Hallbergers Druckerei kann als eine Musteranstalt betrachtet werden. Früher wurden seine illustrierten Blätter auf Alauzetschen Komplettmaschinen vorzüglich gedruckt, jetzt verrichten drei Rotationsmaschinen der Augsburger Fabrik die Arbeit und Hallberger selbst hat wesentlichen Anteil an der glücklichen Durchführung der Aufgabe dieser Maschinen; ausserdem sind 27 Schnellpressen in Thätigkeit. Die Zahl der Arbeiter war etwa 400, dazu beschäftigt die Buchbinderei jetzt 24 Maschinen und etwa 400 Personen; grosse Papierfabriken gehören der Anstalt.
Allgemein betrauert starb Hallberger auf seinem schönen Landsitz Tutzing am Starnberger See[235]. Er besass eine grosse und ideal angelegte Natur, die sich in seinen Unternehmungen ausprägt, weshalb diese auch sympathisch wirken. Dasselbe gilt auch von seinen Bestrebungen zur Gründung einer allgemeinen deutschen Pensions- und Invalidenkasse für Typographen, die vielleicht von Hallbergers Seite zu viel Idealismus enthielten und an dem zu wenig dieser Eigenschaft bei seinen Kollegen strandeten. Für seine eigenen Arbeiter hat er in mehrfacher Hinsicht vortrefflich gesorgt. In seinen Arbeiten wurde er treu von seinem Bruder Karl Hallberger unterstützt.
Aus dem Geschäft wurde eine Aktiengesellschaft Deutsche Verlags-Anstalt unter Karl Hallbergers Direktion. Eine Expedition in Leipzig war bereits 1871 gegründet.
Eine umfangreiche Druckanstalt ist die von H. Schönlein (24 Schp.), in welcher dessen weit verbreitete illustrierte Blätter gedruckt werden.
Von Druckereien seien noch erwähnt: Greiner & Pfeiffer, die (mit 14 Schp.) namentlich Accidenzien und illustrierte Werke drucken. Die von Gehülfen gegründete Vereinsdruckerei liefert sehr gute Accidenz-, besonders Farbendrucke. J. F. Steinkopf druckt vorwiegend die religiösen Werke seines Verlags; C. Grüninger ist der einzige Buchdrucker Stuttgarts, der sich auf orientalische Druckarbeiten legt und namentlich russische Bücher liefert. C. Hoffmann druckt mit 7 Schnellpressen hauptsächlich die Verlagsartikel von K. Thienemann.
Die Stuttgarter Xylographie hat begreiflicher Weise eine hohe Bedeutung. Die Anstalt von A. Closs ist eine so vorzügliche, wie wenige, und ist fast ausnahmslos in jedem Stuttgarter Prachtdrucke vertreten. Die Stuttgarter Holzschnitte verbinden so sehr französische Eleganz mit den deutschen Vorzügen, dass vor dem Kriege viele Holzschnitte nach Paris geliefert wurden.
Ausser der Xylographie hat auch der Lichtdruck eine grosse Verbreitung. Die Anstalt von Martin Rommel & Co. liefert vortreffliches und finden ihre Erzeugnisse namentlich ihren Platz in den Prachtwerken von Paul Neff. Auch in der Chromolithographie hat Stuttgart Tüchtiges aufzuweisen durch die Anstalten von Emil Hochdanz, Max Seeger, Gustav Weise. Die Leistungen finden hauptsächlich Verwendung in den Jugendschriften von W. Nitzschke, Schmidt & Spring, Levy & Müller, F. Loewe, K. Thienemann und Gustav Weise. Eine Spezialität des letzteren sind die, in grossen Massen verbreiteten „Bilder für Jung und Alt“. K. Thienemann lieferte auch eine Reihe naturwissenschaftlicher illustrierter Werke.
Die Schriftgiesserei hat erst in neuester Zeit begonnen, einen Aufschwung in Stuttgart zu nehmen (S. 290). Der Verlagsrichtung gemäss findet vorzugsweise die Produktion zu dekorativen Zwecken Beachtung und ist in dieser Richtung namentlich Otto Weisert thätig. Im Jahre 1882 siedelte der bekannte Schriftschneider Bauer sen. von Frankfurt nach Stuttgart über. Als Farbenfabrikanten sind Kast & Ehinger von Bedeutung, namentlich in bunten Farben.
„Das eigenste, was Stuttgart besitzt, gehört nicht der schaffenden idealen Kunst, sondern der schmückenden, dekorierenden, vorab dem Kunstgewerbe. Wer die Kunst beobachten will, der begebe sich vor allem in die Werkstätte der Holzschneider, Lithographen, Zeichner, Buchbinder, der Holz- und Metallarbeiter, der Bauhandwerker. Die schwäbisch-industrielle Regsamkeit hat sich da mit einem Geschmack verbunden, der in Stuttgart, als einer Hauptstadt der deutschen Litteratur und des Buchhandels, von den verschiedensten Seiten angeregt wurde. Hierbei ist der unmittelbare Einfluss der Bücher-Illustration auf die Stuttgarter Kunstgewerbe durchaus nicht zu unterschätzen[236].“
Unter den Werken, die einen ganz wesentlichen Einfluss in der angedeuteten Richtung geübt haben, steht obenan die „Gewerbehalle“ von J. Engelhorn. Die ersten Künstler und die besten Schriftsteller unterstützen diese, 1863 begonnene Zeitschrift. Ausser der stark verbreiteten deutschen Ausgabe existieren Ausgaben in Amerika, England, Italien, Frankreich, Böhmen, Spanien und Holland. Die „Gewerbehalle“ kann demnach als ein Weltblatt bezeichnet werden.
Ausserdem liess Engelhorn eine Anzahl der vorzüglichsten illustrierten Werke erscheinen: „Italien“ mit etwa 400 Illustrationen, das „Schweizerland“ von Kaden mit 450 Illustrationen, die „Kunstschätze Italiens“ von Karl v. Lützow, „Unser Jahrhundert“ von Otto von Leixner.
Ebner & Seubert gaben eine Reihe von wertvollen, prachtvoll geschmückten Werken über Kunst von Lübke, Burckhardt, Weiss, Schnaase, Kugler heraus. C. Witwer wendete seine Thätigkeit den Werken der Architektur zu.
Paul Neff benutzt für seinen grossartigen Verlag vorzugsweise den Lichtdruck als Illustrationsmittel. Obenan stehen „Die goldene Bibel“ und die „Klassiker der Malerei“. Sowohl hinsichtlich der Ausdehnung als was Ausführung betrifft, höchst bedeutende Werke sind: Ludw. Weisers „Bilderatlas zur Weltgeschichte“, welcher auf 146 Grossfolio-Tafeln über 5000 Darstellungen bringt; die „Denkmäler der Kunst“ mit gegen 200 Tafeln in Stahlstich; M. v. Schwinds „Die schöne Melusine“ und „Die sieben Raben“; A. Racinets „Das polychrome Ornament“, 100 Tafeln in Gold- und Farbendruck; „Die Kunst für alle“ von Gutekunst: das sind einige der Publikationen von Neff; alle anzuführen würde zu weit gehen.
Eine der jüngsten und jetzt bereits eine der umfangreichsten Verlagshandlungen ist die, 1873 von W. Spemann gegründete. Grossen Erfolg hatte Johannes Scherrs „Germania“; Jakob von Falkes „Hellas und Rom“; Bruno Buchers „Geschichte der technischen Künste“; die illustrierten Werke von Friedrich v. Hellwald u. a. Die „Kollektion Spemann“ eröffnete den Reigen der Mark-Kollektionen und in Kürschners „Deutscher National-Litteratur“ unterbot der Verleger sich selbst durch Lieferungen zu 50 Pf. Die Monatsschrift „Vom Fels zum Meer“ hat eine sehr bedeutende Verbreitung. Um das typographische Publikum machte sich Spemann verdient durch die Herausgabe des epochemachenden Werkes „Gutenberg“ von Dr. A. v. d. Linde in Wiesbaden.
Die übrigen Verleger Stuttgarts, die weniger Einfluss auf die graphischen Gewerbe übten, müssen hier unerwähnt bleiben.
Tübingen verlor sehr an Bedeutung durch Übersiedelung Cottas nach Stuttgart. In Esslingen liefert J. F. Schreiber (6 Schp., 8 Hdp.) Bilderbücher und Vorlagen. In Ulm druckt J. Ebner (9 Schp.).
Einen üblen Ruf erwarb sich Reutlingen als hauptsächlichster Sitz der grössten Nachdruckfirmen: Mäcken, Ensslin und Fleischhauer, welche ihr böses Handwerk natürlich nur im „Interesse der Litteratur“ mit aller Kraft betrieben und schliesslich gar als Wohlthäter der Menschheit womöglich ein Ehrendenkmal verdient zu haben glaubten.
Württemberg besitzt im ganzen 173 Buchdruckereien und 71 lithographische Anstalten mit 398 Schnell-, 350 Tret- und Handpressen. Die Druckereien verteilen sich auf 76 Städte; Stuttgart allein hat 68 Buchdruckereien mit 191 Schnellpressen und 32 lithographische Anstalten mit 43 Schnell- und 104 Handpressen. Im Jahre 1840 besass Stuttgart zwar bereits 24 Buchdruckereien, diese hatten jedoch zusammen nur 30 Schnellpressen, also nicht mehr als eine der grossen jetzigen Druckanstalten, ganz abgesehen von der Leistungsfähigkeit der Maschinen von heute gegen die damaligen. 1882 betrug die Bücherausfuhr Württembergs 3110301 Kilo zu einem Werte von wenigstens 6 Millionen Mark.
München erlangte, wie bereits erwähnt wurde, bei weitem nicht die Bedeutung für den Buchhandel und die Buchdruckerei wie für die Kunst, doch ist es in jüngster Zeit eifrig bemüht das Versäumte nachzuholen. Der wissenschaftliche Verlag hatte keine grosse Ausdehnung und die wichtige Branche der Unterrichtslitteratur befand sich ganz in den Händen der Regierung, welche durch den sogen. Der Schulbücher-Verlag.„Schulbücher-Verlag“ dafür sorgte, „dass kein Gift der Jugend verabreicht wurde“. Durch Reskript vom 12. Oktober 1785 wurde das Privilegium, welches der Buchbinder G. Ruprecht und dann J. B. Oettl auf planmässige Schulbücher innegehabt hatten, zu gunsten des „Deutschen Schulfonds“ erneuert und letzterem der Verlag „aller verlegender Schulbücher auch anderer zur Erziehung dienlicher Schriften“ vorbehalten.
Durch spätere Reskripte wurde dieses Privilegium noch erweitert. Die verschiedentlichen Remonstrationen der Buchhändler blieben, trotz der ihnen zur Seite stehenden Rechts- und Vernunftgründe, unbeachtet. Dass die allgemeine Bildung und der Verlagshandel darunter leiden mussten, ist begreiflich; aber auch der Sortimentshandel wurde geschädigt, da der Schulfond, unter Umgehung der Sortimenter, den Vertrieb durch eigene Zwischenhändler und durch Lehrer besorgen liess, die billiger verkauften, als die Buchhändler einkaufen konnten[237].
E. Mühlthaler (seit 1867) war der erste in München, der sich im illustrierten Prachtdruck versuchte, und zwar mit den im Bruckmannschen Verlag erscheinenden „Die Schweiz“ von Gsell-Fels und „Rhododendron“. Bei unverkennbarer Tüchtigkeit und anerkennenswertester Sorgfalt erreichten diese Ausgaben doch nicht ähnliche Stuttgarter Leistungen. Seit 1875 druckt Mühlthaler die Münchener „Fliegende Blätter“ und entwickelt auch seine Intelligenz in merkantilen Accidenzarbeiten. Er beschäftigt bereits 15 Schnellpressen.
Eine der angesehensten Firmen ist die von Knorr & Hirth, die mit zwei Rotationsmaschinen, zwei vierfachen und verschiedenen einfachen Schnellpressen arbeitet. Dr. Hirth ist bekannt durch seine Bestrebungen zur Erweckung des Sinnes für die Renaissance, worauf namentlich die in seinem Verlag erscheinenden Werke: Formenschatz der Renaissance; Butsch, Bücherornamente u. a. hinzielen. Nebenbei liefert die Offizin hübsche Accidenzarbeiten und druckt die „Münchener Nachrichten“ in 33000 Exemplaren. Noch weiter als Knorr & Hirth greift in seiner Geschmacksrichtung in der Zeit M. Huttler.zurück Dr. M. Huttler aus Augsburg, welcher eine Filiale in München errichtet hat. Seinen Verlag von Erbauungsbüchern druckt er in gothischer oder Schwabacher Schrift in streng durchgeführter Imitation älterer Drucke.
Die „Akademische Buchdruckerei“ von F. Straub beschränkt sich namentlich auf gelehrte Arbeiten und amtliche Drucke, ebenso die Universitätsbuchdruckerei von J. G. Weiss.
Unter den neueren Offizinen zeichnet sich die von R. Oldenbourg (13 Schp.) sowohl durch ihre vortrefflichen Einrichtungen als durch ihre Arbeiten aus. Im Jahre 1874 übernahm Oldenbourg von Pustet in Regensburg den Zentral-Schulbücherverlag, ausserdem erscheinen bei ihm sechs Zeitschriften; dagegen werden Accidenzarbeiten weniger gepflegt.
Zu erwähnen sind noch folgende Offizinen: C. Wolff & Sohn (8 Schp.); F. Wild (7 Schp.); J. Deschler (8 Schp.); E. Huber (6 Schp.), dessen Spezialität hebräische Bücher sind; W. Weifenbach, welcher feine Accidenzarbeiten liefert. Die Cottasche Buchhandlung verlegte die Druckerei der „Allgemeinen Zeitung“ nach München (1 Rotm. und 4 Schp.).
Unter den Münchener xylographischen Anstalten erwarb sich die von Braun & Schneider einen weit verbreiteten Ruf. Kaspar Braun aus Aschaffenburg hatte sich als Künstler in mehreren Techniken versucht; durch den Anblick von Grandvilles Illustrationen zu Lafontaines Fabeln wurde der Gedanke in ihm fest, den Holzschnitt in Deutschland zu dem alten Ansehen zu bringen. Rasch führte er den Entschluss aus nach Paris zu gehen, um sich, unter des trefflichen Brevière Anleitung, im Holzschnitt auszubilden. Das beste Zeugnis für Braun dürfte es sein, dass Brevière seinerseits später seinen Sohn in die Lehre zu Braun gab. Zuerst gründete er mit v. Dessauer eine xylographische Anstalt, dann vereinigte er Fr. Schneider * 1815, † 9. April 1864.sich mit Friedrich Schneider aus Leipzig zu einem ebenso innigen als erfolgreichen Zusammenwirken. Die „Fliegende Blätter“ behaupten sich bis auf den heutigen Tag in der unveränderten Gunst des Publikums und kaum wird eine ähnliche Sammlung von Gaben des köstlichen Humors sich zusammenfinden, wie in den 2000 Nummern dieses Blattes, aus welchem wieder die „Münchener Bilderbogen“ entstanden. Brauns typische Figuren als: Eisele und Beisele, Wühlhuber, Heulmeier sind jedem bekannt. Durch Schneiders Tod erlitt Braun und sein Humor einen nicht zu verwindenden Stoss. Sein 70. Geburtstag brachte ihm noch Ehren und Freude, dann folgte er seinem vorausgegangenen Freunde.
In jüngster Zeit haben die grossen Verlagsunternehmungen von Friedr. Bruckmann und Th. Stroefer einen bedeutenden Einfluss auf die Münchener Xylographie geübt, einen besonderen Namen erwarben sich: Hecht, Th. Knesing, J. Walle u. a.
Als München am 28. Juni 1882 das 400jährige Jubiläum der Einführung der Buchdruckerkunst feierte, hatte dasselbe 49 Buchdruckereien, 38 lithographische Anstalten mit 5 Rotationsmaschinen, 148 Schnellpressen und 229 Tret- und Handpressen. Zu Ehren des Einführers der Buchdruckerkunst, Hans Schauer, dessen ersten Druck mirabilia urbis Romae man in dem Kloster Tegernsee aufgefunden hat, wurde eine Denktafel an seinem Druckhause in der Rosenstrasse Nr. 10 angebracht. Die älteste der noch existierenden Druckereien Münchens ist die aus dem Jahre 1769 stammende F. S. Hübschmannsche.
Dass die lithographische Kunst sich in München, der Wiege derselben (S. 7), weiter entwickelte und in den dortigen reichen Sammlungen Stoff zu Vervielfältigungen fand zu einer Zeit, wo die Lithographie den Kunstsammlungen gegenüber fast die Stellung einnahm, wie jetzt die Photographie, ist natürlich.
In beiden Kunstzweigen erwarb sich Franz Hanfstängl grossen Ruhm. Er war, als Sohn wenig bemittelter Bauern, in Tölz geboren. Obwohl für die Laufbahn eines Malers bestimmt, machte der Zufall es, dass er sich der Lithographie widmete. Gleich gewandt als Zeichner und als Lithograph, etablierte er 1830 eine lithographische Anstalt, ging jedoch 1834 nach Paris, um sich bei Lemercier noch mehr auszubilden. Schnell erwarb er sich neben Strixner, Piloty und Bodmer einen Namen, besonders durch seine genialen Portraitaufnahmen. Als die kgl. sächsische Regierung den Plan gefasst hatte, die Meisterwerke der Dresdner Galerie durch Steindruck zu veröffentlichen, ward Hanfstängl ausersehen, die Ausführung zu übernehmen; ihm gefiel jedoch die Abhängigkeit nicht und das Unternehmen geschah auf seine Kosten. Seine Wirksamkeit in Dresden war an Ehren reich. Inzwischen hatte die Photographie Boden gewonnen. Hanfstängl fühlte die Wichtigkeit der neuen Kunst sofort heraus und warf sich mit aller Kraft auf dieselbe. Als es sich um Herausgabe der bedeutendsten Bilder der alten Pinakothek handelte, blieb er unter 22 Konkurrenten Sieger, und lieferte eine Sammlung, die in ihrer Art ebenso hervorragend ist wie die in Dresden veranstaltete.
Einen bedeutenden Namen erwarb sich gleichfalls Jos. Albert, besonders durch seine Lichtdrucke (Albertotypie) und seine Photographien in Farben. Als der eigentliche Erfinder des Lichtdruckes, der jedoch das Verfahren nicht zuerst praktisch in Anwendung brachte, gilt J. B. Obernetter. Die Arbeiten desselben stehen in hohem Ansehen, darunter die Facsimile-Ausgabe der „Meister von 1440–1694“; die „Kunstschätze aus dem bayrischen Nationalmuseum“ u. s. w. Ein Portrait des Kaisers wurde in einer Auflage von einer Million gedruckt. Auch Jul. Allgeyer und C. Bolhoevener zeichneten sich in ihrem photochemischen Verfahren aus. In neuester Die Autotypie.Zeit erregte die Autotypie des Ingenieurs G. Meisenbach Aufsehen. Ein Mangel bei der Zinkhochätzung war die Notwendigkeit, eine Vorlage in scharfen Linien oder mit lithographischem Korn versehen zu haben; eine getuschte Zeichnung, sowie eine Aufnahme nach der Natur oder einem Ölgemälde war nicht zu benutzen. Dem will die Autotypie abhelfen. Die Aufnahme des Bildes für die Hochätzung findet durch ein System von Linien statt, wodurch der notwendige Halt für die Reproduktion in Zinkographie geschaffen wird.
Die berühmte Bruckmannsche Kunstanstalt, jetzt eine Aktiengesellschaft, wurde 1865 gegründet. Im Jahre 1869 erwarb Friedr. Bruckmann das durch Patent geschützte Woodbury-Verfahren; 1875 nahm er den Lichtdruck auf; 1882 die Photogravüre, die sich namentlich zur Reproduktion von Ölgemälden eignet[238]. Bruckmann lieferte eine grosse Anzahl Galerien zu den vielen deutschen Dichtern und unter Zuhilfenahme der Xylographie grossartige Prachtwerke, z. B. Krelings „Faust“ und die „Geschichte der Hohenzollern“, die zu den bedeutendsten Erzeugnissen der neuen Zeit gehören.
Die Chromolithographie wird in ziemlichem Umfange in München betrieben. Bekannt sind die Anstalten von Gebr. Obpacher, Lehmann & Wentzel, W. Forndran, F. Gypen, Th. König, Mey & Widmayer, sie arbeiten hauptsächlich für das Papeteriegeschäft oder beschäftigen sich mit der Herstellung religiöser Bilder. Als Kunstverleger sind thätig A. Ackermann, F. Finsterlin, E. A. Fleischmann, G. Franz, P. Kaeser u. a.
Nürnberg erhielt in neuerer Zeit wieder eine erhöhte Bedeutung durch das Germanische Museum und seine Kunstgewerbeschule, welche beide direkt und indirekt, auch durch Ausstellungen, auf das graphische Gewerbe fördernd wirken. Die Stadt ist auch der Sitz verschiedener Fabrikationen, die mit den graphischen Gewerben in naher Verbindung stehen, z. B. Bronce, Farbe, Zeichenmaterial. Auch die Zahl der eigentlichen graphischen Anstalten ist noch eine bedeutende, namentlich für den lithographischen sowie für den Kupfer- und Stahldruck. Die Zahl der Buchdruckereien ist 26 mit 49 Schnellpressen, darunter G. B. J. Bieling (5 Schp.), U. E. Sebald (7 Schp.). Die älteste Druckerei ist die von W. Tümmel, seit Ende des XVI. Jahrhunderts bestehend, welche mit 2 Rotationsmaschinen den „Fränkischen Kurier“ druckt. Unter den 46 lithographischen und Kupferdruck-Anstalten, welche mit 79 Schnellpressen und gegen 300 Handpressen arbeiten, sind zu nennen: G. Brunner, hauptsächlich Phantasieartikel liefernd (15 Schp., 24 Hdp.); Karl Mayer für Farbendruck, Luxuspapier und Kupferdruck (5 Schp., 30 Hdp.); C. A. Pocher (16 Schp., 35 Hdp.); C. Schimpf (5 Schp., 18 Hdp.); Franz Schemm; H. Serz & Co.; J. G. Martin (4 Schp., 22 Hdp.); E. Nisler (12 Schp., 14 Hdp.). Man sieht aus diesen Angaben, dass der Export Nürnbergs immer noch ein bedeutender ist. In dem benachbarten Fürth arbeiten J. Hesse (5 Schp., 15 Hdp.) und G. Löwensohn (5 Schp., 5 Hdp.).
Regensburg ist berühmt durch die liturgischen Druck- und Verlagswerke von Fr. Pustet (17 Schp.) und J. G. Manz (9 Schp.). Einzelne mit Aquarellen geschmückte Bände erreichen einen Preis von 1000 fl. und mehr. Viele der Ausgaben sind mit vortrefflichen Miniaturen in xylographischem Farbendruck von Knöfler in Wien geschmückt. Von den Pustetschen Drucken seien erwähnt: das Missale in Gross-Folio von 1863; das Graduale in zwei mächtigen Folianten; die musica sacra des Kanonikus C. Proske, 6 Bände in Quart; das Missale Romanum mit Einfassungen und Illustrationen von Prof. Klein in Wien. Dass neben dem wirklich Schönen auch mancher Flitterstaat vorkommt, lässt sich bei Werken dieser Art J. G. Manz.kaum vermeiden. Manz wendet in seinem Verlag mehr den Stahlstich an, hat ausserdem noch einen bedeutenden katholisch-wissenschaftlichen Kempten.Verlag. In Kempten verfolgt Jos. Kösel ebenfalls den liturgischen Verlag, ohne sich mit dem Regensburger messen zu können. Dort wirkt auch Tob. Dannheimer.
Augsburg wurde oft genannt als Druckort der „Allgemeinen Zeitung“. Eine lange Reihe von Jahren war diese das einflussreichste Journal Deutschlands, namentlich auf Grund der besonderen Freiheiten, welche das Blatt in Österreich genoss, und ihrer intimen Beziehungen in den höchsten Wiener Regionen. Berühmt waren ihre wissenschaftlichen Beilagen, welche, dank den weitverzweigten litterarischen Verbindungen der Firma Cotta, die vortrefflichsten Artikel in Bezug auf Kultur-, Litteratur- und Kunstzustände enthielten. Von den 13 Druckereien Augsburgs sind noch anzuführen J. P. Himmer (7 Schp.) und Gebr. Reichel (7 Schp.). Des Dr. Huttler wurde bereits gedacht (S. 394). Dasselbe ist der Fall mit der grossen Maschinenfabrik Augsburg (S. 313).
Von anderen Städten Bayerns sind zu erwähnen: Würzburg mit der B. Stahelschen (4 Schp.), der Bonitas-Bauerschen (5 Schp.) und Theinschen Offizin (6 Schp.), sowie mit der Maschinenbauanstalt von König & Bauer im Kloster Oberzell; Landshut mit der J. Thomannschen Buchdruckerei (6 Schp.); Ansbach, wo C. Brügel & Sohn (6 Schp.) drucken. Auf Grund seiner vortrefflichen Accidenzarbeiten verdient J. B. Dorn in Kaufbeuren genannt zu werden.
Hatte Frankfurt a. M. auch seine frühere Bedeutung als Emporium des Buchhandels verloren, so behauptete es wenigstens, wie schon früher erwähnt, seine Suprematie in der Stempelschneiderei und der Schriftgiesserei, zeichnete sich daneben auch in der Verwendung der verschiedenen graphischen Künste für den Accidenzdruck Accidenzdruckereien.aus. Ganz besonders traten hervor die Firmen C. Naumann (14 Schp., 23 Hdp.) und B. Dondorf (9 Schp., 12 Hdp.), mit Bunt- und Congrevedruck, pantographischen Arbeiten, Reliefdruck und dergleichen, sowohl jeder für sich, als wenn sie zu einzelnen Zwecken zusammentraten. Bedeutendes in technischer und quantitativer Hinsicht wurde von ihnen bei der Anfertigung des italienischen und japanischen Papiergeldes geleistet, bis auch diese Länder soweit fortgeschritten waren, dass sie ihren „Bedarf“ in diesem wichtigen Artikel selbst decken konnten.
In neuester Zeit hat A. Osterrieth sein Geschäft zu einem, alle graphischen Zweige umfassenden (18 Schp., 12 Hdp., 150 Arb.) ausgebildet. Albert Mahlau, Inhaber der Firma Mahlau & Waldschmidt, wurde bereits (S. 364) erwähnt. Bedeutend ist die Steindruckerei E. G. May Söhne (10 Schp., 12 Hdp.). Die C. Knatzsche Anstalt liefert in Etiquetten und dergleichen mannigfach Gutes. K. Klimsch verbindet Buch- und Steindruckerei (S. 319)[239].
Auf dem Rossmarkte steht das Gutenberg-Monument (I, S. 36); hätten doch im Leben Gutenberg, Fust und Schöffer so fest zu einander gestanden wie hier auf dem Bildwerke des Freiherrn v. d. Launitz.
In Darmstadt, das auch durch die Firmen Jonghaus & Venator, F. Lange und W. Leske für den Kunsthandel eine gewisse Bedeutung hatte, drucken C. F. Winter und L. C. Wittich; in Wiesbaden die L. Schellenbergsche Hofbuchdruckerei; in Cassel Gebr. Gotthelft und die Hof- und Waisenhausbuchdruckerei, je mit 5 Schnellpressen. In letzterer Stadt liefert Th. Fischer zu seiner Palaeontographica (ein Exemplar kostet über 2000 Mark) und anderen Werken tüchtige Abbildungen in lithographischem Farbendruck. Noch sei das Städtchen Allendorf a. d. Werra genannt, mit der Offizin Bodenheim & Co., die mit 10 Schnellpressen und 150 Arbeitern hauptsächlich Schreibhefte, Kapseln und dergleichen liefert.
Kein Jünger Gutenbergs hört den Namen Mainz nennen ohne den Gedanken an dessen frühere Herrlichkeit für die Buchdruckerkunst. Dass die Erfindung in Mainz geschah, war in Zufälligkeiten begründet und für die Entwickelung einer Kunst oder eines Gewerbes sind Verhältnisse mitwirkend, die zu regeln und zu ändern nicht in der Macht des Einzelnen liegt. Deshalb lässt sich, wenn das goldene Mainz nicht eine Gutenbergsche Hochschule geworden, darüber mit den Mainzern nicht rechten, wohl aber dürfte sie der Vorwurf treffen, dass sie nicht beizeiten an die Gründung eines Gutenberg-Museums gedacht und dass sie noch leichteren Kaufes, als die, allerdings sehr ungünstigen, Verhältnisse es notwendig machten, ihre typographischen Schätze dahingegeben haben, die jetzt hauptsächlich Zierden der Nationalbibliothek in Paris sind. Trotzdem wird Mainz ein Wallfahrtsort der Jünger Gutenbergs bleiben, um wenigstens das Standbild des Meisters zu schauen, das seit dem 14. August 1837 den Das Einweihungsfest des Monuments.Gutenbergsplatz schmückt. Die Einweihung desselben gestaltete sich zu einem glänzenden Feste. Ein grossartiger Festzug von den aus allen Gauen Deutschlands, ja selbst aus fremden Ländern zusammengeströmten Gästen begab sich erst nach dem Dom, wo der Bischof einen feierlichen Gottesdienst abhielt und wo ein Te Deum von Sigm. Neukomm gesungen wurde. Von dort bewegte sich der Zug nach dem Festplatze, wo der Vorsitzende des Gutenberg-Vereins die Übergabe-Rede hielt, worauf die Enthüllung der Statue Thorwaldsens vollzogen wurde. Am zweiten Tag ward ein Volksfest, auf dem Rhein ein Fischerstechen, abends ein glänzender Fackelzug und im Schauspielhause ein Ball abgehalten. Am dritten Festtage fand eine Versammlung der Fachgenossen statt, um über die Säkularfeier zu beraten, deren Abhaltung für den 24. Juni 1840 endgültig bestimmt wurde. Thorwaldsen ward zum Ehrenbürger der Stadt erwählt und ihm ein kunstvolles Diplom in silberner Decke übersandt[240].
Offenbach a. M. hat eine Bedeutung in der Geschichte der Lithographie durch die Verbindung Senefelders mit Joh. André, der die Erfindung erwarb, um sie für die Herstellung seines Musikalienverlags nutzbar zu machen. Mannheim hat 12 Buchdruckereien, darunter M. Hahn & Co. (7 Schp.) und die Mannheimer Vereinsbuchdruckerei (5 Schp.). In dem gegenüberliegenden Ludwigshafen Karlsruhe.befindet sich die Baursche Buchdruckerei (4 Schp.). In Karlsruhe mit 17 Offizinen ist die grösste die Ch. F. Müllersche Hofbuchdruckerei und lithographische Anstalt (8 Schp., 11 Hdp.). Tüchtiges liefern die G. Braunsche Hofbuchdruckerei und C. & G. F. W. Hasper * 31. Juli 1796, † 21. Juni 1871.Macklot. Hier wirkte auch Friedr. Wilhelm HASPER, bekannt durch sein „Handbuch der Buchdruckerkunst“ 1835, das jedoch nicht ganz den gehegten Erwartungen entsprach. Karlsruhe hatte zu der Zeit, wo die Stahlstich-Illustration florierte, eine ziemliche Anzahl von Kunstinstituten aufzuweisen, als W. Creuzbauer, F. Gutsch, T. B. Veit, J. Velten. Obwohl Universitätsstadt hat Heidelberg keinen bedeutenden Platz in der Geschichte der Buchdruckerkunst; A. Emmerling & Sohn beschäftigen 4 Schnellpressen.
Nach erfolgter Einführung nahm die Buchdruckerkunst in Freiburg einen ziemlichen Aufschwung, verfiel jedoch unter der österreichischen Zensur und Jesuitenherrschaft. Erst mit Maria Theresia und Joseph II. begannen freundlichere Tage für die Presse. 1840 zählte Freiburg 7 Buchdruckereien und 6 Kupfer- und Steindruckereien. Besondere Bedeutung hat die Herdersche, 1801 gegründete Anstalt. Herder war der erste, der einen Bilderatlas zu dem Konversations-Lexikon, unter der Leitung des Geographen Heck, versuchte. Seine geographischen Verlagsartikel, namentlich die grossen Arbeiten Wörls; Kausslers „Schlachtenatlas“; J. Löwenbergs „Historisch-geographischer Atlas“ sind von Wichtigkeit. Auch Rottecks Weltgeschichte, die seinerzeit eine sehr grosse Verbreitung fand, erschien bei Herder, der ausserdem den katholischen Verlag sehr pflegte.
In Lahr hatte seit 1800 J. H. Geiger, jetzt M. Schauenburg, ein umfangreiches Etablissement (19 Schp., 11 Hdp., 150 Arb.). Allgemein bekannt ist der „Lahrer hinkende Bote“.
Metz besitzt neun Buchdruckereien und sieben lithographische Anstalten; die bedeutendste Offizin (5 Schp.) ist die nach dem Kriege von Gebr. Lang begründete. In Mülhausen arbeiteten für die dortigen Fabriken sieben Buchdruckereien und zwölf lithographische Anstalten, darunter W. Baader & Co. (6 Schp., 12 Hdp.). Das Strassburg gegenüber liegende Kehl war für eine kurze Zeit bekannt durch die Beaumarchaissche Druckerei (S. 184). Weltberühmt Ad. Braun.ist die von Ad. Braun 1858 in Dornach gegründete photographische Anstalt. Braun begann seine Laufbahn als Musterzeichner in einer Kattundruckerei. Berühmt wurden seine Schweizer Landschaften; auch liess er später ganz Mitteleuropa bereisen, um Aufnahmen zu machen, welche 1862 bereits die Zahl 15000 erreicht hatten. Seit 1866 trieb er den Pigmentdruck im grossen Stil. Sämtliche Museen Europas wurden bereist und eine grosse Zahl der berühmtesten Handzeichnungen grosser Meister als treue Facsimiles reproduziert, ebenso die interessantesten Gemälde fast aller Galerien. Die Anstalt, welche in eine Aktiengesellschaft umgestaltet wurde, besass bei Brauns Tod 1877 mehr als 60000 Negativplatten. In Colmar besteht noch das von Decker gegründete Geschäft unter der Firma C. Decker Witwe (S. 358).
Mit hoher Befriedigung wird jeder Deutsche in Strassburg, der „ersten Wiege“ der Druckkunst, welche injuria temporum Deutschland, wie es fast den Anschein hatte für immer, verloren gegangen war, einkehren, da er jetzt nicht nötig hat, deshalb die Grenzen des Reichs zu überschreiten. Wird auch der Politiker und Kriegsführer Metz mit derselben Freude als deutsch begrüssen, das Herz des Volkes und der Fachgenossen besonders hängt doch mehr an Strassburg.
Mag das Denkmal Gutenbergs (I, S. 36) von Franzosen errichtet sein, mag das Buch, welches der Meister in der Hand hält, immerhin die französische Inschrift Et la lumière fût tragen, hoffentlich wird nie der, in einem Augenblicke hoher Aufregung ausgesprochene, Gedanke, das Monument, oder wenigstens die Inschrift, zu entfernen, wieder entstehen. Ist doch die Huldigung, dem deutschen Manne von einem grossen Volke dargebracht, keine Schande für ihn, der für alle Völker segensreich gewirkt hat, wie es auch das Relief des Denkmals versinnlicht, wo sich Repräsentanten aller Völker sammeln, um dem Meister enthusiastische Huldigung darzubringen. Das Denkmal steht, wo es hingehört, auf deutschem Grund und Boden, da mag es mit französischer Aufschrift stehen.
Mit dem Übergang Strassburgs in die Hände der Franzosen erlosch nach und nach das frische deutsche Kultur- und Kunstleben, das nicht durch eine französische Akademie ersetzt werden konnte. Doch hatte Strassburg in der Geschichte der graphischen Künste gute Namen zu verzeichnen: Berger-Levrault (S. 187), Treuttel & Würtz (S. 186), Gustav Silbermann (S. 205), zu denen Engelmann Vater und Sohn aus Mülhausen sich gesellen (S. 206). Jetzt zählt Strassburg 15 Buchdruckereien und 16 lithographische Anstalten mit 64 Schnellpressen und 98 Tret- und Handpressen. Die hervorragendste Druckanstalt bleibt die wennauch geteilte Offizin Berger-Levrault (S. 186), jetzt eine Kommanditgesellschaft unter der Firma R. Schultz & Co. mit 22 Schnellpressen, 18 Handpressen und 250 Arbeitern. Die berühmte Silbermannsche Anstalt ging erst auf M. Schauenburg in Lahr, dann auf Silbermanns früheren Geschäftsführer R. Fischbach über (9 Schp., 7 Hdp.), ausserdem ist die Universitätsbuchdruckerei von J. H. E. Heitz (4 Schp.) zu nennen.
Einen gewichtigen Namen in der Geschichte der typographischen und geistigen Interessen Strassburgs hat der gelehrte Joh. Dan. Schöpflin. Er schrieb die bekannten Vindiciae typographicae (1760) und überliess 1765 der Stadt gegen eine mässige Leibrente seine historischen Sammlungen und seine bedeutende Bibliothek, fuhr jedoch fort, diese auch nach der Abtretung zu vermehren. Die Bibliothek.Durch die Einziehung der Klöster und durch jährliche Erwerbungen war die Sammlung auf gegen 12000 Handschriften und gegen 180000 gedruckte Bücher angewachsen, darunter gegen 2000 Inkunabeln zumteil der seltensten Art. Als ein Kleinod der Sammlung galt das Manuskript der Äbtissin Herrade von Landsberg, Hortus deliciarum, aus dem XII. Jahrhundert, in Gross-Folio, mit den kostbarsten Miniaturen fast auf jedem Blatt. Auch eines der wichtigsten Dokumente aus der Erfindungsgeschichte der Buchdruckerei, die Zeugenaussage in dem Prozess zwischen Gutenberg und den Brüdern des Andr. Dritzehn aus dem Jahre 1439 (I, S. 25), befand sich unter den Schätzen, welche seit dem Jahre 1805 in die neue evangelische Kirche verlegt wurden, wo bereits eine andere wichtige Sammlung, die Universitätsbibliothek, untergebracht war.
Einige leider zu gut gezielte Bomben haben das alles vernichtet und die Opferfreudigkeit, mit welcher die Strassburger Bibliothek neu und grossartig errichtet wurde, konnte den unersetzlichen Teil nicht wiederschaffen[241].
Hoffen wir, dass materielle und nationale Wunden mit der Zeit vernarben, dass das alte Strassburg wieder als eine der hauptsächlichsten deutschen Kulturstätten erstehe und neuen typographischen Ruhm erwerbe, dass zum nächsten Jubelfeste die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten sich um das Abbild des Meisters brüderlich die Hand reichen. Gutenbergs Kunst kann zwar schwere Wunden schlagen, aber sie heilt auch solche!
Als einige Geistliche in Cellarina im Ober-Engadin den Gedanken gefasst hatten, eine Druckerei anzulegen, liessen sie einen Setzer und einen Drucker aus Bergamo kommen, welche die kleine Letternanschaffung in ihrem Ranzen auf dem Rücken trugen. Eine abgenutzte Holzpresse wurde auf einen Esel gepackt, weil noch kein Fahrweg vorhanden war. Ein Zimmermann schlug auf dem Boden eines Heustalles Regale auf und zimmerte Setzkasten. Als Gespan des Druckers fungierte ein Bauernbursche, welcher auch die Abwartung des im unteren Stock einlogierten Esels zu besorgen hatte. Wenn der Winter herannahte, ging das Personal nach Bergamo heim und kam mit dem Frühjahr wieder zurück. Durch dessen Arbeit entstand eine Sammlung geistlicher Lieder, welche noch nach dem Jahre 1840 das allgemeine Kirchengesangbuch des Engadin bildete.
Wenn nun auch dieses kleine typographische Genrebild, selbst in der Schweiz, wohl nicht viele Pendants hat, so kann es doch als eine hübsche wennauch drastische Illustration der Schwierigkeiten dienen, welche der raschen Verbreitung der Typographie in einem Berglande mit zerstreuter Bevölkerung, kleinen Städten und einem Erfreuliches Emporblühen.schwierigen Verkehr entgegenstanden. Diese Verhältnisse müssen die Achtung für die Schweizer Typographen steigern, die, obwohl die Litteraturen des mehrsprachigen Landes sich denen der grossen Nachbarvölker anschliessen müssen, gewusst haben, ihre gewerbliche Selbständigkeit zu wahren und, allerdings kräftigst durch eine wennauch kleine so doch hochgebildete und hochpatriotische Bevölkerung unterstützt, eine bedeutende Produktion zu erzielen.
So bildet die schweizerische Typographie das Bild einer allmählichen, ruhigen, den Verhältnissen angemessenen Fortentwickelung. Man ist eifrig bemüht gewesen, nicht zurückzubleiben, strebt aber andererseits nicht danach, eine der Sachlage nicht angemessene blendende Stellung einzunehmen.