Title: Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3
Author: Heinrich Zschokke
Release date: July 9, 2013 [eBook #43165]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski (based on page scans provided
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Eine abentheuerliche Geschichte
von
M. J. R.
Drittes und leztes Bändchen.
Leipzig und Frankfurt an der Oder,
bei Christian Ludw. Friedr. Apitz. 1795.
An
Wilhelm Burgheim.
Lieber,
Man las weiland so gern die wundervollen Märchen des Orients, und konnte sich nicht müde hören an den Plaudereien der schwatzhaften Scheherazade. — Aladins magische Lampe und seine ebentheuerliche Bewerbung um die schöne Prinzessin Badrulbudur entzückten mich, als Knaben, und, ich läugne es nicht, behagen mir in mancher Stunde noch izt.
Statt des orientalischen Märchens schrieb ich ein deutsches; statt der Zauberer und Elfen, an deren Existenz in Deutschland der Glaube selten geworden ist, erwählt’ ich den geheimen Bund einer ausgebreiteten Gesellschaft, und wo mir der Wunder noch nicht genug waren, schuf ich neue.
Ich schrieb dies Märchen in einer Periode meines Lebens, worin sich die üppige Phantasie noch nicht vor dem Gesetz der Kunsttheorien beugt, sondern gern, und darum oft, aus dem Lande des Wahrscheinlichen in die Labyrinthe des Wunderbaren hinübereilt. Ich kannte kein Gesetz und keine Sitte, sondern nur die Inspirationen meiner eigensinnigen Laune. Ich schrieb, und gewiß mehr zu meinem, als anderer Vergnügen. Es sollte Probearbeit seyn, meinen Pinsel zu prüfen, meiner Hand Festigkeit zu geben in der poetischen Zeichnung, und mich in den Farbenmischungen zu üben.
Ueberzeugt von dem wenigen Werth dieser Arbeit, die schon vor mehrern Jahren beendigt war, stand ich lange an, den Rest derselben herauszugeben. Es geschieht izt, wiewohl die lesende Welt gewiß durch diese Gutwilligkeit nichts gewinnt; es geschieht, theils um das schmeichelnde Verlangen meiner Freunde und mancher Unbekannten zu erfüllen, theils um eine Gelegenheit zu haben, öffentlich zu gestehn: daß das schönste Loos, welches ich diesem Märchen wünsche, sey — Vergessenheit! — Ist dieses erfüllt: so wird mir manche brennende Schaamröthe erspart seyn.
Nimm inzwischen, Du, mein Lieber, dieser Gemälde Schluß; lies und sinn, lächle und denke, wenn hie und da sich ein bekanntes Schauspiel vor Deine Seele hindrängt: es war und wird nicht wieder seyn!
Nimm diese Gemälde, aber nicht, als ein Ganzes, mit den nothwendigen Parthien kunstgerecht ausgesteuert, oder worin Licht und Schatten sorgfältig nach der Regel abgemessen wären; sondern denke, daß sie nur, als hingeworfne Linien, nie blinde Umrisse gelten können, an sich selbst ohne Werth, nur reich an Spielräumen für eine geschäftige Phantasie.
Nimm und denke, manches dieser Bilder sey ein Leichenstein erstorbner Freuden; ein kleines Monument grosser, seeligkeitsvoller Augenblicke, die wir einst unser nannten; ein trauriges Mementomori für die Himmeltage, welche für uns beide noch auf Erden, vielleicht in den paradiesischen Thälern der Schweiz oder Italiens anbrechen dürften.
Hinfällig sind aber diese Monumente, wie die Freuden selber waren, auf welche sie hindeuten. Mancher wird sie betrachten, sie tadeln, sie loben — aber gewiß, jeder wird sie vergessen. Nur Dich mögen sie in einer einsamen Stunde oft erinnern an Deinen Freund, den
Verfasser
| Erster Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Die Auferstehung. | 1 |
| Zweites Kapitel. Idalla’s Hütte. | 11 |
| Drittes Kapitel. Ein halbes Jahr. | 16 |
| Viertes Kapitel. Die Erzählung. | 20 |
| Fünftes Kapitel. Die Verwandlung. | 25 |
| Sechstes Kapitel. Der Wechselgesang. | 29 |
| Siebentes Kapitel. Das Abentheuer im Walde. | 37 |
| Achtes Kapitel. Louisens Erscheinung. | 42 |
| Neuntes Kapitel. Imada. | 49 |
| Zehntes Kapitel. Der Winter. | 56 |
| Zweiter Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Auswanderung in die neue Welt. | 60 |
| Zweites Kapitel. Das Abentheuer am Schlagbaum. | 65 |
| Drittes Kapitel. Der Commendant. | 68 |
| Viertes Kapitel. Für keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts. | 73 |
| Fünftes Kapitel. Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert. | 77 |
| Sechstes Kapitel. Rosalia medisirt. | 88 |
| Siebentes Kapitel. Die Spazierfahrt. | 92 |
| Achtes Kapitel. Gobby. | 102 |
| Neuntes Kapitel. Der Kupferstich. | 109 |
| Zehntes Kapitel. Der Salomonismus. | 114 |
| Eilftes Kapitel. Josselin. | 125 |
| Zwölftes Kapitel. Brüderschaft. | 129 |
| Dreizehntes Kapitel. Erscheinungen. | 137 |
| Vierzehntes Kapitel. Traumwunder. | 145 |
| Funfzehntes Kapitel. Die schwarzen Brüder. | 154 |
| Sechzehntes Kapitel. Dialog. Aufklärungen. | 164 |
| Dritter Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Nur Einleitung. | 169 |
| Zweites Kapitel. Verzweiflung. | 172 |
| Drittes Kapitel. Sie wandern alle in ihre Heimath. | 184 |
| Viertes Kapitel. Sie reisen zur Hochzeit. | 187 |
| Fünftes Kapitel. Zuerst ins Tollhaus. | 190 |
| Sechstes Kapitel. Was ist der Mensch! | 204 |
| Siebentes Kapitel. Das Fest der Menschheit. | 215 |
| Achtes Kapitel. Ach! | 227 |
| Neuntes Kapitel. Hoffnungen. — Die Todtenfeier. | 234 |
| Zehntes Kapitel. Die Fußtapfen der schwarzen Brüder. | 252 |
| Eilftes Kapitel. Sie wandern weiter. | 263 |
| Zwölftes Kapitel. Die Heimath. | 271 |
| Vierter Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Mont-Rousseau. | 276 |
| Zweites Kapitel. Das Willkommen. | 279 |
| Drittes Kapitel. Die Flucht. | 286 |
| Viertes Kapitel. Der Bräutigam erscheint. | 295 |
| Fünftes Kapitel. Epilog an die Leser. | 299 |
Wie das Gras auf dem Felde duftet und verdorret zu seiner Zeit: so veraltern und verschwinden die Geschlechter der Menschen. Knaben spielen mit den Hirnschädeln ihrer Ahnen, und nach hundert Jahren tanzt ein neues Geschlecht über ihren Gräbern.
Mit rüstiger Schwinge stürmen Jahrhunderte an Jahrhunderten unserm Erdstern vorbei. Wer hört ihr Sausen? wer mißt ihre Schnelle? Unter ihrem zerstörenden Flügelschlage fallen Gebürge und Maulwurfshügel, Pyramiden und Gräberkreuze; Strohhütten und Königsstädte vernichtet zusammen; die schönsten Geburten der Natur zerstieben und der fruchtbare Schoos dieser Allmutter gebiert aufs neue, um von neuem ihre Schöpfungen sterben zu sehn.
Dies ist der alte, einförmige Lauf der Dinge während des gegenwärtigen Augenblicks und durch Jahrhunderte hinab und durch Jahrtausende.
Auch das achtzehnte Jahrhundert war nun hineingegangen in den stillen Pallast der Vergangenheit; seines Gewandes Saum trof vom Blute der Edeln, die für und wider Barbarei und Menschheitswürde fochten. Eine Republik war untergesunken eine neue erstanden!
Vier bis fünf Secula folgten, und waren gewesen; Könige und Kaiser hatten regiert, Bettler gebettelt, Schriftsteller sich müde geschrieben, und Vergessenheit war ihr Loos; denn die Nachkommen lassen sich so wenig, als ihre Vorfahren den schönen Wahn rauben, daß sie am besten regieren, betteln und schreiben.
Aber auch nach einem halben Jahrtausend blühte noch ein herrlicher Morgen auf; so herrlich ihn nur immer die Bürger des achtzehnten Jahrhunderts sahn. Noch standen die Alpen, noch grünten die Fluren, noch dufteten die Blumen, noch hörte man die Vöglein singen — alles schien noch immer die alte Welt zu seyn und doch schrieben die christlichen Calender schon das Jahr 2222 nach unsers Herrn Geburt.
„O, mein Gott!“ — — rief Florentin plötzlich in der Alpenhöhle aus; „ich erwache — zu früh!“
Es schwebte seinem Gedächtniß das Bild der lezten Scene in dieser Höhle aus dem achtzehnten Jahrhundert, wie eine Geschichte von Gestern, vor; er gedachte des Holderschen Gelübdes erst nach fünfhundert Jahren zu erwachen, und fand zwischen izt und der Vergangenheit das ohngefähre Intermezzo einer Nacht.
„Wahrscheinlich zur rechten Zeit!“ entgegnete ihm eine Stimme. Holder war erwacht und lächelnd rieb er sich den Tod von den Wimpern.
„Wie Du mich getäuscht hast!“ sagte Florentin mit unzufriednem Tone.
„Getäuscht?“ stammelte Holder, und tappte wie in einem dumpfen Traume um sich: „getäuscht? — getäuscht? Nein, nein, es ist überstanden: nein das achtzehnte Jahrhundert ist vorüber — wir haben lange — lange hier gelegen; das fühl’ ich.“
„Eine Nacht!“
„Eine Nacht freilich für uns, aber sie muß wenigstens, ich sage wenigstens, die Dauer eines halben Jahrtausends gehabt haben.“
„Wollte Gott, mein Holder, dem wäre so. Wollte Gott, ich trät hinaus aus dem Gebürg in eine neue Welt! — o, die Schwärmerei gefällt mir, und noch izt, da ich ihre Unmöglichkeiten, ihre Widersprüche lebendiger, als je, erblicke.“
„Wie befindest Du Dich?“
„Matt, sehr matt, Freund, und Fieberfrost in allen Gebeinen.“
„Oheim! Oheim!“ rief Karlchen.
„Mein Sohn!“ schrie Florentin und raffte sich mühsam auf. Er wollte seinen Karl umarmen, und fühlte schaudernd sein Gewand rein abgemodert vom Körper; die Nägel ausgewachsen, wie Greifenklauen, und den langen Bart hinunterfliessen bis zum Nabel.
Ein kalter Schauder belief ihn.
„Holder! lieber Holder!“
„Was ist Dir?“
„Verwandlung! — Holder, wenn Du recht hättest! Beinah möcht’ ich an Deine Wunder glauben lernen.“ —
„Laß uns aufbrechen. Jezt ist jede Minute unsers Lebens kostbar! — Freilich, Bruder, haben wir nun eine kleine Ungemächlichkeit zu bestehn. Wir werden ein ganzes Weilchen die Rolle des Rousseauschen Favoritmenschen spielen, oder uns mit Feigenblättern bekleiden müssen, als weiland unsre Stammeltern. Doch wenn die Genossen dieses Zeitalters noch mit eben der Lüsternheit an Gold und Juwelen hangen; so haben wir nicht Ursach die Zukunft zu fürchten; Hier steht ja noch das eiserne Kästlein, zerfressen vom Rost.“
„Meinst Du, Holder, wir werden durch unsre Juwelen auch in dieser Welt die Herzen der Menschen unterthan machen? — Wie, wenn — — —“
„Närrchen! — versezte Holder: — so lange der Erdball von Menschenkindern bewohnt wird, bleibt Geld das große Losungswort; welches man unter allen Zonen verstehe, der Schlüssel zum Paradiese gesellschaftlicher Freuden, die Leiter zur Unsterblichkeit, der Talisman, mit welchem wir Oberherrschaften erringen, das Centnergewicht in der Waagschale des Verdienstes! — und Armuth? ach, sie ist und bleibt die gefährlichste Klippe, woran die ehrwürdigsten Bündnisse scheitern, sie ist das Schwerdt, welches die Eisenbanden der Freundschaft, wie einen losen Zwirn zerschneidet, ist der Riese, welcher die natürliche Freiheit und Gleichheit der Menschen zerstöhrte und die alte Ordnung aus ihren Fugen schlug!“
So redeten sie noch manches unter einander. Endlich machten sie ernsthafte Anstalten zum Aufbruch aus der Höhle. Mühsam erhoben sich die Männer des achtzehnten Jahrhunderts; mühsam schlichen sie an den Felsenwänden in der Finsterniß hin, und der holde Sohn Louisens taumelte wie ein Schlaftrunkner zwischen ihnen.
Sie mußten öfters stille stehn; theils um auszuruhn, theils um nach und nach ihr Auge an die beginnende Dämmerung zu gewöhnen.
„Siehe!“ rief Holder in einer solchen Pause: „wenn unsre Seele unsterblich ist, und diese Seele Bewußtsein und Gedächtnis und Empfindungsvermögen behält, so wird es uns dann seyn, wie izt, wenn wir den Todeskampf bestanden haben und einer neuen Welt entgegen reisen. — Gestorben sind wir vor fünfhundert Jahren, hinter uns liegt unser Grab, vor uns nun die neue Welt mit ihren neuen Leiden und Freuden. Vielleicht erwartet uns eine Hölle dort, vielleicht ein Elysium!“
„Vielleicht — — — Elysium!“ seufzte Duur!
„Verstorben sind für uns alle Freunde, alle Bekannte der ehmaligen Welt; zerrissen sind alle seeligen und unseeligen Verhältnisse, worin Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz, Eitelkeit, Nervenkützel und Ohngefähr uns versponnen; es hängt von uns ab, andre einzufädeln!“
„Und so werd’ ich Louisen nicht wiedersehn? keine Spur von den Ruinen meines väterlichen Schlosses mehr finden? — Fünfhundert Jahre schlummerte nun sanft die Asche meines Onkels, meiner guten Schwester? Ich werde nicht mehr Rikchens Grab entdecken; von Louisens Schönheit nicht mehr reden und Herzog Adolfs Lob nicht mehr singen hören?“
„Es ist nun alles vorüber, Florentin, alles. Du bist der Bürger einer fremden Erde. Der Strom der Zeit, der über uns hinwegrauschte, hat allen meinen Kummer fortgespült, aber Dir scheint er Deine Schwärmerei gelassen zu haben.“
„Ich bin ruhig, Holder, sehr ruhig. Vielleicht geht in dieser neuen Welt der Stern meines Glückes ungetrübter auf. Ich will Dir dann mit Thränen danken.“ —
„Nun vorwärts!“
„Glück zu!“ murmelte Florentin und zog seinen Sohn mit heimlichem Grauen näher an sich.
Schon dämmerte es durch die Felsengänge von der Oberwelt herunter; schon athmeten die unterirrdischen Pilger eine andre Luftart; schon hörten sie aus der Ferne das süße Zwitschern der Bergschwalben und das Herz verdoppelte seine Schläge in allen.
Nach langem Tappen und Schleichen gewannen sie der Grotte Ausgang — — das helle Tageslicht strömte ihnen entgegen — — — entgegen scholl ihnen der Vögel liebliche Melodei aus dem drei und zwanzigsten Jahrhundert; entgegen ihnen der Eichenzweiche Lispeln im Morgenhauche. Schwelgend hing ihr Blick am grünen Teppich des Erdbodens, schwelgend an den Gruppen der leichten Gebüsche und Felsen, schimmernd in Aurorens Herrlichkeit — — — Alles, alles war den Bürgern dieser Welt neu, und und alles, alles so schön!
„Elysium!“ schrie Florentin, übermannt von unaussprechlicher Seeligkeit, hintaumelnd in das hohe duftige Gras, und abküssend den Thau vom zitternden Halme.
„Elysium!“ jauchzte Holder und sank auf seine Knieen, und der Mann weinte, wie ein Kind, der sonst von keiner Thräne zu sagen wuste. Gefaltet streckte er seine Hände gen Himmel; sein Blick, seine Miene, sein Seufzer, seine Thräne war Gebet — heisses, glühndes Gebet zum ewiglebenden, ewigsorgenden Schöpfer des Schönen und Guten.
„Elysium!“ rief der Knabe und tauchte sich in das wogende Gras unter. Er verstand das fremde Wort nicht, aber den Ton der Wonne darin.
Wer hätte es glauben sollen, daß der Herr von Sorbenburg jemals in Gesellschaft seines Schwagers so nackt, als sie beide vor fünfhundert Jahren den Händen der Mutter Natur entsprungen waren, am Alpengebürge umherstreifen würden? Ein seltsamer Kontrast! Die ehmaligen feinen gewandten Hofmänner zogen in ziemlich patriarchalischem Kostum umher, und suchten Menschen; lagen bald an einer Quelle, sich zu baden, oder ihren Durst zu löschen, bald unter einem Baum, um vor der Sonnenglut geschirmt, von ihren Wanderungen auszuruhn, oder die aufgefundnen Wurzeln zu verzehren; Inzwischen hatten sie Zeit genug, sich nach und nach des entstellenden Bartes und der Greifenklauen zu entledigen, und wahrzunehmen, daß ihre Gesichtszüge so wenig, als ihr ganzer Körper veraltet sei.
Ihre erste Sorge war Menschen zu entdecken. Es war ihnen nicht unbekannt, daß am Fuße eines hohen Felsen, der Kubbi hieß, ein Dörfchen gleichen Namens gelegen war. Den Felsen fanden sie, aber das Dorf war verschwunden. Neben einer kleinen Anhöhe entdeckten sie verwittertes hinter Dornenhecken und Wacholdergesträuchen verborgnes Mauerwerk. Trostlos sezten sich die beiden Abentheurer auf den Ruinen nieder, inzwischen der kleine Karl umherjagte, einen Schmetterling zu fangen. Wie von einem guten Geist geführt, entdeckte dieser von ohngefähr ein Bündel Matten, aus Bast zusammengeflochten. Er schleppte es herbei; man trennte es und theilte sich lachend in den Fund, der jezt die Stelle der seidnen Kleider ersetzen mußte.
„Wahrhaftig,“ sagte Duur: „die neue Welt ist gegen uns sehr geizig; inzwischen bin ich doch froh, Spuren von Menschenhänden zu erblicken; denn beinah glaubt ich, der ganze Erdball sei während unseres Schlafs entvölkert und wir wankten noch allein auf dem ausgestorbnen Stern herum. Geduld, nun können wir uns doch keuschen Augen präsentiren!“
Sie gingen zu der Stätte zurück, wo Karl das Bündelchen gefunden hatte, vielleicht in der Hoffnung noch mehr zu finden. Wirklich überraschte sie eine angenehme Erscheinung; nämlich ein halb verwischter Fußsteig schlich über einer Wiese dem benachbarten Gehölz entgegen. Man beschloß ihn zu verfolgen. Der Wald umfing sie mit seiner Kühlung und der Weg verlor sich. Die Wandrer liessen sich nicht irren; sie trabten mit Muth und Glauben weiter und fanden sich endlich am andern Tage an einem anmuthigen See, der mitten im Walde sich ausdehnte und viele kleine Inseln bildete. —
Die größte von diesen Inseln zeigte ihnen ein hinter krausen Gebüschen hervorragendes Hüttendach — eine Entdeckung, welche sie alle vor Freude wirbeln machte.
So jauchzten, so sprangen nicht die Entdecker Amerikas auf Colombs Schiffe durch einander, da nach der langen fürchterlichen Seefahrt vom Mastbaume heruntergeschrien wurde: Land! Land! als hier unsre Abentheurer jauchzten und tanzten.
„Eine Hütte! eine Hütte! — Glück zu! — wir haben überwunden!“ so schrieen sie durch einander und fielen sich um den Hals, küßten sich und hüpften her und hin, und bemerkten nicht, daß ein allerliebstes, junges, weibliches Geschöpf ihren Sprüngen mit Wohlgefallen zusah.
Holder gewahrte der schönsten unter allen schönen Erscheinungen in der neuen Welt zuerst.
„Bruder!“ rief er und zeigte auf das Mädchen, welches wie eine Nympfe dieses Hains, in idealischer Pracht des alten Roms, mit freien lockigten Haar vor ihnen stand, zur Hälfte hinter einem wilden blühenden Rosenbusch versteckt.
„Elysium!“ rief Florentin, und näherte sich mit bittender Geberde dem Mädchen des drei und zwanzigsten Jahrhunderts.
Ach, und das Mädchen verstand ihn nicht. Sie sprach, und was sie sprach, war gewiß der Mühe werth, es zu hören, aber keiner verstand sie.
Eine neue und keine geringe Verlegenheit! Die Pilger machten Blicke, Mienen und Hände zur Zunge, und es gelang. Tiefen Mitleides voll trat die junge Schöne näher, beantlizte sie schweigend, küßte den Knaben, und führte die Fremdlinge durch einige Gebüsche an das Ufer des Sees, wo in einer Bucht ein Kähnchen angebunden lag. —
Sie stiegen ein. Die niedliche Schifferin stieß vom Ufer ab. Hin tanzte der Kahn freiwillig über die silbernen Spitzen der krausen Wellen und nach einigen Minuten nahm sie alle das wildbewachsne Ufer der kleinen Insel auf.
Ausser einem Pudel und einem schwarzen Kater schien die Insel und die Hütte kein geselliges Wesen zu umfassen. Aber doch brachte die gefällige Wirthin ihren entzückten Gästen männliche Kleider. — Florentin und sein Gefährte benuzten die Güte der wohlthätigen Insulanerin, und vertauschten ihre patriarchalische Tracht mit Matrosenkleidern.
Daß die Wandrer nicht sobald das liebliche Eiland und die schöne Bewohnerin desselben verliessen, darf ich wohl nicht sagen. Und weil die Sprache der Insulanerin eine entfernte Aehnlichkeit mit der deutschen des achtzehnten Jahrhunderts besaß: so wurd’ es ihnen leicht sie zu lernen, und bald konnten sie ihrer Freundin sagen: „Ich heisse Florentin von Duur!“ — „ich heisse Ludwig Holder!“ — „ich Karlchen!“
„Und ich bin Idalla!“ entgegnete die freundliche Wirthin.
Ein halbes Jahr verstrich den Kindern des achtzehnten Jahrhunderts in dieser romantischen Insel, wie ein halber Frühtraum.
Idalla eine andre Calypso wuste durch den Zauber ihrer Unschuld und Schönheit mächtiger zu fesseln, als weiland ihre Vorgängerin den Sohn des schlauen Odysseus.
„Ist es möglich!“ — rufen die Leserinnen: „also darum schliefen sie ein halbes Jahrtausend auf harter Streu, um im drei und zwanzigsten Jahrhundert bei einem hübschen Mädchen zu tändeln, ohne sich um die neue Welt zu bekümmern. Das glaube, wer da will. Hätten sie am Ende des achtzehnten Jahrhunderts nur die schlechteste deutsche Provinzialzeitung mitgehalten: so würden sie den Augenblick nach Paris gewandert seyn, um zu sehn, wohin die Franzosen mit ihrer Revolution gekommen wären. Wenigstens hätten sie eine alte Chronik, oder dergleichen nachschlagen können, um zu erfahren, wie weit es dem alliirten Europa gelang, die Neufranken von ihrem Revolutionsräuschchen nüchtern zu machen. Es ist nicht möglich!“
Nun, warum nicht. Holder, Florentin, Karlchen, Idalla, der Pudel und der schwarze Kater lebten in einer so beneidenswürdigen Harmonie beisammen, daß unsre Abentheurer nicht selten in den verzeihlichen Wahn versanken, das wundersame Getränk in der Alpenhöhle habe sie in die elysischen Gefilde gesandt, statt in das drei und zwanzigste Seculum.
Zwar war das Leben auf dieser Zauberinsel so einfach, jeder Tag in seinen Begebenheiten dem andern so ähnlich, daß, so wie sich Tag und Nacht, sich auch die täglichen Begebenheiten der Inselbewohner wiederholten. Aber dies Einerlei war nie ermüdend, denn es war nie das Einerlei der Empfindungen.
Goß die Morgensonne ihre Purpurstrahlen über die Hütte, Eichen, Gebüsche, Blumen, und Halme der Insel aus: so enthüpfte frohlockend jeder seinem Gemache. Zärtlich war die Umarmung, als wäre eine Trennung durch die Nacht, die Trennung durch ein Jahr gewesen. Karlchen umklammerte jeden; jedem bellte der Pudel seinen „guten Morgen“ zu: der ernsthafte Kater wandelte gnurrend vom Schoos des einen zum Schoos des andern und wedelte mit dem Schwanze und schmeichelte.
Nun ging Florentin, die Flinte über die Schulter geworfen, auf die Jagd; der Pudel begleitete ihn. — Holder verbesserte den Bau der Hütte, drechselte nützliche Maschinen zusammen, sah zuweilen nach — — — Idalla, welche im Garten entweder, oder am Heerde in Gesellschaft ihres Katers geschäftig war, oder das Hühnervolk fütterte, oder ihre Ziegen und Schafe auf grasreiche Plätze trieb.
Unter solcher Arkadischen Lebensart schmolzen Minuten, Stunden und Tage hinweg.
Am Abend lagerte sich, nach vollendetem Tagewerk, die glückliche Familie unter den großen Nußbaum neben der einsiedlerischen Hütte, dann mußten wohl Holder, oder Florentin ihre Schicksale erzählen und die gute Idalla glaubte ihnen alles gern, nur der fünfhundertjährige Schlaf machte sie ungläubig.
„Aber Du, schöne Idalla,“ fragte dann Holder und Florentin: „wie bist Du so unglücklich oder glücklich gewesen, Dich in diese Einsamkeit verschlagen zu sehn? Du hast uns noch nie davon erzählt.“ —
„Noch nie?“ entgegnete sie: „o, das sollt Ihr leicht erfahren. — Ich erzähle gern. Aber es wird Euch ermüden.“
„Ermüden? Idalla, Du uns ermüden?“ sprach Holder in einem zärtlichstrafenden Ton.
„Nein, nein, es war mein Scherz!“ erwiederte sie und sah ihm ins Auge, als fürchtete sie, er zürne. Sie rückte ihm näher, ergriff seine Hand, und lehnte sich an ihn.
„Hier will ich erzählen,“ sagte sie: „hier will ich erzählen. Aber aufmerksam müßt Ihr seyn!“
Sie warens alle. Holder fühlte sich nie glücklicher, als in diesen Augenblicken, wo Idalla, die fromme, unschuldige Idalla, in seinem Arm wohnend, plauderte. Florentin saß dem glücklichen Paar gegenüber, in seinem Arme den kleinen Karl, seiner Louise Sohn. Zu seinen Füßen lag der treue Pudel, und um die Reihe voll zu machen, hatte sich der ehrsame Kater eingefunden, der gesellschaftlich Platz nahm und mit verschlossenen Augen schnurrte.
„Ihr wißt doch, wie es jezt Krieg und Kriegesgeschrei ist im ganzen deutschen Lande?“ hub die süßstimmigte Idalla an: „Nun, und da sich das traurige Unwesen anspann, sagte mein Vater — doch Ihr werdet nicht wissen, wer mein Vater gewesen? Er war der reichste Mann im ganzen Dorfe Eldern, und war ein sanfter, lieber, seelenguter Mann. — Das Dorf Eldern haben die Nordmänner abgebrannt, dort ist alles Wüstenei — ach und glaubt es, mein Vater würde bettelarm geworden seyn, hätte er nicht zur glücklichsten Stunde die Flucht ergriffen.“
„Kinder, sagte er zu uns — denn ich hatte noch zwei Brüder — Kinder, die Deutschen sind schlaffe, entnervte, mark- und saftlose Geschöpfe — die Nordmänner kommen mit eisernen Gliedern und schlagen die Deutschen, und ehe wirs erwarten, dringen sie bis zu uns vor. Ja, vor alten Zeiten, vor vielen hundert Jahren — da wars anders! Da lebte ein gewisser König — nun, wie heißt er denn, der Vater wußte ihn zu nennen — und dieser soll die Deutschen zu Helden gemacht haben — soll — o, was soll er nicht alles gethan haben! — Drum, Kinder, fuhr der Vater fort, laßt uns von hinnen ziehn, gebt acht, die Deutschen werden unterliegen!“
„Der Vater hatte Recht. Wir flüchteten. Ich war damals noch ein Kind. Wie, das weiß ich nicht, kamen wir endlich auf diese Insel her, und sicher lebten wir vor jedem Ueberfall. Aber“ —
„Aber mein armer Vater wurde endlich so schwach, so matt, daß ich ihn führen mußte. O, hättet Ihr ihn nur gesehn, Ihr hättet ihn wahrlich lieb gewonnen. — Einen solchen ehrlichen sanften Blick und die zarten Falten, die von den Winkelspitzen seiner Augen ausliefen und bei jedem Lächeln sichtbarer wurden, einen solchen Mund, der noch nie Ursach gehabt hatte, begangne Sünden zu bekennen — ach, solchen Mann habt Ihr gewiß noch nicht gesehn. — Es war ein heisser Mittag. — Vater, fragt’ ich ihn, willst du nicht draussen ruhn in dem kühlen Schatten des hohen Eichbaums? — Ich will, gab er zur Antwort, und hurtig führt ich ihn hieher, sezte mich neben ihn nieder und hielt sein Haupt in meinem Schoos — Idalla, sagte er, Gott lohne Dirs, im bessern Leben sehn wir uns wieder. — Da sehn wir uns wieder! entgegnete ich, und schluchzte.“
„Der Vater schlief. Ich ward still wie eine Maus, hörte auf zu weinen, athmete nur kaum, um den holden Greis nicht zu erwecken.“
„Es rückte der Abend heran. Meine Brüder erschienen mit ihm, sahen mich und den Vater und lachten, lachten ob meiner Einfalt, denn der Vater schlief den Schlaf des Todes. — O, meine Brüder, wie sie so grausam waren! Sie lachten ein lautes, schallendes Gelächter — indeß ich mich weinend über den Leichnam meines lieben Vaters hinbog. — Der Mond ging auf, aber sehr blaß, als hätte er auch geweint. — So viel Sterne am Himmel blinkten, so viel Thränen weint’ ich in dieser Nacht, und meine unbarmherzigen Brüder gruben eine tiefe Gruft. — Und der Morgen erwachte, aber mein Vater, nicht, da weinte ich noch mehr. Und die Brüder rissen mir den alten Mann, ach, denkt doch, rissen ihn mir aus dem Schoos — und stürzten ihn hinunter in die Gruft. — Ich lag auf den Knien vor den harten Männern, und bat für den armen lieben Vater, aber sie verstießen mich. — Ich wollte mich hineinwerfen zum Vater in die Gruft, doch man zerrte mich bei den Haaren zurück. — O weh, wie hatt’ ich so grausame Brüder!“
„Gutes Kind!“ rief Holder bewegt, und drückte die unschuldige Erzählerin an sich.
„Aber“ fuhr Idalla fort: „aber ich härmte mich endlich nicht mehr so sehr. Ich wurde wieder munter und sprang umher. — Da kamen meine Brüder zu mir und sagten: es wird uns das Leben hier unerträglich. Folg’ uns in die weite Welt hinein, oder wir gehn allein. — Geht allein! sagt’ ich, denn unser Vater prieß sich glücklich hier zu wohnen — ich bleibe hier.“
„Sie verließen mich. — Ich habe sie nicht wieder gesehn. Draußen ist Krieg und Kriegsgeschrei, Gott steh ihnen bei! — und ich — ach ich war zufrieden in meiner Einsamkeit, die wilden Brüder thaten mir nicht mehr weh. — Ich fing mir meine Fische, fütterte meine Ziegen, plauderte mit meinem Pudel, badete mich in schönen Stunden, und in einer derselben — nun das wißt ihr ja!“
„Ich sah Euch, und glaubte, Ihr wäret meine Brüder. Ich war bestürzt und froh. — Ihr sahet meine Hütte, zeigtet auf sie. Ha, dacht ich, sie haben gewiß nichts sich zu bedecken, gieb ihnen die Kleider deiner Brüder. Und nun führt ich Euch hieher, und gab Euch die Kleider, und das war meine Geschichte. Mehr weiß ich nicht. — Seid Ihrs zufrieden?“
Holder küßte ihre Stirne.
Solche Scenen hatte Florentin, hatte Holder noch nie gekannt; wären ihnen izt Königskronen für die Insel der schönen Idalla geboten; sie hättest keinen Tausch gewagt. — Auch weiter hinaus in die Welt wagte sich keiner von ihnen; wie ein Paar Schiffbrüchige, die so eben den schäumenden Wirbeln des Oceans entwischt sind, angespült daliegen auf einer freundlichen Uferklippe, und sich dankbar und froh fest anschmiegen an diese, und nicht weiter forschen und fragen, ob dahinter blühnde Fluren wohnen: so Florentin und Holder.
Zufrieden mit dem Leben, zufrieden nur noch dazusein, sehnten sie sich nach keinem Futter für ihre Neugier.
Holder war gar nicht mehr der ernste, düstre Mann, sondern das wahre Muster einer feinen Jovialität. Die fünf Jahrhunderte hatten keine Spur ihrer Gewesenheit auf seinem Antlitz hinterlassen; mit frischer, bräunlicher Wange, hellem, brennenden Auge, hoher, lachender Stirn, webte er in voller, männlicher Schöne, und keine Krankheit, keine Leidenschaft blies die Schminke der Gesundheit von seiner Wange ab. Bei alle dem hatte er jenen interessanten, merkwürdigen Zug der Mienen verloren, welcher Männer- und Weiberherzen magnetisch an sich zog, welchen Rikchen einst verführerisch fand, und dessen Gewalt auch — Idalla eingestand, ohne sich dessen bewußt zu seyn.
Idalla schlich hinter dem Garten im Mondenschein umher und dachte und nannte — Ludwig Holdern. Und Holder schlich an der Hütte diesseits des Gartens, und dachte — an wen? — an Rikchen und Idalla.
„Nein, Florentin, nein!“ rief er: „ich verlasse diese Insel und diese Idalla nicht! — Und hinge der Weltlauf dieses Jahrhunderts in einem Spiegel vor mir, ich höbe meine Augen nicht zum Spiegel auf. Ruhe der Seelen ist ein Kleinod, welches mit keiner Monarchie bezahlt, mit aller Stubenweisheit nicht erphilosophirt werden kann. Ich habe dies Kleinod gefunden und vertausch es nicht für die Befriedigung meiner Neugier.“
„Zwar mißfällt mir dies idealische Schäferleben nicht,“ entgegnete dann gewöhnlich Florentin: „Aber, Holder, dies Jahrhundert zu betrachten, und seinen Kontrast mit dem unsern — dies wär’ eine Seligkeit mehr. Ich gehöre nun einmal schon zu den Alltagsmenschen, die das Leben bloß aus Neugier lieben.“
Holder. Ach, glaube mir, es werden die Menschen dieses Zeitalters um nichts besser, um nichts glücklicher seyn, als ihre Brüder in der Vorwelt. Die Weltordnung wird keine Revolutionen erleben; das Wesen bleibt, wenn gleich das Kleid veraltet; die Dinge verlieren nichts, sondern wechseln nur Farb’ und Namen. Ist dies Jahrhundert reich an Philosophen: so ists gewiß auch reich an gediegnen Narren; erblickst du starkes Licht, so fehlt gewiß auch der grelle Schatten nicht.
Florentin. So hätten wir unsern Schlaf ersparen können.
Holder. Nein, er war nothwendig zu unsrer Ruhe. Siehe, izt schwimmt die Vergangenheit nur in nebelhaften Gestalten vor mir, wie ein halbvergeßner Traum. Alle meine Wunden sind geheilt; ich fühle in mir nichts, als Anlagen, glücklich zu werden. Weg nun mit der Welt, weg mit ihrer Herrlichkeit, ihren Lorbeerkronen; sie lockt mich nicht mehr, denn ich kenne sie.
Florentin. (mit Verwunderung.) Holder, bist du es wirklich?
Holder. Ich habe gelebt; habe gerungen, gearbeitet, gelacht und geblutet und der ganze Schatz welchen ich mir endlich eroberte, ist nur ein kleines, goldnes Sprüchlein: Glücklich zu seyn ist unser großer Beruf: suche dein Heil nicht auf den Schlachtfeldern als Held, denn die Lorbeern, welche du dort pflückest, wurden begossen mit Thränen und Blut, und höchstens die feile Fama der Zeitungen, höchstens ein gewässertes Band — ist dein Lohn. Suche dein Glück nicht neben den Thronen; dort gedeiht die zarte Pflanze des ächten Glücks nicht; zwar lockt der Sonnenstrahl der Fürstengunst das Pflänzchen schnell hervor aus dem Boden, aber es verwelkt auch eben so leicht an diesem heißen Strahl; Suche deinen Himmel nicht in dem buhlerischen Blick der Weiber; deine Nerven werden stumpfer und dein Himmel wird trübe. Berechne deine Seligkeit nicht nach der Summe deiner Goldstücken; wer den Schlüssel zum Thor der Freuden hat, versteht darum noch nicht das Zauberschloß zu öffnen, sondern friert oft zeitlebens an der Schwelle von außen. — Losgekettet von der sogenannten großen Welt, wo der Zufall über das Verdienst, die Narrheit über die Vernunft, der Geldbeutel über die Tugend, die Mode über die Wahrheit siegt, eben so fern vom Mangel, als vom Ueberfluß, in unverdorbner Gesundheit des Leibes und der Seele leben, nicht von tausenden bewundert, aber von einem freundlichen Herzen recht heiß geliebet werden, — Bruder, dies ist Erdenseligkeit!
Florentin. Ich widerspreche dir nicht.
Holder. Topp, folge mir! Glaube mir, daß alle Erfahrungen, welche wir über dieses Zeitalter einsammeln werden, mehr unsre glückliche Laune tödten, als nähren werden. Ich mag von der Iztwelt grade nicht mehr und nicht weniger wissen, als mir das Ohngefähr davon zu Ohren bringt. — Wenn mich ja einmal der Dämon Neugier zu sehr foltert, ei nun, so wird sich ja wohl ein historisches Compendium auftreiben lassen, worin die Genealogien, Rathen und Thaten der Könige, Kaiser, Fürsten, Republiken, Helden, Narren, Scribler und Queerköpfe erzählt sind. Damit will ich mich gern begnügen. —
Florentin. Aber Kanella, und Frankreich, und Pohlen, und Preussen — — —
Holder. (lächelnd.) Und Dänemark, Otaheite, die ottomanische Pforte, Abessynien, China, Rußland und Spanien!
Florentin. Wo ist meine Flinte und mein Pudel?
Holder. Du wirst doch nicht Knall und Fall in diesem Augenblick — — —
Florentin. Wenigstens ein Schmalthier!
„Der späte Abend kömmt, aber Florentin nicht!“ lispelte die kleine Idalla, indem sie im Mondenschein stand vor Holder. Sie schlug ihr grosses Auge traurig nieder zur Erde; ein loser Abendwind wehte die Locken ihres braunen Haars vom Scheitel und Nacken zum Angesicht vor, als wollt’ er ein Thränchen verstecken, welches im Begriff war, dem schönen Auge zu entfallen.
„Vielleicht hat er sich verirrt.“ Entgegnete Holder und sein Auge verirrte sich unwillkührlich in Idalla’s Reize und in die Nacht der Zukunft. Wie ein Engel der Unschuld stand die kleine Liebenswürdige vor ihm; sie war um so verführerischer, je weniger sie es wußte, daß sie es sey. —
Er ergriff ihre Hand — er küßte sie. Idalla sah lächelnd und schwermüthig zu dem Fremdling auf, mit einem Blick, so reich an Liebe, so reich an Zweifeln.
„Er wird und verlassen.“ Seufzte sie, und ihr Auge sezte hinzu: „auch Du mich bald!“
„Das glaub’ ich nicht!“ antwortete Holder: „wer wollte Dich verlassen?“ sagte sein Auge und ein Kuß auf ihre blühnde Wange.
Als sie zurückkam, war er verschwunden; Tiefer hinein in einzelnes Gebüsch hatt’ er sich verloren, dem Ufer des umschilften Sees näher. Hier saß er und rauschte er mit leichtem Finger über die Saiten seiner Laute, und sank mit seinem Geist hinunter in dass stille Grab der fernen Vergangenheit.
Hier waren Rikchen und ihr trauter Oheim in der Sorbenburg die Gespielen seiner Seele. Er gedachte mit leiser Wehmuth jener elysischen Zeiten, da sie noch sein waren auf Erden, und der Tod ihren Himmel zerstöhrt hatte.
Er griff stärker in die Saiten, und sang wie sein Herz ihm diktirte: