Die Schweiz besitzt in 164 Städten, Städtchen, Flecken und Dörfern 325 Buchdruckereien und 184 lithographische Anstalten mit zusammen 534 Schnellpressen und 812 Tret- und Handpressen, von welchen die Tretpressen verhältnismässig sehr stark repräsentiert sind. In dem Druckgewerbe werden überhaupt gegen 5000 männliche und 1000 weibliche Arbeiter beschäftigt.
Wenn die Schweiz vorzugsweise reich an Zeitschriften ist — es giebt eine solche auf je fünfhundert Einwohner —, so liegt dies an der Zersplitterung der Interessen durch die kantonale und kommunale Kleinregierung, an den verschiedenen Nationalitäten und an der örtlichen Lage. Deshalb hat die Schweiz keine Blätter von grosser Verbreitung und allgemeiner Bedeutung und die Auflagen sind oft winzig klein. Die Zahl der in 158 Druckorten erscheinenden Journale politischen oder lokalen Inhalts beträgt 307, darunter 60 täglich, 161 zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinende; 222 davon in deutscher, 75 in französischer, 7 in italienischer, 2 in romanischer, 1 in englischer Sprache. Von nichtpolitischen Zeitungen giebt es 253; darunter 166 deutsche, 78 französische, 7 italienische und 2 romanische. Bei weitem die meisten dieser Blätter sind sauber gedruckt. Die Zahl der jährlich erscheinenden Bücher beträgt etwa 1200.
Basel mit seinen grossen Traditionen war nicht in der Lage, unter veränderten Verhältnissen seinen hohen typographischen Ruhm aufrecht zu erhalten. Doch hat es zum Beginne der neuen Periode eine Druckerfamilie von europäischer Bedeutung aufzuweisen[242].
Wilhelm Haas war in mancher Beziehung ein ebenbürtiger Zeitgenosse J. G. I. Breitkopfs. Sein Vater war ein geschickter Schriftschneider und Schriftgiesser aus Nürnberg, der das Bürgerrecht in Basel erworben hatte. Der Sohn Wilhelm Haas zeigte schon in seiner Jugend ein entschiedenes Talent für den Beruf des Vaters und wurde gründlich von Daniel Bernoulli in Mathematik und Mechanik unterrichtet. Er übernahm das Geschäft des Vaters und brachte es bald dahin, dass seine Schriftgiesserei als eine der Seine Typen.vorzüglichsten Deutschlands angesehen wurde. Die Frakturschriften betrachtete man in Bezug auf Regelmässigkeit und Klarheit als mustergültig. Für seine Antiqua nahm er Baskerville zum Vorbild; sie ist z. B. in der bei Thurneysen erschienenen Ausgabe von Voltaires Werken verwendet, auch schnitt er eine nicht unbeträchtliche Zahl von orientalischen Schriften. Zu seinen Verbesserungen gehört sein System der Spatien und der Stücklinien, worüber er sich in einer besonderen Schrift (1772) aussprach.
Sein Hauptaugenmerk galt jedoch der Verbesserung der Druckpresse, die seit dem Jahre 1500 so ziemlich ungeändert geblieben war. Haas lebte aber noch in der Blütezeit des Innungszopfes. Er war kein kunstgemäss gelernter Buchdrucker und seine freundlichst gesinnte Kollegenschaft brachte es glücklich so weit, dass er nicht mit der von ihm konstruierten Presse arbeiten durfte, die er deshalb an Schweighauser verkaufte. Er selbst musste sich mit der Herausgabe einer deutschen und einer französischen Beschreibung begnügen. Die Hauptbestandteile seiner Presse waren aus Eisen und ruhten auf einem Steinblock; der Tiegel hatte die Grösse des Fundaments, so dass für den Druck einer Form nunmehr nicht zwei Züge notwendig waren. Der Bengel wurde an dem Kopfende der Spindel angebracht und der Hebel mit einer Schwingkugel versehen.
In das Jahr 1775 fallen Haas' Versuche, Landkarten und Musiknoten mit Typen herzustellen. Den ersten Gedanken zu dem Landkartensatz fasste der Hofdiakon A. G. Preuschen in Karlsruhe, der sich an Haas mit dem Vorschlag wandte, mit ihm in eine Association für diese neue Kunst, die „Typometrie“, zu treten. Haas ging mit Energie und Überzeugung auf den Gedanken ein. Als erstes Probestückchen erschien zu Anfang des Jahres 1776 in Basel ein Blättchen mit einer Waldung und dem Lauf eines Flusses; das zweite griff schon weiter und wurde der Kaiserl. Akademie zu St. Petersburg und dem berühmten Geographen Büsching vorgelegt, der Feuer und Flamme für die Erfindung wurde.
Nun trat Breitkopf hervor und erklärte, er habe sich schon zwölf Jahre mit denselben Versuchen beschäftigt, und versandte seine Proben. Im Oktober 1776 gab Haas eine Karte des Kantons Basel in Quart heraus, von welcher 1777 eine neue Ausgabe im üblichen Landkartenformat erschien, der eine Nachbildung der Karte von Sicilien von Hubert Jaillot aus dem Jahre 1736 folgte. Sie wurde dem König Ferdinand IV. von Neapel dediziert und erschien auch in einer französischen Ausgabe. Wilh. Haas gab noch etwa ein Dutzend solcher Karten heraus. Nach den neueren Erfindungen hat die Typometrie jedes praktische Interesse verloren, das nie ein nennenswertes gewesen, und nur das historische ist geblieben.
Im Jahre 1780 errichtete Haas im Verein mit dem talentvollen Buchdrucker und Buchhändler Joh. Jak. Thurneysen ein Geschäft, das sehr elegante Arbeiten lieferte. Die Verbindung hörte jedoch nach sechs Jahren auf und Haas der Sohn übernahm die Leitung der Buchdruckerei und führte sie nach dem Tode seines Vaters, der zugleich Brigade-Chef und General-Inspektor der helvetischen Artillerie war und auf einer artilleristischen Inspektionsreise zum allgemeinen Bedauern starb, fort.
W. Haas d. j. hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und zeigte frühzeitig ein entschiedenes Talent für die Typographie. Als achtjähriger Knabe setzte er ein Frag- und Antwortspiel aus Nonpareil mit einer Einfassung und druckte es in zwei Farben. Als sechzehnjähriger Gehülfe stellte er, unter Benutzung der systematischen Stücklinien des Vaters, die grosse Karte der Weltgeschichte von F. K. Fulda (Augsburg, Stagesche Buchhandlung) fertig, die aus zwölf grossen Formen besteht, welche zusammen ein Tableau von 5 Fuss Höhe und 6 Fuss Breite bilden.
Nach der oben erwähnten Übernahme des Geschäfts im Jahre 1786, welches die Firma Wilhelm Haas der Sohn annahm, heiratete er 1788 die Tochter Georg Jacob Deckers (S. 361). An der Druckpresse brachte er noch weitere Verbesserungen an und vervollkommnete den Satz der Landkarten, von welchen viele Blätter bei ihm erschienen. Nach dem Beispiel Baskervilles fertigte er nach seiner eigenen und des Vaters Idee eine Satiniermaschine, die er jedoch, als er die von Bodoni konstruierte gesehen hatte, verwarf. Seine Musiknoten sind elegant. Er druckte auch verschiedene hebräische Werke, darunter eine Bibel in vier Bänden, Grossoktav. Auch den Accidenzarbeiten wurde grosse Sorgfalt gewidmet.
Zu der im Jahre 1830 in Basel stattgehabten Kunst- und Industrie-Ausstellung hatte Haas „Das Gebet des Herrn“ in hundert Sprachen, wie er bemerkt: die vierzigste derartige Sammlung, ausgestellt. Das Geschäft überliess er seinen Söhnen Wilhelm und Eduard, von denen letzterer sich bei Didot als Stempelschneider ausgebildet hatte, und erlebte in Zurückgezogenheit noch sein 77. Jahr. Das Geschäft besteht noch heute als geachtete Schriftgiesserei.
Eine bekannte Baseler Druckerfamilie war die Thurneysensche, die ihre Aufmerksamkeit namentlich dem Bibeldruck zuwendete. In jüngster Zeit hat die Schweighausersche Offizin durch Benno Schwabe mehrere vorzügliche Arbeiten, namentlich im Renaissancestil, geliefert, welche den besten aus der Glanzzeit Basels ebenbürtig sind.
Wenn Bern auch die Hauptstadt der Schweiz ist, so bleibt doch Zürich, sowohl was Einwohnerzahl betrifft, als auch in Beziehung auf Kultur, Litteratur und Druckgewerbe, die erste Stadt der Schweiz. Sie besitzt 22 Buchdruckereien und 18 lithographische Anstalten, die 55 Schnellpressen, 136 Tret- und Handpressen beschäftigen. Der Kanton Zürich hat 40 Buchdruckereien, 30 lithographische Anstalten mit 97 Schnellpressen, 190 Handpressen und 800 Arbeitern und überragt weit jeden anderen der Kantone. Berühmt war Zürich schon in der älteren Druckgeschichte als Sitz des Geschäfts Christ. Froschauers, als dessen würdige Nachfolgerin Orell Füssli & Co.die Firma Orell Füssli & Co. noch heute sich zeigt (I, S. 140). Die Offizin würde auch in Deutschland zu den bedeutenderen zählen (10 Schp., 15 Hdp.); sie vereinigt alle Branchen der graphischen Künste und liefert in allen Vorzügliches. Das am 25. August 1881 bezogene neue Haus „Zum Bären“ ist ein höchst stattlicher Bau. Einen eigentümlichen äusseren Schmuck desselben bildet ein, eine ganze Wand des vierstöckigen Hauses einnehmender, Bär. Die frühere Lokalität war durch 105 Jahre von der Firma benutzt gewesen. Ein grosses Geschäft ist die Firma Zürcher & Furrer (6 Schp.).
Zürich besitzt mehrere bedeutende lithographische Anstalten. Die Lithographische Genossenschaft (4 Schp., 7 Hdp.), ebenso J. J. Hofer & A. Burger liefern sehr gute Chromodrucke. Berühmt ist Kartographie.die Anstalt von Wurster, Randegger & Co. durch ihre kartographischen Arbeiten, in welcher Richtung H. Mühlhaupt & Sohn sowie R. Leuzinger in Bern und H. Furrer in Neuenburg sich ebenfalls einen Namen erwarben. Überhaupt geniesst die Schweiz hinsichtlich ihrer kartographischen Arbeiten eines grossen Rufes. Die geringe Ausdehnung des Landes bei den interessanten Bodenformationen und den komplizierten hydrographischen Verhältnissen luden ganz besonders zur Anfertigung detaillierter, malerisch ausgeführter Terrainkarten ein. Den mächtigsten Anstoss gab der General Dufour, dessen Generalkarte der Schweiz noch heute als das bedeutendste Meisterwerk kartographischer Darstellungskunst gilt.
In Winterthur befindet sich die ziemlich bedeutende Offizin von Bleuler, Hausheer & Co. (4 Schp.). J. Westpheling liefert sehr gute Arbeiten und introduzierte sich in sehr empfehlender Weise in grösseren Kreisen durch seinen Schweizer-Ausstellungs-Katalog (Wien 1873), der denselben Beifall fand, wie die ganze Kollektiv-Ausstellung der Schweiz.
St. Gallen umschliesst eine der besten Offizinen der Schweiz. Dieselbe wurde von Joh. Zollikofer, aus einer alten, vom Kaiser Rudolf 1578 geadelten Familie stammend, im Jahre 1789 gegründet. Durch Ankauf erwarb er 1792 noch eine zweite kleine Buchdruckerei und blieb bis 1802 der alleinige Buchdrucker in St. Gallen. Im Jahre 1834 wurde der Sohn Christoph Associé. Durch Eintritt C. P. Scheitlins ward die Firma in Scheitlin & Zollikofer umgeändert und ein bedeutender Verlag gegründet, der später auf den Schwager Christoph Zollikofers, Iwan v. Tschudi, überging, während der erstgenannte die Druckerei behielt. Der Sohn Emil Zollikofer wurde 1867 Teilnehmer. Durch längeren Aufenthalt im Auslande ausgebildet, reformierte er die Buchdruckerei übereinstimmend mit den Forderungen der Zeit. Ein neuer stattlicher Bau ward 1868 ausgeführt, fiel jedoch bereits am 17. Juli 1880 den Flammen zum Opfer. Ein zweiter Neubau wurde mit fabelhafter Energie betrieben und vier Monate nach dem Brande stand ein Prachtbau, hauptsächlich aus Glas und Eisen, fertig da. Christoph Zollikofer war, von seinen Mitbürgern hochangesehen, bereits Anfang September 1870 verstorben.
Unter den schweizerischen graphischen Anstalten giebt es nur eine, die für den Weltmarkt arbeitet und auch einen Weltruf sich erworben hat. Der Bergflecken Einsiedeln mit 7000 Einwohnern, berühmt durch sein Benediktiner-Kloster mit dem wunderthätigen Muttergottesbilde und deshalb jährlich von hunderttausenden von Wallfahrern besucht, ist in der typographischen Geschichte durch Gebr. Benziger.die grossartige Anstalt der Gebr. Benziger merkwürdig geworden. Das Geschäft, welches nur auf die Bedürfnisse strenggläubiger Katholiken berechnet ist, wurde von dem Landamman Josef Karl Benziger 1805 gegründet und ging von ihm auf seine Söhne Karl und Nikolaus (letzterer vom Papst in den Grafenstand erhoben) über. In allen Erzeugnissen der Anstalt, auch den billigsten, ist das Streben sichtbar, nur Gutes zu liefern. Die Erzeugnisse der Phototypie sowohl in Vergrösserungen als Verkleinerungen gehören zu den besten Leistungen in dieser Richtung. Die Anstalt verfügt über 27 Schnellpressen und eine grosse Anzahl von Buchbinderei- und anderen Maschinen und soll 700–1000 Menschen, Erwachsene und Kinder, beschäftigen. In New-York, Cincinnati und St. Louis besitzt die Firma Filialen[243].
Um den Leistungen dieser Anstalt vollkommen gerecht zu sein, muss man der örtlichen Lage derselben eingedenk bleiben. Dieselbe machte die Fürsorge für die Arbeiter durch Kosthäuser, Kassen und andere humanitäre Einrichtungen, die nach vielen verschiedenen Richtungen hin vorhanden sind, noch notwendiger, als bei gewöhnlichen Verhältnissen.
Die Hauptstadt Bern zählt, was Bevölkerung betrifft, erst als die fünfte Stadt der Schweiz und bietet in graphischer Hinsicht nichts Bemerkenswertes dar. Die bedeutendsten Offizinen sind die Stämpflische mit 7 Schnellpressen, Rieder & Simmen, Jent & Reinert, K. J. Wyss und B. F. Haller. Dieser war der erste, der eine eiserne Presse in der Schweiz einführte; die erste Schnellpresse erhielten Orell Füssli & Co. im Jahre 1832.
In der französischen Schweiz ist Genf durch das rege wissenschaftliche und litterarische Leben bekannt. Die Stadt hat 18 Buchdruckereien und 17 lithographische Anstalten, doch kein Geschäft von bedeutendem Umfang. Die grössten derselben sind Chr. Schuchardt und J. Lang mit je 4 Schnellpressen. Auch in Lausanne ist ein regeres geschäftliches Leben. Unter den 17 typographischen und lithographischen Anstalten daselbst ist zu nennen die von G. Bridel (4 Schp.), die gute Werk- und Accidenzdrucke liefert.
Fußnoten:
[233] Annalen d. Typ. 1872, Nr. 172, und 1874, Nr. 273. 274.
[234] Die Nummer 1000 von „Über Land und Meer“ ist Nr. 12 des Jahrg. 1878.
[235] Biographische Skizzen lieferte Paul Lindau in der „Gegenwart“, Theod. Göbel in dem „Journ. f. Buchdrk.“, 1880, Nr. 36.
[236] Riehl, Deutsche Kunststädte. Augsb. Allg. Ztg. 1870.
[237] C. Wolff, Über den gegenwärtigen Zustand des Buchhandels in Bayern. München 1827.
[238] Ein sehr interessantes Probenbuch der Firma aus dem Jahre 1882 giebt eine Übersicht der vielen verschiedenen photographischen Verfahren.
[239] Klimsch' „Adressbuch der Buch- und Steindruckereien“ ist eine grosse Zahl von statistischen Einzelheiten zu verdanken. Das Buch will für das Druckgewerbe das werden, was O. A. Schulz' „Adressbuch“ bereits lange für den Buchhandel ist. Da die Angaben von den Buchdruckerei-Besitzern selbst herrühren, kann der Herausgeber des Adressbuches nicht für die Richtigkeit jeder Zahl verantwortlich gemacht werden; der auf die Zusammenstellung verwendete Fleiss ist ein ausserordentlicher.
[240] Teil I, S. 36 ist durch einen Schreibfehler der erste Festtag als der 17. August statt 14. August angegeben.
[241] Die „Annalen der Typographie“, welche, nebenbei gesagt, die erste öffentliche Aufforderung zur Wiedererrichtung der Strassburger Bibliothek bereits in ihrer Nr. 65 vom 8. Oktober 1870 enthielten, sagen in Nr. 62 desselben Jahres bei Gelegenheit eines Rückblickes auf die Geschichte der Bibliothek, deren endliches Schicksal damals noch nicht genau bekannt war:
„Eine solche Sammlung von Schätzen sollte rettungslos verloren gegangen sein!? Das glauben wir nun und nimmermehr auf die vagen Äusserungen (des Bibliothekars Zeller in Paris) hin. Die brennende Bibliothek hat ja nicht urplötzlich die Einwohner aus tiefem Schlafe geweckt. Wochenlang war vorauszusehen, was kommen würde. Und da sollte nicht ein verdienstvoller Bibliothekar, der über seine Bücherschätze ängstlich wacht, wie der Vater über seine Kinder, nicht ein um das Eigentum der Stadt besorgter Beamter daran gedacht haben, wenigstens das Unersetzlichste in Sicherheit zu bringen? Die Wechselfälle, denen eine belagerte Stadt ausgesetzt ist, sind doch nicht unbekannt, selbst wenn die Belagerer nicht aus „Attilas Horden“ beständen. Da sollte nicht Zeit gefunden worden sein, ein halbes Dutzend Kisten mit den grössten Seltenheiten beiseite zu schaffen? Das halten wir trotz aller Kopflosigkeit, trotz aller Zuversicht der Franzosen zu den eigenen Waffen und der souveränen Verachtung gegen den „Landsturm« nicht für möglich.“ — Noch heute muss es jedem unbegreiflich erscheinen, wenn nichts gerettet sein sollte. Dann wäre die Barbarei Deutschlands, „das seine Gelehrsamkeit nur im Verwüsten zeigt“, wie der Bibliothekar Zeller sagt, doch durch die passive Barbarei des der Verwüstung ruhig Zusehenden übertroffen.
[242] P. W(egelin), Die Familie Haas (im Baseler Taschenbuch 1855). — W. Haas, Beschreibung und Abriss einer neuen Buchdruckerpresse, erfunden in Basel 1772. 1790. — A. G. Preuschen, Grundriss der typometrischen Geschichte. Basel 1778.
[243] Phototypie Benziger, Reproduktionen von Holzschnitten, Lithographien, Stahlstichen, Handzeichnungen, auf Metallplatten, hochgeätzt für Buchdruck.
Presszustände in Österreich. J. T. Trattner. J. G. Trassler. J. v. Kurzbeck. A. Schmid. Familie Gerold. J. V. Degen. A. Auer. Die Hof- und Staatsdruckerei. W. v. Braumüller. Das Museum und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Der Buchdrucker-Verein. Neuere Buchdruckereien Wiens. Die Druckereien in den Provinzen. Ungarn. Druckereien in Budapest und an anderen Orten. Statistisches aus Österreich-Ungarn.
ZU derselben Zeit, wo die Presse in Preussen beinahe einer uneingeschränkten Freiheit sich erfreute, hatte sie in Österreich mit dem schwersten Druck zu kämpfen. Unter dem Kaiser Karl VI. wurde noch glimpflich verfahren, unter Maria Theresia trat jedoch grössere Strenge ein. Ein Patent vom 12. Juli 1752 befahl den Unterthanen, alle geistlichen Bücher ihren Seelsorgern zur Prüfung zu übergeben, diese hatten die irrlehrigen an sich zu nehmen, die unverdächtigen, nachdem sie mit Siegel versehen waren, zurückzustellen. Selbst die Buchbinder waren verpflichtet, die ihnen zum Binden übergebenen Bücher den Geistlichen vorzulegen. Politische und staatswissenschaftliche Schriften wurden mit ähnlichem Argwohn behandelt und die Jesuiten hatten sich ganz der Zensur bemächtigt. In Ermangelung von gedruckten Zeitungen wurden geschriebene „Gassenblätter“ regelmässig versandt. Zeitungsschreibern, welche falsche Nachrichten verbreiteten, wurde mit Auspeitschung und Landesverweisung gedroht und Angebern 100 Dukaten Belohnung zugesagt. Die einzige in Wien erscheinende Zeitung, das im Jahre 1703 gegründete „Diarium“, durfte nur solche inländische Nachrichten verbreiten, die ihr von der Hofstelle zukamen. Ausländische privilegierte Zeitungen konnten eingeführt werden, sie unterlagen jedoch einer Revision und wurden nur durch die kaiserlichen Postämter vertrieben. Damals entstanden auch die verschiedenen Stufen des Verbotes und der Zulassung. 1765 erschien das erste Verzeichnis der verbotenen Bücher, welches schliesslich selbst verboten wurde, damit man nicht die Titel der „schlechten“ Bücher kennen lernte.
Dem unhaltbaren Zustand setzte die Thronbesteigung Josephs II. (1780) eine Grenze. Er hob die geistliche Zensur ganz auf und bildete eine Zensurkommission aus aufgeklärten und unabhängigen Männern. Das Pressgesetz von 1781 war in seinen Grundlagen nach den eigenen Bestimmungen des Kaisers entworfen. Das Verzeichnis der verbotenen Bücher wurde revidiert und mehr als 2500 derselben wieder erlaubt. Nur gegen schmutzige Bücher wurde mit aller Strenge verfahren. Im Jahre 1787 wurde es gestattet, anstatt der Manuskripte die bereits gedruckten Werke der Zensurbehörde vorzulegen. Es ward dem Kaiser nicht leicht, bei diesen Reformen den passiven Widerstand der Beamten zu überwinden. In der letzten Zeit seiner Regierung ward er auch selbst weniger freisinnig und die zuletzt erwähnte Massregel wenige Wochen vor seinem Tode durch eine Verordnung vom 21. Januar 1790 zurückgenommen.
Kaiser Leopold II., eingeschüchtert durch die französische Revolution, ergriff strengere Massregeln gegen die Presse, und sein Nachfolger, Franz II., verschärfte diese noch mehr. 1801 ward die Zensur der Polizeihofstelle übergeben; 1803 begann eine Rezensurkommission ihre Thätigkeit und setzte wieder tausende von früher freigegebenen Büchern auf den Index. Während der Besitznahme Wiens durch Napoleon fand 1809 eine temporäre Erleichterung statt und die Druckereien waren nicht imstande, alle ihnen angebotenen Aufträge auszuführen. Dieser Zustand nahm jedoch mit Patent vom Nov. 1810.dem Patente vom 1. November 1810 zur Regelung der Pressverhältnisse ein schnelles Ende. „Kein Lichtstrahl, er komme, woher er wolle, soll künftig unbeachtet oder unbekannt in der Monarchie bleiben“, so hiess es und die Geschichte lehrt die Wahrheit dieser Worte des Programms kennen, wennauch nicht in der vermuteten Auslegung; es blieb in der That kein Lichtstrahl unbeachtet — seitens der Polizei. Übertretungen der Zensurmassregeln wurden streng geahndet. Das Recht, Buchhandel und Buchdruckerei zu Abstufung der Bücherverbote.betreiben, beruhte natürlicherweise auf Privilegien. Die Abstufungen der Zulässigkeit der Werke wurden genau reguliert. Professoren und Gelehrten von Fach sollte nur in besonderen Ausnahmefällen ein Buch verweigert werden. Einige Bücher erhielten admittitur, d. h. sie waren ganz freigegeben; andere, denen das transeat zu teil geworden, durften verkauft, jedoch nicht öffentlich angekündigt werden. Um andere beziehen zu können war wieder eine besondere Erlaubnis notwendig (erga Schedam). Inländische Verlagsartikel erhielten das imprimatur entweder ohne Beschränkung oder nach Weglassungen resp. Änderungen, andere fielen dem damnatur anheim. Es ist bekannt genug, wie die Bestimmungen über die Einfuhr der Bücher vielfach umgangen wurden und wie wöchentlich ganze Ballen nichterlaubter Bücher von Leipzig nach Wien gesandt wurden. Dort waren Bestechungen selbstverständlich an der Tagesordnung; das Geschäft wurde demoralisiert, aber im Sortimentshandel viel Geld verdient, während der Verlagshandel und die Buchdruckerei darnieder lagen. Kein Autor von Bedeutung mochte sein Werk in Österreich verlegt oder gedruckt sehen und ein in Österreich gedrucktes Buch war fast gleichbedeutend mit einem schlecht gedruckten.
Der Festredner bei dem vierhundertjährigen Jubelfest (1882) der Einführung der Buchdruckerkunst in Wien Karl v. Scherzer, im Jahre 1846 noch ein enthusiastischer Jünger Gutenbergs, schrieb damals: „Es ist in dem Volke noch nicht das Bedürfnis zu lesen erwacht; es begnügt sich, die ‚Wiener Zeitung‘ durchzublicken und alle Jahre die renommiertesten französischen Schauerromane in deutscher Übersetzung durchzublättern. Es fehlt uns hier auch an nichts weniger als an allem, um selbst die geringste litterarische Unternehmung mit Ehren ins Leben rufen zu können. Kein genialer Zeichner, kein fähiger Holzschneider, kein tüchtiger Drucker und so fort bis zum Farbenjungen. Während das Ausland seit Jahren uns mit illustrierten Ausgaben überflutet, haben wir hier kaum den Mut gefasst, ein einziges grosses Werk mit Holzschnitten zu verzieren; selbst die ‚Theaterzeitung‘ hat ihr illustriertes Gewand seit dem neuen Jahre wieder abgelegt und noch bei dem neuesten illustrierten Werk ‚Erzherzog Karl von Österreich‘ mussten, durch unübersteigbare Hindernisse dazu gezwungen, die beabsichtigten Holzschnitt-Illustrationen den in den Text gedruckten Lithographien weichen“[244].
Mit den Accidenzien ging es nicht besser, als mit dem Werkdruck. Die Privilegien der „Wiener Zeitung“ verursachten ausserdem, dass Accidenzien im Interesse des Handels und der Gewerbe fast gar nicht vorkamen.
Mit der Zeitungslitteratur war es gar schlecht bestellt; nur die verflachenden, witzelnden und pikanten Theater-, Kunst-, Litteratur- und Modeblätter erfreuten sich eines bedeutenden Absatzes. Alle Zeitungen, mit Ausnahme der „Wiener Zeitung“ und des „Österreichischen Beobachters“, unterlagen einer Vorzensur und kamen dann erst in die Hände des bekannten Grafen v. Sedlnitzky und erfolgten aus diesen gewöhnlich in einem Zustande zurück, von dem man sich heute schwer eine Vorstellung wird machen können. Die willkürlichsten Änderungen wurden getroffen, die sich nicht bloss auf Politik und ernstere Interessen bezogen; es konnte auch einem Theaterkritiker, welcher erzählt hatte, wie sehr Fräulein X. missfallen, passieren, dass er in seiner Zeitung las, wie ausnehmend sie gefallen. Adlige Bösewichte gab es in Romanen und Theaterstücken gar nicht; sie mussten vorher ins Bürgerliche übersetzt werden.
Unter solchen Verhältnissen ist es immer noch zu verwundern, dass Wien einige bedeutende Männer unter den Ausübern der Druckkunst aufzuweisen hat. Die populärste Erscheinung aus dieser Periode des Rückgangs ist Johann Thomas Trattner. Er gehört nicht zu denjenigen Koryphäen der Druckkunst, zu denen wir mit Ehrerbietung emporblicken. Seine Hauptthätigkeit war eine, welche der Staat zwar zuliess, die öffentliche Meinung und das Rechtsbewusstsein aber verurteilten: Trattner war ein Nachdrucker ersten Ranges[245].
Er war als Sohn eines armen Pulvermüllers zu Jahrmannsdorf unweit Güns geboren und frühzeitig verwaist. In seinem 18. Jahre kam er in die Lehre. Als Drucker erwarb er sich in der Offizin Johann von Gehlens (I., S. 144) etwas Geld und einige vermögende Gönner, die bereit waren, den jungen strebsamen Mann zu unterstützen. Seine Bemühungen, eine Konzession sich zu verschaffen, blieben jedoch vergeblich. Da fasste er den kühnen Entschluss, sich persönlich an die Kaiserin Maria Theresia zu wenden, die ihn gnädig beschied. Nun kaufte Trattner am 12. März 1748 die im Laufe der Zeit sehr herabgekommene Buchdruckerei der Frau Eva Schelgin. Den Ertrag seiner ersten Arbeit, ein vom Abte des Stiftes Mölk verfasstes Gebet, widmete er den Armen, wodurch er sich das Wohlwollen der Jesuiten erwarb, die nun alle ihre Arbeiten bei ihm drucken liessen, so dass er zeitweilig sechzehn Pressen beschäftigen konnte; sie aber regelmässig im Gange zu halten war eine schwere Aufgabe. Trattner legte sich deshalb auf das Nachdrucken der Werke der besten deutschen Autoren und machte sich hiermit eben so verhasst in Deutschland wie beliebt in Österreich, wo man den Nutzen der guten und billigen Bücher hatte. Es ging ganz wie in neuerer Zeit in Nordamerika: der durch den Nachdruck gebildete Geschmack des Publikums kam wenigstens später den einheimischen Autoren und Verlegern zu gute, welche den Boden vorbereitet fanden.
Eine grosse Erweiterung seines Geschäfts (bis auf 34 Pressen) entstand, als ihm bei der Studienregelung im Jahre 1752 der Druck der sämtlichen Schul- und Lehrbücher übertragen wurde. Er legte Filialen seiner Druckerei in Pest, Triest, Innsbruck, Linz und Agram an, erwarb zwei Papierfabriken, gründete eine Schriftgiesserei, alle Arten von artistischen Anstalten und unterhielt 23 Bücherlager. Am „Graben“ erbaute er den schönen Trattnerhof, welcher seinen Wahlspruch „Labore et favore“ trug. Seine Bücher stattete er mit grosser Sorgfalt aus, so dass es von einem guten Druck hiess: „Der ist wie von Trattnern“. Bis in sein 78. Jahr war er der alleinige Leiter des Geschäfts und erlebte 1798 noch sein goldenes Jubiläum. Von zwei Frauen hatte er 21 Kinder, von denen jedoch nur zwei am Leben blieben. Vom Kaiser Franz war er 1764 in den Adelstand erhoben. Das Geschäft wurde nach Trattners Tod geteilt und ging auf verschiedene Personen über.
Neben Trattner nahm Josef Georg Trassler aus Wien eine bedeutende Stelle ein. Im Jahre 1779 erwarb er eine Buchdruckerei in Troppau, die bereits 1785 mit 25 Pressen arbeitete. Eine zweite Buchdruckerei errichtete er 1786 in Brünn; diese beschäftigte bis 60 Pressen. Eine dritte Offizin etablierte er 1795 in Krakau, die jedoch 1809 von den Polen demoliert wurde. Ausserdem hatte er noch verschiedene graphische Geschäfte und eine Buchhandlung.
Seine Erfolge verdankte er zum nicht geringen Teil den Freimaurern und den mit diesen in Verbindung stehenden Gesellschaften, welche letztere zur Bildung des Volkes unzählige Nachdrucke mit der Bezeichnung „Gedruckt bei Josef Georg Trassler und im Verlage der Compagnie“ verbreiteten. Ausserdem besass Trassler selbst einen grossen Verlag zumteil bedeutender Werke, darunter A. F. Büschings grosse Erdbeschreibung in 30 Bänden; die 34 Bände starke Sammlung der besten Reisebeschreibungen; die „Allgemeine Weltgeschichte“, 88 Bände; Krünitz' „Encyklopädie“, 129 Bände. Die bedeutendste Leistung war jedoch J. C. Adelungs berühmtes Wörterbuch in vier starken Bänden in Grossquart von zusammen 7587 Seiten[246].
Obwohl der Verlag nach Trasslers Tod noch vermehrt wurde, ging das Geschäft in den Händen der Kinder doch zurück. Der zweite Sohn, Adolf, zog mit dem übrig gebliebenen Teile desselben nach Troppau, wo es wieder emporblühte und seit 1879 im Besitz Alfreds, des Sohnes von Adolf, gedieh.
Ein sehr verdienter Buchdrucker war Josef Kurzbeck. Nach vollendeten Studien widmete er sich der Buchdruckerei und übernahm die väterliche, nur mit zwei Pressen arbeitende Offizin, die nunmehr bald 15 Pressen beschäftigte. Im Jahre 1770 richtete er sich für den Druck des Illyrischen, Walachischen und Russischen ein, später schaffte er noch verschiedene orientalische Schriften an. Da es sehr an Setzern für fremdländische Sprachen fehlte und es schwierig war, solche in dem Geschäft selbst auszubilden, ersuchte Kurzbeck den Kaiser Joseph II., die Ausbildung einiger seiner Zöglinge an der K. K. Orientalischen Akademie zu gestatten, was auch gewährt wurde. Hierzu wurden die späteren Buchdruckereibesitzer Anton Schmid, Josef della Torre und M. Santner bestimmt. Kurzbeck liess die als Mannsfeldsche bekannten Schriften schneiden, verschaffte sich die besten Amsterdamer Matern und druckte dann mehrere umfangreiche hebräische Werke, als den Talmud, Mischnajoth und Machsorim, welche allgemeine Anerkennung fanden. In Kurzbecks Offizin erschien auch 1775 das von Kaiser Maximilian I. 1514 beabsichtigt gewesene Prachtwerk „Weisskunig“ (I, S. III) von Treitzsauer v. Erentreitz mit 237 grossen Holzschnitten von Hans Burgkmair. Durch den Tod des Kaisers geriet dieses Werk wie mehrere von seinen litterarisch-artistischen Unternehmungen ins Stocken, die Holzschnitte waren jedoch in Graz glücklicherweise erhalten geblieben. Als der Druck Kurzbecks veranstaltet wurde, hatte man leider kein Verständnis für die Reproduktion eines Werkes älteren Stils, so dass die Ausführung nicht eine würdige wurde (S. 429).
Kurzbeck erzielte durch sein Wirken sowohl Gewinn als Ehre; im Jahre 1773 verlieh ihm die Kaiserin Maria Theresia eine goldene Kette und erhob ihn in den Adelsstand.
Unter den Schülern Kurzbecks befand sich, wie erwähnt, Anton Schmid, später der hebräische Schmid genannt. Der Abt des Klosters der Zisterzienser zu Zwetl, wo Schmid geboren war, liess ihn im Lateinischen unterrichten. Seine an der Universität begonnenen Studien musste er auf Grund seiner Armut unterbrechen und trat in seinem zwanzigsten Jahre bei Kurzbeck in die Lehre, wo er später die Leitung des Druckes der hebräischen Bücher übertragen erhielt. Er bewog den kränklichen Kurzbeck, der keine rechte Freude mehr am Geschäft fand, ihm seine hebräischen Schriften zu überlassen, um damit ein selbständiges Geschäft zu beginnen. Kurzbeck ging auf den Gedanken ein, Schmid wurde jedoch mit seinem Konzessions-Gesuch abgewiesen, bis der Kaiser direkt zu seinen Gunsten einschritt. Nun ging er mit aller Kraft auf sein Ziel los. Seine Offizin wurde reich mit syrischen, persischen und arabischen Schriften ausgestattet und alle Lehrbücher in diesen Sprachen für die theologischen Anstalten wurden bei Schmid gedruckt. Seine Bücher waren vorzüglich ausgestattet und sein Ruf drang in fremde Länder.
1839 übergab Anton Schmid, der 1825 in den Adelsstand erhoben war, seinem Sohne Franz Edlen von Schmid sein Geschäft. Ein der Hofbibliothek geschenktes Exemplar der Schmidschen orientalischen Druckwerke umfasst 148 Werke im Gesamtumfange von 12447 Bogen. Vor allen zu nennen ist die 1795 in mehreren, rasch aufeinanderfolgenden, Ausgaben veranstaltete vollständige hebräische Bibel mit Übersetzung von Mendelssohn und einem Kommentar in hebräischer Sprache, an welchem eine Reihe der berühmtesten Gelehrten mitgewirkt hat. Die Druckerei ging auf Adalbert della Torre über.
Unter den älteren Buchdruckereien Wiens, die bis auf den heutigen Tag ihre Bedeutung behalten haben, ist diejenige, welche Josef Gerold 1775 von J. Kalliwoda erwarb. Der erstgenannte sowohl wie sein Sohn Karl Gerold erweiterten das Geschäft bedeutend. Durch den Druck mehrerer mathematischer und technischer Werke für das unter Prechtls Direktion gestellte Polytechnische Institut erwarb Gerold sich einen so guten Ruf, dass Cotta ihm den Druck der 20 Bände starken Prechtlschen Encyklopädie übertrug. Die gedrückten Pressverhältnisse veranlassten Gerold, sich weniger dem Verlag als dem Sortiment zu widmen. Aus den 1848 geänderten Zuständen zog jedoch auch die Geroldsche Offizin Nutzen und das Geschäft erweiterte sich in dem Besitz der in den Adelsstand erhobenen Söhne Karls: Friedrich und Moriz von Gerold ausserordentlich[247].
Die Pichlersche Buchdruckerei wurde durch den Druck der Werke Karoline Pichlers in Fachkreisen bekannt, jedoch mehr durch den Druck der 1838 in vier Blättern dreifarbig ausgeführten, in Typen gesetzten Post- und Reisekarte der österreichischen Monarchie von F. Raffelsberger[248]. Die Arbeiten derselben stehen weit über denen von Breitkopf und Haas, sind jedoch, wie diese, mehr auf Grund der mühsamen Arbeit bewundernswert als für die Praxis nutzbringend.
Ein tüchtiger Buchdrucker war Anton Strauss, der aus geringen Anfängen die Zahl seiner Pressen auf 20 brachte. Nach seinem Tode ging das Geschäft auf Leopold Sommer über, der grossen Schwung hineinbrachte und 1848 an Zeitungen und Zeitschriften allein zwanzig druckte. Er war auch der erste, der in Österreich eine politische Zeitung gründete, welche wirklich diesen Namen verdiente, die unter E. v. Schwarzers Leitung unternommene „Österreichische Zeitung“.
Matthäus Salzer, Sohn des Kaspar Salzer, der zu den Zeiten Josephs II. Buchhändler und Buchdrucker war, lernte erst als Sattler, trat aber bald in das Papiergeschäft seines Bruders Franz und wurde später Leiter der Papierhandlung seines verstorbenen zweiten Bruders Jakob, dann durch Verheiratung mit dessen Witwe Besitzer des Geschäfts. Nach und nach erwarb er die Papiermühlen in Wiener-Neustadt, Ebenfurth und Stettersdorf. 1866 kaufte er die Überreuthersche Buchdruckerei und beschäftigte 11 Schnellpressen und 150 Arbeiter, namentlich mit Aufträgen seitens der Eisenbahnen und ähnlicher Anstalten. Im Jahre 1874 feierte Salzer sein goldenes Geschäftsjubiläum.
Als ein Stern in der langen Nacht der österreichischen Typographie leuchtet Josef Vincenz Degen aus Graz. Er studierte dort und in Wien, widmete sich dann dem Buchhandel, kaufte 1800 die vorzüglich eingerichtete Albertische Buchdruckerei und errichtete zugleich eine Schriftgiesserei. Durch die Tüchtigkeit seiner Leistungen erwarb er sich bald ein bedeutendes Renommé. Im Jahre 1804 richtete er die K. K. Hof- und Staats-Aërial-Druckerei ein und brachte sie auf einen blühenden Stand. Vertragsmässig arbeitete diese Anstalt nur für Behörden. Eigentum des Staates wurde sie erst im Jahre 1814. Degen, der in den Adelsstand als Edler von Elsenau erhoben worden war, wurde zum Direktor der nunmehrigen Staatsdruckerei ernannt, die sich durch ihre Arbeiten in vorteilhaftester Weise auszeichnete.
Anders ward es nach Degens Tod unter der Direktion J. A. von Wohlfahrts. Aus übertriebener Sparsamkeit liess man die Anstalt verfallen und als Wohlfarth 1840 in den Ruhestand versetzt wurde, war es so weit gekommen, dass die Staatsbehörden sich mit ihren Aufträgen an Privatdruckereien wandten.
Wie es in der Staatsdruckerei aussah, so war es auch in den anderen Offizinen mit Ausnahme der einzelnen erwähnten und vielleicht noch einiger weniger anderen.
Der Buchhandel, der sich unter Maria Theresia sehr entwickelt hatte, verfiel unter Joseph II. trotz der milden Zensur. Man zersplitterte die Kräfte meist in Broschürenlitteratur, durch welche sich eine Reihe von Winkeldruckereien, die jedoch wieder mit dem Tode des Kaisers verschwanden, nährte. Von den bedeutendsten Werken dieser Periode seien noch erwähnt: Jacquins Historia stirpium americanarum; Hortus Vindebonensis; Observationes botanicæ mit 150 Kupfern; Icones plantarum rariorum mit 649 Kupfern; Flora austriaca mit 500 kolorierten Kupfern, Herrgotts Monumenta Aug. Austriacæ in Grossfolio mit vielen Tafeln, die von den Geistlichen des Stiftes St. Blasien gedruckt wurden; Maninskys grossartiges „Orientalisches Wörterbuch“ u. a.
Als der Regenerator der österreichischen Buchdruckerei, die in der jüngeren Zeit so enorme Fortschritte gemacht hat, muss Auer betrachtet werden.