Jubelausgabe der Œuvres de Frédéric le Grand, 30 Bände Quart, durch welche die redaktionellen Fehler der ersten Ausgabe in gelungenster Weise gutgemacht wurden. Die Redaktion leitete auf Veranlassung des Königs Friedrich Wilhelm IV. Professor Preuss. Das Werk, mit den trefflichsten Holzschnitten von Unzelmann und den Brüdern Vogel nach den genialen Zeichnungen Menzels geschmückt, wurde in 200 Exemplaren gedruckt, die nur zum Verschenken bestimmt waren. Nichts wurde an Arbeit, Material und Kosten verabsäumt, um ein wahres Meisterwerk zu schaffen, welches, 1844 begonnen, erst nach dem Tode des königlichen Förderers 1860 vollendet wurde[224].

Das Neue Testament.
Das Krönungswerk.

Ein Druckwerk ersten Ranges ist ebenfalls das nur in 80 Exemplaren für die Londoner Ausstellung ausgeführte „Neue Testament“ nach Luther in gr. Folio mit bildlichem Schmuck von Cornelius und Kaulbach. Als eine „grosse“ Leistung in den verschiedenen Bedeutungen des Wortes ist die Krönung I. M. des Königs Wilhelm und der Königin Augusta am 18. Oktober 1861 zu nennen. Das Buch hat eine Höhe von 74 cm und eine Breite von 53 cm; aufgeschlagen bedeckt es eine Tischfläche von 7844 □cm. Die 135 Blätter des Buches sind einzeln gedruckt und auf Falz geklebt. Typographisch konnte das Werk nicht besser ausgeführt sein, als geschehen. Die edle Einfachheit verdient volles Lob. Von den genealogischen Tafeln misst die eine in der Länge 416 cm. Kopf- und Schlussvignetten sind dem einfachen Stil des Werkes angepasst. Das Buch hat eine besonders interessante Geschichte. Zweimal wurde der Druck durch Kriege unterbrochen und als es im Sommer 1872 erschien, konnte der Bericht über die Krönung des preussischen Königs Wilhelm dem deutschen Kaiser Wilhelm dediziert werden.

Lieder des Mirza Schaffy.

Rudolf von Deckers — denn er war anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Hauses in den Adelsstand erhoben — letzte typographische That war die Jubelausgabe der „Lieder des Mirza Schaffy“, ein Prachtwerk, in welchem die Leistungen der Typographie und der Chromolithographie sich den Rang streitig machen.

Doch nicht nur die Prachtwerke, sondern jede auch die gewöhnlichste Arbeit wurde mit der grössten Sorgfalt behandelt. So waren das Coursbuch und nicht minder die demselben beigegebene typographisch ausgeführte Eisenbahnkarte, eine Arbeit des späteren Frankfurter Buchdruckers A. Mahlau, ganz vorzügliche Leistungen. Zu dem umfangreichen Geschäft erwarb R. Decker im Jahre 1852 noch die Papierfabrik Eichberg in Schlesien.

Wennauch das Verhältnis zu der Regierung dem Deckerschen Geschäft ausserordentliche Vorteile brachte, so lässt es sich andererseits nicht in Abrede stellen, dass die Reihe der Besitzer ernstlich bemüht war, ihre Anstalt auf eine Stufe, die einer solchen bevorzugten Stellung entsprach, zu bringen und auf einer solchen zu erhalten[225].

J. G. Unger * 26. Okt. 1715, † 15. Aug. 1788.
J. F. Unger * 1753, † 26. Dezb. 1804.

Unter den älteren Buchdruckereien Berlins aus dieser Periode werden mit besonderer Achtung Unger Vater und Sohn genannt. Ersterer, Johann Georg Unger, bei Pirna geboren, kam 1740 als Drucker nach Berlin. Er etablierte sich hier als Formenschneider und starb als angesehener Künstler[226]. Der Sohn Johann Friedrich Unger erfreute sich ebenfalls eines guten Rufes als Formenschneider, erwarb 1780 eine Buchdruckerei und legte 1791 eine Schriftgiesserei an, namentlich um die Didotschen Schriften allgemein einzuführen, welche damals so sehr beliebt waren, dass die Fraktur Gefahr lief, von ihnen verdrängt zu werden (S. 283). Später wendete sich jedoch Unger, wie früher Breitkopf, der Fraktur zu, suchte aber das Heil für diese auf einem Irrwege durch Annäherung ihrer Formen an die runde Antiqua. In dieser Weise schuf er die sogenannten Ungerschen Lettern und liess diese durch Joh. Chr. Gubitz, den er aus der Breitkopfschen Offizin in Leipzig engagiert hatte, schneiden, welche Schriften sich jedoch nicht einbürgern wollten[227]. Im Jahre 1800 wurde Unger zum Professor ernannt. Nach seinem Tode konnte die Witwe trotz all ihrer Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit doch nicht das weitverzweigte Geschäft in dem bisherigen Schwung erhalten. Während der Drangsale der Kriegsjahre verfiel es nach und nach und gelangte 1821 zum grossen Teil in den Besitz von Trowitzsch & Sohn, die den grössten Kalenderverlag haben und mit der umfangreichen Buchdruckerei (9 Schp.) eine bedeutende Schriftgiesserei verbinden.

Gebr. Unger.

Mit der genannten Familie Unger stehen die Gründer der Firma Gebr. Unger in keiner verwandtschaftlichen Beziehung. Otto Ludwig Unger[228] und Jul. Ferd. Unger erwarben 1824 die von F. W. Maas gegründete Buchdruckerei. Der Sohn des Julius, Carl Joh. Friedr. Unger, ward 1856 Hofbuchdrucker. Die an orientalischen Schriften reiche Offizin lieferte viele vorzügliche Werkdrucke.

Die von Chr. S. Spener 1773 erworbene Buchdruckerei ging bei dessen Tod 1813 auf seinen Bruder J. K. Ph. Spener über, der mit derselben 1815 die, 1785 gegründete, vorzügliche Offizin von G. H. Wegner vereinigte. Wie erwähnt, führte er zugleich mit Decker die Schnellpresse in Berlin ein (S. 308). 1826 gingen das Geschäft und die „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ in den Besitz des Bibliothekars Dr. S. H. Spiker über.

G. A. Reimer * 27. Aug. 1776, † 26. April 1842.

G. A. Reimer aus Greifswalde war eine der Zierden des deutschen Buchhandels, ebenso bekannt durch seine patriotische Gesinnung als seine geschäftliche Tüchtigkeit. Im Jahre 1817 legte er eine Buchdruckerei für seinen eigenen Bedarf an. Zu seinem bedeutenden Verlag erwarb er noch die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig und gehörte somit sowohl Berlin als Leipzig C. Reimer † 29. Juli 1859.an. Der Weidmannsche Verlag ging 1830 auf den ältesten Sohn Carl Reimer über, der ihn, zuerst im Verein mit seinem Schwager Salomon Hirzel, dann allein fortsetzte. Im Jahre 1855 verlegte C. Reimer das Geschäft nach Berlin.

E. S. Mittler * 26. Jan. 1785.

E. S. Mittler aus Halle war einer der tüchtigsten und beliebtesten der deutschen Buchhändler. Im Jahre 1816 übernahm er, erst als Leiter, dann als Besitzer, die Buchdruckerei seines Schwiegervaters Wilhelm Dieterici und druckte seinen eigenen meist aus Militaria bestehenden Verlag. Im Jahre 1862 nahm er seinen Enkel Dr. Th. Töche als Teilnehmer auf, der nach Mittlers Tode das Geschäft mit aller Energie fortsetzt.

Die Druckerei der Akademie der Wissenschaften (jetzt unter Leitung von G. Vogt) ist an Umfang nicht bedeutend, jedoch reich an seltenen Schriften, mit welchen die Werke der Akademie gedruckt wurden, darunter Schotts chinesische Grammatik.

Ed. Hänel * 1804, † 16. Aug. 1856.

Auf die Verdienste Ed. Hänels ist bereits oben (S. 281) hingewiesen. Er war in Magdeburg geboren, wo sein Vater C. J. Hänel königl. Hofbuchdrucker war, hatte sich in England tüchtig ausgebildet und ging später nach Paris und Belgien. 1835 druckte er die preussischen Kassenanweisungen, zu welchem Zweck er eine Zweiganstalt in Berlin etablierte. Nachdem das Magdeburger Geschäft durch Feuer verheert worden war, zog er ganz nach Berlin und überliess seinem Bruder Albert das Magdeburger Etablissement. Das Berliner Geschäft, welches er 1852 an Carl David verkauft hatte, kam nach einigen Wandlungen 1864 in die festen Hände Wilh. Gronaus, der es im Hänelschen Geiste fortführt und namentlich der Schriftgiesserei seine Thätigkeit zuwendet.

J. Sittenfeld * 1801.
Carl Schultze * 30. Juli 1821.

Im Jahre 1835 kaufte Jul. Sittenfeld eine kleine Buchdruckerei, die er schnell in die Höhe brachte. Die Offizin war im Hebräischen besonders leistungsfähig; unter anderen druckte er den Talmud in acht Foliobänden. Der jetzige Besitzer (Dr. O. Löwenstein) hat das Geschäft bedeutend erweitert (15 Schp., 200 Arb.). Die Buchdruckerei von C. F. Amelang ging durch Kauf auf Carl Schultze über. Er richtete dieselbe besonders auf den Druck schwieriger wissenschaftlicher, namentlich orientalischer Schriften ein.

Der Zeitungsdruck.

Ein sehr bedeutender Teil der Druckkräfte Berlins wird durch das Zeitungsgeschäft in Anspruch genommen, indessen haben die einzelnen Blätter nicht solchen Umfang und Verbreitung, dass man dort Zeitungsdruckereien wie in England und Amerika aufweisen könnte, selbst Blätter von dem Umfang und dem Einfluss wie die „Kölnische Zeitung“ und die „Neue Freie Presse“ besitzt Berlin nicht. Im allgemeinen lassen Druck, Papier und Korrektheit der Zeitungen viel zu wünschen übrig. Das verbreitetste Blatt war 1880 das „Berliner Tageblatt“ mit 70000 Abnehmern. Diesem kamen am nächsten „Berliner Zeitung“, „Volkszeitung“, „Vossische Zeitung“ mit zwischen 20–30000 Exemplaren; dann folgten „Staatsbürger-Zeitung“, „Berliner Börsenzeitung“, „National-Zeitung“ in 15–20000 Auflage. Von Rotationsmaschinen besitzt Berlin 19. Die Zahl der Journale beträgt etwa 478, darunter 43 amtliche, 66 politische. Der Zeitungsdebit durch die Post bezifferte sich 1880 auf etwa 80 Millionen Nummern.

Zu den bedeutendsten Zeitungsdruckereien gehört die von Lessing („Vossische Zeitung“) mit 2 Rotations-, 4 Doppelmaschinen, nebst 5 Stereotyp-Apparaten; Ed. Krause (15 Schp. „Nationalzeitung“, „Bank- und Handelszeitung“, „Kladderadatsch“, „Wolffs Depeschen“ u. a.); Norddeutsche Buchdruckerei und Verlags-Anstalt (12 Schp. „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, „Reichsanzeiger“ u. a.); R. Mosse (18 Schp. „Berliner Tageblatt“ etc.); Büxenstein (3 Rotm. und 21 Schp. „Börsen-Courier“, „Gerichtszeitung“, „Neue Volkszeitung“); Adam Wilh. Hayns Erben (9 Schp. „Berliner Intelligenzblatt“); die Buchdruckerei der „Berliner Börsenzeitung“ (10 Schp.).

Der Illustrationsdruck war bis jetzt nicht die starke Seite der Berliner Offizinen, doch dürfte bei dem Umstand, dass mehrere der grossen Berliner illustrierten Blätter in Leipzig gedruckt werden, neben dem guten Druck noch andere geschäftliche Verhältnisse mitreden. Die verbreitetsten sind: der von L. Schaefer gegründete „Bazar“, jetzt im Besitz einer Aktiengesellschaft; F. Lipperheides „Modenwelt“; „Das Berliner Modenblatt“, die „Illustrierte Frauenzeitung“. Von den politischen Witzblättern fand der „Kladderadatsch“ eine grosse Verbreitung.

Der Accidenzdruck.

Auch das Accidenzfach war bis vor nicht langer Zeit in Berlin etwas vernachlässigt und ausser Hänels Druckerei hatte keine einen besonderen Ruf auf Grund von Accidenzarbeiten. In jüngster Zeit ist dies vielfach anders geworden. Ein grosses Ansehen geniesst W. Büxenstein (S. 268), dessen neu eingerichtete mit Lithographie verbundene Buchdruckerei vorzügliches im Accidenz- und Illustrationsdruck liefert. In letzterer Richtung erwarb sich W. Möser (13 Schp.) einen sehr guten Namen. Auch Gebr. Grunert lieferten höchst beachtenswertes im Accidenz- und Luxusdruck. Ein eigentümliches Accidenzgeschäft ist das der Gebr. Litfass, welches sich namentlich dem Plakatdruck widmet und das Monopol der Anschlagesäulen besitzt. Während der Kriegszeit 1870 befand sich das „Depeschenhaus“ im andauernden Belagerungszustand, denn von Litfass' Offizin aus gingen die lakonischen aber inhaltsschweren Telegramme „aus dem Hauptquartier“ in das Publikum.

Der Letteverein.

Wollten wir alle grösseren Druckereien Berlins nennen, würden wir Seiten damit füllen, hier sei nur noch erwähnt die Aktiengesellschaft Letteverein, welche unter der Direktion von C. Janke dessen frühere Offizin als Frauendruckerei seit 1875 im Gang erhält; sie beschäftigt 45 weibliche, 20 männliche Arbeiter und 7 Schnellpressen.

Zuletzt ist noch die im Range erste Druckerei Deutschlands zu erwähnen.

Die Preussische Staatsdruckerei und die Reichsdruckerei.

Seit dem 1. April 1879 ist das Reich im Besitz einer Reichsdruckerei, entstanden aus einer Verschmelzung der Deckerschen geheimen Oberhofbuchdruckerei mit der königlich preussischen Staatsdruckerei.

Kgl. Preuss. Staatsdruckerei.

Letztere, verhältnismässig junge Druckanstalt hatte sich einen sehr guten Ruf erworben. Früher wurden die preussischen Banknoten und Kassascheine, wie erwähnt, bei Ed. Hänel und auch in der Deckerschen Offizin ausgeführt. Eine Zentralisation der Regierungsarbeiten wurde jedoch als notwendig erachtet und durch Kabinettsordre vom 30. August 1851 die Königliche Staatsdruckerei für Anfertigung von Wertpapieren ins Leben gerufen. Nach Auflösung des Königlichen Lithographischen Instituts fiel der Staatsdruckerei auch die Herstellung der Generalstabskarten zu.

Reichsdruckerei.

Im Jahre 1877 am 1. Juli wurden die Deckerschen Grundstücke und die Oberhofbuchdruckerei für die Summe von 6780000 Mark vom Reich angekauft. Von dieser Summe kamen auf die letztere 1780000 Mark. 1879 am 1. April beschloss der Reichstag, die Königlich Preussische Staatsdruckerei für die Summe von 3573000 Mark für das Reich zu erwerben und mit der Deckerschen Offizin zu einer Reichsdruckerei zu vereinigen. Die Lokalitäten der Staatsdruckerei in der Oranienstrasse wurden in zweckmässiger, auch äusserlich imponierender Weise umgebaut und beide Druckereien im eigentlichen Sinne des Wortes verschmolzen, denn die ganzen Schriftenvorräte von 333000 Kilo wurden ins Zeug geworfen und umgegossen, weil die Systeme der beiden Offizinen nicht mit einander stimmten, zugleich wohl auch, weil vieles veraltet war. Auch neue Maschinen wurden angeschafft, so dass die Reichsdruckerei augenblicklich mit einem Werte von etwa sieben Millionen Mark angesetzt wird. Ob, wenn einmal das Reich eine eigene Druckerei haben musste, eine solche nicht von neuem viel zweckmässiger und viel billiger hätte hergestellt werden können, ist nunmehr allerdings eine müssige Frage. Jetzt bleibt mehr zu wünschen, als zu hoffen, dass diese Anstalt sich streng auf diejenigen Arbeiten beschränken werde, welche wirklich nur die Bedürfnisse der Reichsregierung befriedigen. Nach manchen Zeichen zu urteilen, beabsichtigt man jedoch, aus der Reichsdruckerei eine Art von Vorbild für die deutsche Typographie zu schaffen, wie es seinerzeit die Wiener Staatsdruckerei für Österreich war, wobei man jedoch vollständig vergisst, dass erstere seit lange mündig geworden. Selbst die Herstellung der schwierigsten orientalischen Werke, diese Ausstellungs-Paradepferde der Staatsanstalten, mit Ausnahme der vortrefflichen St. Petersburger Wertpapierdruckerei, hat sich in den Privatdruckereien Deutschlands in einer Weise ausgebildet, dass es nur als eine Schädigung der ohnehin durch die starke gegenseitige Konkurrenz bedrohten Privatinteressen betrachtet werden müsste, wenn der Staat ihnen Konkurrenz bereiten sollte.

Die Anstalt beschäftigt 700 Personen, besitzt 55 Schnellpressen, 18 Handpressen und über 200 Hülfsmaschinen. In runder Summe werden jährlich 100 Millionen Bogen gedruckt und über 800 Millionen Poststempel und andere Wertzeichen zu einer Gesamtsumme von etwa 123 Millionen Mark, ferner etwa 3½ Millionen Stück Reichsbanknoten, Kassenscheine und andere Papiere, die einen Wert von nahe an einer Milliarde für die Besitzer repräsentieren.

Das Budget von 1881–82 ergab eine Einnahme von 3240000 Mark, eine Ausgabe von 2221980 Mark, doch da hiervon über 700000 Mark Zinsen und Abschreibungen abgehen und die Stellung der Preise bei Mangel an Konkurrenz keine geschäftliche Bedeutung hat, so ist es schwer zu sagen, wie es mit der Rentabilität, wenn mit den Leistungen von Privatdruckereien verglichen, sich verhält.

Die Reichsanstalt ist unter der bisherigen vorzüglichen Leitung der Königlich Preussischen Staatsdruckerei geblieben, die Direktion hat somit Herr Geheimrat Busse, die technische Führung Herr E. Ringer. Die neuesten, künstlerisch wenig befriedigenden Produktionen, die Fünfzig-, Zwanzig- und Fünfmarkscheine, sind auf Papier gedruckt, in dessen Masse, nach dem in Amerika angewendeten Verfahren, farbige Fasern strichweise hineingearbeitet sind. Das Papier wurde unter Aufsicht von Beamten der Reichsdruckerei von Gebr. Ebart in Spechthausen bei Eberswalde angefertigt. Über die Untrüglichkeit des Systems wird gestritten.

Lithographie.

Berlin ist der Hauptsitz für den lithographischen Farbendruck geworden in seinen verschiedenen Zweigen, welche sowohl der Herstellung von Öldruckbildern als der Zeitschriften- und Bücher-Illustrationen, sowie den vielen Bedürfnissen des Papeteriegeschäfts dienen. Die eigentliche Bedeutung erhielt der lithographische Farbendruck durch die Bemühungen Schinkels und Beuths, unterstützt durch das Wohlwollen, welches der nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. schon als Kronprinz dem neuen Kunstzweig entgegentrug. Den Wert desselben bezeugte in glänzender Weise das grosse Werk Prof. Zahns über pompejanische Altertümer.

Kunstanstalten.

Guten Ruf erlangte die Anstalt J. Winckelmanns, der zuerst 1816 in Verbindung mit Heinr. Arnz das bekannte Institut Arnz & Co. in Düsseldorf begründet hatte. Die Leitung desselben lag eine zeitlang in den Händen von J. Storch, der später sich mit C. Kramer verband und tüchtiges im Landschaftsfache lieferte. Ganz vortrefflich sind Storch & Kramers für die Arundel-Society in London ausgeführte Reproduktionen der Freskogemälde altitalienischer Maler (S. 103). Als Meister im architektonischen und landschaftlichen Aquarelldruck zeichneten sich Loeillot Und R. Steinbock aus, bekannt sind unter anderen Hildebrandts „Reise um die Welt“ und Köhlers polychrome Meisterwerke. Mit dem eigentlichen Ölbilderdruck beschäftigten sich mit mehr oder weniger Glück eine nicht kleine Anzahl von Firmen und es bleibt nur zu bedauern, dass neben dem Guten so vieles Geschmacklose, zumteil elendes Machwerk hervorgebracht wurde, welches eine Kunst für den Augenblick in Misskredit gebracht hat, die ein besseres Schicksal verdient hatte, und nun neue Wege suchen muss, um sich die verscherzte Gunst wieder zu erwerben. Unter den Firmen, die ausser den erwähnten tüchtiges leisteten, sind zu nennen Carl Gerold, Otto Troitzsch, Böhme & Fränkel.

Einen bedeutenden Einfluss auf die Verwendung des Farbendruckes übten die Gropiussche Buchhandlung (später Ernst & Korn) durch ihre grossartigen architektonischen Unternehmungen, Rud. Wagner durch die erwähnte Hildebrandts „Reise um die Welt“ und ähnliche Aquarell-Albums, Alex. Duncker durch eine Reihe von Prachtwerken aus.

In neuerer Zeit hat die Verwendung der Chromolithographie zu gewerblichen Zwecken eine enorme Ausdehnung gewonnen. Die Anführung einiger der bedeutendsten Firmen wird einen Begriff von dem Umfang solcher Etablissements geben.

W. Hagelberg beschäftigt 38 Schnellpressen, 29 Handpressen, 94 Hülfsmaschinen und 700 Arbeiter; Carl Hellriegel 9 Schnellpressen, 42 Handpressen, 450 Arbeiter; Schäfer & Scheibe, deren hauptsächlichste Produktion in Neujahrs- und Gratulationskarten besteht, 9 Schnellpressen, 50 Handpressen, 350 Arbeiter; A. Kaufmann & Co. 23 Schnellpressen, 16 Handpressen und 250 Arbeiter. Umfangreich sind ferner Albrecht & Meister, die Berliner Luxus-Papierfabrik, Kutzner & Berger und noch manche andere. Man findet hierin die Bestätigung, wie sehr in dem Druckgewerbe der Zeitungs- und der Accidenzdruck dem eigentlichen Bücherdruck über den Kopf wächst.

Als Verleger von Karten und Globen wurden namentlich Dietrich Reimer, E. Schotte & Co. und das Berliner Lithographische Institut massgebend.

Als Herausgeber von Werken unter Zuhülfenahme des Lichtdruckes entwickelte E. Wassmuth eine enorme Thätigkeit, auch Paul Bette war in dieser Richtung sehr rührig. Die Photographische Gesellschaft besitzt einen ausserordentlich grossen Fond von photographischen Blättern, auch G. Schauer lieferte viele Blätter und Albums. Den eigentlichen Kunstverlag pflegten E. H. Schröder (R. Schuster), Sachse & Co., Amsler & Ruthardt, Goupil & Co. (Filiale von Paris). Unter den Verlegern, die einen besonderen Einfluss auf das Druckgewerbe übten, sind noch zu nennen: G. Grote, Duncker & Humblot, Veit & Co. (beide jetzt in Leipzig), Jul. Springer, Gebr. Paetel, P. Parey, Dümmlers Verlag, A. Hirschwald, G. Langenscheidt (selbst Buchdrucker), A. Asher & Co., Wiegandt & Grieben.


Breslau.

In der drittgrössten Stadt des Deutschen Reiches Breslau[229] hat die Druckerei im Verhältnis zur Grösse der Stadt keine Rolle gespielt, so wenig wie in den anderen grossen Städten des Nordens Königsberg, Danzig, Hamburg, Magdeburg und Köln.

Grass, Barth & Co.

Im Jahre 1748 übernahm Carl Wilh. Grass die Stadtbuchdruckerei in Breslau von den Baumannschen Erben (I, S. 145), dem sein Bruder Friedr. Sigm. Grass folgte. Nach dessen Tode erwarb Joh. Aug. Barth das Geschäft und vermehrte es durch die Druckerei der katholischen Landes-Universität. Ein schönes Denkmal der Leistungsfähigkeit der Offizin ist das 1818 erschienene Pacis annis 1814 et 1815 foederatis armis restitutae monumentum in Gross-Folio, welches Jubelgedichte in 42 grösstenteils fremdländischen europäischen und orientalischen Sprachen enthält. Die Firma wurde Grass, Barth & Co., sie verbindet jetzt Typographie mit Lithographie und arbeitet mit 14 Schnellpressen.

W. G. Korn.

Einen grossen Umfang erreichte die Verlagshandlung und Buchdruckerei von W. G. Korn, welche am 13. Januar 1882 ihr 150jähriges Jubiläum beging. Joh. Jos. Korn eröffnete an diesem Tage 1732 sein Geschäft und erhielt 1741 Privilegium zur Herausgabe der „Schlesischen Zeitung“. Sein Sohn Joh. Gottlieb Korn trat 1828 die Buchhandlung, 1836 die „Schlesische Zeitung“ an seine beiden Söhne ab. Im Jahre 1851 übernahm Heinr. Korn das Etablissement. Anlässlich des Jubiläums errichtete er, abgesehen von manchen anderen Schenkungen, für seine Mitarbeiter eine Stiftung mit einem Kapital von 100000 Mark und wurde in den Adelsstand erhoben. Das Geschäft arbeitet mit 15 grossen Maschinen und etwa 150 Arbeitern, besitzt auch bedeutende Papierfabriken.

S. Schottländer hat einen reichhaltigen Verlag und arbeitet mit 15 Schnellpressen. Von grossen Verlagshandlungen sind noch zu nennen Max & Co., Ferd. Hirt und E. Trewendt.

C. Flemming * 10. Mai 1806, † 1. Nov. 1878.

Einen bedeutenden Umfang erreichte das Geschäft von Carl Flemming in Glogau, welches sich namentlich der Produktion von Landkarten widmet und damit 11 typographische und lithographische Schnellpressen beschäftigt.

Posen.

In Posen wurde, wie erwähnt, von G. J. Decker ein Etablissement errichtet, das jetzt als W. Decker & Co. typographisch und lithographisch mit 7 Schnellpressen arbeitet. Frankfurt a. O., die erste Stadt Preussens, in welcher die Druckerei eingeführt wurde, hat so wenig wie andere Städte des östlichen Preussens eine besondere Stellung in der Typographie erworben. Die bedeutendste Druckanstalt dort ist Trowitzsch & Sohn (gegr. 1779) mit 6 Schnellpressen.