The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

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Title: Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Author: Nikolai Vasilevich Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Charlotte König

Release date: November 3, 2017 [eBook #55881]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 6: ARABESKEN, PROSASCHRIFTEN, ROM ***

Nikolaus Gogol
Arabesken

Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden

Herausgegeben
von
Otto Buek

Band 6

München und Leipzig
bei Georg Müller
1912

Nikolaus Gogol

Arabesken, Prosaschriften, Rom

Herausgegeben
von
Otto Buek

München und Leipzig
bei Georg Müller
1912

Inhalt des sechsten Bandes

Arabesken (Erster Teil) 1
Vorwort 3
Skulptur, Malerei und Musik 5
Über das Mittelalter 15
Ein Kapitel aus einem historischen Roman 37
Über den Unterricht in der Weltgeschichte 57
Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands 83
Einige Worte über Puschkin 103
Über die Architektur unserer Zeit 115
Al-Mamun 151
Arabesken (Zweiter Teil) 163
Das Leben 165
Schlözer, Müller und Herder 173
Der Newsky-Prospekt 183
Über die kleinrussischen Lieder 243
Gedanken über Geographie 259
Der letzte Tag von Pompeji 275
Der Gefangene 289
Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts 301
Memoiren eines Wahnsinnigen 349
Aufsätze aus Puschkins „Zeitgenossen“ 387
Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835 289
Petersburger Skizzen 427
Italienische Sommernächte 453
Rom 459
Anhang 533

Arabesken
I
1835
Erster Teil

Deutsch von Charlotte Lolly Koenig

Diese Sammlung enthält eine Reihe von Schriften, die zu sehr verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen meines Lebens entstanden sind. Sie sind nicht auf Bestellung geschrieben. Sie waren ein Ausdruck meiner Seelenstimmung, und ich wählte mir nur solche Gegenstände, die einen starken Eindruck auf mich machten. In diesen Stücken werden die Leser sicherlich viel Jugendliches finden. Ich gestehe, daß ich einige von diesen Schriften vielleicht garnicht in diese Sammlung aufgenommen hätte, wenn ich sie ein Jahr früher herausgegeben hätte, als ich mich noch viel strenger gegen meine älteren Arbeiten verhielt. Aber statt gar zu streng mit seiner Vergangenheit ins Gericht zu gehen, ist es weit besser, unerbittlich gegen seine gegenwärtigen Leistungen zu sein. Das, was man früher einmal geschrieben hat, zu vernichten, scheint mir ebenso ungerecht, wie die vergangenen Tage seiner Jugend zu vergessen. Und außerdem: wenn ein Werk zwei oder drei noch nicht ausgesprochene Wahrheiten enthält, so hat der Verfasser schon nicht mehr das Recht, sie dem Leser vorzuenthalten, und um zweier oder dreier richtiger Gedanken willen, kann man wohl schon die Unvollkommenheit des Ganzen verzeihen.

Sodann muß ich noch einiges über diese Ausgabe selbst sagen: als ich die gedruckten Bogen las, erschrak ich selbst an vielen Stellen über die Unkorrektheit des Stils, über vieles Überflüssige und Unzureichende, das eine Folge meiner Unvorsichtigkeit war. Aber der Mangel an Muße und andre nicht immer freundliche Lebensumstände erlaubten es mir nicht, meine Manuskripte ruhig und aufmerksam durchzusehen, und so wage ich denn zu hoffen, daß mich der Leser großmütig entschuldigen wird.

I
Skulptur, Malerei und Musik

Dank sei dem Schöpfer der Welten für seine Güte und sein Mitleid mit den Menschen! Drei hehre Schwestern hat er entsandt, die Welt zu verschönen und zu erquicken; ohne sie wäre die Welt eine Wüste, die klanglos ihre Kreise zöge. Laßt uns unsere Wünsche enger, inniger zusammenschließen und unsern ersten Becher der Skulptur weihn. Sie, die schöne Sinnenkunst war es, die zuerst in diese Welt trat. Sie ist ein völlig ursprüngliches Gebilde, die Spur jenes Volkes, das sich ganz, mit seiner ganzen Seele, seinem ganzen Leben in ihr verkörpert hat. Sie ist das klare Abbild jener leuchtenden, griechischen Welt, die vor uns im tiefen Abgrund der Jahrhunderte entschwunden, schon vom Nebel verhüllt wird und nur noch von dem Gedanken des Dichters erreicht werden kann: jene von Weinranken und Olivenzweigen, harmonischen Träumen und prunkendem Heidentum geschmückte Welt. Jene Welt, die sich beim Klang der Zimbeln im gemessenen Tanz wiegte oder in bacchantischem Wirbel dahinraste, wo das Gefühl des Schönen alles durchdrang: die Hütte des Bettlers, die Zweige der Platane, den Marmor der Säulenhallen, den von lebhaften, eigenwilligen Menschen bevölkerten Platz, das Relief, das den festlichen Becher zierte, und die sich lange schlingende Reihe anmutiger mythologischer Gestalten verbildlichte: wo schamhaft die Göttin der Schönheit dem Schaum der Wellen entsteigt, Tritonen dahinjagen und in die Hände klatschen und Poseidon silberklar aus der Tiefe seines herrlichen Elements emportaucht. Jene Welt, in der die Religion nichts war — als Schönheit, als die menschliche Schönheit und die göttergleiche Schönheit des Weibes — jene ganze Welt ward festgehalten von der holden Skulptur; nichts außer ihr konnte das leuchtende Dasein dieser Welt so lebendig zum Ausdruck bringen. Weiß wie Milch, Schönheit, Zartheit und Wollust atmend, bannte die Skulptur eine Idee und einen Gedanken — die Schönheit, die stolze Schönheit des Menschen in den durchsichtigen Marmor. Selbst in der Glut der Leidenschaft und im stärksten Affekt — stets bleibt bei ihr der Mensch stolz und schön und fordert unsere Bewunderung heraus durch seine freie athletische Pose. Hier fließt alles in sinnlicher Schönheit zusammen; nie lassen wir beim Anblick einer schmerzerfüllten Gruppe die bittere Klage unseres Herzens mit ihrer Klage zusammenklingen; ja, man könnte fast sagen, wir genießen den Anblick ihrer Qualen, so sehr wird der Drang unserer Seele durch die plastische, ruhige Schönheit überwältigt. Die Skulptur drückt nie ein anhaltendes, tiefes Gefühl aus, sie gibt nur schnelle spontane Empfindungen wieder: den wilden Zorn, einen rasenden Schmerzensschrei, das furchtbare Grauen, einen plötzlichen Schreck, Tränen, Stolz, Verachtung und endlich die in sich selbst versunkene Schönheit. Sie wandelt alle Gefühle des Beschauers in Genuß, den ruhigen Genuß, der stets mit der Wonne und der Selbstzufriedenheit der heidnischen Welt verbunden ist. Ihr fehlen jene geheimen, schrankenlosen Gefühle, die endlose Träume mit sich führen. In ihr suchen wir umsonst nach dem langen, von Umwälzungen und Erschütterungen erfüllten Leben. Ihre Schönheit hat etwas Momentanes, wie die einer schönen Frau, die einen Blick in den Spiegel wirft, ihrem Bilde freundlich zulächelt und frohlockend weiter eilt, triumphierend eine Schar stolzer Jünglinge nach sich ziehend. Sie ist bezaubernd wie das Leben, wie die Welt, wie die Sinnenschönheit, der sie als Altar dient. Sie wurde zugleich mit der scharf umrissenen und klar gestalteten heidnischen Welt geboren, sie stellte sie dar und ist mit ihr gestorben. Vergeblich versuchte man es, mit ihrer Hilfe die hohen Gestalten des Christentums zu verkörpern, sie stand ihnen so fern, wie der heidnische Glaube.

Nie konnten die erhabenen stürmenden Gedanken des Christentums auf der wollüstigen Außenseite des Marmors Platz finden. Sie wurden ganz von seiner Sinnlichkeit aufgesogen.

Nicht so ihre beiden andern Schwestern, die Malerei und die Musik, die das Christentum aus ihrer Niedrigkeit erhob und ins Gigantische steigerte. Durch seine mächtige Triebkraft blühten sie erst recht empor und sprengten die Fesseln der sinnlichen Welt. Wehmütig gedenke ich meiner herrlichen, wolkenhaften, marmornen Skulptur! Doch ... erklinge heller, mein Becher, kling’ heller in meiner bescheidenen Zelle — und es lebe die Malerei. Erhaben und herrlich wie der Herbst, der reich geschmückt durch das weinlaubumrankte Fenster blickt, fromm und gewaltig wie das Weltall — ja du bist schön, du herrliche Musik der Augen. Nie hat die Skulptur es gewagt, deine himmlischen Offenbarungen darzustellen. Nie hat sie uns jene feinen geheimnisvollen irdischen Züge sehen lassen, bei deren Anblick wir das Gefühl haben, als erfülle der Himmel unsere Seele, und bei denen wir das Unaussprechliche zu empfinden meinen. Wie aus wolkigem Nebel treten die langen Reihen der Bilder hervor, und aus altertümlichen, vergoldeten Rahmen blickst du lebendig, wenngleich die unbarmherzige Zeit deine Leuchtkraft verdunkelte, und wortlos und stumm steht mit gefalteten Händen vor dir der Beschauer. Doch es ist nicht Sinnenglück, was aus seinen Augen strahlt, nein, sein Antlitz ist von einer überirdischen Lust verklärt. Du warst nie der Ausdruck einer bestimmten Nation und ihres Lebens, nein, dazu standest du zu hoch, du warst der Ausdruck alles dessen, was die christliche Welt an erhabenen Geheimnissen in sich birgt. Blickt hin auf das nachdenklich auf die Hand gestützte Haupt; wie begeistert und tief bohrend ist ihr Blick! Sie ergreift nicht nur einen kurzen Augenblick wie der Marmor, sie zieht diesen Augenblick in die Länge, sie setzt das Leben fort bis über die Grenzen des Sinnlichen, sie entreißt einer andern unendlichen Welt Erscheinungen, für die es uns an Worten und Namen fehlt. All jenes Unbestimmbare, was kein vom wuchtigen Meißel des Bildhauers durchfurchter Marmorblock auszudrücken vermag, gewinnt Gestalt unter dem begeisterten Pinsel des Malers. Gewiß weiß auch sie die allen verständlichen Leidenschaften auszudrücken, allein die Sinnlichkeit pulsiert nicht mehr so gewaltig in ihnen, und ein geistiges Element scheint alles zu durchdringen. Das Leiden findet in ihr einen unmittelbareren lebendigeren Ausdruck und ruft nur Mitleid hervor — sie appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genußfähigkeit. Sie nimmt sich auch nicht den Menschen allein zum Vorwurf — ihre Grenzen sind weiter: sie umfaßt das ganze Weltall, alles Herrliche, was den Menschen umgibt, ist ihrer Macht erreichbar. Die geheimnisvolle Harmonie, das wunderbare Band zwischen Mensch und Natur — in ihr allein ist sie zu finden. Sie bindet das Sinnliche an das Geistige.

Aber schäume noch feuriger, mein dritter Pokal! Noch heller funkle und perle über den goldenen Rand, du schäumendes Blut! — Du funkelst zum Preis der Musik! Denn sie ist noch weit feueriger und stürmischer als ihre beiden Schwestern. Sie ist ganz Leidenschaft! sie entreißt den Menschen plötzlich und wie mit einem Schlage der Erde, betäubt ihn durch den Donner ihrer gewaltigen Töne und versenkt ihn ganz in ihre Welt. Wie in die Saiten des Instrumentes, so greift sie herrisch an seine Nerven, an sein gesamtes Sein und läßt sein ganzes Wesen erbeben. Er genießt schon nicht mehr, er fühlt keine Teilnahme, nein, er selbst wird ganz Leiden; seine Seele betrachtet keine unfaßbare Erscheinung, sie lebt, lebt ihr eigenes Leben, gewaltsam, leidenschaftlich zerstörend. Unsichtbar hat sie auf ihren süßen Klängen die ganze Welt durchdrungen, strömt sie breit dahin und atmet und lebt in tausend verschiedenen Gestalten. Qualvoll und rebellisch ist sie — am mächtigsten und herrlichsten wirkt sie jedoch in den unendlichen Kuppelgewölben eines dunklen Domes, wo sie tausend kniende Gläubige zu einer harmonischen Empfindung verschmilzt und mit sich fortreißt, ihre tiefsten Herzensregungen bloßlegt, ihre Sinne betört und sich mit ihnen in unabsehbare Höhen emporschwingt — ein langes Schweigen und einen lang nachzitternden Ton hinter sich lassend, der in den Tiefen des hohen, spitzen Turmes verklingt. Wie könnte man euch miteinander vergleichen, ihr herrlichen Königinnen der Welt! Der sinnliche Zauber der Skulptur erfüllt uns mit hohem Genuß, die Malerei — mit stiller Begeisterung und Träumereien — die Musik mit Leidenschaft und innerer Unruhe. Wenn wir ein plastisches Kunstwerk aus Marmor betrachten, gerät unser Geist unwillkürlich in Entzücken, vor einem Gebilde der Malerei versinkt er in Betrachtung — beim Klange der Musik — macht er sich Luft in einem Schmerzenslaut — als sei die Seele von einem einzigen Wunsch ergriffen — sich vom Körper loszureißen. Sie — ist unser! Sie ist das Eigentum der neuen Welt! Sie blieb uns, als die Skulptur, die Malerei und die Baukunst uns verlassen hatten. Nie dürsteten wir so nach Begeisterung, die die Seele erhebt, wie in der heutigen Zeit, wo alle die zahllosen kleinen Launen und Genüsse, an deren Erfindung unser XIX. Jahrhundert sich den Kopf zerbricht, uns überwältigen und erdrücken. Alles verschwört sich gegen uns; diese ganze verführerische Kette raffinierter Erfindungen des Luxus sucht unsere Sinne immer mehr und mehr zu betäuben und einzuschläfern. Wir lechzen darnach, unsere arme Seele zu retten, diesen furchtbaren Versuchern zu entfliehen und — so stürzen wir uns in die Musik. O sei unser Schutzengel, unser Heiland, Musik, verlaß uns nicht! rüttle unsere kleinliche habgierige Seele immer häufiger auf! greife mit deinen Tönen kräftiger in unsere schlummernden Gefühle! Rege, wühle sie auf und verscheuche, wenn auch nur für Augenblicke, diesen fürchterlichen kalten Egoismus, der mit aller Gewalt unsere Welt erobern will. O laß bei dem machtvollen Strich deines Bogens die verwirrte Seele des Räubers, wenn auch nur für kurze Momente, von Gewissensbissen gemartert werden, laß den Spekulanten seine Rechnungen vergessen und die Frechheit und Schamlosigkeit vor den Schöpfungen des Genies eine ungewollte Träne vergießen. O verlasse uns nicht, du, die du unsere Gottheit bist. Der große Baumeister der Welt hat uns in seiner unergründlichen Weisheit in stummes Schweigen gebannt, aber dem wilden unentwickelten Menschen pflanzte er den Gedanken der Baukunst ein. Mit einfachen Mitteln, ohne Hilfe des Mechanismus richtet er Berge von Granit auf, türmt sie steil zum Himmel empor und sinkt vor ihrer formlosen Größe in die Knie. Der alten heiteren Sinnenwelt sandte er die herrliche Skulptur, die uns die reine keusche Schönheit brachte, und die ganze antike Welt ward zu einem Loblied auf die Schönheit. Das ästhetische Schönheitsgefühl einte sie zu einem harmonischen Ganzen und hielt sie fern von rohen Gelüsten! Den finsteren, unruhigen Jahrhunderten, wo oft nur die Lüge und die rohe Kraft triumphierten, und wo der Dämon des Aberglaubens und der Unduldsamkeit alle Lebensfreude verscheuchte, schenkte er die begeisternde Malerei, die die Welt die überirdischen Erscheinungen und die himmlischen Genüsse der Heiligen sehen ließ. Aber unserem jungen und zugleich altersschwachen Jahrhundert sandte er die gewaltige Musik — um uns im Sturme zu ihm zu führen. Doch wenn uns auch die Musik noch verläßt, was soll dann aus unsrer Welt werden!?

1831.

II
Über das Mittelalter

Niemals haben die Ereignisse der Weltgeschichte eine solche Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit angenommen, nie hat sie eine so große Zahl von individuellen Erscheinungen gezeitigt, wie im Mittelalter. Alle Weltbegebenheiten strömen, je näher sie diesen Jahrhunderten liegen, nach langer Unbeweglichkeit mit gesteigerter Geschwindigkeit wie in einen Strudel, in einen wildbrodelnden Wirbel zusammen, um, nachdem sie von diesem in Umschwung gebracht, sich untereinander vermischt haben, neugeboren in frischen Wellen wieder emporzutauchen. In diesen Jahrhunderten fand eine große Umwandlung der ganzen Welt statt. Sie sind der Knoten, in dem die alte und die neue Welt zusammentreffen. Man kann dem Mittelalter in der Geschichte der Menschheit dieselbe Bedeutung anweisen, wie sie das Herz im menschlichen Körperbau einnimmt, in das alle Adern einmünden und von dem sie alle ausgehen. Wie ging diese vollständige Umwandlung vor sich? Welches sind die ursprünglichen Elemente, die sich in ihr erhielten? Was kam Neues hinzu? In welcher Weise vermengte sich Altes und Neues? Was entstand aus dieser Vermengung? Wie bildete sich das majestätische, stolze Gebäude der Neuzeit? Dies sind so schwerwiegende Fragen, wie es wohl in der ganzen Geschichte kaum wichtigere gibt. Alles, was wir besitzen, dessen wir uns bedienen, was wir vor den früheren Jahrhunderten voraushaben, der ganze Bau und die kunstvolle Zusammensetzung unserer Administration, die Beziehungen der verschiedenen Stände untereinander, ja diese Stände selbst, unsere Religion, unsere Rechte und Privilegien, unsere Sitten und Gebräuche, selbst unser ganzes Wissen, das sich in so schnellem Fortschritt vorwärts bewegt — dies alles hat entweder seinen Keim und Ursprung in dem dunklen geheimnisvollen Mittelalter oder hat sich doch aus ihm entwickelt und herausdifferenziert. In ihm ruhen die ursprünglichen Elemente und das Fundament alles Neuen; ohne ein eingehendes, aufmerksames Studium dieser Epoche bleibt die neue Geschichte unzulänglich und unklar, der Forscher, der von ihr ausgeht, gleicht dem Besucher einer Fabrik, der sich über die schnelle Herstellung der Produkte wundert, da sie beinahe vor seinen Augen entstehen, und dabei vergißt, in das finstre Erdgeschoß hinabzusehen, wo die großen mächtigen Schwungräder verborgen sind, die den Anstoß zum Ganzen geben; solch eine Geschichte gleicht der Statue eines Künstlers, der keine Anatomie studiert hat.

Warum aber hat man sich trotz der großen Bedeutung dieser merkwürdigen Epoche immer so ungern mit ihrer Erforschung beschäftigt? Warum beeilt man sich, wenn man zum Mittelalter kommt, stets, es so schnell wie möglich durchzunehmen und abzutun? Und warum haben sich nur wenige, sehr wenige Menschen, ergriffen von der Größe des Gegenstandes, die Mühe genommen, einige von den angeführten Fragen zu beantworten? Mir scheint, es liegt daran, weil man dem Mittelalter stets den letzten Platz angewiesen hat. Man hielt diese Epoche eben für gar zu barbarisch und unkultiviert, und infolgedessen blieb sie in der Tat immer dunkel und unerforscht und wurde nie richtig in ihrem Werte erkannt und in ihrer genialen Größe dargestellt. Barbarisch kann man nur ihren Anfang nennen, aber selbst diese finstre Zeit birgt schon mancherlei, was unsere Neugierde zu reizen geeignet wäre. Schon der Prozeß der Vereinigung zweier Welten, der antiken und der neuen, der grelle Widerspruch in ihren Formen und ihren Eigentümlichkeiten, diese altersschwachen, absterbenden Elemente der Antike, die sich durch die neue Umgebung hindurchziehen, wie Flüsse, die ins Meer strömen, aber noch lange ihr süßes Wasser nicht mit den salzigen Wellen vermengen, sind interessanter — diese rohen, mächtigen Kräfte der neuen Zeit, die hartnäckig allen fremden Einflüssen widerstehen, um sie endlich doch unfreiwillig in sich aufzunehmen, die mühevolle Anstrengung, mit der diese europäischen Wilden die römische Kultur für sich zurechtschneiden, diese Bruchstücke, oder besser gesagt Fetzen römischer Formen und Gesetze inmitten der neuen noch unbestimmten, denen es noch an Gestalt, Grenze und Ordnung fehlt, dieses ganze Chaos, in denen die Elemente der furchtbaren Majestät des heutigen Europas und seiner tausendfältigen Kraft ungegliedert durcheinanderbrodeln: dies alles ist fesselnder für uns und regt unsere Neugierde mehr an, als die starre Zeit des römischen Weltreiches unter der Herrschaft kraftloser Imperatoren.

Ein zweiter Grund, warum man sich so ungern mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt, ist — die angebliche Trockenheit, die man mit ihr zu verbinden geneigt ist. Man betrachtet sie wie eine Menge verschiedener ungeordneter Ereignisse, wie einen Haufen unzusammenhängender und sinnloser Begebenheiten, die kein gemeinsames Band umschließt, das sie alle zu einem Ganzen vereinigt. In der Tat, ihre schreckliche und ungewöhnliche Kompliziertheit muß im ersten Augenblick chaotisch erscheinen; aber wenn man nur aufmerksamer und tiefer hineinblickt, so findet man bald Zusammenhang, Zweck und Richtung darin. Übrigens leugne ich nicht, daß man den Instinkt und das Verständnis haben muß, das nur wenigen Historikern verliehen ist, um dies alles zu entdecken. Einigen freilich ward die beneidenswerte Gabe zuteil, alles in bewunderungswürdiger Klarheit und Folgerichtigkeit zu sehen und darzustellen. Von ihrem Zauberstab berührt, beleben sich die Ereignisse und bekommen ihr eigenes Gepräge und Interesse; ohne sie dagegen erscheinen sie einem jeden noch lange trocken und sinnlos. Abgesehen etwa von einem stumpfsinnigen Dahinvegetieren der Völker ist alles, was immer geschehen mag, interessant, sofern es nur in wahrheitsgemäßen Chroniken aufgezeichnet ist. Überall gibt es einen durchgehenden Faden, wie jedes Gewebe seine Struktur hat, obwohl diese häufig vollständig in dem Einschlag verschwindet; und wie ein jeder Edelstein eine unsichtbare Lichtquelle enthält, die erstrahlt, wenn er der Sonne zugewendet wird so verliert sich dieser Faden nur da, wo die Überlieferung aufhört. So zieht sich auch in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters durch die Masse der Ereignisse das unaufhörliche Erstarken der päpstlichen Macht und die Entwicklung des Feudalismus wie ein unsichtbarer Faden hindurch. Fast könnte es scheinen, als kämen die Tatsachen ganz unabhängig voneinander zustande und drängten mit ihrem Glanz den einsamen, noch unbedeutenden römischen Erzbischof in den Schatten; ein mächtiger Herrscher oder sein Vasall tut sich hervor, scheint nur in eigenem Interesse zu handeln, und doch strömten alle wesentlichen Vorteile daraus unbemerkt nach Rom. Alles, was geschah, schien absichtlich und zum Vorteil des Papstes zu geschehen. Hildebrandt hat den Vorhang ein wenig gelüftet und uns die Macht gezeigt, die die Päpste schon frühzeitig errungen hatten. Die Geschichte des Mittelalters verdient am wenigsten den Vorwurf der Langenweile. Nirgends finden wir so viel Buntheit, so viel Handlung und Leben, solch krasse Gegensätze, so viel grelles Licht, wie in diesen Jahrhunderten: man könnte es mit einem gewaltigen Gebäude vergleichen, dessen Fundament aus festem, für die Ewigkeit gefügtem jungem Granit, und dessen dicke Mauern aus allerhand neuem und altem Material zusammengesetzt sind, so daß der eine Ziegelstein gotische Runen, der andere eine römische Vergoldung trägt; arabisches Schnitzwerk, griechische Karniese, gotische Fenster — alles ist hier vereinigt zu einem Turm von außergewöhnlicher Buntheit und Mannigfaltigkeit. Aber man kann wohl sagen, diese Grellheit sei nur ein äußeres Kennzeichen der mittelalterlichen Vorgänge; ihre innere Bedeutung besteht in ihren ungeheuren, gigantischen Dimensionen, in ihrer geradezu unerhörten Kühnheit, wie sie wohl nur der Jugend eigen ist, und ihrer Originalität, die sie zu einer einzigartigen Erscheinung macht; in der Tat treffen wir weder in der alten noch in der neuen Geschichte etwas an, was ihnen gleich oder auch nur ähnlich wäre.

Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse, die einen so mächtigen Einfluß ausübten. Das wichtigste Thema der mittelalterlichen Geschichte ist der Papst. Er ist der mächtige Beherrscher dieser frühen Jahrhunderte, er bewegt alle ihre Kräfte und lenkt, wie der Donnergott, mit einem Wink seiner Hand ihre Schicksale. Mit einem Wort, die ganze Geschichte des Mittelalters ist die Geschichte der Päpste. Ihre unüberwindliche Herrschsucht, ihre nie versagenden Mittel voller Scharfsinn und Weisheit — Folgen ihres hohen Alters — ihr Despotismus und der Despotismus der zahllosen Legionen einer mächtigen Geistlichkeit — dieser eifrigen Untertanen des geistlichen Oberhaupts, die alle Enden der Welt, wo das Zeichen des Kreuzes eingedrungen war, mit stählernen Fesseln an sich banden — das ist eine so ungeheure Erscheinung, die einzig in ihrer Art ist und die sich niemals wiederholt hat. Ich will nicht von den Mißbräuchen und der unerträglichen Schwere dieser Fesseln des geistlichen Despoten sprechen. Wenn wir tiefer in diese großartige Erscheinung eindringen, werden wir in ihr die wunderbare Weisheit der Vorsehung erkennen, hätte diese allbezwingende Macht nicht alles in ihre Hände gebracht, hätte sie die Völker nicht nach ihrem Willen gelenkt und angetrieben, so wäre Europa zerbröckelt, und das gemeinsame Band hätte gefehlt; wahrscheinlich wären einzelne Staaten zu Macht und Ansehen gelangt und dann plötzlich wieder in Verfall geraten und zugrunde gegangen, andere hätten ihre Unkultur zum Schaden ihrer Nachbarn nicht aufgegeben, die Bildung und die Entwickelung der Volksseele hätte sich ungleichmäßig vollzogen; an einem Ende hätten Kultur und Sitte Fuß gefaßt, während am anderen barbarische Finsternis ihr Wesen getrieben hätte. Europa hätte sich nicht in sich festigen, und nie in ein Gleichgewicht kommen können, durch das es sich heute so wunderbar erhält. Es wäre weit länger in einem chaotischen Zustande verblieben und hätte sich nie durch die stählerne Macht des Enthusiasmus zu einem gewaltigen Bollwerk erhoben, das den Eroberern aus dem Osten durch seine Festigkeit standzuhalten vermochte; ohne diese großartige Erscheinung hätte Europa vielleicht ihrem Ansturm nachgegeben, und statt des Kreuzes wäre der mohammedanische Halbmond auf seinen Zinnen aufgepflanzt worden. Wenn wir die wunderbaren Wege der Vorsehung betrachten, so beugen wir unwillkürlich unsere Knie. Es ist, als sei den Päpsten die Macht eigens dazu gegeben worden, damit sich die jungen Staaten während dieser Zeit kräftigen und befestigen könnten; damit sie erst lernen sollten, sich selbst unterzuordnen, um dann später, als sie das notwendige Alter erreicht hatten, auch andere zu beherrschen, und damit sie ihre Energie entwickeln konnten, ohne die das Leben der Völker farblos und kraftlos ist. Kaum waren die Völker imstande, sich selbst zu regieren, da begann auch die Macht des Papstes plötzlich zu schwanken und zu zerfallen, als hätte sie ihre Mission erfüllt und wäre überflüssig geworden, ungeachtet aller Anstrengung und des heißen Wunsches, die sinkende Macht festzuhalten. In dieser Beziehung war die päpstliche Macht dem Gerüst, den Tragbalken eines Gebäudes vergleichbar; anfänglich sind sie höher und erscheinen wichtiger als der Bau selbst, aber sobald dieser eine gewisse Höhe erreicht hat, werden sie als überflüssig abgetragen.

Der Gedanke an das Mittelalter verbindet sich unwillkürlich mit dem an die Kreuzzüge — diese außerordentliche Erscheinung, die sich wie etwas Gigantisches von den anderen wunderbaren und ungewöhnlichen Begebenheiten abhebt. Wo und in welcher Zeit finden wir etwas, was ihnen an Originalität und Größe gleichkäme? Das ist kein Krieg um ein geraubtes Weib, kein Erzeugnis des Hasses zweier unversöhnlicher Nationen, nicht der blutige Kampf zwischen zwei habsüchtigen Herrschern, zwei unersättlichen Eroberern um eine Krone oder einen Fetzen Landes, ja nicht einmal ein Krieg für die Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes — o nein — keine Leidenschaft, kein egoistischer Wunsch, kein persönlicher Vorteil ist die Triebfeder dieser Kämpfe; alles ist nur von dem einzigen Gedanken erfüllt: das Grab des göttlichen Heilandes zu befreien. Von allen Enden Europas strömen die Völker, Kreuze vor sich hertragend, zusammen, Könige und Grafen in schlichten Bußgewändern stellen sich an die Spitze, bewaffnete Mönche treten in die Reihen der Krieger, Erzbischöfe und Einsiedler befehligen, das Kreuz in Händen, zahllose Truppenmengen — und alle stürmen sie fort zum Kampf für ihren Glauben. Die Macht einer Idee umfaßt alle Völker. Liegt nicht etwas ganz Großes in diesem Gedanken? Mit Unrecht nennt man die Kreuzzüge ein sinnloses Unternehmen. Wäre es nicht merkwürdig, wenn der Jüngling schon gleich die Sprache des reifen Mannes spräche? Sie waren das Produkt der damaligen Zeit, und des damaligen Zeitgeistes. Dies Unternehmen war die Tat eines Jünglings — aber eines Jünglings, der ein geborenes Genie war. Was für unzählige, wunderbare, unvorhergesehene Folgen haben die Kreuzzüge gezeitigt! Die ganze Masse mußte erzogen und gebildet werden, sie mußte die Welt kennen lernen, die ihr zum Teil verborgen blieb, weil die Geistlichkeit davor stand, und die ganze Masse stürzt sich in einen andern Weltteil, dorthin, wo die erlöschende arabische Kultur danach strebt, ihr ihre Flamme zu übergeben: ganz Europa streift in Asien herum. Sind wir nicht berechtigt, uns zu wundern! Gewöhnlich ist es irgendein Fremder, der aus einem kultivierten Lande kommt und die Aufklärung und die ersten Kenntnisse in ein unbekanntes Land trägt, er bringt den Wilden allmählich eine gewisse Bildung bei — doch dieser Prozeß vollzieht sich langsam und ungleichmäßig. Hier dagegen sehen wir das Gegenteil; hier kommt das Volk als ganze Masse, um sich die Bildung zu holen, und obgleich es lange im fremden Lande verweilt, verschmilzt es nicht mit seinen Lehrern, nimmt weder deren Luxus noch deren Laster an, bewahrt seine Ursprünglichkeit und kehrt auch nach Aneignung vieler asiatischer Gebräuche nicht als Asiate sondern als Europäer nach Europa zurück. Ich will mich gar nicht einmal über die anderen Folgen, wie z. B. die Veränderungen in der feudalen Verwaltung und Regierung auslassen, die ohne andauernde Entfernung vieler kräftiger Männer aus dem Lande nicht möglich gewesen wären.

Aber werfen wir einen Blick auf die anderen Ereignisse, die die mittelalterliche Geschichte ausfüllen. Wenn sie auch im Vergleich mit den Kreuzzügen nur Erscheinungen zweiten Ranges sind, so sind sie doch nichtsdestoweniger von wunderbarem Reiz und verleihen dem Mittelalter einen gewissen phantastischen Glanz — sie sind ein Produkt einer herrlichen Jugend, die noch von ganz großen und starken Hoffnungen erfüllt ist, einer unvernünftigen Jugend vielleicht, die aber auch in ihrer Unvernunft etwas Bezauberndes hat. Wir wollen die Begebenheiten in chronologischer Reihenfolge betrachten.

Beginnen wir mit jener glanzvollen Zeit, als die Araber — diese Zierde der morgenländischen Völker — auf dem Schauplatz erschienen. Sie verdanken ihre ganze glorreiche Existenz einem einzigen Menschen und der von ihm gestifteten Religion, einer Religion, so reich wie die Nächte und Abende des Orients, so üppig wie die Natur an den Ufern des Indischen Ozeans, so erhaben und grüblerisch, wie nur die gewaltigen Wüsten Asiens sie hervorbringen konnte. Mit unerhörter Schnelligkeit errichten diese braunen Turbanträger ihre Kalifate an drei verschiedenen Enden des Mittelländischen Meeres. Ihre Phantasie, ihr Geist und alle ihre Fähigkeiten, mit denen die Natur die Araber so reichlich beschenkte, entwickeln sich vor den Augen des erstaunten Okzidents und prägen sich in verschwenderischer Fülle in ihren Palästen, Moscheen, Gärten, und Fontänen aus, und zwar ebenso plötzlich wie in ihren Märchen, die nur so von Perlen und Edelsteinen orientalischer Poesie strotzen. Noch ein Jahrhundert, und schon ist es verschwunden, dieses außergewöhnliche Volk, so daß wir uns staunend fragen: hat es wirklich gelebt und existiert oder war es nur eine Schöpfung unserer Phantasie?

Wie wunderbar und voll von Widersprüchen ist ferner das Erscheinen der Normannen, dieses Volkes, das der zürnende Norden wütend aus seinen Eisfeldern hervorschleuderte! Eine Handvoll kühner Männer, denen der düstre Odin und die Schneeberge Skandinaviens auf den Fersen zu folgen scheinen, breiten panischen Schrecken über ganze gewaltige Staaten und Reiche aus. Geführt von ihren Königen, kommen ihre beweglichen Königreiche auf dem nördlichen Eismeer dahergeschwommen und alles sinkt nieder vor diesen wenigen, im Strom, im Wellengang, in der furchtbaren Armut Skandinaviens und ihrer wilden Religion gestählten Fremdlingen.

Auch die gewaltigen Eroberungszüge und die weite Verbreitung der mongolischen Völker war beinah etwas Übernatürliches. Die inneren grenzenlosen Gefilde Asiens, bis dahin den Augen aller Völker verborgen, leuchteten plötzlich in schrecklicher Majestät auf, diese endlosen Steppen, Seen und ungeheuren Wüsten, wo sich alles in einer unermeßlichen Breite und in unendlichen Ebenen verläuft, wo der gewaltige Flächenraum durch das vereinzelte Auftreten von Menschen nur noch riesenhafter und elementarer wirkt. Diese Steppen, die von baumhohem Gras oder flutenden Kornfeldern bedeckt sind, die keines Menschen Hand je gesäet und geschnitten hat, diese Steppen, wo Rinder und Roßherden weiden, die von Urzeiten her noch niemand gezählt hatte und deren wahre Anzahl selbst ihren Besitzern unbekannt blieb, diese Steppen erblickten eines Tags einen Tschingis-Chan, der angesichts seiner kleinen, schlitzäugigen, plattnasigen und breitschulterigen Mongolen das Gelübde ablegte: die Welt zu erobern — und das menschenreiche Peking wird im Lauf eines Monats ein Raub der Flammen, ein Millionenvolk wird von mongolischen Pfeilen niedergestreckt, und der König der Tungusen geht mit Hunderttausenden seiner Untertanen auf einem festgefrorenen See zugrunde, die Rinderherden werden bis an die Grenzen Indiens getrieben, und ganze Scharen von Roßherden irren an den Ufern der Wolga herum. Mit einem Worte: es ist, als ob sich in diesen Eroberungszügen die ganze ungeheure Größe Asiens spiegelte. Eine so rapide Überflutung hat weder die alte noch die neue Geschichte je gesehen.

Ich will hier nicht von dem bedeutenden Handelszentrum Venedig reden, diesem kleinen Fleckchen Erde, das von einer einzigen Stadt eingenommen wurde; eine Stadt, eine einzige Stadt, die keinem Reich angehörte, preßte der ganzen Welt ihr Gold aus, und ihre königlichen Kaufleute übertrafen mit ihren Schiffen, die stolz alle Meere durchkreuzten, mit ihren Palästen am Adriatischen Meere den Ruhm so manches Monarchen. Diese Erscheinung halte ich nicht für außergewöhnlich und einzig dastehend. Sie wiederholt sich häufig in der Geschichte, wenn auch mit Abweichungen und in mancherlei anderer Form. Unvergleichlich viel origineller ist das Leben in Europa während der Kreuzzüge und nach ihnen, in jener Zeit, wo die Grenzen der Staaten noch unklar und unbestimmt waren; wo der Königstitel noch ein Name ohne viel Bedeutung war und wo es noch Millionen von Grundbesitzern gab, die in ihren Ländern wie kleine Selbstherrscher regierten, wo ganz Europa von uneinnehmbaren Schlössern mit Türmen und Zinnen und von trotzigen Festungen übersäet war, wo sich die Kraft der Ritter durch den beständigen Kampf und die ewigen Fehden ins Übermenschliche, Löwenhafte steigerte, als sie sich vom Kopf bis zu den Füßen in Eisen hüllten, dessen Last trugen, die vordem kein Mensch hätte heben können, und wo Stolz und Trotz sich zu einem rohen Unabhängigkeitsgefühl entwickelte. Man sollte glauben, dieser rohe Mut hätte die Seele abhärten und erstarren lassen und sie ebenso gefühllos machen müssen, wie ihre undurchdringlichen Panzer. Aber wunderbarerweise wurden diese wilden Männer gezähmt und gebändigt durch eine Erscheinung, die in schroffstem Widerspruch zu ihren Sitten stand: durch die allgemeine und grenzenlose Verehrung der Frauen. Die Frau wird im Mittelalter zur Gottheit; ihr zuliebe werden Turniere veranstaltet und Lanzen zerbrochen, ihr rotes oder blaues Band flattert am Helm oder Panzer und flößt übernatürliche Kräfte ein; um ihretwillen bezwingt auch der wildeste Ritter seine Leidenschaften und bändigt sie machtvoll wie seinen arabischen Hengst; ihr zuliebe legt er sich wundersame Gelübde auf, die an Strenge und Härte gegen sich selbst nicht ihresgleichen haben, und dies alles nur um der hohen Würde teilhaftig zu werden, vor seiner Gottheit in die Knie sinken zu dürfen. Noch bewunderungswürdiger aber als diese begeisterte Liebe ist ihre Wirkung auf die Sitten. Die Vornehmheit der europäischen Gesinnung ist die Folge dieser Liebe. Das Wanderleben, das jedem einzelnen Tausende von Erfahrungen und Abenteuern eintrug und ganz Europa in eine bewegte auf und ab wogende Hauptstadt verwandelte, hat später in den Europäern den Durst nach Entdeckung neuer Welten rege gemacht. Die immerwährenden Fehden und Kriege, die ständige Unsicherheit der Lebensverhältnisse, haben nicht etwa wie das gewöhnlich in den Geschichtsperioden zu geschehen pflegt, in denen der Luxus die Wunden sittlicher Gebreste der Völker zerfrißt, wo die Unersättlichkeit des persönlichen Vorteils, Gemeinheit, Schmeichelei und die Sucht nach verfeinerten Lastern hervorruft, den allgemeinen Geisteszustand und die Spannkraft der Europäer geschwächt, nein, sie haben sie noch gestählt und entwickelt.

Die Laster der kultivierten Völker wagten es nicht, den europäischen Ritterstand anzutasten. Fast scheint es, als hätte die Vorsehung ununterbrochen über ihn gewacht und ihn mit der Sorgfalt eines treuen Erziehers unablässig behütet und geschützt. Zugleich mit dem Aufkommen des neuen Luxus und Lebenskomforts, der durch Venedig und die Hansa in Europa eingeführt wurde und die Ritter immer mehr ihren Gelübden und ihrem strengen Leben entfremdete, ihre Genußsucht schürte und ihren religiösen Enthusiasmus schwächte, begannen sich merkwürdige Verbände, wie man sie nie vorher gekannt hatte, zu bilden, die als strenge Richter, als unerbittliches Gewissen über die Völker Europas wachten. Nie weiß die Geschichte von Gesellschaften zu berichten, die untereinander mit so unlösbaren Banden verknüpft waren, wie diese geistlichen Ritterorden. Jede Tätigkeit um des eigenen Vorteils oder der eigenen Existenz willen, die doch sonst immer der Zweck aller Verbände ist, lag ihnen fern. Allem entsagen, was dem einzelnen wünschenswert ist, und nur für die ganze Menschheit leben; — als strenge Hüter der Welt leben, allein zum Schutz des christlichen Glaubens — sich ihm allein widmen, ihm alles zum Opfer bringen und alles von sich werfen, was im entferntesten dem eigenen Vorteile dient — ist das nicht eine wunderbare Erscheinung! Nur aus dem Mittelalter konnte solch eine Kraft und solche Energie entspringen. Kaum aber fingen die Ritterorden an, von ihren ursprünglichen Zielen abzuweichen und ihre Augen auf andere Zwecke zu lenken, angelockt durch die Habsucht und die Beutegier, da ließen sie Üppigkeit und Luxus immer mehr Gefallen am persönlichen Leben finden, und so wurden sie denen immer ähnlicher, deren Überwachung sie sich selbst zur Aufgabe gemacht hatten, und es entstehen die furchtbaren unerbittlichen Femgerichte, die unabwendbar waren, wie die göttlichen Anordnungen, und nicht mehr die Züge des Gewissens gegenüber der leichtsinnigen Welt trugen, sondern eine furchtbare und grausige Darstellung des Todes und des Gerichtes bildeten. Keine Macht, kein Landbesitz, ja, selbst nicht die Krone auf dem Haupt konnte ihre Urteilsprüche abwenden oder mildern. Unbekannt und unsichtbar wie das Schicksal, irgendwo im Waldesdickicht, in tiefen, feuchten unterirdischen Gewölben wogen und prüften diese Richter das ganze Leben und das Vergehen dessen, der inmitten seiner unermeßlichen Ländereien, im Kreise seiner nach Hunderten zählenden ergebenen Vasallen sich’s nicht einmal träumen ließ, daß es auf der Welt eine höhere Macht geben könnte als die seine. Wenn diese unterirdischen Richter einmal den Urteilsspruch gefällt hatten, — dann war alles verloren. Vergebens versuchten es die Herrscher mit ihrer drohenden Macht, die Annäherung an ihre Person zu erschweren, umsonst schloß ihr Gold die Lippen und zwang alle, ihr Lob zu singen — der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende der Welt, stahl sich durch die glänzende Schar ihrer Höflinge und traf sie hinterrücks an der Seite ihrer Freunde. Mutet es uns nicht wie ein fast märchenhaftes Wunder an! Nur da sind die Handlungen eines Menschen so unabwendlich, so übernatürlich, so ungewöhnlich, wo er außerhalb der Gesellschaft steht, jedes Schutzes einer gesetzlichen Macht entbehrt und nicht weiß, was das Wort „Unmöglichkeit“ bedeutet.

Auch die ganze Art der Tätigkeit, wie sie in der Mitte und am Ende des Mittelalters herrschte — dieses allgemeine Streben nach der geheimnisvollen Wissenschaft, dieser Wunsch nach Erkenntnis und Erforschung der rätselhaften Naturkräfte, diese Unersättlichkeit, mit der sich alle der Zauberei und der Magie hingeben, in alledem gärt und brodelt jene europäische Neugierde, ohne die die Wissenschaft sich nie so entwickelt und die jetzige Vollkommenheit erreicht hätte. Selbst der naive Geisterglaube und die Beschuldigung des Umgangs mit Geistern haben für uns ein ganz besonderes Interesse. Die Beschäftigung mit der Alchimie, der Krone mittelalterlicher Gelehrsamkeit, der Schlüssel alles Wissens, entsprang dem kindlichen Wunsch, das vollkommene Metall zu entdecken, das dem Menschen die Macht über alles verleihen sollte. Man stelle sich nur ein kleines deutsches Städtchen im Mittelalter vor: diese schmalen, unregelmäßigen Straßen, diese hohen, bunten, gotischen Bauten und dazwischen ein uraltes baufälliges Häuschen, das allgemein für unbewohnt gilt und auf dessen von Rissen durchzogenen Mauern Moos und Alter ihre Wohnstätte aufgeschlagen haben; diese zugenagelten Fenster — das ist die Behausung des Alchemisten. Nichts läßt auf die Gegenwart eines lebenden Wesens schließen — aber in dunkler Nacht steigt ein bläulicher Rauch aus dem Schornstein auf und verrät das unermüdliche Wachen des Greises, der über seinem Problem grau ward, aber die Hoffnung noch immer nicht sinken lassen will — scheu schleicht der fromme, mittelalterliche Handwerker an dieser Stätte vorbei, wo seiner Meinung nach Geister ihr Heim aufgeschlagen haben, in Wahrheit aber wirkt dort an Stelle der Geister der ewige Wunsch und der unüberwindliche Wissensdrang, der nur von sich selbst lebt, sich stets von neuem an sich selbst entzündet und selbst durch Mißerfolge noch mächtiger angefacht wird — dieses Urelement des ganzen europäischen Geistes — das von der Inquisition, die bis in die tiefsten Gründe der menschlichen Gedanken eindrang, vergeblich verfolgt wird; aber er reißt sich immer wieder los und er gibt sich trotz Furcht und Schrecken nur noch mit größerem Genuß seinem Studium hin.

Und die Inquisition! Welch düstere, furchtbare Erscheinung! Diese grausige, blinde Inquisition, die über unzählige Gewölbe und unterirdische Klöster gebot, die an nichts anderes glaubte als an ihre furchtbaren Folterwerkzeuge, in deren Erfindung der Mensch einen geradezu höllischen Scharfsinn an den Tag legte. Diese Inquisition, die unter der Mönchskutte ihre eisernen Krallen hervorstreckte und alle ohne Unterschied ergriff, die einer seltsamen oder ungewöhnlichen Beschäftigung nachgingen, sie liefert wieder einen Beweis für die große Wahrheit, daß, wenn auch die physische Natur des Menschen durch Qualen dazu gezwungen wird, die Stimme der Seele zum Schweigen zu bringen, doch in der großen Masse der ganzen Menschheit der Geist noch immer über den Körper triumphiert hat.

Sind das nicht alles ganz einzigartige Erscheinungen? Geben sie uns nicht das Recht, das Mittelalter eine wunderbare Epoche zu nennen? Das Wunderbare bricht sich hier bei jedem Schritte Bahn und gewinnt während dieser jugendlichen zehn Jahrhunderte die Herrschaft über alles! Ich nenne sie jugendlich, weil in ihnen alles Junge lebendig ist: alles, was Mut, Leidenschaft, Begeisterung atmet, was nicht an die Folgen denkt, nie die kalte Berechnung zur Hilfe ruft und noch keine Vergangenheit besitzt, auf die es zurückblicken könnte. Alles am Mittelalter — ist Poesie und Willkür! Man merkt sofort den Umschwung, wenn man das Gebiet der neuen Geschichte betritt. Der Unterschied ist zu auffallend; und unser Seelenzustand gleicht dann den Meereswellen, die sich anfänglich in Bergen und Tälern aufbäumen und senken, um gleich darauf wieder als unendliche Fläche still und ruhig dahinzufließen. Im Mittelalter erscheinen die einzelnen Handlungen und Taten der Menschen ganz unüberlegt, die wichtigsten Ereignisse widersprechen einander in jeder Beziehung und bilden große Kontraste. Fassen wir sie jedoch alle zu einem Ganzen zusammen — so erkennen wir die bewunderungswürdige Weisheit, die darin waltet! Wenn man das Leben des einzelnen Menschen mit dem Leben der Menschheit vergleichen könnte, so müßte man das Mittelalter die Schulzeit des Menschen nennen. Da flossen seine Tage fast unbemerkt von der Welt dahin, seine Taten sind noch nicht so kraftvoll und reif, wie dies für die Welt erforderlich ist, und niemand erfährt etwas von ihnen. Dafür aber entspringen alle seine Handlungen einer triebartigen Leidenschaft und enthüllen mit einem Schlage alle inneren Regungen der Menschen; ohne sie wäre auch seine spätere Wirksamkeit in der Gesellschaft unmöglich.

Sehen wir ferner zu, welch ungeheure Ereignisse das Mittelalter umrahmen: das große Kaiserreich, das die ganze Welt beherrschte, eine zwölf Jahrhundert alte Nation, geht an Erschöpfung und Gebrechlichkeit zugrunde, und mit ihr versinkt die halbe Welt, stürzt das ganze Altertum mit seiner halbheidnischen Denkungsart, seinen geschmacklosen Schriftstellern, seinen Gladiatoren, Statuen, seinem überladenen Luxus und seinen raffinierten Lastern zusammen. Dies ist der Anfang des Mittelalters, und sein Abschluß wird durch ein ungeheures Ereignis gekennzeichnet, eine allgemeine Explosion, die alles in die Luft sprengte und alle jene furchtbaren Gewalten, die bis dahin die Welt so despotisch umklammerten, vernichtete. Die Macht der Päpste wird erschüttert und fällt zusammen, und ebenso geht es mit der Unwissenheit und Unkultur. Die Schätze und der Welthandel Venedigs werden unterminiert, und wenn das allgemeine Chaos nach dieser großen Umwälzung sich klärt und entwirrt, erscheint folgendes Bild vor den erstaunten Augen der Nachwelt: Könige, die ihr Zepter mit kräftiger Hand festhalten; Schiffe, die mit mächtig geblähten Segeln das Mittelmeer durchschneiden und die Wogen des unendlichen Ozeans befahren; statt des ohnmächtigen Schwerts hält der Europäer die Feuerwaffe in den Händen; gedruckte Bogen fliegen von einem Ende der Welt zum andern: und das alles ist ein Ergebnis des Mittelalters. Der ungeheure Druck der Mächtigen und die unerträgliche Knechtung des Volks waren scheinbar nur dazu da, um den allgemeinen Ausbruch hervorzurufen. Nur indem die menschliche Vernunft all ihre Kräfte zusammennahm, konnte sie die harte Rinde, die sie umgab, durchbrechen. Vielleicht hat auch nur daher kein Jahrhundert so viele riesengroße Erfindungen aufzuweisen, wie das fünfzehnte, das das Mittelalter in so glänzender Weise beschließt: diese gewaltige Zeit, die an einen mächtigen, majestätischen gotischen Dom erinnert, finster und dunkel wie die sich durchkreuzenden Gewölbe, bunt wie seine vielfarbigen Fenster und die Menge des ihn schmückenden Zierates, und erhaben und voller Leidenschaft, wie die zum Himmel strebenden Mauern und Türme, die in eine in den Wolken verschwindende Spitze auslaufen.

III
Ein Kapitel aus einem historischen Roman[1]

Unterdessen überschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in Kleinrußland noch keine allgemeine Landstraßen, dafür aber kannte ein jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkürzeste war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Gräben dahin oder an einer Böschung entlang, überschritten eine Schlucht, und nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem Nachtlager vorliebnehmen zu müssen. Die größte Unbequemlichkeit für den Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, daß er sich im Umkreise von 25 bis 30 Schußweiten bei den Bewohnern nach dem Wege erkundigen mußte und daß die Aussagen sich fast immer widersprachen.

Unser Reiter ritt in Gedanken versunken dahin, hielt die Zügel nur schlaff in Händen und ließ den Kopf hängen, bisweilen nur stolperte das feurige Roß, sein treuer Kamerad, über Erdhügel und Baumstümpfe und riß ihn aus seinen Träumereien, die sich aber bald wieder wie eine Perlenschnur um sein Haupt schlangen. Zum erstenmal hatte er solch einen Auftrag auszuführen. Er war hinausgesandt in die weiten Steppen der Ukraine! Gott allein nur wußte, wohin ihn der Weg führen würde! Wer war nur dieser Gletschik? ... Und was hatte Kasimir mit dem Anführer einer Bande, der sich Oberst des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ... Man hatte ihm keine genügenden Erklärungen gegeben, weder über seinen Charakter, noch seine Stärke, noch darüber, was für Beziehungen er hatte, noch auch zu wem ... Wozu also diese Vorsicht, die man im Gespräch mit ihm beobachten sollte? Warum sollte er so weit reiten — nur um ihm Nachricht von den Ereignissen zu bringen, die Warschau so beunruhigten? Welchen Nutzen hätte auch ein so weit entfernter Verbündeter bringen können? Er schalt innerlich auf sich selbst, weil er Brigitte nicht genauer nach allem ausgefragt hatte; ihr waren sicherlich die Gründe für diese merkwürdige Botschaft mehr oder weniger bekannt.

Die Sonne nahm langsam Abschied von der Erde. Malerische Wolken, deren Ränder von feurigen Strahlen vergoldet wurden, zogen, fortwährend ihre Gestalt ändernd und sich wieder auflösend, am Himmel hin. Die Dämmerung breitete mürrisch einen grauen Nebel über alles und schloß die Läden vor den Fenstern, aus denen noch soeben ein Licht auf Gottes Welt gefallen war. Nach einem langen Ritt durch die Steppe gelangte unser Reisender in einen Wald. Die vom Herbst unbarmherzig ihres grünen Laubes beraubten Bäume erinnerten an ein großes Sieb und schienen in der nächtlichen Kühle zu zittern. Gelbe Blätter lagen unordentlich am Boden wie Speisereste und zerbrochene Scherben nach einem Gelage, und nur ihr Rascheln unter den Hufen des Rosses ließ die Gegenwart unseres Reiters erkennen. Zwischen den kahlen Wipfeln der Bäume lugte der dunkle Himmel hervor. Ein scharfer Wind erhob sich im Felde und entsandte trübselige Seufzer bis in das Waldesdickicht.

Unwillkürlich stutzte der Reiter und hemmte unschlüssig sein Roß; was sollte er beginnen, der Weg war vollkommen verschwunden, und vor ihm lag nichts wie dichter Wald und das Ungewisse; da drang plötzlich ein lautes „Zop, zop“ an sein Ohr, ein schwer beladener Wagen kam knarrend dahergefahren, und ein paar Stiere tauchten hinter den Bäumen auf. Man muß sich in die Lage unseres Reisenden hineinversetzen, um seine Freude über eine solche Begegnung zu verstehen. In diesem Augenblick erschien auch der Mond am Himmel. Ein silbernes Licht, von furchtsamen Schatten der Bäume durchkreuzt, fiel wie ein Gitter auf die Erde, erleuchtete weithin die Umgegend, und Laptschinsky sah einen kräftigen ältlichen Bauer vor sich. Der graue herabhängende Schnurrbart saß ihm stolz in dem gebräunten, scharf geschnittenen, muskulösen Gesicht, und ein Zug asiatischer Sorglosigkeit lag gutmütig darüber. Durch die schwarzen Brauen zog sich schon manch silbernes Fädchen hindurch; die kleinen braunen Augen sprühten Feuer, und zuweilen leuchtete etwas wie Schlauheit oder Treuherzigkeit daraus hervor. Er hatte eine schwarze Kosakenmütze mit einem blauen Dach auf dem Kopfe. Ein kurzer Pelz ohne Tuchüberzug diente ihm als undurchdringlicher Schutz gegen die Kälte und wurde von einem hellen, farbigen Gürtel festgehalten. Zum Überfluß hatte er sich noch einen gewöhnlichen Mantel aus dickem, schmutziggrauem Stoff übergeworfen, wie ihn noch heute die kleinrussischen Bauern tragen. Im Gürtel staken eine Flinte und ein krummer tatarischer Säbel, — denn in jenen unruhigen Zeiten hielt jeder Kosak — ob Krieger oder Bauer, es für unumgänglich notwendig, immer eine Waffe bei sich zu tragen.

„Gott helf!“ sagte er, hielt seine Stiere an und entblößte zum Zeichen der Hochachtung, die die einfachen Bauern zu jener Zeit noch den Kriegern zu erweisen pflegten, seinen Kopf, der nur noch ganz oben mit einem Haarbüschel geschmückt war. Hier müssen wir uns erinnern, daß Laptschinsky gezwungen gewesen war, sein schmuckes Kostüm mit der bescheidenen Kleidung eines Kosakenführers zu vertauschen, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, die er sich seitens der Einwohner zugezogen hätte, weil diese alles haßten, was den Namen Pole trug oder auch nur zu ihnen gehörte.

Unser Reiter dankte mit einem leichten Nicken des Kopfes für den Gruß.

„Weißt du nicht, Landsmann, ob es von hier noch weit bis zur Ramodanowschen Landstraße ist?“ fragte er mit freundlicher Miene.

„Das kann ich nicht so ohne weiteres sagen, Euer Gnaden, warten Sie mal!“ Und er begann zu rechnen, was man aus den mechanisch zusammengedrückten Fingern entnehmen konnte. „Bis zur Ramodanowstraße? ... Wie soll ich Euch sagen? ... sie ist nicht gerade sehr nahe. Ich muß gestehen, daß unsere Kosaken ein wenig Angst gekriegt haben: jemand hat das Gerücht verbreitet, daß die ganze polnische Schlachta uns an der Ssula einen Besuch abstatten wolle. In ihrem blinden Eifer haben sie alle Brücken zerstört, da werden Euer Gnaden vielleicht einen großen Umweg machen müssen. Übrigens, der Himmel mag’s wissen, ich wiederhole nur, was die anderen sagen ... es kann ja auch sein, daß Ihr einen kürzeren Weg findet ... aber Sie wissen, jetzt ist es Herbst ... da kann es auch recht weit werden ... Aber wenn man recht bedenkt, so scheint es doch wieder viel näher. Ja, es wäre eine andere Sache, wenn es Wegweiser gäbe, wie Euer Gnaden sie gewiß auf den Straßen in Polen gefunden haben, wenn Sie dort gewesen sind.“

Man muß sich nicht über die Widersprüche, die den Monolog unsers Landmanns auszeichneten, wundern. Abgesehen von der tatsächlichen Unkenntnis, liebten es die Kleinrussen stets, auch an den allerbekanntesten Dingen zu zweifeln. Ein Kleinrusse wird euch auch noch heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird sich erst zehnmal verbessern und manchesmal seinen Partner mit Absicht so in Verwirrung bringen, daß jener zu seinem Staunen erfahren wird, daß es bis zu einem bestimmten Ort sehr weit und zugleich sehr nahe ist.

„In welcher Richtung muß ich denn nun aber weiterreiten?“ fragte unser Reisender und blickte prüfend auf seinen Lehrmeister.

Unser Bauer sah sich den Mann von Kopf bis zu Fuße an.

„Euer Gnaden wollen jetzt gleich weiterreiten?“

„Und warum nicht?“

„Gott bewahre! jetzt würde sogar unsereiner, d. h. ein Hiesiger, sich’s sehr überlegen, ehe er weiterreiten würde. Weißt du, Mosjpane, wir brauchen ja nur noch eine kleine Weile zu fahren, — nicht länger als ein tüchtiger Bauer dazu braucht, eine halbe Fuhre Getreide zu zermahlen, dann hören wir schon die Hunde auf meinem Hofe bellen. Es ist immer besser, in einer warmen Hütte zu schlafen — morgen magst du dann mit Gott weiterreiten.“

Diesen Vorschlag konnte unser Reisender nicht von der Hand weisen, ja es schien fast, als ob er ihn erwartet hätte.

„Und wohin führt Sie der Weg, Mosjpane?“ fragte der Bauer unterwegs seinen zukünftigen Gast.

„Ich reise weit, bis an das andere Ufer der Worskla zu dem Mirgoroder Oberst, Gletschik. Hör’ mal, Landsmann, kennst du ihn vielleicht?“

„Wie sollte ich diesen alten Hund nicht kennen! Und woher kommt ihr?“

„Aus dem großen Lager bei Lochwitza.“

„Wie kommt denn das, Euer Gnaden; wir haben doch gar nicht gehört, daß bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ist.“

Hierbei durchbohrte er den Fremden mit seinen Augen, als wolle er ihn auf Herz und Nieren prüfen. „Ja, natürlich, wie soll ein Bauer etwas von Kriegssachen verstehen; es sind noch keine Gerüchte bis in unsere Einöde gedrungen.“

Unser Gesandter stutzte und überlegte sich’s, daß man auch im Gespräch mit einem simplen Bauer die Vorsicht nicht außer acht lassen dürfe, dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: „Sieh mal Landsmann, mit Bestimmtheit kann ich es dir freilich nicht sagen. Ich selbst bin nicht im Lager gewesen, aber der Saporoger Hauptmann, Schljaiko, dem ich bei Lochwitza begegnet bin, hat mir einen Brief an den Mirgoroder Oberst mitgegeben, als er vernahm, daß ich nach jener Gegend reite. Er jagte dahin wie ein Verrückter, trotz aller Fragen konnte ich nichts Zuverlässiges erfahren ... Ich war erst vor kurzem aus Warschau zurückgekehrt ... Sieh mal, möglicherweise hatte er Grund, mir zu mißtrauen ... d. h. ... er ... nun ich glaube, du verstehst mich.“

„Was reden Euer Gnaden, kann denn ein Bauer verstehn, was die Herren untereinander sprechen! Bei Gott, nein, wie soll unsereiner das verstehen. Unsere Schädel sind ja ganz anders gebaut als die Köpfe der Herrn ... weiß der Teufel, was das ist! ... sie haben mehr Ähnlichkeit mit einem Kohlkopf als mit einem Menschenkopf ...“

„Oh, du bist mir ein Schlauer!“ dachte Laptschinsky und nahm sich vor, seine Worte so bedächtig wie möglich zu setzen.

Er ritt die ganze Zeit im Schritt und paßte den leichten Gang seines stolzen Rosses den langsamen Schritten der schwerfälligen Stiere an, denen der Bauer mit phlegmatischer Würde, den Stock schwenkend und seine Pfeife rauchend, voranschritt. Der Rauch hüllte sein braunes Gesicht wie in eine Wolke ein; zuweilen, wenn es von der aufflackernden Flamme beleuchtet wurde, erinnerte es an einen Vampir, der hie und da aus dem undurchdringlichen Sumpfnebel auftauchte und von dem ein wundersamer Funkenstrom ausging. Dies veranlaßte Laptschinsky, ihm immer wieder in die Augen zu sehen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch derselbe Mann sei, den er soeben getroffen hatte.

Aber unser Bauer verscheuchte selbst alle Zweifel und ließ seinem Gast keinen Augenblick Zeit zum Grübeln.

„Haben Euer Gnaden schon von solch einem Wunder gehört?“ fragte er, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; „siehst du dort im Dunkeln weit vor uns die Tanne?“

Zu seinem großen Erstaunen sah der Reisende wirklich eine Tanne. Wie hatte die ihren Weg hierher gefunden? denn hier zu Lande, d. h. in Kleinrußland, hätte das Auge wohl selbst im Umkreise von hundert Werst keine dieser Bewohnerinnen des Nordens entdecken können. Unwillkürlich starrte er sie an: sie allein schien sich inmitten dieser kahlen Bäume etwas wie Leben erhalten zu haben. Aber konnte man das Leben nennen? Es war eine Mumie, die man nur mit Verwunderung unter nackten Skeletten entdeckt, und die allein der Verwesung Trotz geboten hatte. Man gewahrt an ihr dieselben Züge und dieselbe herrliche menschliche Form, aber, Gott, in welchem Zustande! Ein unbeschreibliches, unbegreifliches Gefühl von Wehmut und Grauen erfaßt die Seele beim Anblick dieses elenden Betruges, durch den die geschäftige Kunst etwas dem Leben Ähnliches zu ergreifen und festzuhalten versucht.

„Das ist noch kein großes Wunder, daß da eine Tanne steht. Wunderbar ist nur dieses: Jetzt wo wir miteinander plaudern, sind es wohl fünfzig Jahre her, daß hier, wohl gar an diesem selben Platze, in prächtigen Gemächern ein großer, vornehmer Herr hauste. Ob er nun ein Woiwode, ein Hauptmann oder ein einfacher Gutsbesitzer gewesen ist, weiß ich Euch nicht zu sagen; ich weiß nur, daß er Pole war und nicht unserer Religion angehörte. Er lebte, wie alle die unsaubern polnischen Herren leben; sein Haus war von früh bis zum Abend von Wein und Gesang erfüllt, ein Zittern überlief jeden ehrlichen Christenmenschen, wenn er die Schreie vernahm, die aus dem Walde drangen. Die Gutsknechte ritten alle Gehöfte ab und plünderten deren arme Bewohner. Aber mehr noch. Sie fingen bald an, auch noch die heiligen Kirchen zu plündern und zu bestehlen, und trieben es so schlimm, ... hol’ sie der Teufel, ich mag gar nicht sagen, was sie alles verübten. Man hätte sie alle erschlagen sollen ... Euer Gnaden ... Aber das ging nicht, denn es waren ihrer vielleicht hundertfünfzig Knechte, und jeder war mit einer Hellebarde, einem Luntengewehr und einer ganzen Kriegsrüstung bewaffnet. Da erbot sich ein Kirchensänger, — wie er hieß und aus welchem Kirchspiel er stammte, das weiß ich bei Gott nicht, Euer Gnaden, — der also erbot sich, in den Wald zu gehen. Wenn es jetzt nicht Nacht und der Boden nicht mit Blättern bedeckt wäre, könnte ich Ihnen vielleicht noch die Reste von diesem Teufelsnest zeigen. Um diese Zeit, — offenbar hatte Gott es schon so bestimmt — feierten sie gerade irgendeinen ihrer verfluchten Feiertage. Der Kirchensänger war aufs Schlimmste gefaßt und sagte zu sich: ‚Gott, steh mir bei!‘ und schob sich mutig durch das Tor, das von dem sich drängenden Volk versperrt wurde. Zimbeln und Trommeln erschallten und dröhnten wie bei einer Hochzeit, und die betrunkenen Herren und ihre Knappen tanzten einen wilden Krakowiak. Als sie nun den Kirchensänger erblickten, Euer Gnaden, da riefen sie alle: ‚Was will der Pope hier!‘ Der Herr aber sprach: ‚He, ihr Knappen, schenkt dem Popen etwas Schnaps ein! mag er doch mit uns braven Christen einen Krakowiak tanzen, und helft ihm ordentlich mit dem Stock auf die Beine!‘ Der Sänger fing nun, offenbar des Heiligen Geistes voll, an, den Ketzern ihre Sünden und ihr gottloses Leben vorzuhalten, ihnen die Qualen des Jenseits zu schildern und ihnen klarzumachen, wie sie einmal in der Hölle tanzen würden, dann aber nicht mehr freiwillig, sondern angetrieben von den glühenden Gabeln der Teufel! ‚Ah, du willst uns hier auch noch was vorpredigen? He, Knappen! bringt den Popen auf den Chor und legt ihm eine Binde um den Hals, damit er sich nicht erkältet!‘ Da packten die Knechte den unglücklichen Sänger und schleppten ihn mit unmenschlichem Gelächter und Gejohle zu der Tanne, an der uns unser Weg vorbeiführt. Seht, Euer Gnaden, das war nun eben die Sache. Die Tanne stand gerade vor dem Hause und wie mit Absicht unmittelbar vor dem Fenster des herrschaftlichen Schlafzimmers. Als nun die Nacht alle verscheucht und der eine auf seiner Latte, der andere darunter lag, kam es unserem Herrn plötzlich so vor, als ob etwas Kaltes auf ihn heruntertropfe. ‚Hol’s der Teufel,‘ dachte der Herr, ‚was tropft denn da herunter?‘ Er erhob sich von seinem Lager und sah plötzlich, wie die stachlichten Tannenzweige die Mauer durchdrangen und sich — als wären sie lebendig, — immer weiter und weiter ausstreckten, bis sie ihn erreicht hatten. Unser Pan bekreuzigte sich vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, als er sah, daß Menschenblut von den Zweigen herabtropfte. Erst war es kalt wie Eis, dann aber verbrannte es ihn so heftig, daß er aufsprang und zum Fenster lief. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu versagen, als er hinausging. Die Tanne war ganz blau wie eine Leiche und sie nickte ihm fürchterlich mit ihrem schwarzen, sich hochaufbäumenden Barte zu. Anfänglich glaubte unser Herr, daß ihm der Wein in den Kopf gestiegen wäre; in der folgenden Nacht aber war es ebenso und das ganze Hausgesinde wußte wie aus einem Munde zu erzählen, wie der ganze Wald widerhallte von Grabesliedern, die schreckliche Stimmen zu Ehren der Toten sängen, so daß einem ein Schauder über den Rücken laufe und die Haare zu Berge stünden. Was taten sie nicht alles? Sie begruben den Leib des Sängers mit allen Ehren, dann wollten sie die Tanne umhaun, aber die Axt konnte ihr nichts anhaben. Bei jedem Schlag, den das Beil tat, wurde es schartig, der Baum aber stöhnte wie ein ungetauftes Kind. Endlich entschlossen sie sich, diesen verfluchten Ort zu verlassen. Tag für Tag versammelte sich das Gesinde, sattelte die Pferde, lud alles Hausgerät auf und brach frühmorgens auf, eh noch die Teufel sich den Sand aus den Augen gerieben hatten, sie ritten und ritten bis zum späten Abend; man könnte meinen, sie müßten weiß Gott wie weit gekommen sein — doch nun schlagen sie ihr Nachtlager auf, und blicken um sich; was sie sehen, sind lauter bekannte Dinge: derselbe finstre Wald, dasselbe Haus, die verfluchte Tanne; sie streckt ihre Äste aus, wie ein Paar Arme, ergreift den Pan, übergießt ihn mit Blut und der schwarze zerwühlte Bart nickt ihm unheimlich zu, wie ehemals.“

Hier warf der Erzähler seinem Zuhörer einen herausfordernden Blick zu, seine funkelnden Augen blitzten in der dunklen Nacht noch heller, und er stellte mit Wohlgefallen den Eindruck fest, den seine Erzählung auf jenen gemacht hatte. In der Tat, unser Reisender konnte ein gewisses Gefühl des Schreckens nicht loswerden, das sich heimlich in seine Seele schlich, und er sah sich unruhig um.

Indessen kamen sie an der Tanne vorüber. Der silberne Mondschein fiel gerade auf ihre traurigen Äste, ihre langen Schatten, die sich fast wie eine Fortsetzung der Zweige ausnahmen, brachen sich an denen der anderen Bäume und legten sich wie eine unendliche Leiter auf den Erdboden. Nachdem der Reiter vorübergeritten war, wandte er seinen Kopf noch einmal um. Sanft schaukelte der Wind die Wipfel der Tanne, da aber schien es ihm, daß ein böser Geist von schrecklicher majestätischer Gestalt ihm langsam folgte, traurig mit dem schaurigen Bart nickte und seine dunkelgrünen Arme ausstreckte, um ihn zu ergreifen.

„Nun, und was geschah weiter?“ fragte er den Mann, der plötzlich stumm geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu lassen, die ihn unwillkürlich erfaßt hatte.

„Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entließ sein ganzes Gesinde und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfünfzig Seelenmessen für den verstorbenen Kirchensänger gelesen hatte, verschwand der Spuk. Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl niemand sagen können. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar, daß eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter erzählte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, daß sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er hätte eine rote Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte. Zop, zop, zop! Hüh! Na, da wären wir, Euer Gnaden.“

Laptschinsky erblickte tatsächlich eine kleine Pforte, die aus wenigen quer übereinanderliegenden Brettern zusammengefügt war, wie man sie auch jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell erfüllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz übergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu öffnen. Unser Reiter sah einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfaßte, im Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Ställe, die gleichfalls mit Dächern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewöhnliche kleinrussische Hütte.

Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkörbe herum, viele von ihnen hingen auch an den Bäumen, die ihre eigentümlich geformten Zweige von allen Seiten in den Hof herabhängen ließen, als könnte diesen Riesen das einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter dem Hof zog sich noch ein Gebäude hin, das man in der Dunkelheit nicht recht erkennen konnte. All dieses ließ darauf schließen, daß das Gut einem recht wohlhabenden Kosaken gehörte; denn zu jener Zeit konnte man nicht bei jedem soviel Pracht und Überfluß finden.

Während der Hausherr mit dem Abladen seiner Säcke beschäftigt war, hatte Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen Bauern findet: der Tür gegenüber befanden sich einige Fenster und vor ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, daß hier jeder Gast stets einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein kann. Um die ganze Stube zogen sich breitere und schmälere Bänke aus Lindenholz hin; neben der Tür stand ein mächtiger Ofen, der unten eine große Öffnung hatte; diese war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hühner, Gänse, Truthähne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte, gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, daß er durchaus keines von den Geringsten unter Gottes Geschöpfen sei. Auf dem Fußboden saß ein vierjähriger Knabe und schlug mit dem mächtigen Stengel einer Sonnenblume auf einen umgestülpten Topf; während ein anderer, der ein Jahr älter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehört, für sein ganzes Leben eingeprägt hatte. Vor einer großen eisenbeschlagenen Kiste saß ein elfjähriges Mädchen, sie hielt einen Säugling auf dem Schoß, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung mit einem großen Hängeschloß klapperte und das Kind mit dem neuen Ankömmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Säbel, eine Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nähe auf einem Regal lag, wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedürftig war, ferner ein Beil, eine türkische Pistole, noch eine Flinte, eine Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika — alles Waffen, die seit undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unverträglichen Charakters miteinander in Frieden zu leben.