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Kreuz und Quer, Dritter Band / Neue gesammelte Erzählungen cover

Kreuz und Quer, Dritter Band / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 27: Ein prize-fight oder Boxerkampf in Cincinnati.
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About This Book

A third volume gathers short narratives that depict frontier and wartime environments, focusing on life in small towns and the surrounding wilderness where local routines collide with armed bands and partisan tensions. Episodes show gatherings, improvised commerce, drinking, rumor-driven decisions, and confrontations that test loyalty and self-preservation. Other stories shift among distant regions to present a compact variety of encounters, including violent contests, meetings with local authorities, and travel episodes. The collection emphasizes brisk storytelling, vivid local detail, and the practical consequences of adventure and conflict for ordinary people.

Wie heiß aber die Sonne brannte – Bockenheim briet ordentlich in ihren Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im Schatten fahren.

Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.

Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar, Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung hinabzutreiben.

Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen, unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.

Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.

Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden, und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach, Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen, wo sie deren reichlich fänden.

Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da keine geben sollte, denn die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.

Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten Biegung des Stromes.

Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme. Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte derselbe den weichen Schlamm.

Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen; er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert, hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse. Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.

In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.

Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler, ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.

Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht – sie mußten ihnen ein tüchtiges Stück vorausgekommen sein – aber was schadete das? Vor morgen früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland gab es von da ab genug, und er war unter jeder Bedingung in Sicherheit.

Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er ihn da finden? Und wenn er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?

Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom hinaus und vom Lande ab.

»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«

Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.

»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die Strömung schießen ließ – »vortrefflich!«

»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn seine Bahn war frei.

»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den Früchten ist ja noch auf dem Lande!«

»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert, daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters gespürt habt?«

»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte, »Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend, griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.

»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen, der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen zusammenbrach.

Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus, die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf, und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück.

Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen.

Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten – aber er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes – den Verbrecher hatte seine Strafe ereilt – sie selber trug keine Schuld, und rasch und geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck nicht hätte finden können.

Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht seiner ansichtig würde.

Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte:

»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo keine zu bekommen ist.«

»Aber mein Mann – mein Mann!« stöhnte die Arme.

»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er mir abgenommen, als er mich meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten – die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«

»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus mir?«

»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich heute, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan. Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach Colon gebracht haben – die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«

»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte die Frau entsetzt.

»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur einen Hülferuf auszustoßen, dann sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«

Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen, die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht. Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder fördern konnte, den Strom hinab.

Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit ihnen zusammenzutreffen.

Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin sie sich gewandt.

Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht, an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse, welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren werde.

»Caramba, Señor, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr machen.«

Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das Gewicht der beiden kleinen Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.

Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.

Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei augenblicklich auf den Füßen – aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.

Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!

Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr. Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.

Ein prize-fight oder Boxerkampf
in Cincinnati.

Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte, daß er die science of the art auf das Gründlichste verstehe, gab schon vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei dichtgedrängtem Hause stattfand.

Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring à 7 Dollars), die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte, wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag (Hamilton county) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich, nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von jedem Theilnehmer gekannt waren.

Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die Augen aufhalten konnten.

Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs Uhr erreichten wir den Platz – ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.

Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein. Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes« zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden, versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte unterwegs nachließen – Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten, sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr zu verheimlichenden Rückweg begann.

Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen, was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen wollten sie – Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden könne, gaben sie endlich nach.

Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.

Dicht – so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer, und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen freien Platz um den Ring zu bekommen.

Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago, glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das »Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (the fight) unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil nehmen.

Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder – glücklicherweise ohne ernstlichen Unfall.

Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb beim Alten.

Endlich – es war fast elf Uhr geworden – gerieth die Menge in Bewegung. »Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones, eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne Handschuhe zu tragen.

Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »ring« und nahm, da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. – Auch seine beiden Sekundanten, allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend, kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. – Es war ein rührendes Bild.

Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde lächelnd begrüßte.

Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden Sieger des heutigen Tages bleiben würde – Jones oder McCoole.

Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.

Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten, vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes vielleicht zu berechnen.

Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen, an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.

Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen – was genau so aussah, als ob er dem Preisboxer die Hand küßte – aufgefordert, daran zu lecken. Er that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu gefährden.

Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern.

Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen Augenblick gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, während die Sekundanten jetzt auch ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, so daß die Sechs zusammen für wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber löste sich sehr bald wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, dem heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf.

Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurückgetreten, jetzt schritt McCoole langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und rascher folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, daß er ihn zuerst zu Boden schlagen würde.

McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein Geld mehr habe, einer der Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt.

Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt wurden sie, wie bissige Köter, gegeneinander losgelassen.

McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, während Jones dagegen augenscheinlich bemüht war, den ersten Schlag anzubringen. Den führte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt zurückweichend, bis Jones eine Blöße McCoole's zu benützen suchte. Aber er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert, Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.

Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem völlig ungeschädigten McCoole, der es sich ruhig gefallen ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge besonders aufmerksam, und während das der Eine that, schob der Andere seinem Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht etwas Stärkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gängen oder rounds dürfen den hierbei gültigen Gesetzen nach nur genau 30 Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand fortwährend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kämpfern nach 30 Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklärt – und wie rasch vergehen 30 Sekunden!

Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Füßen und McCoole gegenüber, aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem gefährlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten, daß er sich wieder rasch zu Boden warf.

Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf McCoole gewettet hatten, erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau so behandelt als vorher – wieder standen sie sich 30 Sekunden später kampffertig gegenüber. Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben müsse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht verloren und nur noch eine Hoffnung – nämlich die, durch ein paar kunstgerechte Schläge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als sein Gegner war und deßhalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei Rippen knickte, und nun war es vorüber. Noch viele Gänge hatten sie, und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden und weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt selber leicht zu seinem Stuhl zurück.

Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen den Körper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar Gängen mußte er sich zu Boden werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheußlicher Anblick, wenn der überdieß nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen wollte: Siehst Du wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand zurück, denn kein Schlag darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden liegt.

Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange mehr aushalten könne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren. Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts – es ließ sich das in der Schnelligkeit nicht so genau bestimmen – schmetterte Jones mit solcher Gewalt zu Boden, daß ihm der Kopf auf die Seite sank.

Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht im Stande, sich in der kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte auch vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere Lust dazu. Dreißig – fünfunddreißig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll der Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den Sieger zu begrüßen – oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner zugerichtet habe.

Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen – man sprach sogar von sehr bedeutenden, die gewettet worden – verloren hatten. So soll ein Mann allein über 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden Wagen des Extrazugs zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben in den Bäumen saßen und nicht so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung.

Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein gekommene Jones in einen Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten wieder hielten, überholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem Kopf saß, und reichte ihm dort hinein die Hand.

Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß Jones selber eine ziemlich große Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und daß man unterwegs für ihn sammeln würde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein nach völlig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern, hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders glänzender gewesen zu sein, – wer auf Jones gewettet und verloren hatte, fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hülfsbedürftigen Arbeiter.

So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, der auch in der That einiges politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon die Sympathieen der Amerikaner für den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht schon daraus hervor, daß der Kampf etwa 16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam und um zwölf Uhr – ja noch einige Minuten früher – schon die Zeitungen ausgegeben und von Jungen durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen ein zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den Kampf gedruckt stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden zugänglich zu machen.

Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt etwas Neues und in den Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges mit solchem Pomp und Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie keine Freude an einer solchen Bestialität finden, denn nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin auch ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen Cent auf solche Menschenschinderei gewettet hat.

Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.

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mit folgenden Ausnahmen,

Seite 6:
"Missisippi" geändert in "Mississippi"
(vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)

Seite 13:
"," eingefügt
(rief der Major, »Sie reden gerade)

Seite 22:
"." eingefügt
(seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)

Seite 26:
"enfernteste" geändert in "entfernteste"
(auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)

Seite 34:
"Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave"
(Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit)

Seite 40:
"zn" geändert in "zu"
(von den Frauen selbst verhöhnt zu werden)

Seite 40:
"," eingefügt
(rief der alte Mann,)

Seite 47:
"bisjetzt" geändert in "bis jetzt"
(die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)

Seite 50:
"Bushwacker" geändert in "Bushwhacker"
(bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)

Seite 57:
"peischte" geändert in "peitschte"
(Während man sie dann peitschte)

Seite 60:
"," eingefügt
(gegen Little Rock marschirt, um sich dort)

Seite 113:
"." geändert in "?"
(oder wer ist sonst noch bei Dir?)

Seite 122:
"könnne" geändert in "können"
(und dort nach Belieben wirthschaften können)

Seite 126:
"erkärten" geändert in "erklärten"
(von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker)

Seite 132:
"Boyle's" geändert in "Boyles'"
(kehrten sie nach Boyles' Farm zurück)

Seite 133:
"," eingefügt
(»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«)

Seite 133:
"," hinter "man" entfernt
(Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)

Seite 138:
"." geändert in "?"
(Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?)

Seite 168:
"ententgangen" geändert in "entgangen"
(ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)

Seite 186:
"," eingefügt
(Er sah, wie sein Opfer noch einmal)

Seite 192:
"." eingefügt
(und hielt mit seiner Arbeit inne.)

Seite 196:
"," eingefügt
(die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und)

Seite 223:
"." eingefügt
(und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)

Seite 265:
"einen" geändert in "einem"
(dann zog die Mannschaft mit einem)

Seite 273:
"," eingefügt
(und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König)

Seite 280:
"Sie" geändert in "sie"
(lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den)

Seite 305:
"," hinter "gerathen" entfernt
(Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)

Seite 314:
"." eingefügt
(Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.)

Seite 329:
"mi" geändert in "mit"
(und die Luft mit ihrem Arom erfüllten)

Seite 344:
"Biättern" geändert in "Blättern"
(mit Palmfasern oder Blättern gedeckt)

Seite 353:
"," eingefügt
(»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)