Title: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika
Author: Theodor Gotthilf von Leutwein
Release date: March 18, 2019 [eBook #59088]
Language: German
Credits: Produced by Peter Becker and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Elf Jahre Gouverneur
in Deutsch-Südwestafrika
von Theodor Leutwein
Generalmajor u. Gouverneur a. D.
Berlin,
E. S. Mittler & Sohn.
Theodor Leutwein
Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika
Von
Theodor Leutwein
Generalmajor und Gouverneur a. D.
Mit 176 Abbildungen und 20 Skizzen
Berlin 1906
Ernst Siegfried Mittler und Sohn
Königliche Hofbuchhandlung
Kochstraße 68–71
Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901
sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.
Gehe hinaus in die Welt, mein Buch, du Ergebnis vieler Arbeitsstunden, aber auch die Freude meiner Mußezeit. Du sollst meinen Mitbürgern einen Einblick in elf Jahre deutscher Kolonialpolitik geben, vielfach von Erfolgen gekrönt, aber auch von Rückschlägen begleitet sowie mit Fehlern und Irrtümern durchsetzt. Mögen wir aus beidem lernen, in erster Linie, daß, unbeschadet der höheren Stellung der kolonisierenden Rasse, das Ziel einer großzügigen Kolonialpolitik die Angliederung der in erworbenen Ländern vorgefundenen Urbevölkerung sein muß und nicht deren gewaltsame Unterdrückung oder gar Vernichtung. Diese Lehre wird umsomehr einleuchten, wenn dir der Nachweis gelingt, daß eine solche Politik nicht bloß im Sinne der Humanität und des Christentums gelegen ist, sondern vor allem im eigensten Interesse der kolonisierenden Macht. Denn eine andere Kolonialpolitik lohnt die zu bringenden Opfer nicht. Sie wird daher für das Mutterland stets zu dem werden, was man ein »schlechtes Geschäft« nennt und infolgedessen besser ganz unterlassen. Denn, um ein schlechtes Geschäft zu machen, geht der Staat sowenig wie der einzelne in die Kolonien.
Freiburg in Baden, im August 1906.
Der Verfasser.
| Kapitel I. | |
| Aus der Vergangenheit des Schutzgebietes | Seite |
| Einwanderung der Orlams | 1 |
| Eindringen der Bantus und deren Kämpfe mit den Hottentotten | 3 |
| Die ethnographischen Verhältnisse des Schutzgebietes 1892 | 9 |
| Kapitel II. | |
| Aufrichtung der deutschen Schutzherrschaft. | |
| Die Zeit der nominellen Schutzherrschaft | 13 |
| Unser erster Zusammenstoß mit Witbooi | 15 |
| Tatsächliche Aufrichtung der Schutzherrschaft im Namalande | 21 |
| Der letzte Entscheidungskampf mit Witbooi | 31 |
| Die Aufrichtung der tatsächlichen Schutzherrschaft im Hererolande | 59 |
| Abermals ins Namaland | 65 |
| Befestigung und Ausdehnung der deutschen Schutzherrschaft im Hererolande | 72 |
| Zuspitzung der Grenzverhältnisse bei den Hereros bis zum Aufstand 1896 | 92 |
| Kapitel III. | |
| Der Aufstand 1896 | 97 |
| Kapitel IV. | |
| Viehseuchen. — Eisenbahn. — Mole. | |
| Rinderpest | 126 |
| Texasfieber | 131 |
| Pferdesterbe | 132 |
| Eisenbahn, Telegraph und Mole | 132 |
| Kapitel V. | |
| Von 1897–1901. | |
| Der Afrikaneraufstand 1897 | 141 |
| Der Aufstand der Swartbooi-Hottentotten 1897/98 | 143 |
| Die Expedition in das Namaland 1898 | 152 |
| Ostexpedition 1899 | 156 |
| Nordexpedition 1900 | 160 |
| Aufstand der Bastards von Grootfontein 1901 | 166 |
| Kapitel VI. | |
| Unsere Beziehungen zu den Ovambos. | |
| Ethnographisches | 170 |
| Geschichtliches | 172 |
| Politisches | 186 |
| Wirtschaftliches | 198 |
| Kapitel VII. | |
| Die militärische und bürgerliche Organisation des Schutzgebietes. | |
| Die Schutztruppe | 209 |
| Die allgemeine Wehrpflicht | 215 |
| Militärisch ausgebildete Eingeborene | 216 |
| Die Stellung des Gouverneurs | 219 |
| Bezirks- und Distriktsverwaltungen. — Gerichtswesen | 224 |
| Teilnahme der Bevölkerung an der Verwaltung | 227 |
| Kirche und Schule | 230 |
| Statistik der weißen Bevölkerung | 232 |
| Post und Telegraphie | 235 |
| Kapitel VIII. | |
| Die Eingeborenen. | |
| Schutzverträge | 237 |
| Rechtspflege | 243 |
| Kreditverordnung | 246 |
| Waffen und Munition | 249 |
| Der Alkohol | 254 |
| Verliehene Land- und Minenrechte | 257 |
| Die Reservatsfrage | 266 |
| Die Mission | 278 |
| Kapitel IX. | |
| Die Häuptlinge des Schutzgebietes. | |
| Im allgemeinen | 297 |
| Hendrik Witbooi | 298 |
| Oberhäuptling Samuel Maharero | 306 |
| Häuptling Manasse von Omaruru | 310 |
| Kapitän Wilhelm Christian von Warmbad und sein Nachfolger | 314 |
| Die übrigen Kapitäne des Namalandes | 316 |
| Morenga und Morris | 319 |
| Die wichtigsten Unterhäuptlinge der Hereros (Kambazembi, Tjetjo und Zacharias) | 322 |
| Die Stellung der Häuptlinge zu ihren Stammesgenossen | 326 |
| Kapitel X. | |
| Wirtschaftliches. | |
| Meteorologische Verhältnisse, Acker-, Gartenbau, Forstkultur | 328 |
| Klima und Gesundheitsverhältnisse | 344 |
| Die Viehzucht und deren Feinde | 348 |
| Handel und Verkehr | 369 |
| Der Bergbau | 374 |
| Über den gegenwärtigen Stand des Bergbaues in Deutsch-Südwestafrika. Von G. Duft, Kaiserlicher Bergrat | 375 |
| Kapitel XI. | |
| Die wirtschaftliche Erschließung des Schutzgebietes. | |
| Die Konzessionsgesellschaften | 391 |
| Die Besiedlungstätigkeit der Regierung | 405 |
| Der Ansiedlungsplan der Zukunft | 411 |
| Bureneinwanderung | 413 |
| Die landwirtschaftlichen Ausstellungen 1899 und 1902 in Windhuk | 417 |
| Die Entschädigungsfrage | 424 |
| Kapitel XII. | |
| Die Jahre 1903/04. | |
| Die Stellung der Eingeborenen zur weißen Bevölkerung | 428 |
| Die bisherigen Eingeborenenaufstände | 432 |
| Die Wehrkraft des Schutzgebietes vor dem Bondelzwartsaufstande | 434 |
| Der Bondelzwartsaufstand 1903 | 439 |
| Das Namaland nach dem Bondelzwartsaufstande | 451 |
| Der Abfall Witboois | 454 |
| Kapitel XIII. | |
| Der Hereroaufstand 1904. | |
| Allgemeines | 465 |
| Der Hereroaufstand bis zum Eintreffen der ersten Verstärkung | 466 |
| Ereignisse in Omaruru | 470 |
| Otjimbingwe | 471 |
| Okahandja | 472 |
| Windhuk | 477 |
| Gobabis | 479 |
| Outjo | 480 |
| Grootfontein | 481 |
| Die Kompagnie Franke | 484 |
| Das Landungskorps S. M. S. »Habicht« | 492 |
| Die Westabteilung | 499 |
| Die Ostabteilung | 501 |
| Die Hauptabteilung | 508 |
| Der Kommandowechsel | 522 |
| Kapitel XIV. | |
| Kriegführung in Deutsch-Südwestafrika. | |
| Der kriegerische Wert der Eingeborenen | 526 |
| Die Besonderheiten der Kriegführung in Afrika | 532 |
| Eine Kolonialarmee | 537 |
| Kapitel XV. | |
| Ein Ausblick in die Zukunft | 541 |
| Reisen Anfang 1894 | 25 | |||
| Übersichtsskizze zu den Gefechten in der Naukluft | 47 | |||
| Nordreise des Gouverneurs 1895 | 81 | |||
| Gefechtsfeld von Gobabis | 101 | |||
| Plan zum Gefecht bei Otjunda-Sturmfeld am 6. Mai 1896 | 109 | |||
| Reise des Gouverneurs August bis November 1896 | 121 | |||
| Vormarsch zum Gefecht von Grootberg im Februar 1898 | 149 | |||
| Nordexpedition des Gouverneurs 1900 | 161 | |||
| Reise des Oberleutnants Volkmann von Mai bis Juli 1902 | 179 | |||
| Ethnographische Karte des Ovambolandes | 193 | |||
| Der sog. Caprivi-Zipfel | 207 | |||
| Missionskarte | 283 | |||
| Zum Bondelzwartsaufstand 1903 | 449 | |||
| Gefechtsfeld von Omaruru | 487 | |||
| Beiderseitige Stellung am Morgen des 9. April 1904 | 513 | |||
| Gefecht bei Onganjira am 9. April 1905 | 514 | |||
| Gefecht bei Oviumbo am 13. April 1904 | 517 | |||
| Stellung zur Zeit der Kommando-Übergabe. Mitte Juni 1904 | 519 | |||
| Landbesitz und Minengerechtsame | Zwischen | 266 | u. | 267 |
| Zum Hereroaufstand 1904 | " | 464 | " | 465 |
Die Ureinwohner des Schutzgebietes waren anscheinend die in zahlreichen Resten jetzt noch vorhandenen Bergdamaras und Buschmänner. Zu ihnen stießen in einer Zeit, über die uns nichts bekannt ist, die alteingesessenen Hottentottenstämme der Bondelzwarts, mit dem Hauptsitze in Warmbad, und der roten Nation, mit dem Hauptsitze in Hoachanas. Der letzteren hatten sich noch die Stämme der Feldschuhträger, der Franzmann-Hottentotten und der Swartboois angegliedert, sie übte aber auch eine stillschweigend anerkannte Oberherrschaft über den Bondelzwartsstamm aus. Ganz abseits standen die Topnaars am unteren Swakop, die sich schließlich vor den ewigen Kriegsunruhen in die Dünen des unteren Kuiseb flüchteten und dort heute noch unter englischer Herrschaft (Walfischbai) leben. Ein Teil dieses Stammes hatte sich jedoch schon vorher abgezweigt und war die Küste entlang in das Kaokofeld gezogen, zur Zeit mit dem Hauptsitz in Zesfontein. Dahin zog auch später, um dies vorauszuschicken, gleichfalls wegen der ewigen Kriegsunruhen, der Stamm der Swartboois aus Rehoboth und nahm seinen Hauptsitz in Franzfontein. Der größte Teil dieses Stammes empörte sich in der Folge (1897) gegen die deutsche Herrschaft und befindet sich zur Zeit als kriegsgefangen in Windhuk. Mit dem Eindringen der Hottentotten verschwanden die Urbewohner, die Bergdamaras und die Buschmänner. Entweder zogen sie sich in schwer erreichbares Gelände zurück, oder sie traten in die Dienste der Eindringlinge. Den gleichen Prozeß sehen wir in der Folge sich auch im Hererolande abspielen.
Zu diesen alteingesessenen Hottentottenstämmen kommen später,[2] vor der eindringenden weißen Rasse zurückweichend, Auswanderer aus der Kapkolonie, die sogenannten Orlams. Es waren dies die Witboois, die Khauas-, die Bethanier- und die Bersaba-Hottentotten, letztere ethnographisch gleichfalls zu den Khauas gehörend. Auch diese neuen Eindringlinge erkannten zunächst die Oberherrschaft der roten Nation an und ließen sich von ihr Wohnsitze anweisen. Nach mehr oder weniger langem, zuweilen durch kriegerische Zusammenstöße mit den alten Stämmen unterbrochenem Umherschweifen finden wir schließlich die Witboois in Gibeon, die Khauas in Gobabis, die Bethanier und die Bersabaer, wie deren Namen besagt, in Bethanien bzw. Bersaba. Diese biblischen Namen hat die Mission den Hauptorten der betreffenden Stämme gegeben, die dann auch nach jenen benannt wurden. Die letzte größere Orlameinwanderung, von der wir Nachricht haben, ist der Übertritt des Stammes der Afrikaner unter dem Häuptling Jager Afrikaner, die sich zunächst in der Südwestecke des heutigen Schutzgebietes niedergelassen haben. Später sollten sie, wie wir noch sehen werden, die rote Nation in der Oberherrschaft über die Hottentotten ablösen.
Im allgemeinen lebten die eingewanderten Hottentottenstämme mit den alteingesessenen in Frieden, bis ihn die Einwanderung einer ganz neuen Rasse dauernd störte. Es waren dies die der Banturasse zugehörigen Hereros.[3] Sie kamen, auf der Suche nach immer neuen Weidegründen, aus dem inneren Afrika über den Kunene nach dem Kaokofeld und drangen allmählich längs der Küste und Swakop aufwärts bis in die Gegend von Okahandja vor. Dieses, dem Hererovolk bis in die neueste Zeit anhaftende Bestreben, die Weideplätze für seine gewaltigen Rinderherden immer weiter auszudehnen, mußte stets zu Konflikten mit den Nachbarn führen. So auch jetzt mit den Hottentotten. Ihr Oberhaupt, der Häuptling Oasib von der roten Nation, fühlte sich allein zu schwach zum Widerstande und rief den damals kriegerischsten der eingewanderten Orlamstämme, den Afrikanerstamm, zu Hilfe. Dieser kam unter dem Sohne des mittlerweile gestorbenen Jager, dem als Staatsmann wie als Krieger gleich hervorragenden Jonker Afrikaner und warf die damals noch keineswegs geeinigten Hereros nieder. Sie wurden die Viehwächter und Sklaven der Hottentotten.
Aber nun ging es dem Häuptling der roten Nation wie dem bekannten Zauberlehrling: »Die ich rief, die Geister, werd' ich nicht mehr los.« Jonker Afrikaner riß jetzt selbst die Oberherrschaft über die Hottentotten an sich, was natürlich nicht ohne Bürgerkriege abgehen konnte. Während sich infolgedessen die Hottentotten selbst zerfleischten, erstarkten die unterworfenen Hereros wieder. Nach dem Tode des gefürchteten Jonker Afrikaner, 1861 in Windhuk, erhoben sich die Hereros unter Kamaharero, dem Vater des jetzigen Oberhäuptlings Samuel Maharero, und brachten den Hottentotten 1863 bei Otjimbingwe eine völlige Niederlage bei. Der seinem Vater anscheinend wenig ähnliche Sohn und Nachfolger Jonkers, Christian Afrikaner, verlor dort mit der Schlacht auch sein Leben. Ihm folgte sein Bruder Jan Afrikaner, welchem es vorläufig noch gelang, eine gewisse Oberherrschaft über die Hottentottenstämme zu behaupten und diese zum weiteren Kampf gegen die Hereros einig zu halten. In letzterem hatte indessen Jan mehr Niederlagen als Siege zu verzeichnen, darunter am 5. November 1864 westlich Okahandja eine Niederlage bis fast zur Vernichtung.
Endlich gelang es 1870 den Bemühungen der Missionare, dem nahezu zehnjährigen Kriege durch Friedensschluß in Okahandja, in dem Jan Afrikaner Windhuk zugesprochen erhielt, ein Ende zu bereiten.
In diese Friedenszeit fällt dann der Versuch der Kapregierung, mittels Eingehens von Schutzverträgen sich selbst in den Besitz unseres heutigen Schutzgebietes zu setzen. Die Sache war auch bereits dem Abschlusse nahe, als 1880, genau zehn Jahre nach dem Friedensschluß von Okahandja, die Kriegsfackel zwischen den beiden Rassen von neuem aufflammte. Die Ursache war ein auf einem Mißverständnis beruhender Streit zwischen Angehörigen der beiden Nationen, bei dem eine Anzahl Hereros niedergemacht worden war. Dies veranlaßte den damaligen Oberhäuptling Kamaharero zu dem Befehl, sämtliche unter den Hereros wohnenden Hottentotten zu ermorden. Nun war der Krieg fertig, und der noch im Lande befindliche Unterhändler der Kapregierung, Palgrave, mußte zur Rettung seines Lebens eiligst nach der Küste flüchten.
Bei Otjikango (Groß-Barmen) kam es Ende 1880 zu einem zweitägigen Gefecht, in dem die unter der Führung Jan Jonkers geeinigten Hottentotten wiederum eine entscheidende Niederlage erlitten. Von diesem Schlage hat sich Jan nicht wieder erholt. Es ging nunmehr die nominelle Oberherrschaft über die Hottentotten von den Afrikanern an die Witboois über, zunächst an Moses Witbooi, den Vater des späteren Kapitäns Hendrik Witbooi. Aber auch er war zunächst nicht glücklicher als Jan und erlitt mehrere Niederlagen, darunter am 21. November 1881 die entscheidende Niederlage bei Osona. Nach echter Hottentottenweise hatte Moses Witbooi vorher seine Kriegserklärung an den Oberhäuptling der Hereros in den hochtönendsten Phrasen losgelassen. Eine Abschrift des betreffenden Briefes hatte ich Gelegenheit einzusehen und folgende Stelle im Gedächtnis behalten:
»Ich werde nicht ruhen, bis meine Pferde Dein Wasser in Okahandja getrunken haben. Mach klar, mach klar! Aber die Überwindung ist auf meiner Seite. Du bist ein Tiger, ein Bluthund, ein schlechter Mensch.«
Unter diesem Briefe stand: »Ich bin Dein Freund und Bruder.« Wahrscheinlich hatte der Kapitän gehört, daß die europäischen Fürsten sich in dieser Weise zu unterzeichnen pflegen, und nur übersehen, daß sie die Grobheiten weglassen.
Nach der Niederlage von Osona waren die Hottentotten in die Defensive gedrängt, während die Hereros zum angreifenden Teil wurden. Doch trat jetzt bei den ersteren wieder ein neuer Mann auf, der anscheinend beabsichtigte, ihren alten Kriegsruhm aus der Zeit Jonker Afrikaners in frischem Glanze erstrahlen zu lassen. Es war dies der Sohn Moses Witboois, der Kapitän Hendrik Witbooi. Er hatte sich mit seinem Vater wegen eines von diesem unternommenen Raubzuges gegen die Bastards von Rehoboth überworfen, trennte sich mit seinen Anhängern von dem Stamme und unternahm selbständige Kriegszüge gegen die Hereros. Indessen hatte auch er zunächst wenig Glück. Nach einem unentschiedenen kleinen Gefecht in der Nähe von Kranzneus bei Rehoboth kam es 1884 zu einem großen Gefecht bei Osona, südlich Okahandja, 1886 zu einem zweiten bei Okahandja, die beide mit einer Niederlage Hendriks endeten. Immerhin war in allen drei Fällen, trotz Minderzahl und Niederlagen, Hendrik Witbooi der Angreifende gewesen. Doch war nun auch seine Kraft gebrochen. Der Kapitän verlegte sich von jetzt ab lediglich auf die bei den Hottentotten so beliebten Viehräubereien, in denen er sich als ein vollendeter Meister erwies.
Ein Wendepunkt für Hendrik trat mit dem im Jahre 1887 erfolgten Tode seines Vaters Moses ein, der im Alter von 86 Jahren ermordet wurde. Hierdurch kam Hendrik in den Besitz der Herrschaft über ganz Gibeon, während er bis jetzt nur mit etwa der Hälfte seines Stammes hatte rechnen können. Zunächst wandte er seine neue Macht zur Befestigung seiner Herrschaft unter den Hottentotten an. Nacheinander kamen der Bandenführer Visser, der Mörder von Moses Witbooi, dann die Feldschuhträger, die Afrikaner und die rote Nation an die Reihe. Jan Jonker, der letzte Afrikanerhäuptling, verlor hierbei sein Leben, sein Stamm verschwand völlig. Als einziger Nebenbuhler Hendriks war im Namalande jetzt nur noch der Kapitän des starken Stammes der Bondelzwarts, Wilhelm Christian, übrig geblieben. Mit diesem würde es wohl 1889, gelegentlich des Angriffs auf die Feldschuhträger, gleichfalls zur Auseinandersetzung gekommen sein, wenn nicht Hendrik durch ungünstige Nachrichten aus dem Norden zum Abmarsch nach dort bewogen worden wäre. Die hierdurch erhaltene freie Hand benutzte Wilhelm Christian, um Keetmanshoop, das bis jetzt unter einem selbständigen Kapitän gestanden hatte, seinem Gebiete einzuverleiben. Wir werden noch sehen, wie später dieser Platz unter Mitwirkung Hendriks deutsches Kronland geworden ist.
Nach den vorstehend geschilderten kriegerischen Ereignissen hatten sich 1892, d. h. zur Zeit des Beginns einer tatsächlichen deutschen Schutzherrschaft, die ethnographischen Verhältnisse des Schutzgebietes wie folgt gestaltet.
Im Süden wohnten die Hottentotten oder Namas, in acht selbständige Stämme gespalten, und zwar die Witboois, Bethanier, Bondelzwarts, Feldschuhträger, Bersabaer, Franzmann-Hottentotten, die Khauas-Hottentotten und die rote Nation. Der letztgenannte Stamm war bei dem Zusammenstoße mit Witbooi aus seinem Stammsitze Hoachanas vertrieben worden und lebte in kümmerlichen Resten, aber immer noch geschlossen, unter seinem Kapitän Manasse, mitten unter den Hereros. Der ehemals mächtige Stamm der Afrikaner war so gut wie ganz verschwunden; einem kleinen Teil desselben werden wir später im Süden des Schutzgebietes wieder begegnen. Die Witboois endlich hatten unter ihrem Kapitän Hendrik ihren Stammsitz Gibeon verlassen und sich in Hornkranz, einem Platz zwischen Kuiseb und Swakop, festgesetzt, um hier den Rinderherden der Hereros näher zu sein. Ein kleiner Teil war in Gibeon geblieben, gehörte aber noch direkt zum Stamme.
Inzwischen war als letzter Zuwachs aus der Kapkolonie, Ende der sechziger Jahre, eine dritte Rasse eingewandert, nämlich die sogenannten Bastards, die Hauptmasse unter Leitung des Missionars Heidmann jetzt in Rehoboth. Sie waren den Räubereien der Buschmänner und verwilderten Hottentotten, Koranas genannt, gegen die die Kapregierung sie nicht schützen zu können erklärt hatte, gewichen. Die Ausgewanderten teilten sich in drei Gruppen, die sich nach wechselnden Schicksalen in Rehoboth, Grootfontein (südlich) und Rietfontein (südlich) niederließen. Von diesen wurde der Stamm von Rehoboth der für uns wichtigste. Er hat von dem Witbooikriege ab bis in die jetzige Zeit treu zur deutschen Regierung gehalten. Der Stamm von Rietfontein fällt mit dem größten Teil seines Gebietes in die englische Machtsphäre und kommt daher für uns nicht in Betracht. Der Stamm von Grootfontein hatte während der Witbooikriege seinen Wohnsitz verlassen und wurde nach deren Beendigung von uns wieder dorthin zurückgeführt. Ihm werden wir später gleichfalls wieder begegnen.
Die Bastards sind Abkömmlinge von Buren und Hottentottenfrauen. Sie selbst zählen sich mehr zu den Weißen als zu den Eingeborenen. Bei allen Fehlern haben sie uns doch in Krieg und Frieden sehr wertvolle Dienste geleistet. Sie sollten wir daher immer mehr an uns ketten und, ihren eigenen Wünschen entsprechend, den Weißen möglichst nahestellen. Wächst doch auch im Schutzgebiet schon jetzt ein den Bastards verwandtes Geschlecht heran, welches das volle Bürgerrecht besitzt. Es sind dies die Nachkommen von Reichsdeutschen und Bastardmädchen, Verbindungen, welche nicht gerade selten sind. Von ihren hottentottischen Voreltern haben die Bastards bedauerlicherweise den Hang zum Müßiggang sowie zur leichtsinnigen Vermögensverwaltung und zum Umherschweifen geerbt.
Nördlich an die Hottentotten schloß sich das mächtige Volk der Hereros an, nominell unter einem gemeinsamen Oberhäuptling stehend, tatsächlich jedoch gleichfalls in verschiedene Stämme zerfallend, deren Unterhäuptlinge die Autorität des Oberhäuptlings entweder gar nicht oder nur widerwillig anerkannten. Einem äußeren Feinde gegenüber pflegten sie sich indessen zu einigen.
Der äußerste Norden des Schutzgebietes war und ist noch von den Ovambos besetzt, die wie die Hottentotten, sowohl dem Namen nach wie tatsächlich, in verschiedene selbständige Stämme zerfallen. Mit ihnen sind wir bis jetzt noch wenig in Berührung gekommen.
Der beiden im Nordosten des Schutzgebietes in das Kaokofeld verirrten Hottentottenstämme, nämlich der Swartboois und der Topnaars, habe ich bereits gedacht.
Die Gesamtstärke der Eingeborenen in Deutsch-Südwestafrika betrug 1892 etwa
| 15000 | bis | 20000 | Hottentotten, |
| 3000 | " | 4000 | Bastards, |
| 70000 | " | 80000 | Hereros, |
| 90000 | " | 100000 | Ovambos. |
Die Buschmänner und Bergdamaras sind schwer zu schätzen, sie mögen vielleicht zusammen 30000 bis 40000 Köpfe betragen.
Vermöge des langen Wirkens der Mission ist der Kulturzustand unserer Eingeborenen bereits ein verhältnismäßig hoher. Die sämtlichen Christen sowie die reicheren Heiden gehen in europäischer Kleidung. Als Kirchen- und Schulsprache haben die Missionare das von den Buren eingeführte Holländisch angenommen. In dieser Sprache kann man sich mit allen Stämmen verständigen, da sich bei jedem derselben eine Anzahl findet, die ihrer mächtig ist. Auch der Schriftwechsel mit den Häuptlingen sowie dieser unter sich wird holländisch geführt. Ebenso ist der Titel »Kapitän«, den die Häuptlinge des Schutzgebietes durchweg angenommen haben, dem Holländischen entlehnt.
Mit den Missionaren waren aber auch Händler und Jäger gekommen und damit die Schattenseiten unserer Kultur. Unsere Eingeborenen sind ebenso leidenschaftliche Raucher wie Liebhaber von Alkohol. Was aber für uns besonders unangenehm ist, sie kennen und besitzen den Hinterlader schon seit 30 bis 40 Jahren. Demzufolge ist ihre Fechtweise durchaus europäisch; wir werden daher in Südwestafrika von Gefechten, in denen 50 Reiter der Truppe Tausende von Eingeborenen ohne nennenswerte eigene Verluste in die Flucht geschlagen haben, nie etwas zu hören bekommen.