Title: Tunisias
Author: János László Pyrker
Release date: November 30, 2017 [eBook #56086]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by richyfourtytwo, Heiko Evermann, Jens Sadowski,
and the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net.
Pyrker
Johann Ladislav Pyker’s
sämmtliche Werke.
Neue durchaus verbesserte Ausgabe.
Erster Band.
Stuttgart und Tübingen.
J.B. Cotta’scher Verlag.
1855.
Tunisias
Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.
Eingang. Ein Eilbothe meldet dem Kaiser, die Schiffsmacht der Feinde sey gegen Barcellona im Anzug. Zugleich kommt Muley Hassan, der vertriebene König von Tunis, von ihm Schutz zu erflehen. Des Kaisers Abendgebeth im Dom zu Madrid. Die Stunde der Weihe. Muhamed in der Felsenhöhle des Aetna. Er erhebt sich mit seiner Geisterschar dem Hairaddin helfend zu nahen.
Der Kaiser beruft noch in der Nacht die Versammlung der Cortes, und eilt mit Muley Hassan nach Barcellona. Aus dem Schooße des Erdballs ziehen Hannibal, Hermann, und Regulus dem Kaiser zu Hülfe. Regulus eilt nach Tunis voraus, und haucht den gefangenen Christen Trost ein. Muhamed ruft aus dem übersinnlichen Raum noch den Attila zu Hülfe. Er erregt Mißtrauen in Muley Hassans Brust. Nächtliche Landung, und Raub der Corsaren.
Ein Theil der Seemacht versammelt sich vor Barcellona. Erst kommt Doria, dann Ludwig von Portugal, dann Ruyter mit den Niederländern. Der andere Theil an der wälschen Küste zu Porto Venere. Einschiffung der Wälschen und Deutschen. Aufzählung der deutschen Scharen. Ihre Abfahrt. Nacht. Muhamed erregt den Corsaren, Abdul, das nachsegelnde Schiff Sarno’s zu entern. Sarno gefangen. Die römische Macht vereint sich mit jenen. Ankunft vor Neapel. Toledo, des Vicekönigs Sohn, dessen von den Corsaren geraubte Gattinn, Mathilde, sich zu Tunis befindet, schließt sich mit Neapels Macht an. Abfahrt nach Cagliari.
Ankunft des Kaisers zu Barcellona. Einschiffung und Abfahrt nach Cagliari. Ausbruch des Aetna. Seesturm. Morgen. Die feindliche Schiffsmacht jener des Kaisers entgegen. Die Geister nahen. Muhamed eilt nach Afrika voraus. Die übrigen bleiben. Doria fordert vom Kaiser die Schlacht, und die Leitung derselben. Hermann will den Kaiser selbst zum Oberbefehle vermögen: dieser widersteht. Seeschlacht. Die feindliche Flotte anfangs im Vortheil. Regulus dringt in den Doria sie zu trennen. Die feindliche Schiffsmacht vernichtet. Sarno befreiet. Hannibal tritt bei dem Anblick des waltenden Römers auf die Seite Hairaddins, und eilt in sein altes Vaterland. Abfahrt nach Tunis.
Auf dem Wege schließt sich das Geschwader Maltha’s an. Drohende Wachfeuer an der afrikanischen Küste. Ankunft vor Buschatter (Utika), dann am Vorgebirge Karthago’s, und Goletta. Der Kaiser sendet zwei Späherschiffe die Landungsplätze zu erkunden. Hairaddin wird die Ankunft der Christen gemeldet. Er eilt nach Goletta. Muhamed erregt ihn, eines der Späherschiffe vernichten zu lassen. Drauf beruft er seine Feldherrn zum Kriegsrath, und kehrt nach Tunis zurück. Regulus zeigt Hugo, dem treuen Diener Mathildens, die Weise sie zu retten. Kurd.
Der Kaiser entläßt aus dem Kriegsrath die versammelten Feldherrn. Waffnet sich. Landung. Seine Rede an das gelandete Heer. Ordnung desselben. Dragut, in dessen Macht sich Mathilde befindet, nahet mit dem Vortrab. Vorkampf. Lichtstein verjagt die Feinde. Attila reitzt den Dragut zurückzukehren; er fordert den feindlichen Führer zum Zweikampf. Toledo ihm entgegen. Sie verwunden sich beide, und werden getrennt. Die Maltheser beschießen vom Meere heran die feindliche Stellung, landen, und verjagen mit Lichtsteins Reitern den Vortrab. Hairaddin, der ihm zu Hülfe eilt, wird mit fortgerissen. Das christliche Lager noch in der Nacht auf Karthago’s Stätte erbaut. Der Kaiser im Kreise der Krieger entschlummert. Ihm nahet Hermann, und kündet ihm seine Siege jenseits der Meere. Die Krieger entflammen die Lagerfeuer, kochen ab, und genießen das Nachtmahl. Kurd kündet Toledo die Rettung Mathildens. Attila erregt den Sinam das Lager der Christen zu überfallen. Viele Christen getödtet. Hardwins Opfertod. Rogendorf, der Feldzeugmeister, feuert mit Donnerröhren in die Feinde. Salis verfolgt mit den tyrolischen Schützen die Fliehenden, und wird von dem Kaiser ausgezeichnet.
Morgen. Der Kaiser auf den Ruinen Karthago’s. Muhamed und Attila mit ihren Scharen erregen im Cedernwald von Zafrano eine Riesenschlange, die Christen an der Errichtung der Schanzen zu hindern. Viele durch sie getödtet. Ludwig eilt ihnen zu Hülfe. Regulus. Die Riesenschlange durch Ludwig erlegt. Die Schanzen gegen Goletta erbauet. Sarno mit den Wälschen besetzt die äußersten Schanzen. Alba als Friedensgesandter zu Tunis. Der Friede von Hairaddin verworfen. Mathilde. Hugo macht ihr die Anstalten zu ihrer Rettung bekannt. Die Beschießung Goletta’s beginnt. Große Hitze. Saleck greift die Schanzen der Wälschen an. Sarno, aus den Schanzen gelockt, tödtet den Saleck, aber auch er wird durch eine Kugel getödtet. Seine Krieger kehren mit seiner Leiche fechtend zurück.
Der Kaiser tröstet die Krieger Sarno’s, und gebiethet der Veste durch Schanzen und durch bedeckte Wege näher zu rücken. Hugo hilft Mathilden entfliehen, und wird gefesselt in die Kerker der Hochburg geschleppt. Mathilde in der Höhle des Olivenwaldes empfindet die Wehen der nahen Entbindung. Cornelia. Hairaddins Unruhe. Muhamed erregt den Verschnittenen Memi, ihn durch Tanz und Spiele circassischer Jungfrauen zu erheitern, aber vergebens. Hairaddin heißt den Tobukes die Schanze der Spanier stürmen. Die Spanier überwältigt, fliehen. Der Kaiser, von Hermann gewarnt, eilt heran, und die Feinde werden zurückgetrieben. Tobukes ermordet sich selbst. Hairaddin rückt durch das Olivengehölz vor. Toledo mit Kurd auf dem Wege zur Höhle, kehrt bei Erblickung der Feinde zurück in das Lager, wo der Kaiser eben Heerschau hält. Dieser sendet den Lichtstein mit erlesenem Volk die Bergschanze zu erstürmen, und rückt mit einem Theile des Heeres dem Feinde entgegen.
Muhamed und Attila treiben die Feinde eilender vor. Angriff Hairaddins in dem Olivengehölz. Die Spanier weichen. Mendoza führt sie wieder vor. Er wird verwundet. Garzia Lasso führt ihm die Reiterschar zu Hülfe. Erstürmung der Bergschanze. Hairaddin gebiethet erneuerte Schlacht. Muhamed bringt Garzia Lasso in große Gefahr, aus welcher ihn der Kaiser errettet. Mathildens Tod. Toledo dringt zur Höhle vor, und findet dort seine entseelte Gattinn. Heftiger Kampf an dem linken Flügel des Heeres. Ursini, der römische Feldherr, weicht; doch Alba bringt ihm mit den schwergeharnischten Reitern Hülfe, und zwingt auch Hairaddin zum Rückzug. Der Kaiser kommt zur Höhle, und führt Toledo nach dem Lager.
Hannibal fordert den Sinam auf, das schwere Geschütz der Christen zu vernageln. Muhamed aber eilt mit Attila, und ihren Scharen nach dem Innern Aethiopiens, und erregt den Samum, daß er mit seinem Flammenhauch das christliche Heer vernichte. Giaffar stürmt die Schanze der Niederländer und Portugiesen, und vernagelt einiges Geschütz. Zweikampf. Don Ludwig tödtet den Giaffar. Sinam kommt den Seinen zu Hülfe. Heftiger Kampf. Der Samum nahet, wird aber von einem Unsterblichen zurückgetrieben. Erdbeben, Donner und Stürme wüthen. Der Kaiser befiehlt in denselben Goletta’s Erstürmung. Rückzug des Feindes. Die letzte Beschießung der Veste beginnt. Die geordneten Scharen der Christen dringen vor. Goletta erstürmt.
Nacht. Hairaddin sinnt auf Selbstmord. Muhamed dringt in ihn, die Christensclaven zu tödten. Sinam bringt ihn von seinem Entschlusse ab. Die Einwohner von Tunis werden entwaffnet. Regulus bewegt den Renegaten, Medelin, daß er den Christensclaven die Bande löse. Des Kaisers Trauer. Gespräch mit Eberstein, dem er seinen Entschluß entdeckt, einst in der Einsamkeit sein Leben zu enden. Toledo ermannt sich. Morgen, Feier des Abendmahls. Begrabung der Todten. Aufbruch des Heeres nach Tunis. Hairaddin nahet von dort mit dem Heere. Der Angriff wird auf den folgenden Tag verschoben. Er sendet den Abu-Sa-id, das Lager der Christen, im Rücken, zu stürmen. Hugo entkommt dem Kerker, und bringt dem Kaiser von den Christensclaven Kunde.
Morgen. Der Kaiser gibt das Zeichen des Angriffs. Salis vereitelt Abu-Sa-ids List, und tödtet ihn. Schlachtordnung der Christen. Der Kaiser hält eine Rede an sie, und führt sie dem Feinde entgegen. Die Geister der Schlacht entrückt. Vorgefecht. Heftiges Schießen aus dem großen Geschütz. Angriff. Dragut von Toledo getödtet. Allgemeine Schlacht. Toledo von Hairaddin erlegt. Die Feinde dringen vor, und umzingeln del Guasto, der sich in der Stellung des Vierecks wehrt. Der Kaiser kommt ihm zu Hülfe, und verwundet den Hairaddin. Letzter mörderischer Kampf. Flucht der Türken. Hugo findet seinen getödteten Herrn, und begräbt ihn in der Höhle des Olivenwaldes, an der Seite seiner Gattinn. Der Vortrab dringt in die Stadt. Der Kaiser langt an den Thoren an, wo ihm die Aeltesten entgegen kommen. Befreiung der Christensclaven. Einzug zu Tunis!
Tön’ o Heldengesang, die Waffenthaten des Kaisers
Carol, die er vollbracht’ auf dem wogenden Meer’ und dem Festland,
Als er vom schmählichen Joch tunisischer Räuber die Christen
Lös’te mit Siegers Hand, Europa’s zagenden Völkern
Frieden errang, und dem Meer’ erkämpfte die heilige Freiheit.
Haben Unsterbliche jetzt, in der Stunde der Weihe, vor allen
Mir das Auge berührt? Ich seh’ urplötzlich der Geister
Schauderumnachtetes Reich erhellt, und im freudigen Eilflug
Zahllos schreiten einher die Heldensöhne der Vorwelt,
Die in dem Schlachtengefild’, entzweiet, die Völker empören;
Sehe den Kaiser zuerst, im Sturm des Donnergeschützes,
Werfen des Feindes Schiffheersmacht in den brausenden Abgrund;
Dann ihn, laut umjauchzt von Tausenden, landen vor Tunis,
Schimmern die Fahne des Siegs von Goletta, vom blutigen Schlachtfeld
Fliehen den Feind, und dort in dem Staub die entfesselten Sclaven
Knieen, und netzen des Retters Hand mit glühenden Thränen,
Der, o Wonne, sie heim in das Vaterland, und entgegen
Segnenden Lieben führt aus Schmach, und Qual, und Verzweiflung!
O wie bebt mir die Brust: herauf aus den Tiefen des Herzens
Strömt der Gesang, und kündet der Thaten erhab’ne Vollendung!
Hoch auf dem Erker der Burg, im Duft der Acacienblüthen,
Sanftumschimmert vom Abendgold, saß jetzo der Kaiser,
Sinnend allein. Er dachte des eilegebiethenden Heerzugs;
D’rüben vor Tunis der Schlacht, und des wechselnden Schlachtengeschickes
Ernstumhülleten Blick’s. Gestalten der mächtigen Vorzeit
Schwebten ihm, dräuend, vorbei; er sah die verödeten Felder
Einstigen Ruhms, wo Hannibals Stolz dem gewaltigen Römer[1]
Huldigte, und für den Sieg des weltversöhnenden Kreuzes
Frankreichs Ludwig starb: fürwahr ein heiliger König![2]
Und ihm pochte die Brust laut auf in der Stille des Abends.
Siehe, da scholl entlang die Wölbung des drönenden Thorwegs
Hufesgerassel, und Leben erwacht’ in den untersten Hallen!
Näher die Stufen herauf, im Klirren des Waffengeschmeides,
Kam ein Ritter: Alonzo-Cid, des spanischen Fußvolks
Führer, das an dem Meer’, unferne dem Strand Barcellona’s,
Harrte des heiligen Kampfs für Recht, für Glauben und Freiheit.
Jetzo dem Herrscher genaht, sprach er, empört in dem Busen:
„Herr, von Mendoza gesandt, dem tapferen Heldengebiether,
Komm’ ich, ein eilender Bothe heran: uns nahen die Gegner!
Hairaddins[3] Seemacht kreuzt vor Hispania’s schönen Gestaden,
Jetzo gerüstet zur Schlacht, dann wieder unendlichen Jammer
Dräuend dem Küstenvolk und den heereversammelnden Schiffen.“
„Wie,“ so rief ihm der Kaiser, erstaunt: „noch wagte der Räuber
Uns in Europa zu nah’n, da wir nach Afrika’s Küsten
Wenden den Kiel, und lösen die schimmernden Segel zur Abfahrt?
Wehe dem Wüthrich, denn dort, wo empor aus blutigem Raubwust
Sein entsetzlicher Thron sich hob, und unzählige Christen
Decket in Kerkersnacht: dort treff’ ihn die Rach’ und Verderben —
Treffe Fluch ihn, und Schmach zur Vergeltung unendlichen Jammers!
Eile zurück’, und entbiethe von mir dem tapferen Feldherrn,
Daß er versammle sein Volk an dem Meer’, und wehre den Räubern
Dort den Ueberfall und die Landung: denn nur im Dunkeln,
Wie der hungernde Wolf, der Nachts die Hürde bestürmet,
Dräu’n sie Schrecken dem Feind, nicht im Lichte der brausenden Seeschlacht,
Die mein Doria[4] kämpft, ein Adler im Fluge zum Himmel.
Gehe mit Gott! Ich folge dir schnell zu dem Strande des Meers hin.“
Und er winkte mit Huld dem gepriesenen Führer zum Abschied.
Aber er zögerte noch, und begann: „Dem Räuber entfliehend,
Wie vor dem grimmigen Luchs ein Reh durch Schnelle sich rettet,
Stieg, erst heute vom Bord des raschhersegelnden Schiffes
Muley-Hassan[5] an’s Land, dem Hairaddin, schnaubend vor Herrschsucht,
Jüngst die Krone von Tunis geraubt. Er folgte mir schweigend
Nach Madrid, zum Palast, ein Flehender, daß du ihn hörest.“
Jetzt erhob sich, bewegt, der hochgesinnete Kaiser;
Eilte die Wendeltreppe herab, und sah nach dem Fremdling
Forschend umher. Er saß an der Marmorsäule der Halle,
Selber ein Marmorbild, auf die kreuzenden Beine gesunken,
Die das räumige Kleid umfing, und der wallende Kaftan
Deckte, mit Zobel umbrämt. Sein finsteres Auge, beschattet
Tief von des Tulbans Bund, hing starr am glänzenden Estrich,
Und er regte sich nicht, voll Grams hinbrütend, ein Schaubild
Wechselnden Erdenglücks und leichtentschwindender Hoheit.
Jetzo vernahm er den Tritt des nahenden Herrschers. Er bebte,
Sank auf die Knie’, und rief, mit tiefergreifender Stimme:
„König des Abendlands, dir wirft sich ein König zu Füßen,
Gleich den Sclaven, die einst vor ihm zum Staube sich bückten!
Ach, ein König nicht mehr: ein Flüchtling zu Land’ und zu Wasser,
Freundlos, reich nur an Gram und an Haß unzähliger Gegner,
Fleht er um Hülfe zu dir — ein Würdiger, so du verzeihest,
Christenbeherrscher, daß er im Gesetz des Propheten geboren ...“
Also der König: da hob, im Innern erschüttert, der Kaiser
Schnell von dem Boden ihn auf. Er drückte, freundlichen Blickes,
Ihm die zitternde Recht’, und entgegnet’ ihm rasch und entschlossen:
„Sey willkommen im Abendland! Den Glauben, o Fremdling,
Wägt ein Höh’rer, denn wir; doch Menschen ist heilig das Unglück:
D’rum verkünde das deinige jetzt mit Muth und Vertrauen!“
Hassan staunte mit Thränen ihn an, und als er, zum Zeichen
Innigen Dankes, den wogenden Bart mit der Linken berührte —
Segnend die Recht’ erhob, begann er mit Muth und Vertrauen:
„Gott, der Alles erschuf, und die Erde mit allen Gestirnen
Lenkt, allmächtigen Winks, gewähre dir Fülle des Segens,
Weil du, o Herr, den Flehenden ehrst, den mitten im Frieden
Hairaddins Meuchelschwert, noch rauchend vom Blute der Fürsten,
Jüngst aus dem Erbe der Väter vertrieb. Er raubte Telmessans,
Algiers Thron: hier Selim Euthemi, den König, erdrosselnd,
Dort erwürgend zugleich Abu-Hamu, den Herrscher, und Masud,
Dem er die Krone verhieß, mit sieben aufblühenden Söhnen.
Soll, Hohn biethend dem Recht, noch Huldigung lohnen dem Frevel?
Wehe, Suleyman,[6] der große genannt von niedrigen Seelen,
Ehrte des Räubers That, und gab mein herrliches Erbland
Ihm zum Lohn’, als schändlicher Treubruch auch in des Bruders
Herzen die giftigen Keime geweckt! Al-Raschid, der Frevler,
Zwillinggeboren mit mir, denn liebend säugt’ uns die Mutter
Selbst an der zärtlichen Brust, dem grauenden Vater zur Wonne,
Eilte nach Istambul,[7] ein Flüchtender, frecher Empörung
Strafe scheuend. Sie ward ihm dort: denn meuchlingsgemordet,
Fröhnt’ er nur Hairaddins List, der schnell Goletta, die Festung,
Dann auch Tunis gewann, im Nahmen des Todten gebiethend,
Welchem das Volk anhing, das immer der Neuerung hold ist.
Schwer entrann ich des Wüthrichs Hand, und beuge mich jetzo
Tief im Staube vor dir, Hispania’s mächtiger König,
Daß mir werde der Väter Thron im Kampfe der Rettung
Tausender, den du beginnst! Dein sey von Tunis die Herrschaft —
Muley Hassan, Mehemeds Sohn, dein treuer Vasall nur.“
Doch mit der Recht’ an der Brust begann dann jener, betheuernd:
„Frei zu kämpfen mein Volk — zu rächen die Schmach und die Freveln,
Die von dem frechen Korsaren es litt an den heimischen Küsten
Und auf dem Meer, das segenspendend die Welten vereine,
Sey mir das heilige Ziel im Waffengefilde vor Tunis.
Dein ist der Ahnen-Thron, und soll dir werden in Freiheit:
Deß’ sey Gott, der allwissend’, ein Zeug’, und ein Rächer des Meineids!“
Also rief er, bewegt, und Hassans finsteres Antlitz
Leuchtete gleich dem Mond, der Wetterwolken entschwebte.
Gastlich sah er sich dann im hohen Palaste beherbergt.
Aber zum heiligen Dom’ hinwandelte jetzt in des Abends
Stille der Kaiser allein, um dort, auf die Kniee gesunken,
Seine Seele mit Muth und Stärke zu rüsten. Er flehte:
„Ewiger, dein allmächtiger Arm hat Israels Scharen
Durch die Tiefen geführt des seitwärtsweichenden Meeres,
Daß sie die Fluthenwand entlang, wie auf grünenden Matten
Wandelten! Schnell, wie ein Sturm herbraust, so stürzte dein Odem
Ueber Pharao’s Macht die Wässer zusammen, daß alle,
Mann, und Wagen, und Roß, wie Blei versanken im Abgrund.
Deinem allmächtigen Hauch’ erbebten Jericho’s Mauern,
Und versanken in Schutt, als Josua’s Volk sie im Sieg’sruf
Seiner Drometen umfing. Ich ziehe zu Felde: gewähre
Mir ein Zeichen der Huld und der beifallwinkenden Allmacht!“
Also bethet’ er leis’. Aus den farbigen Scheiben des Fensters
Flog ein leuchtender Strahl der Abendsonn’ ihm vorüber;
Aber zugleich ein Glanz, dem tausende Sonnen verlöschen,
Flammte mit Donnergetön’ in dem Allerheiligsten nieder,
Und des unendlichen Doms aufthürmende Säulen erbebten.
Leise wogte der Grund. Aus der silbernstrahlenden Orgel
Töneten hehr’ Accorde heran, und Gesänge des Himmels,
Wie kein Sterblicher sie noch vernahm, verhallten im Luftraum.
Aber der Bethende schloß die lichtgeblendeten Augen:
Denn nur ein leises Weh’n, die erblassenden Wangen vorüber,
Fühlt’ er noch, und Schauder der nahen Vernichtung ergriff ihn.
„Ha, welch’ Wunder,“ er rief’s, „da sinkt die sterbliche Hülle,
Die mich im Staub’ umgab, entseelt in lieblichen Schlummer,
Und ich entschweb’ ihr verzückt? Wie, wär’s ein täuschender Traum nur,
Oder ein Nachtgesicht, aus Himmelsdufte gewoben?“
Wie der schwebende Flaum, gerafft vom Hauche des Windes,
Schnell zum Gewölk auffleugt: so hob sein geistiger Leib sich
Leicht von der Erd’ empor, und schwebt’ im sausenden Eilflug
Ueber dem Luftraum schon, den keiner der Erdebewohner,
Lebend, durchschifft’: er mißt’, urplötzlich, Besinnung und Odem.
Jetzt an dem holden Gestirn, das sonst die Nächte des Erdballs,
Wechselnd, mit silbernem Schimmer erhellt, erbrauste sein Aufflug.
Dunkeles Land mit glänzenden Meeren, und Strömen, und Flüssen,
Däucht’ ihn, umgeb’ auch hier den rastloskreisenden Mondball,
Und ihn däucht’: er hörte das Rauschen der brandenden Wogen,
Mächtigbevölkerter Städte Getös’, und, dem Brüllen der Heerden
Rings vermengt, Geschrei der befiederten Lüftebewohner.
Doch er verweilt’, und staunte, daß alle die Länder des Erdballs
Und das umgürtende Meer ihm jetzt ein schimmernder Punkt nur
Schien in des Weltalls Raum, dem Ozean flammender Sonnen,
Sonder Gestad’ — endlos nach oben, nach unten, und ringsum:
Denn, wie in heiterer Nacht, wo jegliches Lüftchen verstummet,
Und im sanftergossenen Licht der silberne See ruht,
Innig bewegt, ein Wanderer bald den schimmernden Aether
Ueber sich schaut, und bald in des See’s hinfluthendem Spiegel,
Tiefhinuntergewölbt, ihn erblickt mit den goldenen Sternen:
Also ersah der Bebende dort die unzähligen Welten,
Schimmernd, und dacht’, ohnmächtig im Aethergefild zu vergehen!
Aber ihm nahete jetzt, voll Hast, der Himmlischen Einer.
Lieblich strahlte sein Aug’ und sandte dem Erdebewohner
Zärtliches Mitleid zu. Holdseliges Lächeln umschwebte
Seinen rosigen Mund; es wehten die goldenen Locken
Ihm um die denkende Stirn’ und die Flammensäule des Nackens,
Und vom glänzenden Leib, in Fülle der ewigen Jugend,
Wallte das Strahlengewand wie morgenröthlicher Schimmer.
Als er den Fremdling sanft erhob, begann er, voll Anmuth:
„Fürchte dich nicht! Unzählbar blüh’n in den Auen des Himmels
Dir die Blumen der ewigen Huld: du pflückst sie mit Andacht,
Und sie duften dir noch, erquickend, im irdischen Leben,
Daß du erringest das Ziel auf gottgefälliger Laufbahn.“
Sagt’ es, und faßt’ ihn, und schwang sich mit ihm, urplötzlichen Fluges,
Eilender stets, im Glanz’ ätherischer Räume herunter.
Nicht das lastende Blei, von der Zinne des Thurmes geschleudert,
Sinket zur Erde so schnell; nicht der Sturm umbrauset des Erdballs
Unermeßliche Reiche so rasch, und des Menschen Gedanken
Dringen nicht also geschwind vom eisigen Nord- zu dem Südpol:
Als der Hocherhobene jetzt, an der Seite des Freundes
Aus ätherischen Höh’n zur heimischen Erde herabsank.
Und, als hätt’ er Jahrhunderte schon in des schnellen Herabflugs
Augenblicken durchlebt, so wähnt’ er: ein irrender Fremdling
Diesseits noch, und gebannt in des Fleisches umschränkende Hülle.
Da, wo in engerer Bahn, an Siciliens Felsengestaden
Und Calabriens Klippen vorbei, sich die salzige Meerfluth
Strömend ergießt: traf jetzt mit sanften, melodischen Tönen,
Brausender Wogen Gebrüll’ und wirbelnder Fluthen Getümmel
Sein aufhorchendes Ohr, und seine erheiterten Augen
Hafteten sehnsuchtsvoll an der dampfenden Kuppe des Aetna:
Denn, nur eben entrückt dem mildbefreundeten Leben,
War ihm die Erde noch stets die liebe, die trauliche Heimath.
Doch auf den schwindligen Höh’n, wo Stille herrscht, und des Wand’rers
Ohren kein Laut erschallt, wenn dort nicht der einsame Gemsaar,
Von dem mittleren Raum, mit kreischender Kehle, sich aufschwingt;
Wo in des Frühwinds frostigem Hauch nur gelbliches Steingras
Rauschet, und gleißt, und am Felsenkamm kein Rasen ergrünet:
Dort erblüheten jetzt rings her die erlesensten Blumen —
Nickten, und trugen die beiden vereint auf den schimmernden Kelchen
Sanft von der Erd’ empor, und verbreiteten Düfte des Himmels.
Doch der Unsterbliche sank auf die Knie’, und sah zu dem Lichtreich
Flehenden Blickes empor, die Stimme des Herrn zu vernehmen.
Und sie erscholl leis’ erst, wie ein Frühlingslüftchen die Blüthen,
Lispelnd bewegt; dann ähnlich dem Sturm, der hoch zu den Wolken
Stäubet die Felder, entwurzelt den Forst, und empöret den Waldstrom,
Daß er mit schwellendem Grimm’ ausbricht in die Fluren und wüstet
Thäler und Hügel umher, zu trauererregendem Anblick;
Wie der furchtbare Donner, der des umnachteten Himmels
Eh’rnes Gewölb, weithin, durchbrüllt, und mit krachenden Schlägen
Dumpf fortrollt, und murrt, daß die Vesten erzittern des Erdballs:
Also, Vernichtung drohend, erscholl’s dem sinkenden Fremdling,
Als der Ewige sprach; doch jener vernahm’s mit Entzücken.
Wie der leis’ Erwachende horcht, wenn nächtliche Lüftchen,
Flisternden Hauchs, die Saiten der Aeolsharfe durchsäuseln,
Und der entzückende Klang in den stillen Räumen dahinstirbt:
Also horchte der Himmlische. Doch nun hob er den Fremdling
Liebend an seine Brust, und drückte die rosigen Lippen
Dann mit erweckender Gluth an seine geschlossenen Wimpern.
Staunend blickt’ er umher: er sah durch Thränen der Wonne,
Fest an den Busen des Holden geschmiegt, die Gefilde des Himmels
Plötzlich enthüllt, und stand verloren in seliger Anschau.
Wie in des eisigen Winters Zeit, wenn düstere Nebel
Lange die Thäler umher, dicht lagernd, verhüllten, der Ostwind
Sausenden Flugs anstürmt, und die lästigen ferne verscheuchet:
Da glänzt herrlicher noch der hochaufwölbende Luftraum,
Und der bereifte Wald erhebt von den starren Gebirgshöh’n,
Schimmernd, das Haupt — hell glühet der Strom im sonnigen Thal fort:
Also zerfloß auch hier, vor den Augen des staunenden Fremdlings
Leise die Wolkennacht, und er sah ... wer wagt’ es zu sagen,
Was er geseh’n, gehört, und gefühlt in den Tiefen des Herzens?
Nur in dem Augenblick, wie er uns auf Erden entschwindet,
Wurden die hohen Gesicht’ ihm enthüllt: im duftigen Goldglanz
Schwanden sogleich vor seinen Blicken die Räume des Himmels.
Aber er stand, und starrte noch immer, erschüttert, vor sich hin,
Wie der Wand’rer im strahlenden Blitz die nächtliche Gegend
Plötzlich erhellet schaut, dann blind hinstarrt in die Sturmnacht.
Und der Unsterbliche rief ihm jetzt ermunternden Blickes:
„Sohn des Staubes, o nie vergiß der Huld des Erbarmers,
Die zu Gefilden dich hob, wohin kein sterbliches Aug’ noch
Drang. Lobsinge dem Herrn, dem einigen Lenker des Weltalls!
Hier auf den dampfenden Höh’n verkünd’ ich dir seine Beschlüsse,
Wie erst zuvor mein Ohr sie vernahm in unsäglicher Wonne.
Er durchschaute dein Herz, das heiß für unzähliger Völker
Wohlfahrt schlägt, und jetzt den Sclaven Errettung bereitet.
Schön ist der Kampf für Recht und des Menschen heilige Freiheit;
Gottgesegnet der Muth, die schmähliche Kette zu brechen,
Die der freche Tyrann, im Wahnsinn höhnenden Stolzes,
Jenen ersann, die Brüder ihm sind, und Erkor’ne des Himmels.
Herrlichen Sieg gewähret dir Gott; erkenne dieß Zeichen
Seiner unendlichen Huld und der beifallwinkenden Allmacht.“
Jener beugte die Stirne zum Staub’; erhob sich, und sah dann
Freudig empor: sein Aug’ erglänzte von Thränen des Dankes.
Jetzt ergriff er die Hand des Himmlischen, starrte verwundert
Noch in die Lüfte hinaus, und sprach mit leiserer Stimme:
„Ringsum sah ich die Luft von Scharen unsterblicher Geister
Wimmeln, und dort die Wege der Sterblichen gierig erforschen.
O, verhehl’ es mir nicht: was sollen die hohen Gestalten,
Die, verdunkelt, nicht dir, nicht mir, dem Fremdlinge, gleichen?“
Und der Unsterbliche rief mit ernstumwölketen Augen:
„Erdebewohner, du wolltest erschau’n des unendlichen Weltalls
Tiefen und Höh’n; dich kühn auf der Stufenleiter der Wesen
Schwingen hinauf und hinab, und erkennen, wie Glied sich auf Glied dort
Reih’ an der Kette, mit dem die allmächtige Rechte des Ew’gen,
Alles, was athmet, und lebt, und was nicht lebet, noch athmet,
Liebend umschlungen hält? Du sänkest zurück’ in den Urstaub
Vor dem Geheimniß des All’s, dem selbst der Cherub erbebte.
Sieh’, in des Himmels Höh’n ist Seligkeit; tief in des Abgrunds
Höllengefilden ist Qual: auf immer dort dem Gerechten
Unaussprechlicher Lohn, hier Strafe verhärteten Frevlern!
Aber inmitten der scheidenden Bahn des Heil’s und Verderbens
Dämmert der Pfad der Läuterung noch: ihn wandeln die Seelen,
Schuldig des leichteren Fehl’s aus Irrthum, oder Verblendung,
Dem auch jene Unglücklichen dort einst fröhnten auf Erden,
Daß sie, gereint, der hohen Erbarmungen würdig erscheinen,
Wenn in des Richters erhobener Hand, an dem letzten Gerichtstag,
Furchtbar die Wag’ ertönt. Sie wandeln den läuternden Weg noch.“
Sagt’ es, und jener begann voll Hast: „Wo weilen die armen?
Ueber der Erd’ umher, nicht ferne der Menschen Gemeinschaft,
Oder fern’ im Verborgenen?“ Doch, die lichte Gestalt rief:
„Als das „Werde!“ erscholl: da brausten die endlichen Wesen
All’, erschaffen aus Nichts, von des Herrn allmächtigem Odem
In den unendlichen Raum geschleudert, mit Donnergetös’ hin!
Aber im kreisenden Flug vereinte sich Sprödes und Weiches,
Erd’ und Gestein, und strebte hinaus, zur äußersten Rundung
Sich zu dehnen. So ward im finstern Schooße des Erdballs
Weitverbreitete Leer’ umwölbt, die nimmer der Sonne
Strahlender Blick erfreut, nie Sterngefunkel und Mondglanz.
Dort verweilt nicht selten die Schar der trauernden Geister,
Deren so manchen du erst in den schimmernden Lüften erblickt hast;
Doch sie nah’n, zuweilen den nächtlichen Räumen entschwebend,
Gerne dem Menschen als Freund’, und suchen ihm Hülf’ und Errettung,
Kraft, und Muth, und, was sie noch sonst an edler Gesinnung
Einst in dem Leben erhob, in die horchende Seele zu hauchen:
Denn sie erkennen schnell der Seelen geheimste Gedanken,
Sterblicher Hüll’ entrückt; sie schauen des irdischen Lebens
Reinern Gehalt, und ihr Herz erglüht in heiliger Sehnsucht
Nach dem erquickenden Segensborn des Guten und Wahren.
Bald in dem Schlachtengemeng’, umschweben sie dich und die Deinen
Hülfreich; aber du kennest das Wort des ewigen Lebens:
Solchem vertraue allein mit nie zu erschütterndem Herzen.“
Sprach’s, und die Stimme des Holden erklang, wie Harfengelispel
Tönt in des Mondes Zauberlicht, wenn alles entzückt horcht;
Doch sie erscholl, wohl hundert vereinten Donnern nicht ungleich,
Welchen die Erd’ erbebt, als, über dem flammenden Abgrund
Schwebend, er jetzt die tieferschütternden Worte hinabrief:
„Geister, herauf! Euch winkt die ersehnete Stunde vor Tunis.“
Und ein lautes Getös’ erscholl in den Tiefen des Erdballs.
Wie, vom stürmenden Wind’ empört, sich Wogen auf Wogen
Stürzen; Geheul und Gebrüll der schrecklichen schallt, und die Küsten
Ringsumher dem wilden Tumult stets lauter erdrönen:
Also erhob, und mehrte sich tief in der Wölbung des Erdballs
Dumpfes Gemurmel zuerst, und sofort unendliches Jauchzen.
Schauernd wogte der Grund; aufrauschten des Meeres Gewässer;
Finsterer quoll der Rauch aus dem Schlunde des Berges; die Flammen
Prasselten hoch in die Luft, und die glühenden Fluthen der Lava
Braus’ten herauf und hinunter, im Flug durchwüthend den Abgrund.
Eilend erhob sich nun der Herrliche, der ihm der Geister
Reich enthüllt’, in die schimmernde Luft, und, leiseverhallend,
Tönten vom Aethergefild noch die lieblichen Worte herunter:
„Senke dich durch den Schlund, durch Qualm und flackernde Flammen
Muthig hinab zur Höhl’ im Schooße des dampfenden Aetna,
Und erringe das Ziel nach der hehren Geistesverzückung.“
Weinend hob nun jener den Blick zu dem seligen Freund’ auf,
Der, umstrahlt vom Glanz unsterblicher Seelengemeinschaft,
Fern’ in den Lüften schwand, und fuhr jetzt, brausenden Fluges,
Nieder im finstern Schlund, durch Qualm und flackernde Flammen,
Bis in dem Zwielicht weit vor seinen Augen der Eingang
Klafft’, und die Höhle sich wies in angsterweckender Anschau!
Furchtbar wölbte die Felsenwand aus schwindligen Höhen
Höher sich auf. Es jagte zuweilen der wirbelnde Zugwind
Tief in den Riesendom die Flammensäule; sie hob sich,
Züngelnd, die Wände hinan, und leuchtete hoch in die Nacht auf;
Doch erflog ihr fernster Schimmer des nächtlichen Dunkels
Hälfte noch kaum, das endlos herrscht’ in des Felsens Umwölbung.
Hier nicht weilet die Ruh’, und athmet nicht liebliche Stille;
Rastlos tobt — aufbraus’t im Sturm, der kochenden Lava
Urstoff: Erz im Gestein, und Schwefel, mit dunkelem Erdharz
Gährend, zur Wolkenhöh’, an des Berges geöffneten Rachen.
Donnernde Ström’ entstürzen rings den Schluchten; sie rauschen
Tief in des Abgrunds Nacht, und wälzen, dem berstenden Kerker
Unten entfloh’n, zum Meeresgestade die finstere Fluth fort.
Ihrem Sturz’ erdrönet die Höhl’, und vom eisigen Abgrund
Fleugt Entsetzen, Frost, und Schauder in Windesgeheul auf.
Dorthin, kommend herab aus dem übersinnlichen Luftraum,
War ihm Muhamed erst, umringt von Scharen der Geister,
Die er entboth, voraus in die schaurige Höhle geflogen.
Ueber der allbelebenden Luft, die rings an dem Erdball,
So an dem Mond’, und den endlos hin entflammten Gestirnen,
Schwimmt umher, erhebt sich der übersinnliche Luftraum
Dräuend in seiner Leer’, und unwohnbar sterblichen Menschen:
Denn, wie, umhüllt vom glockengestalten Glase, der Sperling
Schnell das Leben verhaucht, wenn wißbegierige Forscher
Schonungslos ihm rauben die Luft mit den künstlichen Pumpen
Also würd’ in des Menschen Brust urplötzlich das Leben
Stocken, der in das Uebersinnliche kühn sich erhöbe;
Aber des sterblichen Leibes beraubt, bewohnen die Fürsten,
Mächt’, und Gewalten des ewigen Feind’s, auf Arges gesinnet,
Solches mit Lust: Verworf’ne vom Herrn, die am letzten Gerichtstag
Dann mit dem Tode zugleich, dem letzten der Uebel, vergehen.[8]
Dorther schwang mit Gefolg sich Muhamed, glühenden Blickes,
Jetzo herab. Er saß in der Höhl’, auf dem ragenden Felsblock,
Ueber die Scharen erhöht. Der dunkelröthliche Schimmer,
Welchen der Flammenstrom entsandt’ aus der Ferne des Eingangs,
Schwebt’ in flatterndem Flug’ an seinem blässeren Antlitz.
Feuer sprühte sein Aug’; in silbernkräuselnden Wellen
Floß ihm der Bart in den Busen herab, und die luftigen Glieder
Hüllet’ in Schatten das Unterkleid und der wallende Kaftan.
Jetzt erhob er die Recht’ an des Stirnbunds Zier; mit der Linken
Wühlt’ er die Blätter des Korans auf: sie rauschten, den Stürmen
Aehnlich im Herbst, da ihr Hauch die trauernden Wälder entblättert.
„Hör’ es, mein Volk,“ so rief er, „was dir im nächtlichen Dunkel,
Ferne vom spähenden Blick’ uns feindlichgesinneter Geister,
Meine Zung’ enthüllt, und zeige dich würdig des Herrschers!
Unheil droht von Hesperiens Küsten dem Lande g’en Aufgang —
Dieser erwählten Blum’ im Kranz der Schöpfungen Gottes,
Dieser Perle der Welt, und der Wiege des Menschengeschlechtes.
Jüngst erhascht’ es mein Ohr auf Deutschlands gährenden Gauen,
Die der Neuerung Flamme durchtobt: es sinne der Kaiser
Jenem ein schmähliches Joch, und sich weltherrschende Hoheit.
Seh’t, was mich, den heimlichen Forscher, nur Täuschung bedünkte,
Fügt sich in Wahrheit schon! Er ruft, und rüstet die Völker
Rings zum Kampf, von den schimmernden Höh’n zu Tunis den Halbmond
Niederzuschmettern, und ha, fällt Afrika jetzo, gebändigt,
Seiner Gewalt: dann lechzt er wohl gar nach Asia’s Herrschaft,
Daß er die heiligen Städt’, und dort der gläubigen Pilger
Freudiges Ziel, mein Grab, mit stolzer Ferse zerstampfe?
Aber nicht also gescheh’s! Wir zieh’n, des edelsten Welttheils
Söhn’, ihm entgegen, nicht scheuend den Trotz der Gegner im Luftraum,
Welche zuvor des Erdballs Schooß’ entschwebten, und uns stets
Feindlichgesinnt, ihm bald mit thatenerweckendem Eifer
Beisteh’n: denn auch Hairaddins Brust, des treuen Bekenners
Meiner Lehre, will ich mit Kraft erfüllen und Kühnheit.
Jetzo nach Tunis geeilt, und nie vergesset des Wortes:
„Wer das Eine nur will, fest will, der wird es erringen!“
Sagt’ es, und hob sich empor. Ihm folgten unzählige Geister,
Jauchzend; aber es zischt’ ihr Schrei nur schwach im Gewölb hin.
So, wie in dunkler Gewitternacht der einsame Wand’rer,
Keuchend, die Leucht’ in der Hand mit halbverlöschendem Flämmchen,
Endlich die Höhle betritt im verborgenen Raume der Felswand:
Ihm umschwirren sogleich die Fledermäuse, geblendet,
Rings das Haupt, und er wankt erschrocken zurück nach dem Eingang:
Also bebte vor Angst der leis’aufhorchende Fremdling
Vor den flüchtenden Geistern zurück’, und eilt’, in des Tages
Lichte Gefilde zu schau’n nach schrecklicher Nacht der Verbannung.
Tief zerfleischte sein Herz, voll himmlischer Milde, des Sehers
Haßverkündendes Wort. Er saß, und drückte die Augen
Fest in die Hand, und sieh’, es schwebten aus kommenden Tagen
Dunkler Ahnung Gebild’ ihm vor: das wilde Gebären
Thatenschwangerer Zeit, und zerstörendes End’ im Beginne!
Schatten floh’n, und kamen, und eilten vom wechselnden Schauplatz;
Aber, weit durchströmt von den schimmernden Fluthen der Elbe,
Hüllte sich Mühlbergs Heid’ ihm auf. Er horchte dem Siegsruf;
Sah die ihn höhnten, besiegt, ihm die Knie’ umfassen, und wähnte
Schon die Deutschen vereint nach des Glaubens schrecklichem Zwiespalt:
Wie, und er flieht dann bald im Grau’n der finsteren Sturmnacht,
Wehrlos, alt, und krank, dem nimmergeahneten Undank
Weichend, fort aus Tyrols, der Treue geheiligten Thälern?
Und so bald versah er das Ziel weltherrschender Hoheit?[9]
Aechzend erhob er den Blick: die trüben Gesichte der Zukunft
Schwanden in Nacht; er floh, und kehrt’ in die sterbliche Hülle.